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Schüleraustausch und Interkulturelle Programme mit Schülerinnen und Schülern in Zusammenarbeit mit der DTA

Ein Reisekonzept mit Schülerbegegnung in Istanbul und Studienfahrt durch die Westtürkei

Dargestellt durch einen Kurzbericht über die Studienfahrt 2005 mit Schülerinnen und Schülern der Bismarckschule Hannover in Zusammenarbeit mit der Istanbul Lisesi

In die Türkei...

...reiste eine Gruppe von 19 Schülerinnen und Schülern vor allem aus den zehnten Klassen (10 a und 10 b) in Begleitung von Herrn Voigt und von Herrn Dr. Nettelmann. Herr Büthe wurde als dritte Begleitperson leider kurz vor Abreise krank und verfolgte etwas traurig unsere Fahrt nach İstanbul und zu drei weiteren Zielen in Anatolien.

Nachdem wir nun am Mittwoch, 30. März 2005, wohlbehalten und pünktlich wieder auf dem Flug­hafen Hannover-Langenhagen gelandet sind und außer einigen kleineren jahreszeit- und wet­terbe­dingten Erkältungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur ihre Müdigkeit auszukurieren hatten, möch­ten wir ein erstes Résumé der Türkei-Fahrt wagen und aus unserer Sicht kurz über die Ergeb­nisse be­richten – in der Hoffnung, dass in absehbarer Zeit ein ausführlicherer schriftlicher Be­richt gemein­sam erstellt und publiziert und gegebenenfalls auch auf unserer Web-Site im Internet veröf­fentlicht werden kann.

Wichtiger Punkt des Programms war der Besuch der İstanbul Lisesi, einem hervorragenden türkischen Gymnasiums mit zweisprachigem Unterrichtsangebot in Türkisch und Deutsch, mit dem uns eine lange Partnerschaft verbindet, die mit dem ersten Besuch 1985 begann, aber im letzten Jahrzehnt aus verschiedenen Gründen weitgehend ruhte, wenn man von einigen privaten Kontakten und Besuchen einmal absieht.

Die Schülerinnen und Schüler unserer Reisegruppe wurden in Gastfamilien untergebracht und verlebten in den meisten Fällen freundschaftliche und anregende Tage in dieser Stadt, die von Ale­xander von Humboldt als „die schönste Stadt der Welt“ gerühmt worden war und auch heute, nach explosionsartigem Wachstum denoch nichts von ihrem Reiz und ihrer Faszination verloren hat.

Der Hinflug erfolgte mit Turkish Airlines (THY) in der Nacht vom Freitag, 18. März, zum Samstag und führte uns über Ankara. Die Einreise war etwas zeitraubend und stressig, da in Ankara mitten in der Nacht Abfertigungsfehler begangen worden waren, die im Flughafen İstanbul dann korrigiert werden mussten, wobei die Gastfamilien, die zum Abholen gekommen waren, bis Mittag warten mussten, um ihre Schützlinge nach Hause mitnehmen zu können.

Neben Schulbesuch und Programmen in der Familie sorgten wir auch dafür, dass unsere Gruppe in den Tagen in İstanbul einiges von der Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten erleben konnten – von der Sultan Ahmed Camii bis zum Gedeckten Bazar.

Mit einem gemieteten Midi-Bus fuhren wir dann nach Ankara – das Museum für anatolische Kulturen / Hethiter-Museum und das Atatürk-Mausoleum standen hier auf dem gemeinsamen Pro­gramm –, nach Kappadokien mit einer Übernachtung in Gülşehir und der Besichtigung der faszi­nierenden Vulkan-Tuff-Landschaften, deren kulturhistorische Bedeutung in der Kürze der Zeit gar nicht angemessen gewürdigt werden konnte, und schließlich nach Konya mit zwei Übernachtungen im Otel Tur, wo unsere Gruppen seit zwanzig Jahren in immer gleicher Gastfreundschaft begrüßt worden sind. Konya als altes geistiges Zentrum der islamischen Türkei in der Seldschukenzeit bietet mit der Grabmoschee des Mêvlâna Djelladin Rûmi, des Gründers des „Ordens der tanzenden Der­wische“ und Autor eines der wichtigsten mystischen Schriften, die weit über den Islam hinaus ge­wirkt haben, und den seldschukischen Bauten der Âlaeddin-Moschee und der Medresen des drei­zehnten Jahrhunderts im Stadtzentrum, die unter dem Schutz des Welterbes der UNESCO stehen, mehr als genug Anregungen und erinnernswerte geistige Anstöße.

Am Mittwoch, 30. März, flogen wir dann vormittags nach Hannover zurück, wobei die Mehr­zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wegen des frühen Eincheque-Termins und der schlechten Erreichbarkeit des Flughafens die Nacht in der Flughafenhalle verbrachten.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Fahrt trotz der eigentlich zu kurzen Zeit und dem allzu knapp kalkulierten Budget gerade auch wegen der unermüdlichen Hilfe der Kolleginnen und Kolle­gen der İstanbul Lisesi – denen wird dafür ganz herzlich danken –, aber auch besonders durch die aktive und verantwortungsbereite Mitarbeit unserer Schülerinnen und Schüler ein erlebnisreicher und für die Schule fruchtbarer Erfolg geworden ist. Dass unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Gastgeber in vielen Fällen spontan zu Gegenbesuchen in Hannover eingeladen haben, spricht für den Sinn und Wert gerade auch der persönlichen Begegnungen im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projektschule.

Um nun auf unsere eigenen Einschätzungen zu kommen: Die Reise war, auch wenn im Pro­gramm durch die Kürze der Zeit ebenso wie durch die zu knappe Finanz-Kalkulation einige Abstri­che ge­macht werden mussten, ein Erfolg, der für alle Teilnehmerin­nen und Teilnehmer interessante und erinnernswerte – wenn auch bei den Einzelnen mit unter­schiedlichen Schwerpunkten – Erfah­rungen und auch im Sinne der Schule Bildungsinhalte vermit­teln konnte.

Diese Bildungsinhalte, dazu die Möglichkeit, menschliche Kontakte zu knüpfen und zu vertie­fen, dazu die Wiederbelebung und der Erhalt der seit zwanzig Jahren bestehenden Partnerschaft und Freundschaft mit der İstanbul Lisesi, die uns vielfältige schulisch wertvolle Möglichkeiten bietet, die Türkei als aktuelles Partnerland Deutschlands zu erleben und zu verstehen. Die Ergebnisse er­mutigen dazu hieraus wieder eine zwar sicherlich formal offene, jedoch inhaltlich gewichtige Per­spektive der Partnerschafts-Kontinuität zu entwickeln.

Dass wir, über bestehende Freundschaften vermittelt, auch einige wenige Gäste aus anderen Schu­len mitgenommen haben, ist dabei sicher nicht unbedingt typisch, stört jedoch die Gesamtkon­zep­tion nicht, gerade da auch diese Schülerinnen und Schüler versucht haben, ihre jeweilige (z.B. Sprach-)Kompetenz zum Nutzen der Reisegruppe einzubringen.

Den pädagogischen Zielen, die hinter dieser Fahrt standen, konnten wir sicher in Ansätzen ebenso gerecht werden, wie dem Ziel des Wiederbelebens der Kontakte mit der İstanbul Lisesi.

Dies ist auch das Stichwort, über einige äußere Probleme zu berichten, die ohne die unermüdli­che Hilfe unserer Partnerschule und hier vor allem der Kollegin Aftab Kaval mit Unterstützung des Leiters der Deutschen Abteilung der İstanbul Lisesi, Herrn Schopp, von uns nicht oder nur unter noch größeren Einschränkungen des Angebotes für unsere Schülerinnen und Schüler gelöst werden konnten.

Auch vorherige auf verschiedenen Wegen genutzte Kontakte in die Türkei konnten nicht in dem Maße vorhersehbar machen, dass die Preisentwicklung in der Türkei gerade im unteren Preis­sektor des Dienstleistungsgewerbes, der für uns maßgeblich war, abweichend von der Entwicklung im Hochpreissektor des Tourismus, der im Rahmen der Konzernangebote kontinuierlich billiger ge­worden ist, schneller als erwartet und in für uns nahezu unbezahlbar gewordene Höhen gestiegen ist. Im Hotelbereich haben sich die Preise in den einfachen Hotels im letzten Jahrzehnt um z.T. mehr als das Vierfache erhöht, und auch im Verkehrsgewerbe sind sowohl anzumietende Busse als auch die Linienbusverbindungen deutlich teurer geworden.

Sozial gesehen ist dies durchaus nicht unerfreulich, wenn man an die unvorstellbar schlechten Ein­kommen und Ertragsbedingungen in diesen Sektoren in vergangener Zeit denkt, so dass doch die ökonomische Entwicklung im Sinne einer strukturellen Modernisierung sich etwas den Standards der süd-westeuropäischen Länder angleicht. In Zukunft müssen wir bei unserer Reiseplanung ver­stärkt diese Tendenzen berücksichtigen, was sicherlich auch eine etwas längere Vorbereitungsdauer nach sich ziehen wird.

Für uns bedeutete das zunächst, dass die Option der längeren Rundreise – aber auch aus zeitli­chen Gründen! – nicht zu realisieren war und wir uns mit einer kürzeren Rundfahrt mit den Zielen An­kara, Kappadokien und Konya, über die wir weiter oben schon kurz berichtet hatten, begnügen mussten. Das erste Angebot für eine Busanmietung bei der Firma, bei der wir in der Vergangenheit unsere Kleinbusse mieten konnten, war so hoch, dass es den kalkulierten Preis um das Doppelte überstieg. Mit Hilfe der Schule und durch geschicktes telefonisches Verhandeln durch Aftab, konnte ein anderes Unternehmen gefunden werden, das in seinem Angebot für einen siebenund­zwanzigsitzigen Bus mit Fahrer und ohne zusätzliche Berechnung des Treibstoffes gerade noch im Rahmen des Möglichen blieb. Mit der Übernahme der Übernachtungs- und Verpflegungs­kosten für den Fahrer mussten wir dabei ca. 1000 € zahlen.

Die Hotels, die wir auf Grund eigener früherer Erfahrungen von İstanbul aus buchten, entspra­chen dem oben genannten Preistrend. Aftab gelang es jedoch, deutliche Gruppenrabatte auszuhan­deln, da die Saison noch nicht begonnen hatte und gegenüber einer Schülergruppe zusätzlich die Bereit­schaft zu einem ermäßigten Preis bestand. Durch die landesübliche Zahlung in Euro konnte in eini­gen Fällen noch eine abschließende Abrundung des Gesamtpreises erreicht werden. Dafür musste aber auch gesagt werden, dass die Hotels in ihrem Service und ihrem immer noch angeneh­men Komfort – bis auf das Fehlen der Heizung in den Zimmern des eigentlich nur als Saison-Un­terkunft gedachten Hotels Kepes in Gülşehir gerade bei einer kalten kappadokischen Nacht mit Frosttemperaturen – eine gute und angemessene Gegenleistung für ihren Preis brachten, mit dem wir zufrieden sein konnten.

Auch nicht alle Eintritte konnten noch gemeinsam bezahlt werden. Die Pflichtbesuche des Pro­gramms, z.B. das Hethiter-Museum in Ankara und das Mêvlâna-Museum in Konya, wurden von uns zentral bezahlt – auch hier wieder danken wir für die sprachliche Hilfe durch einige unserer Mitreisenden, die damit die jeweils günstigste Preisstufe ausgehandelt haben – und haben die jetzt doch deutlich werdende, wenn auch sicher noch erträgliche Überziehung des Reise-Budgets noch etwas weiter erhöht.

Da wir landesüblich fast alles ohne Quittungen und wechselnd in Euro oder neuen türkischen Lira bezahlt haben, ist eine centgenaue Abrechnung sicherlich nicht möglich, belegen können wir sie ohnehin nicht und sind auf das Vertrauen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ihrer Eltern an­gewiesen (das wir andererseits auch immer unserer Reisegruppe gegenüber angewendet haben).

Was haben wir also auf unserer Türkei-Reise besucht und gesehen? Zusammen mit unserer Reisegruppe haben wir folgende Orte als für uns besonders interessant und erinnernswert zusam­mengestellt – auch wenn dies etwas den Charakter eines kleinen „Reiseführers“ annehmen könnte:

İstanbul ist seit zwei Jahrtausenden eine der großen Metropolen der Welt, als Byzanz und Konstantinopel Hauptstadt Ostroms und Zen­trum des griechisch-orthodoxen Christen­tums, als Istanbul seit 1553 Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Alle Epochen haben ihre baulichen Spuren neid dieser Stadt, die heute mehr als 12 Mil­li­onen Einwohner zählt, hinterlassen. Bauwerke wie die Hagia So­phia aus dem 5. Jahrhundert u.Z., der Sultanspa­last Topkapı Sa­ray, die großen Moscheen Sultan Ahmed Camii und Süleymaniye Camii, aber auch der Große Bazar gehören zu den weltbe­rühmten Denkmälern und touristischen Sehenswürdigkeiten, die alleine schon eine Reise lohnen. Bei unserer Reise haben wir viele der Besichtigungen auf freiwilliger Basis angeboten, da einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Stadt als türkischstämmige Schülerinnen und Schüler schon kannten und zudem die Interessen doch sehr unterschiedlich waren. Vieles wurde mit den Gastge­berfamilien unternommen. Vielleicht werden hier im Abschlussbericht noch amüsante Episoden zu berichten sein. Eine große Gruppe hat sich im Taksim-Viertel szenetypischen Freizeitangeboten zu­gewandt – nicht immer ohne mahnende Worte der Gastgeber.

Wohl alle waren in der „Blauen Moschee“, der Sultan Ahmed Camii, die zum „Pflichtpro­gramm“ für Touristen gehört. Bei meinem Besuch zusammen mit dem Kollegen Nettelmann traf uns ein nicht-lizensierter „Reiseführer“, der dann doch überrascht war, dass ich über istanbuler Ge­schichte oft mehr wusste als er selbst. So kommen wir zu einer eher persönlichen Bemerkung. Nach rund 35 Jahren regelmäßiger Besuche in dieser Stadt entsteht doch so etwas wie ein „Heimatgefühl“ – was sich unter anderem darin ausdrückt, dass ich (für einen Geographen unüblich) heute immer nur ohne Stadtplan unterwegs bin.

Die interessierteren unserer Schülerinnen und Schüler besuchten in kleineren Gruppen dann auch die Hagia So­phia, den Topkapı Sa­ray und den Dolmabahçe Sarayı.

Doch auch das moderne İstanbul, heute das wichtigste industrielle und gewerbliche Zentrum der Türkei, ist ein beeindruckendes urbanes Erlebnis. Gerade bei der Fahrt mit dem Bus in Richtung Ankara über İzmit und Bolu zeigte uns die fast unübersehbare Ausdehnung dieser städtischen und ökonomischen Mega-Agglomeration. Aber hier ist nicht der Ort für geographische und soziologi­sche Exkurse, für die İstanbul ein überaus spannendes Objekt sein kann.

Die in der Altstadt nahe dem Großen Bazar in einem palast­ähn­li­chen alten Gebäude gelegene İstanbul Lisesi, seit 1985 die tür­ki­sche Partnerschule der Bis­marck­schule Hannover, ist eines der an­ge­sehensten Gymnasien der Türkei. Als bilinguale Schule wer­den vor allem die mathema­tisch-naturwissenschaftlichen Fächer in deut­scher Sprache un­ter­rich­tet. Die Istan­bul Lisesi ist seit einiger Zeit eben­falls eine UNESCO-Projekt-Schule und pflegt intensiv Part­ner­schafts- und Aus­tausch­pro­gramme mit einer großen Zahl deutsch­sprachiger Schulen.

Nach Ankara kamen wir zweimal – nicht ganz beabsichtigt. Wegen des ungünstigen Reise­termins zu Beginn der Osterferien und am Ende der CeBIT-Messe in Hannover waren Flugplätze direkt nach İstanbul nicht mehr zu buchen. Als Ausweg bot sich der Umweg über Ankara an. Von dem Problem mit der Abfertigung, die wir auf dem Flughafen Ankara unbeabsichtigt versäumt hat­ten, haben wir schon kurz Notiz genommen. Dies war ärgerlich und zeitraubend. So kamen wir Tage darauf ohne weitere Probleme mit dem Bus in die Hauptstadt. Der kurze Aufenthalt mit einer Übernachtung im Otel Hittit im Altstadtviertel Ulus unmittelbar unterhalb der Kale, der alten Be­festigungsanlage, bot uns dennoch einen ersten Eindruck von der Spannweite Ankaras von den He­thitern im Museum für anatolische Kulturen bis zur Moderne der Türkischen Republik im Mauso­leum des Staatsgründers Kemal Atatürk.

Ankara wurde mit der Gründung der Türkischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg durch ihren ersten Staats­präsidenten Kemal Atatürk zur Haupt­stadt erhoben. Durch die zentrale Lage in Ana­to­lien präsentiert sich die Türki­sche Republik als moderner Staat und als Brücke wischen Ost und West. Die heute auf mehr als 8 Mil­lio­nen Einwoh­ner angewachsene Stadt ist vor allem ein mo­der­nes Ver­­waltungszentrum mit großzügigen Straßenzügen und in­ter­na­tio­na­len Geschäftsvierteln. Doch ist Ankara auch eine sehr alte Sied­lung, die bis auf die altorientalische Hethiterzeit zurück­geht. Bau­li­che Überreste von Angora bzw. Ankyra finden sich aus hel­le­ni­sti­scher und römischer Zeit, z.B. der Tempel des Augustus und der Roma, und vor allem im Burgbezirk (Kale) aus der Zeit des Osma­ni­schen Reiches. Sehenswert ist das Mausoleum des Staats­grün­ders Atatürk, das auf einem begrünten Hügel über der Stadt liegt und als nationales Ehrenmal dient.

Sehr bald am nächsten Tag ging die Fahrt dann weiter nach Kappadokien mit einer Über­nachtung im Kepes Otel in Gülşehir, das als moderne, großzügige Anlage auf dem Hügel über der Stadt gelegen ist und damit fast den Charakter einer Burg einnimmt. Kappadokien ist eine der na­tur- und kulturgeographisch reiz­voll­sten, ja spektakulärsten Land­schaften der Türkei und wohl ein­ma­lig auf der Welt. Zehn­tausende vulkanische Tuffkegel, im Ter­tiär durch Aus­brü­che der Vulkane Erciyes Dağı im Osten bei Kayseri und Hassan Dağ im Westen bei Aksaray und Nevşehir ent­stan­den, schaf­fen eine tief zer­furchte fast unwirklich er­scheinende Land­schaft, in deren Tälern Obst-, Gemüse- und Weinanbau zu fin­den sind. Bis heute graben die Menschen der Dörfer Kappado­kiens Wohnhöhlen in den wei­chen Tuff. Die ältesten Höhlen­sied­lungen stammen aus der Bronzezeit (Zelve). Berühmt sind vor al­lem die schmuckvoll ausgemalten frühchristli­chen Höhlenkirchen und -klöster bei Göreme. Die Rundfahrt war leider nur sehr kurz – über die Gründe haben wir schon be­richtet – und endete wie jedes Mal mit dem Wunsch, doch länger zu bleiben oder zumindest bald wieder zu kommen!

Die Weiterfahrt erfolgte durch das tafelglatte Steppenbecken zwischen Ankara, Kappadokien und Konya, in dessen Mitte der große Salzsee Tuz Gölü liegt. Die Ost-West-Straße, der wir hier folgen, gehört zu den uralten Heerstraßen, die schon Assyrern, Hethitern und anderen altorientali­schen Völkern und Heeren ebenso gedient hatten wie später Alexander dem Großen und den impe­rialen Römern. In der Zeit der Seldjuken gehörte das Gebiet zwar formal noch zu Byzanz, wurde aber von den muslimischen Seldjuken-Sultanen beherrscht, die hier ein Netz von gesicherten Han­dels-, Pilger- und Heerstraßen durch ganz Anatolien bis hin in den Iran anlegten, die mit regelmäßi­gen befestigten Karawansereien, den Sultanhanı, den Reisenden nächtlich Schutz und Unterkunft boten. Wie bei nahezu allen unseren Reisen durch Anatolien besuchten wir das eindrucksvoll re­staurierte Sultanhanı Aksaray, eines der größten Bauten dieser Zeit. Über meine Erlebnisse vor über dreißig Jahre in diesem Ort habe ich an anderer Stelle berichtet[1].

Zentrum der seldjukischen Kunst und Macht im 12. und 13. Jahrhundert u.Z. war Konya. In dieser Zeit gründete der Philosoph und Dichter Djelladin Rûmî hier den islamisch-mystischen Or­den der „Tanzenden Derwische“, die einen spiritu­ellen und dabei weltoffenen und liberalen Islam verbrei­teten. Dieser „verehrte Leh­rer“, Mêvlâna, wurde am Ort seines Wir­kens begraben. Die „Tekke“ des Mêvlâna mit ihrem grünen Zeltdach wurde zum Wahrzeichen Konyas. Sie ist heute nicht nur Museum sondern weiterhin Pil­gerstätte für viele Muslime und auch Mystiker aus anderen Kulturkreisen. Neben dem Mêvlâna, wie heute auch das Gebäude selbst genannt wird, finden wir in Konya wichtige Bauwerke aus der Seldjuken-Zeit – die Âlâeddin Camii, die Ince Menare und die Karatay Medrese –, die zum UNESCO-Welterbe der Kultur zählen. Seit dieser Zeit ist Konya ein geistiges, islamisches Zent­rum der Türkei und gilt daher als eher kon­serva­tive Stadt. Hier wurde schon vor Jahr­zehnten die erste islamisti­sche Stadtregie­rung gewählt, was auch als Protest gegen die Übermacht Ankaras und Istan­buls zu werten ist. Bemerkenswert ist aber, dass Konya mit seinen ca. 500.000 Einwohnern heute eine der modernsten und städtebau­lich gepflegtesten türkischen Städte ist. Elendsviertel (Gecekon­dus) wie in den Metropolen gibt es hier nicht; die Stadt ist heute eher wohlhabend. Im letzten Jahr­zehnt wurde ein umfangreiches kommunal­politisches Erneue­rungspro­gramm mit dem Bau einer Stadtbahn, der Errichtung einer ökologi­schen Kläranlage, der Erneuerung der Trinkwasserversor­gung und mit einem umfangreichen Programm zur Nutzung der Solarenergie in den Wohnhäusern zur Warmwasser- und Stromerzeugung durch­geführt. Dabei spielten gute Kontakte zu deutschen Hoch­schulen und Firmen eine große Rolle. Konya kann für uns willkommener Anlass sein, sich neue Gedanken über die Möglichkeiten der Modernisierung in einem „Schwellenland“ wie der Türkei vor dem Hintergrund seiner traditionellen Kultur zu ma­chen. In wichtigen Aufsätzen können die Modernisierungsprozesse in der Türkei als Beispiel für das historisch-soziologische Modell des nation building in den Regionen der „Semiperipherien“ dienen.[2]

Unsere Gruppe war wieder im Otel Tur untergebracht, deren Besitzer Mustafa und Kadir Ak­seki ich jetzt seit zwei Jahrzehnten kenne. Das Hotel ist klein und hat mit vierundzwanzig Betten in Zwei- bis Vierbettzimmern gerade so viel Platz, unsere Gruppe unterzubringen. Die Lage ist ideal in einer kleinen Seitenstraße direkt mit Blick auf das Mêvlâna. Der Umgang ist familiär-freundlich und, da ich zu den ersten Gästen nach der Eröffnung gehörte, fast familiär. Ich werde es wohl nicht versäumen, im Rahmen von Türkei-Reisen Konya und das Otel Tur zu besuchen…

Doch sollte unser erster Reisebericht hier enden, um für spätere Gelegenheiten eines umfang­reicheren gemeinsamen Berichtes noch Raum für die vielen großen und kleinen Erlebnisse zu las­sen und insbesondere auch die Erlebnisperspektiven der Schülerinnen und Schüler zu Wort kom­men zu lassen.

Wir können jetzt nur hoffen, dass auch die Einladungen zu Gegenbesuchen aus İstanbul in Hannover erfolgreich organisiert werden können und dass der weitere Kontakt zu unserer Partner­schule nach dieser so erfolgreichen Reise nicht wieder einschläft, sondern weiter mit Leben gefüllt werden kann. Auch hoffe ich, dass sich in den nächsten Jahren auch für mich persönlich wieder eine Gelegenheit ergibt, mit einer interessierten Gruppe die Türkei zu besuchen.

Gerhard Voigt


 

[2]       Voigt, Gerhard, 1995: Südostanatolien als internationaler Konfliktherd – Ursachen und Perspekti­ven.  politik unterricht aktuell, Mitteilungen aus dem Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. Heft 1/1995: 14-27. – Voigt, Gerhard, 1996: Probleme der Nationalstaatsbildung und Modernisierung an der Peripherie Europas. Gesellschaftlich-historische Anmerkungen zur Türkei.  politik unterricht aktuell, Mit­tei­lungen aus dem Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. Heft 1-2/1996: 39-62. – van Gent, Amelia, 1998: Die anatolischen Löwen von Konya: Das »grüne Kapital«.  Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 30. Mai 1998
<http://www.nzz.ch/online/02_dossiers/islamismus/islam_vangent.htm>

 

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Entwurfsphase 1998-2000 / Publikation: 20.12.2005 / Revision: 01.03.2010