| |
Begriffliche Grundlagen
Tomasz Markiewicz beginnt sein Referat über „Die
politische Kultur der Polen nach der Wende 1989“ mit dem von ihm zitierten
Definitionsversuch der Politischen Kultur von G. A. Almond (1956):
(›Politische Kultur‹ ist) „die Gesamtheit der
individuellen Einstellungen und Orientierungen der Teilnehmer des jeweiligen
Systems. Es ist eine subjektive Sphäre, die den politischen Handlungen
zugrunde liegt und diesen eine Bedeutung verleiht.“
Markiewicz bezieht
sich damit auf die maßgeblichen amerikanischen Autoren
Almond (z.B. 1956, 1983) und Verba
(z.B. 1965) die für sich und auch gemeinsam (1963) oder zusammen mit
anderen Autoren (z.B. Verba / Nie, 1972,
Almond / Powell, 1956, Peye / Verba,
Hrsg., 1965) den Begriff der ›Politische Kultur‹ in die amerikanische
Politikwissenschaft eingeführt haben, als
›Political Culture‹ und auch als ›Civic
Culture‹, was die heute aktuellen Diskurse über die ›Zivilgesellschaft‹ vorwegnimmt
(vgl. dazu aktuell Claußen, 2001a).
Der Verständniskontext und die Rezeption der
sozialwissenschaftlichen Kategorie ›Politische Kultur‹ ist jedoch
vielschichtiger und widersprüchlicher, als es die paradigmatische
Definition Almonds vermuten lässt.
›Politische Kultur‹, die begriffsgeschichtlich
eingebunden ist in den Diskurs über die Kultur, bzw. im
angelsächsischen Bereich ›culture‹, impliziert daher auch in der
zugewiesenen Semantik die Bedeutungsunterschiede des Kulturbegriffs im
deutschen und im angelsächsischen Sprachraum.
In der Bundesrepublik Deutschland ist zunächst die
Trennung der Begriffe Kultur und Politische Kultur nicht
scharf. In Tagungen und Sammelbänden wird Politische Kultur als
›Hochkultur‹ mit politischen Inhalten wie z.B. politischen und
zeitgeschichtlichen Theaterstücken, Filmen, bildnerischen Werken oder als
Kultur-Politik – d.h. staatliche Initiierung, Förderung und
Finanzierung von Kultur-Einrichtungen – verstanden. Eine der polnischen
Situation durchaus angemessene Zwischenposition nimmt der schon zitierte
Beitrag von Tomasz Markiewicz in diesem Band ein, der seiner
theoretisch allgemein gehaltenen Fundierung eine Fokussierung auf
institutionelle Aspekte der Politischen Kultur im zeitgenössischen Polen
folgen lässt, dadurch aber eine traditionelle Banalisierung des Begriffs
vermeiden kann.
Auch wenn im Begriff der politischen ›Hochkultur‹
Interdependenzen aufgezeigt werden können mit dem, was Verba mit
seinem Konzept der political culture meint, liegt der inhaltliche
Schwerpunkt doch deutlich anders. Sowohl was den Kulturbegriff selbst
angeht, als auch den uneindeutigen Begriff des ›Politischen‹,
weicht dieser Ansatz deutlich von der political culture der
Sozialwissenschaften ab und ist für diese in der gegebenen Form kaum
analytisch einsetzbar.
Auch die empirische Exemplifikation im Referat von
Tomasz Markiewicz konzentriert sich, wie schon angedeutet, auf die
äußeren Indikatoren der polnischen Gesellschaft, wie politisches
Engagement oder Teilnahme an gesellschaftlichen Gruppierungen
und Institutionen, die einem traditionellen Politikbegriff
zuzuordnen sind. Mehr aber ist in den sich schnell wandelnden und in ihrem
Selbstverständnis derzeit sehr unsicheren und fragmentierten
Transformationsgesellschaften ebenso wenig konkretisierbar wie in
vergleichbaren Gesellschaften der Semiperipherien, wie z.B. der Türkei,
wo die sozialwissenschaftliche Literatur im konkreten Nachweis der Formen
der Politischen Kultur meist an der Oberfläche bleiben muss. Das Problem ist
exemplarisch und kritisch angesprochen worden in der Untersuchung von
Nettelmann 1997 über „Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81“.
Ein weiterer Aspekt der Irritation und begrifflichen
›Ver-Uneindeulichung‹ lässt sich schon bei Verba selbst in seinen
Ausführungen zur Politischen Kultur in Osteuropa z.B. in „The Remaking of
Political Culture“ (1965) festhalten, in denen sehr deutlich wertende
Gesichtspunkte einer „besseren“ oder „weniger entwickelten“
Politischen Kultur im Sinne eines amerikanischen Demokratiepostulates
durchscheinen, die den sozialwissenschaftlichen Wert seiner Ausführungen
tendenziell tangieren. Dies entspricht einer allgemeinen Tendenz der
amerikanischen Sozialwissenschaften, die sich immer wieder als moralische
Instanz verstehen, eine Funktion, die ihnen als auf die praktische Politik
und Politikberatung Bildungsinstitution zuwächst.
Damit weicht sie sehr deutlich von den europäischen
Traditionen ab, die auf kritische Distanz, ›Kritische Theorie‹ und
philosophische Durchdringung jenseits sozialwissenschaftlichen Pragmatismus
anheben. Dieser Tradition versucht sich auch eine moderne Sozialwissenschaft
in Polen anzunähern, wenn auch belastet durch Jahrzehnte staatlich
verordneter Isolierung, die nur durch private Initiative, die in Polen eine
große Rolle spielt, überwunden werden konnte.
Die Verquickung analytischer und normativer Kategorien
im Begriff der ›political culture‹ wäre noch tolerierbar, wenn
explizit nach einem Sinnpostulat einer ›Politischen Kultur‹
gefragt wäre. Die ›Politische Kultur‹ würde dann gemessen an ihrer
gesellschaftlichen Funktion oder auch an ihrer Stellung zu den
geforderten weltgesellschaftlichen Zielen „Demokratie, Gerechtigkeit
und Menschenrechten“, deren grundsätzlicher Mangel an interkultureller
Konsensfähigkeit aber ausdrücklich zu problematisieren ist. Die eher
unbedarfte ethische Kategorisierung, dass die Politische Kultur, die den
USA genehm ist, eine ,gute Politische Kultur‘ wäre, ist auch dann
sozialwissenschaftlich nicht hinnehmbar, wenn sie bei amerikanischen
Autoren oft aufscheint.
Das Tagungsthema »Polnische Nationalkultur« legt
es nahe, den Kontext von ›Kultur‹ und ›Nation‹ zu thematisieren und bei den
erkennbaren und auffälligen Charakteristiken einer konkreten ›Politische
Kultur‹ anzusetzen. Dabei stellt sich die Frage, ob das erkannte
›Typische‹ einer (politischen) Kultur auch distinktiv ist, das
heißt: ob diese Charakteristik in der Lage ist, durch ihre Gültigkeit eine
›Nationalkultur‹ zu begrenzen und von anderen zu unterscheiden.
Aus kulturwissenschaftlicher Sicht hat dies Klaus P. Hansen (1995:
143-152) als Standardisierungen der Realitätsdefinitionen in den –
historisch durch übergeordnete Homogenisierungsprozesse entstandenen – ›Sonderkollektiven
Volk und Nation‹ beschrieben.
In einem knappen Résumé sollten die Charakteristiken
des ›Kulturbegriffs‹, wiedergegeben werden, wie er von Hansen
entwickelt wird, da sie die Grundlage eines brauchbaren Konzeptes auch im
Sinne der ›Politischen Kultur‹ sind, sich der Frage nach einer ›polnischen
Nationalkultur‹ zu nähern:
-
Träger der Kultur sind die einzelnen Menschen;
die Vielzahl von Erfahrungen, Herkünften und Biographien bewirkt eine
potenziell unendlich große Zahl kultureller Ausformungen und
Kulturverständnisse.
-
Die sozialwissenschaftliche Grundeinsicht – ohne die
die Gesellschaftswissenschaften undenkbar wären –, dass individuelle
Erfahrungen und Biographien in gesellschaftliche Strukturen
eingebettet sind, von diesen präformiert und standardisiert werden und
daher als regelhaft beschrieben werden können, führt zu der Erkenntnis,
dass auch die Kulturverständnisse und Realitätssichten der Menschen
gruppen- und gesellschaftsabhängig bestimmten regelhaften Mustern,
Verteilungen und Ausformungen zuzuordnen sind.
-
So entstehen inhaltliche Ausprägungen eines
›kollektiven Gedächtnisses‹, das sich in typischen Inhalten und
Verhaltensdispositionen niederschlägt, die im Sozialisationsprozess
intergenerationell tradiert und individuell als Enkulturationsprozesse
beschrieben werden können; vermittelt werden in diesem Prozess
standardisierte Kommunikationsstrukturen und die sprachliche Codierung
gemeinsamer Symbol- und Sinnverständnisse.
-
Menschen sind durch ihre ›Politische Kultur‹ in
diesem Sinne aber nicht determiniert; doch bietet ihre Einbindung in
eine konkrete ›Politische Kultur‹ im Zusammenhang mit der jeweils
konkreten gesellschaftlichen Situation bevorzugte und erprobte
Optionen des Verhaltens, der Realitätsverständnisse und der – auch
wertenden – Situationsdefinitionen, während andere Optionen, die
außerhalb der Bezugsgruppe durchaus erprobt und verfügbar sein mögen, eher
selten aufgegriffen oder aber explizit als falsch oder feindlich
abgelehnt werden.
Fasst man diese Einsichten zusammen, erscheint es
durchaus sinnvoll zu sein, von
›Nationalkulturen‹ zu sprechen, was sich dann bezieht auf
die gesellschaftliche Situation von Verhaltensnormen, Realitätsdefinitionen
und Wertdiskursen, die als Ergebnis und Umsetzung gesellschaftlicher
historischer Erfahrungen anzusprechen sind.
Das Grundproblem liegt bei dieser Aussage in dem noch
nicht hinterfragten Begriff der ›Nation‹. Die modernen
Sozialwissenschaften, z.B. in der Tradition von Norbert Elias und
Immanuel Wallerstein, wissen, dass die ›Nation‹ ein neuzeitlicher, in
Europa historisch durchgesetzter Artefakt ist, der auf einem Prozess des
›nation building‹ beruht und mit der Herausbildung der modernen
›Staatsgesellschaft‹ parallel läuft. Hier soll der Hinweis auf die
ausführlichen Erörterungen dieses Themas in Voigt, 2001,
Nettelmann et al., 2001, genügen.
Die These von der ›Nationalkultur‹ muss daher
relativiert und historisch-kontextuell eingebunden werden:
Gesellschaftliche Gruppen, vor allem wenn sie die Stabilität von
›Überlebenseinheiten‹ (vgl. Elias oder Waldhoff)
gewonnen haben, entwickeln typische Ausprägungen und Spezifikationen einer
›Politischen Kultur‹, die Gedächtnis und Resonanz der kollektiven Erfahrung
ist und die Erinnerung daran selbst überdauern kann: ›Politische Kultur‹
ist in diesem Sinne ›kollektive Erinnerung‹ durch ihr immanentes,
tradiertes Wert-, Zeichen- und Symbolinventar.
Interessant wird dieser Ansatz, wenn er auf konkrete
historische und regionale Situationen exemplarisch angewandt wird, wie z.B.
im Rahmen des Tagungsthemas auf die ›Politische Kultur‹ Polens oder die
›polnische Nationalkultur‹. Dabei ergeben sich sofort neue Frage-Ebenen,
die dann noch anzusprechen und zu erörtern sind: Wie ist das Verhältnis von
›Politischer Kultur‹ und Herrschaft, eine Frage, die in beiden
Richtungen erörtert werden muss: einmal die hindernden oder
vorzugsweise fördernden Dispositionen in der ›Politischen Kultur‹ für die
Durchsetzung und Festigung von Herrschaft, also den ›Machtprozess‹, auf
der anderen Seite die immanente und explizite Einwirkung von
Herrschaftsverhältnissen auf die kollektive Erfahrung von sozialen Gruppen
und damit die Entwicklung ihrer ›Politischen Kultur‹. Hier ist das
polnische Beispiel von besonderer Bedeutung, wenn die besondere
›Staatsferne‹ in der ›Politischen Kultur‹ Polens, die oft als
›Alltags-Anarchismus‹ beschrieben worden ist,
in Beziehung gesetzt wird mit der historischer Erfahrung Polens mit
Macht-Oktroy und politischen Okkupationen in der Zeit der Polnischen
Teilungen, der Nazi-Okkupation und der gesellschaftlichen Deformierungen in
der Zeit des Stalinismus. Elemente dieser historischen Erfahrungen wurden
in der Tagung zur „Polnischen Nationalkultur“ vielfach thematisiert und
schlagen sich daher immer wieder in den Aufsätzen des vorliegenden Bandes
nieder.
Wladisław Markiewicz (1979) versucht in seinem Aufsatz
„Der Begriff ‚Politische Kultur‘ in der polnischen Politikwissenschaft“,
in einer noch marxistisch geprägten Politikwissenschaft in Polen das
amerikanische Paradigma der Politischen Kultur konstruktiv zu implantieren,
indem er – auch im Sinne der amerikanischen Vorbilder – Politische Kultur
auf Wertestrukturen und letztlich auf den gestalteten Prozess der
Wertevermittlung in der Politischen Bildung bezieht. Dieser Ansatz soll in
einem längeren Zitat dokumentiert werden:
„Die politische Kultur ist im Verständnis dieser
Autoren ein Komplex von Einstellungen, Glaubensüberzeugungen und Gefühlen,
die Ordnung und Sinn in den politischen Prozess bringen und grundlegende,
das menschliche Verhalten im Bereich des politischen Systems leitende
Voraussetzungen und Prinzipien enthalten. Die politische Kultur umfasst
gleichzeitig politische Ideale und operative Grundsätze der praktischen
Politik, so dass in ihr psychologische und subjektive Bereiche der Politik
vereinigt werden. Sie ist ein Produkt sowohl der Geschichte des
politischen Systems als auch der Lebensgeschichte seiner einzelnen
Mitglieder. Sie wurzelt demnach ebenso in den politischen Ereignissen wie in
den persönlichen Erfahrungen einzelner Menschen. „Kurz gesagt“ – behauptet
Pye –, „stellt die politische Kultur für das politische System dasselbe dar,
was die Kultur für das gesellschaftliche System darstellt.“
Die marxistische Deutung der
politischen Kultur als eines Bestandteils der gesellschaftlichen
Entwicklung unterscheidet sich grundsätzlich von der bürgerlichen
Auslegung, insbesondere der Auslegung der Behavioristen und der Anhänger
der so genannten Systemanalyse, indem sie den Klassenfaktor als
Hauptdeterminante der politischen Einstellungen und Verhaltensweisen
heraushebt.
Meinerseits verstehe ich als politische
Kultur der Gesellschaft die historisch gestalteten Elemente der global
begriffenen Kultur, die durch eine gegebene Gesamtheit von Menschen
anerkannte und begehrte Werte betreffen und sich vor allem – obwohl nicht
ausschließlich – auf das System der Staatsmacht beziehen. Dazu gehören
demnach auch Kriterien, nach welchen die Gesellschaft sowohl im Bereich der
Innen- als auch der Außenpolitik – die staatliche Politik zu beurteilen
und sich mit den Richtungen der Regierungstätigkeit zu solidarisieren oder
sich ihnen zu widersetzen pflegt.
Als Zeichen der politischen Kultur und
des Grades, in dem sich einzelne, das Volk oder die eine Staatsgemeinschaft
bildenden Klassen und Schichten einer Gesellschaft die politische Kultur
angeeignet haben, ist zum einen die der Politik in der Wertehierarchie einer
Gemeinschaft zugewiesene Stelle zu betrachten. Zum anderen zeigt sich die
politische Kultur im Verhältnis dieser Gemeinschaft zu den verschiedenen
öffentlichen Institutionen und Formen der politischen Tätigkeit, wie es in
bestimmten Einstellungen und im Verhalten zum Ausdruck kommt. Einen
gewissermaßen kondensierten Ausdruck findet dieses Verhältnis in der
freiwilligen, obwohl verschieden begründeten Teilnahme an der Arbeit der
Parteien und anderer politischer Organisationen.
Die so verstandene politische Kultur
enthält zahlreiche Komponenten, zu denen – als die wichtigsten – gezählt
werden können:
-
das historische Bewusstsein.
-
die politischen Einstellungen und das
politische Verhalten,
-
die politische Führung,
-
die politischen Spielregeln,
-
die Grundlagen der politischen
Pädagogik.“ (Markiewicz 1979: 176-177.)
Politische Kultur und
Herrschaft
„The Strongest Poison ever known
Came from Cesar’s Laurel Crown“
William Blake, Auguries of Innocence
Das sensible Gleichgewicht zwischen Repräsentation der Inhalte einer
›Politischen Kultur‹, den individuellen und
kollektiven Schicksalen und der
veränderlichen realen gesellschaftlichen Situation lässt
relativierend folgende Charakteristiken der ›Politischen Kultur‹ wie auch
der Kultur einer Gruppe insgesamt
hervortreten. ›Politische Kultur‹ ist in diesem Kontext:
-
in ihrer Repräsentation und Ausprägung ambivalent,
-
situativ gebunden,
-
in hohem Maße selbstreferentiell und
-
ausformungs- und interpretationsfähig wie auch
-bedürftig.
Es erscheint nicht sinnvoll, von der ›Politischen
Kultur‹ als verfestigter Entität zu
sprechen, sondern von der ›Politischen Kultur‹
als fortdauerndem Prozess. Das rekurriert auf das dynamische
Konzept Elias’, der von dem Prozess der Zivilisation (Elias
1990/1976) ausgeht.
In so fern ist der Prozess der ›Politischen Kultur‹
eine interdependent verbundene Dimension des Zivilisationsprozesses
und seiner psychogenetischen Fundierung, wie sie von Elias
herausgearbeitet wird.
Der Prozesscharakter der ›Politischen Kultur‹
begründet aber auch die prinzipielle Verfügbarkeit und
Funktionalisierbarkeit der ›Politischen Kultur‹ im Machtprozess,
d.h. zur Durchsetzung von Macht- und Herrschaftsansprüchen. Herrschaft
gründet nach Popitz (1968) auf Vorstellungsinhalten des
Legitimitätsglaubens.
Dieser ist in der Form der von Popitz in Bezug auf die
Begrifflichkeit von Max Weber dargestellten Unterlegenheits- und
Überlegenheitslegenden und der Prozesse der ‚Selbstanerkennung‘
zentralen Bestandteil einer ›Politischen Kultur‹.
Die Ambivalenz der Funktionalisierbarkeit
gesellschaftlicher Prozesse trägt in sich aber gleichermaßen die Potentiale
für Gegen- und Unterströmungen, für Inanspruchnahmen zur Entwicklung von
Widerständigkeit (vgl. dazu Voigt 2001a). Reimer
Gronemeyer schreibt über diese kulturelle Tradition des
Widerständischen, die für die abendländische Politische Kultur ebenso
konstituierend ist wie ihr herrschaftsaffirmativer Aspekt:
„Die Geschichte der Ketzer und Dissidenten, der
Ohnmächtigen und Widerspenstigen bewahrt eine Alternative zu jenem
abendländischen Interventionismus auf, der seine pax oeconomica wie ein
Netz über die ganze Welt gezogen hat. Jener Koalition aus abendländischer
Ethik und wirtschaftlichen Interessen, die im Begriffe ist, die Welt zu
ruinieren, fehlt vor allem eines: – die Fähigkeit des Unterlassens [...].
Ein Wettlauf mit diesen Siegern ist ohne Sinn. Ein Hoffnungsschimmer, ein
Ausgang aus Unfrieden, Hunger, ökologischen Katastrophen ist wohl nur da zu
sehen, wo Gegenrhythmen zur Koalition der Kreuzzügler, der Macher, der
Planer zu finden sind: in der Fortsetzung jener unterirdischen
Geschichte der Dissidenten, der Besiegten, der Ohnmächtigen“ (Gronemeyer,
Reimer, 1985: 186).
Herrschaft ist zugleich der Versuch, eigene
Situationsdefinitionen durchzusetzen, Sinn- und Wertverständnisse im
eigenen Interesse zu erzeugen, d.h. eine eigene
Herrschaftsrealität zu konstituieren. In ihrer Ambivalenz trägt
sie in sich gleichzeitig wenn auch nicht gleichgewichtig den Ansatz ihrer
eigenen Widerlegung, des Zerfalls der Herrschaft.
Popitz (1968) versucht in seinem Aufsatz über die ›Prozesse der
Machtbildung‹ nach der überzeugenden Darstellung der
Selbstverstärkung der Macht, des ,absurd‘
erscheinenden Funktionierens der
Selbstreproduktion und Selbstreferenz des Herrschaftsprozesses auch die
Ansätze einer Überwindung jeweiliger Herrschaft zu thematisieren und kommt
dabei zwangsläufig auf die Notwendigkeit, von ,unten‘ oder von ,außen‘ her
alternative Situationsdefinitionen, Sinngebungen und
Wertverständnisse herbeizuführen – ein schwieriges
Unterfangen, dass oft erst auf den Ruinen der untergegangenen Herrschaft
möglich ist, wie die weltpolitisch bedrückenden und die militärischen
Strategien immer wieder ad absurdum führenden Konflikte und Kriege vom
Golfkrieg bis zum ,Kampf gegen den Terror‘, der Zerstörung und
Bombardierung Afghanistans erneut beweisen:
Die entschlossenen Anhänger der Ordnung,
mehr braucht es nicht,
um die Welt in Trümmer zu stürzen.
Nur einige alte Anarchisten
suchen mit zitternden Köpfen
unter den Ruinen nach ein paar Steinen,
die zueinander passen (Geörgy Dalos: Aussichten
1979).
Der bei Elias dargestellte Prozess der
Homogenisierung der zivilisatorischen Standards im
Zivilisationsprozess und der langsamen Herausbildung – d.h. aber auch:
Durchsetzung – einer Staatsgesellschaft (vgl. Voigt,
2001c), bedeutet in ihrem kulturellen Kern die unüberschaubare Zahl
gruppenbezogener kultureller Standardisierungen (Hansen,
1995, passim) zu reduzieren und einer zentralen Definitionsinstanz,
nämlich der Herrschaft, zu unterwerfen. In diesem Prozess der
gesellschaftlichen Homogenisierung entsteht die moderne
Staatsnation, bzw. der neuzeitliche Nationalstaat, die selbst
zu zentralen Kategorien und Ordnungsangeboten innerhalb der durchgesetzten
nationalen Politischen Kultur werden. Die heute wieder auflebende
öffentliche Diskussion über die ›Verbindlichkeit‹ einer deutschen
›Nationalkultur‹ ist dafür ein bemerkenswerter Beleg.
Identität: Ein
affirmatives Konzept
Identität gehört zu denjenigen begrifflichen
Kategorien, die aus der Philosophie über die Individualpsychologie in die
Sozialwissenschaften wie in die öffentliche Sprache diffundiert sind.
Im Zusammenhang mit der Durchsetzung einer
begrifflichen Vorstellung einer ›Nationalkultur‹ wie sie nicht nur
in Polen sondern auch in den westeuropäischen Ländern im Prozess des
nation building an Verbindlichkeit gewonnen hat, schließen sich einige
Fragestellungen an, wenn nicht nur die Herrschaftsfunktion des
Nationalismus zu thematisieren ist, sondern es zu problematisieren gilt,
warum gerade diese Ideologie eine solche gesellschaftliche Potenz erhält.
Dies ist eng verknüpft mit der Durchsetzung der Vorstellung von einer
nationalen Identität. Aus einer sozialpsychologischen Perspektive wird
dabei das Erklärungsmodell der gesellschaftlichen oder auch nationalen
,Identität‘ herangezogen (vgl. Voigt, 2001d: 37-38). Doch ist dies
durchaus kritisch zu hinterfragen, wie es Reinhold Schmücker und
Rainer Hering (1994) darstellen:
„Den rationalen Kern des Nationalpatriotismus
bezeichnet offenbar der Begriff der ›nationalen Identität‹, der sich zumal
bei Historikern großer Beliebtheit erfreut. Allerdings wird gerade dieser
Begriff oft so unspezifisch benutzt, dass man schon geargwöhnt hat, es
handele sich dabei lediglich um eine ‚verschämte Variante‘ zum Begriff
›Nationalismus‹ (Dieter Schellong). Was also ist ›nationale
Identität‹? Ist sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit von Menschen, die
ein und dieselbe Sprache sprechen? Oder ein Bewusstsein der eigenen
Besonderheit und Andersartigkeit, das die Bürger eines Staates
miteinander verbindet? Hat sie etwas mit kollektiver Selbstbehauptung
zu tun oder mit der Identifikation der einzelnen mit der Geschichte und
Kultur ihres Volkes?“
Der Identitätsbegriff ist in seiner
staatlich-gesellschaftlichen Verwendung äußerst kritisch zu beurteilen
und selbst in gewissem Sinne ein auf Gefühlen aufgebautes verschleierndes
Ideologem. Doch würde es zu weit führen, das an dieser Stelle ausführlicher
zu diskutieren.
Doch sollen Schmücker und Hering hier abschließend noch einmal
zitiert werden mit einer sehr einleuchtenden Überlegung:
„Identität ist die Einheit von Unterscheidbarem: die
Gleichheit von etwas mit etwas anderem. Als personale oder Ich-Identität
kann man folglich die projektive Einheit eines individuellen Subjekts
bezeichnen, das sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten als es selbst
identifiziert. Jürgen Habermas hat diese personale Identität vor zwei
Jahrzehnten als ‚Fähigkeit sprach- und handlungsfähiger Subjekte‘
definiert, ‚auch noch in tief greifenden Veränderungen der
Persönlichkeitsstruktur . . . mit sich identisch zu bleiben‘? Für eine
normale Lebensführung ist diese Fähigkeit ganz unabdingbar: Wenn sie
fehlt oder verloren geht, sind seelische Krankheiten regelmäßig die
Folge. Darüber hinaus besitzt die personale Identität jedoch auch eine
forensische Bedeutung, auf die schon John Locke aufmerksam gemacht hat:
Wenn ich derjenige bin, der in der Vergangenheit in bestimmter Weise
gehandelt hat, dann bin ich für die Konsequenzen dieses Handelns
verantwortlich. Die Identität eines individuellen Subjekts hat allerdings
nicht nur diese durch seine Selbstwahrnehmung bestimmte Innenseite,
sondern auch eine Außenseite, die von der Fremdwahrnehmung abhängig ist.
Sie kann sich mit meiner Ich-Identität decken, muss es aber nicht. Analog
dazu lässt sich einer Gruppe oder Gesellschaft eine kollektive Identität
zuschreiben“ [Hervorhebung G.V.].
Gerade aber diese letzte Schlussfolgerung ist
grundsätzlich zu bezweifeln! Eine Beschränkung des inflationär
gebrauchten Begriffs Identität auf seine
Kernbedeutung scheint sinnvoll und angezeigt:
Identität ist das Bewusstsein, als
Person zeitlich zu überdauern und derselbe zu sein, der man
gewesen ist und der man auch in Zukunft sein wird. Dass damit ein psychischer Mechanismus und keine
objektivierbare Entität beschrieben wird, macht die Problematik des
Begriffes aus, der uns als Person und soziales Wesen konstituiert.
Damit ist das existenzielle Erschrecken über den
offensichtlichen Identitätsverlust begründet, das uns gegenüber
Hirnerkrankungen wie der Alzheimerschen Krankheit oder den
verschiedenen Formen von Alters- oder Unfallfolgen-Demenz überkommt,
denn wir begründen unser Bewusstsein zu existieren – also das
Ich-Bewusstsein – aus der Erfahrung – oder auch der Konstruktion
– eben dieser personalen Identität. Nur durch die Annahme einer
persistenten Identität lässt sich die moralische, rechtliche und soziale
Kategorie der persönlichen Verantwortung, d.h. also letztlich die
Frage nach Schuld und Sühne und der Möglichkeit der sozialen
Sanktionen begründen. Für das soziale Zusammenleben ist daher ein
Verzicht auf das Konstrukt der Identität undenkbar.
Oft wird gerade von dieser letztlich auch rechtlichen
Überlegung ausgehend, die Notwendigkeit einer institutionellen oder
staatlichen Identität – also der kollektiven persistenten
Verantwortlichkeit und Haftung für die eigene Geschichte und Gegenwart –
betont. Doch liegt dem eine zweifelhafte Parallele zu Grunde.
Institutionelle und staatliche Verantwortlichkeit resultiert aus
Vorstellungen des Vertragsrechtes und der Vererbbarkeit von
Ansprüchen und Pflichten, gründet damit auf personalisierbare Interessen
und Machtrepräsentationen.
Die im Völkerrecht festgeschriebene
Verantwortlichkeit eines Staates z.B. als ›Rechtsnachfolger‹
eines anderen (vgl. die Frage nach der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches
nach 1945) gründet entweder auf der durchsetzbaren Forderung der anderen
Staaten als historischer ‚Vertragspartner‘ oder auf seine bzw. auf
seinem eigenen Interesse, nämlich durch Anerkenntnis der historischen
‚Schulden‘ in seinen anderweitigen ‚Forderungen‘ als
‚Gläubiger der Geschichte‘ anerkannt zu werden und diesen
Rechtswirksamkeit zu verschaffen. Diese aus dem Bereich des Ökonomischen
stammende Ausdrucksweise wird hier nicht zufällig verwendet, sondern
sie betont die aus der Wirtschafts- und Handelsentwicklung und ihren
Interessen zu Beginn der europäischen Neuzeit stammende Herkunft des
Vertragsgedankens und des Vertragsrechts, das von der politischen Theorie
im Gedanken des Gesellschaftsvertrages übernommen und überhöht worden ist.
Bezeichnendes Beispiel für eine auf dem Vertragsgedanken basierende und
gleichzeitig gesellschaftliche Modernisierungsprozesse intendierende
politische Philosophie findet sich in Jean-Jaques Rousseaus Contrat
Sociale. Für die eigentliche Rechtssphäre ist hier zu verweisen auf die
Begründung des Völkerrechts aus dem Vertragsgedanken bei Hugo Grotius. Die
Bundesrepublik Deutschland bestand in ihrem Beharren auf der alleinigen
Rechtsnachfolgerschaft zum Deutschen Reich trotz dessen bedingungsloser
Kapitulation auf der rechtlich-politischen Durchsetzung der
Wiederherstellung des ‚status quo ante‘, also der so genannten
‚Wiedervereinigung‘ (»Dreigeteilt niemals« lautete in den 50er und
60er Jahren eine verbreitete Propaganda-Floskel).
Die Geschichte ist über diese historische Hypothek und
die darauf bezogenen Rechtskonstrukte hinweggegangen. Die Neue
Ostpolitik und der politisch-gesellschaftliche
Transformationsprozess in Ost- und Südosteuropa haben die Frage nach
einer etwaigen Rechtsnachfolge zum Deutschen Reich obsolet werden lassen.
Die Deutsche Einheit zu Beginn der 90er Jahre war eben nicht eine
Wiedervereinigung, sondern ein Beitritt der ‚gewendeten‘ DDR
zur Bundesrepublik Deutschland nach deren politischen Prämissen. Das
Verhältnis zu den anderen europäischen Staaten wurde in neuen Verträgen
ausgehandelt und auf das neue Ziel der europäischen Integration hin
ausgerichtet.
Das politische Ziel einer ‚Wiedervereinigung‘
bestimmte jedoch die Prämissen der Politik der Bundesrepublik Deutschland
bis in die 70er Jahre hinein, in politisch konservativen Kreisen
tendenziell weiterhin bis 1990. Diesem Ziel wurde die, innenpolitisch eher
einem Verdrängungsverdikt unterliegende Frage von Schuld und Verantwortung
für die NS-Verbrechen des Deutschen Reiches außenpolitisch anerkannt und
z.B. in ›Wiedergutmachungsleistungen‹ und entsprechenden
politischen Grundsatzbestimmungen gegenüber den Siegermächten (lange Zeit
mit Ausnahme der UdSSR) umgesetzt. Späte Folge ist letztlich noch die (wenn
auch juristisch gegen Widerstände durchgesetzte) Anerkenntnis der
Entschädigungspflicht gegenüber den Zwangsarbeitern im ‚Dritten Reich‘,
die, da es vor allem Osteuropäer betraf, in der Zeit des ‚Kalten
Krieges‘ nicht thematisiert werden konnte und sollte.
Dieses Beispiel und seine Wandelbarkeit sowie seine
innere Widersprüchlichkeit lassen die Problematik eines Konstruktes einer
Deutschen Nationalidentität deutlich werden. Zur Kultur des heutigen
Deutschlands gehört unausweichlich die Hypothek der NS-Zeit und ihrer
Verbrechen als evidentes Potential der Politischen Kultur
dieses Landes (vgl. Hansen, 1995: 146). Doch sind die personalen
und politischen Repräsentationen dieses topos kontrovers
und auch nicht ansatzweise in Übereinstimmung zu bringen. Die schon betonte
innere Verdrängung der Erinnerung an Schuld und Verbrechen Deutscher
und des Deutschen Reiches in der NS-Zeit war lange Zeit nur formelhaft
überdeckte Politik des Staates Bundesrepublik Deutschland und
bestimmte das politische Bewusstsein politisch konservativer
bzw. nationalistischer Kreise bis heute (vgl. z.B. die Reaktionen auf
die ›Wehrmachtsausstellung‹, den ›Historikerstreit‹ und um die
Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Stalinismus, sowie die flache
aber wirkungsvolle ›Schluss-Strich-Debatte‹, die von der ,Gnade
der späten Geburt‘ lebt, u.a.m.) und steht im krassen Widerspruch zur
außenpolitischen Repräsentation einer Deutschen Identität der
Bescheidenheit, des Lernens aus der Vergangenheit und der
Schuldanerkenntnis.
Die Frage, in wie weit aus dem Konzept der
›Politischen Kultur‹ oder auch aus der allgemeinen Kulturwissenschaft
heraus ein brauchbares Konzept einer ‚kulturellen kollektiven oder
nationalen Identität‘ zu entwickeln ist, erübrigt sich eigentlich nach
der erfolgten differenzierten Darstellung der Politischen Kultur als
ambivalentes, funktionalisierbares und differenziertes, im Kern
als Prozess zu begreifendes in Sozialisation und Enkulturation
intergenerationell tradiertes Repertoire von Zeichen, Werten und
Verhaltensoptionen, das das gesellschaftliche Gedächtnis im Sinne einer
Metakategorie ausmacht. Dieser differenzierten Begrifflichkeit ein
starres Identitätskonzept überstülpen zu wollen, macht einen
adäquaten kulturwissenschaftlichen Zugang zur gesellschaftlichen Realität
obsolet.
Es stellt sich daher die Frage, welchen
gesellschaftlichen Stellenwert der Rekurs auf das Identitätskonzept
oder sogar eine explizite ‚Identitätspolitik‘ einnimmt. Hier wird der
machtaffine Charakter des politischen Identitätsbegriffes deutlich.
Zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen bezüglich des
psychologischen Identitätskonzeptes zurückkehrend, ist zu
verdeutlichen, dass für den einzelnen Menschen neben dem Bewusstsein
der Identität als ‚Bild seiner selbst‘ eine gleich große und
interdependent verbundene Rolle spielt.
Das Selbstbild ist nun keineswegs mit dem
Identitätsbewusstsein zu verwechseln, auch wenn es mit ihm in
wechselseitiger Funktionalität verbunden ist. Selbstbilder bilden
keine feste Größe, sind keine Entitäten im engeren Sinne, sondern
bezeichnen die Grenzschicht zwischen dem ‚Innen‘ und dem
‚Außen‘, dem Selbst und dem Anderen, dem Eigenen
und dem Fremden. Sie sind die Grundlage der Ich-Erfahrung und
damit Voraussetzung der Identitätsbildung. Beide Dimensionen müssen
aber deutlich voneinander geschieden werden.
Identität repräsentiert die Notwendigkeit der
Persistenz, der Dauer und Zukunftserwartung, letztlich auch des
metaphysischen Unsterblickeitswunsches. Das Selbstbild bezieht
sich auf die Gegenwart, ist aktiv und schließt das
Austauschverhältnis zwischen dem Selbst und seiner (sozialen) Umwelt mit
ein. Selbstbilder konstituieren sich letztlich in permanenter
Praezeption und Antezeption der Fremdbilder. Sie sind
Spiegelungen der Welt im Selbst wie des Selbst in der Welt. In dieser
Spiegelung entsteht, kurz gesagt, die Persönlichkeit als
Resonanz auf die Erfahrung und Definition – d.h. das
Verständnis – der Situation.
Über die Entstehung von Selbstbildern und von
Persönlichkeitsmustern liegt eine umfangreiche psychologische und
sozialpsychologische Literatur vor, die hier nicht referiert zu werden
braucht. Klassische Konzepte finden sich in der Rollentheorie
und in der Sozialisationsforschung. ‚Persona‘, die Maske,
ist letztlich der Ausdruck eines konkreten Selbstbildes und seiner
nach außen gewendeten realen Repräsentation. Dass damit
Selbstbilder auch und in erster Linie Resonanzen der ›Politischen
Kultur‹ sind, ist die Klammer der Kritik an den Konzepten einer
kollektiven Identität und der Darstellung der ›Politischen Kultur‹.
Die konkrete Repräsentation des Selbstbildes vor dem Hintergrund der
eigenen Biographie ist in hohem Maße situationsabhängig. Letztlich
antwortet sie auf die von Außen an das Selbst gestellte und von ihm
antezipierten Frage: „Wer oder was bin ich“.
„Wer für mich, wenn nicht ich?
Wie, wenn nicht so? Wann, wenn nicht jetzt?“
schreibt Primo Levi
in seinem bedrückenden Roman „Wann, wenn nicht jetzt?“ (1986: 174). Er
beschreibt auch die Quelle dieser talmudschen Frage in seinem Nachwort
(377):
„Die Anregung zu seinem Refrain entnahm ich einigen
Worten des Pirké Avoth (Sprüche der
Väter), einer Sammlung von berühmten Sprüchen der Rabbiner aus dem 2.
Jahrhundert. Dort heißt es (Kap. I, § 13): »Auch sprach er (der Rabbi Hillel):
›Bin ich nicht für mich, wer wird’s je sein? Und denke ich an mich, was bin
ich dann? Und wann, wenn nicht jetzt.‹« Selbstverständlich stimmt die
Interpretation dieses Spruches, die ich den Personen in den Mund lege, nicht
mit seiner orthodoxen Interpretation überein.“
Eigentlich würde eine rabbinische Disputation über
Hillel viele der Fragen klären helfen, die das verunglückte Konzept der
Identität aufgeworfen hat. Die Rückführung des ,Ichs‘ auf das Denken an
sich selbst umfasst Identität und reflexives Selbstbild, und das ,wann, wenn
nicht jetzt?‘ führt es in die prinzipielle Gegenwart, in die Situation.
Primo Levi extrahiert aus diesem philosophischen
Kontext die aktive Seite, indem er das notwendige Handeln, die Entscheidung
zum Widerstand und zum Überleben dem „wann, wenn nicht jetzt?“ der Person
unterwirft. Diese letztlich didaktische Wendung motiviert, die Kritik am
Identitätskonzept zur Grundlage einer reflexiven und selbstreferentiellen
Pädagogik zu machen.
Zu den Mythologemen der heutigen Gesellschaft gehört
die Kategorisierung der Person nach ihrer Intelligenz. Die Intelligenz wird,
ob nun biologistisch hergeleitet oder milieutheoretisch fundiert, als
existenzielles Attribut der personalen Identität gewertet. Die
Widersprüchlichkeit und ideologische Besetztheit des Intelligenzbegriffs
wurde in den 90er Jahren noch einmal in der vor allem in den USA geführten
Auseinandersetzung um die „Bell Curve“ evident. Die Bedeutung der
IQ-Forschung für das Identitäts-Theorem wird gerade bei Studien deutlich,
die die Fremdbildabhängigkeit der IQ-Entwicklung bei Schülerinnen und
Schülern empirisch untersucht haben
und größtenteils auf Prozesse der self-fulfilling
prophecies (Merton, 1957)
zurückführen konnten.
Identität und Selbstbild
Wenn schon in solchen eher individualpsychologisch
orientierten Ansätzen der Identitätsbegriff relativiert und fragwürdig
wird, so verstärkt sich eine fundamentale Kritik bei der Auseinandersetzung
mit den soziologischen Kategorien Beruf und Schicht und ihrem Einfluss auf
die Entwicklung individueller und gruppenbezogener Selbstbilder. Dabei
werden grundsätzliche Unterschiede in den verschiedenen
Gesellschaftsformationen deutlich, wie sie die
Zivilisationstheorie untersucht hat (Elias,
1990) und wie sie für semiperiphere Regionen z.B. von
Waldhoff (1995) dargestellt wird. Ein zentraler Unterschied
liegt in der sozialpsychologischen Bedeutung der
Arbeit. Unsere Industriegesellschaft ist im Gegensatz zu
ruralen und semiperipheren Gesellschaften eine
Arbeitsgesellschaft.
Das Selbstbild spiegelt die Bedeutung,
die die eigene Arbeit in der Gesellschaft hat.
Liebow (1973) zeigt dies in drastischer Form an randständigen
Gruppen des Subproletariats, der ›Eckensteher‹,
bei denen verinnerlichte Prozesse der
self-fulfilling prophecy das Ausberechen aus der verfestigten
sozialen Situation verunmöglichen. Für die Betroffenen wie für die
Gesellschaft erscheinen diese Persönlichkeitsmuster als ›Identitäten‹ und sind doch Geflechte
von wechselseitig antezipierten Selbst- und Fremdbildern, die damit
gesellschaftliche Stabilität sichern. Es bestätigt sich hier unsere Eingangs
aufgestellte These vom herrschafts-affirmativen Charakter des Identitätskonzeptes.
Aus empirischer Perspektive bestätigt sich immer wieder
die hohe Variabilität von Selbstbildern. Inhaltlich-kategorial
unterscheiden sich typisch Selbstbildrepräsentationen:
-
nach Alter und Geschlecht (biologische und
bio-soziale Determinanten),
-
nach sozialer Stellung und Biographie
(Statuszuordnungen),
-
nach psychischer wie auch psychopathologischer
Determination,
-
nach beruflicher Tätigkeit (Identifikation mit der
Arbeit),
-
nach unterschiedlichen Akkulturationserfahrungen,
-
nach unterschiedlichen Diskriminierungs- und
Ausgrenzungserfahrungen.
Die beiden letztgenannten Kategorien werden oft als „ethnische Identitäten“ missverstanden,
sind aber im Kern gesellschaftlich induzierte und präformierte
Selbstbilder, die vor allem auf
Dissonanzerfahrungen und ihrer (mangelnden) Bewältigung beruhen.
Am Beginn der Zerstörung von Selbstwerterfahrung und
Zukunftshoffnung steht die permanente Kränkung der Selbstbilder, es
entstehen Unterlegenheitsmythen, die die eigentlich individuell verstandene
Identitäts-Empfindung zu einem kollektiven Klassenschicksal
machen.
Diese sekundäre Interdependenz von ›Wir-Gefühl‹ und
Selbstbild ist eine psychische Begründung für die Annahme einer
kollektiven (ethnischen) Identität. Sie ist auch die Basis der
›Kränkungskonflikte‹, die heute als ethnisch-religiös fundierte
Kulturkonflikte wahrgenommen werden.
In einem weiteren Rahmen ist die
›Identitätshypothese‹ auch eine Frage der wahrgenommenen,
wahrzunehmenden und zu gestaltenden Umwelt im sozialen und biologischen
Kontext.
In Bezug auf die politische Bildung ist hier über ein innovatives Konzept
der „Sozioökologie“
eine Verknüpfung zu raumwissenschaftlichen Ansätzen herzustellen, wie es
Claußens
Forderung nach einem Paradigmenwandel der Politischen Bildung auch
in Hinblick auf eine notwendige ökologische Bildung hervorhebt. In
der heutigen urbanen Zivilgesellschaft wird damit die städtische materielle
Umwelt
zu einer Inszenierung von Symbolverhalten und symbolischen
Orientierungen, die gesellschaftliche Realitäten definieren oder erst
schaffen. Im Zusammenhang mit dem inszenierten Terror, der 2001 im
globalen Bewusstsein einen tiefen Einschnitt bewirkte gerade durch
seine Fähigkeit, Realitäten, die für sich genommen keineswegs neu sind, im
Bewusstsein neu zu kreieren, wird der inszenierte Charakter
kollektiver Identitäten offensichtlich. Die materielle Umwelt und ihre
,Katastrophen‘ werden zur permanenten Bühne von Fremd- und
Selbstinszenierungen und zum Forum der Machtprozesse.
Ihre Formung erhalten die Potentiale und
Verständnisrahmen gesellschaftlicher Inszenierungen im
sozialpsychologischen Bereich durch die (lebenslangen)
Sozialisationsprozesse. Lange hat man gerade im schulpädagogischen Bereich
ein recht eindimensionales und deterministisches Bild der Sozialisation im
Jugendalter der didaktischen Arbeit zu Grunde gelegt. Daraus resultierten
entsprechend gering differenzierte, grob schichtorientierte Modelle des
Unterrichts und der Schulorganisation. Das wurde erst grundsätzlich in
Frage gestellt, als die Dominanz von Migrationsprozessen immer deutlicher
werdende Fragmentierungsprozesse in der ›Politischen Kultur‹ Mitteleuropas
bewusst machten. Sozialisation erfolgt zunehmend auch in der Schule
in der Form von Akkulturation.
Damit verliert die These von der Einheitlichkeit und Homogenität der
›Politischen Kultur‹ ebenso ihre prima face
,Selbst-Verständlichkeit‘ wie die Hypothese einer die ›Politische Kultur‹
tragenden kollektiven Identität.
Welche Ausprägung das Selbstbild konkret annimmt
und welcher kategoriale oder normative Bezugsrahmen genutzt
wird, ist von den genannten Bedingungen der persönlichen Struktur wie
von der augenblickliche gesellschaftlichen Situation abhängig. Damit
ergibt sich eine funktionale Verknüpfung der Selbstbilder
von gesellschaftlichen Situationsdefinitionen, die, wie wir wissen,
herrschaftsaffin sind. Eine empirische Erhebung von Selbstbildern
wird eine große Bandbreite heterogener Selbstbeschreibungen ergeben, z.B.
„ich bin...“ „gesund“, „ein Mädchen“, „Straßenbahnfahrer“, „Beamter“,
„Hannoveraner“, „schön“, „ein starker Typ“, „sexy“, „intelligent“,
„Politiklehrer“... und es bedarf meist der Nachfrage, in welchen
Bedeutungskontexten diese Selbstdefinitionen stehen und wie typisch und
dauerhaft sie im Bewusstsein des jeweiligen Menschen sind.
In dem Moment, wenn das Bewusstsein und damit
die eigene Ausdrucksform der Politischen Kultur einer Vielzahl von
Mitgliedern einer sozialen Gruppe von existentiellen virulenten oder
offenen Konflikten bestimmt wird, wenn ganz persönlich Ordnungssicherheit
und Zukunftssicherheit bedroht werden und Angst zur bestimmenden
subjektiven Befindlichkeit wird, prägt sich das auch massiv in den
Alltagskonzepten der Selbstbilder aus, die sich immer stärker durch
Integration in die angenommene Eigengruppe auszeichnen und diese
Gruppenzugehörigkeit als dominierende Zuordnungskategorie verstehen.
Wenn sich diese Gruppe, zumeist bewusst durch Herrschaftszwänge, als
ethnische oder religiöse Gruppe definiert und nach außen abgrenzt, wird
diese Gruppendefinition als geglaubte Gruppenidentität angenommen.
Dass diese psychogenetische Homogenisierung die soziale Gruppe
zusammenbindet, abschließt und in ihrer Herrschaftshierarchie absichert,
ist der Handlungskern der Ethnogenese.
Im Nahostkonflikt, dessen historische und
gesellschaftliche Ursachen äußerst differenziert und vielschichtig sind,
reduziert sich die ethnische Gruppenidentität nach Jahrzehnten der
Konfrontation auf die Zuordnung zur Gruppe der Palästinenser oder
Araber einerseits und die der Juden oder Israeli
andererseits. Erst bedingt durch räumlich-gesellschaftlichen Abstand vom
Konflikt selbst verschiebt sich die Wahrnehmung – auch hier wieder durchaus
gewollt und im Herrschaftsinteresse evoziert – auf einen ›Kulturkonflikt‹
zwischen islamischem Arabertum und christlich-jüdischem Westen,
der alle internen Differenzierungen ausblendet und zu einem
Schwarz-Weiß-Denken hinführt (hinführen soll).
Diese intendierte Entdifferenzierung des Denkens, die
damit den Kern der westlichen säkularen Kulturerrungenschaften in Frage
stellt, ist die Evidenz für den ›politisch unkorrekten‹ und damit
tabuisierten kritischen Einwurf, dass sich die Denkstrukturen Bin Ladens
und George W. Buschs strukturell gleichen.
Veränderungen in der Codierung der
Politischen Kultur
Die Untersuchung der Traditionslinien, die die
›Politische Kultur‹ ausmachen, konzentriert sich zumeist auf bestimmte
Inhalte, in denen der Ausdruck der ›Politischen Kultur‹ zu einer bestimmten
Zeit fokussiert wird.
Dabei sind für den mitteleuropäischen Bereich die
phantasiebestimmte, undifferenzierte, christlich-gentile Kulturwelt des
Mittelalters, die strukturelle Ähnlichkeiten zur heutigen
›Politischen Kultur‹ in den Gebieten der Semiperipherien aufweist,
von der Entwicklung der höfischen Zivilisation mit ihren ›Manieren
und Höflichkeiten, ihrem formalisierten und z.T. sozial ritualisierten
Verhaltenskodex, wie sie von Norbert Elias dargestellt wird, der
nachfolgenden ›Politischen Kultur‹ der Nationalstaatenentwicklung,
im Sinne der Ethnogenese und des ›nation building‹ zu
unterscheiden von heutigen Formen der ›Politischen Kultur‹ der
industriell-medialen Massengesellschaft im Spannungsfeld von
Individualisierung und Globalisierung bzw.
Universalisierung.
Die Schwierigkeit besteht darin, in einer
differenzierteren und mehrschichtigen Untersuchung dieser Traditionen
Persistenz und Wandel gültig voneinander unterscheiden zu
können. Am auffälligsten ist, dass sich die verschiedenen Phasen
entsprechend der Vermittlungssituationen und der
Kommunikationsstrukturen in ihrer dominierenden Codierung
unterscheiden.
Die Symbolik der mittelalterlichen Kultur ist
weitgehend narrativ, umgesetzt in Mythen und Sagen, die
eine abstrakte gesellschaftliche Realität und Erfahrung repräsentieren,
in ihrer oralen Vermittlung aber tendenziell als wortwörtliche
Realitätsüberlieferung verstanden werden.
Hier lassen sich Ansätze für eine Interpretation
heutiger religiöser Fundamentalismen – die nicht mit ihrer
politischen Inanspruchnahme z.B. im ›politischen Islam‹ (vgl.
Antes 1996 und 1997) oder in restaurativ-katholischen
Splitterparteien im heutigen polnischen Sejm verwechselt werden dürfen
– finden, deren Bewusstseins-Horizont letztlich anachronistisch
ist. Die Tradition polnischer kultureller Anachronismen wird
ebenfalls angesprochen bei Nettelmann / Voigt, 1986: 167 f.,
171 ff.
Einzelne zeichenhafte Symbole sind
allgegenwärtig und allgemein verständlich – das Kreuz als Symbol des
Christentums, daneben das Lamm, die INRI-Initialen u.a. – und stellen den
Kontext der oralen Übermittlung her und werden selbst umrahmt und
konkret-veranschaulicht in einer Vielzahl von Heiligen-Legenden, die den
personalen Charakter der Kultur und der kulturellen Wahrnehmung
repräsentieren. Bilddarstellungen finden sich nur im kirchlichen Raum
oder im Lebensbereich der Adligen Oberschicht und sind ›Erziehungsmittel‹
kirchlicher Überlieferung und Werte-Vermittlung.
Die Bildprogramme sind auf Standardisierung der
Vorstellungswelten und auf Wiedererkennbarkeit hin angelegt. Sie
befestigen die kulturelle Monopolstellung der Kirche in Bezug auf Ansätze
kultureller Standardisierung in einer ansonsten kulturell dezentralen,
lokal orientierten ruralen Gesellschaft.
Nun sollte man nicht meinen, dass diese Inhalte in der
Folgezeit vollständig abgelöst worden wären. Sie sind bis heute mehr oder
weniger deutlich als unterströmige Potentiale der ›Politischen Kultur‹
vorhanden, verfügbar und auch funktionalisierbar, wie die temporären
Rückgriff auf traditionale Symbol- und Vorstellungswelten bei sich z.B.
christlich legitimierenden Nationalismen immer wieder beweisen lassen.
In der Phase des Zivilisationsprozesses, den Elias
darstellt, verfeinert und abstrahiert sich die Überlieferung. Die
Sinngebung der sozialen Realität der ›vorbildlichen Legenden‹ wird
überführt in eine durch Erziehung verbindlich zu machende Regelung des
›richtigen‹ und damit ›sinnvollen‹ Verhaltens und Lebens. Die
Symbolebene wird in die alltäglichen Handlungen selbst verlegt
(Grußrituale, Manieren des Essens, der Sexualität, des formalisierten
Gewaltmanagements, wie es von Elias in vielfältigen Beispielen
erläutert wird.
In den folgenden beiden Phasen des nationalstaatlichen
›nation building‹ und der nachfolgenden – ich nenne sie einmal im
Vorgriff ›nach-nationalstaatlichen‹ – Gegenwart, die in mancher
Hinsicht in Bezug auf konkrete Verhaltens- und Wertvorstellungen und
-normen antithetisch erscheinen mögen – und damit dialektische
Geschichtsbetrachtung stützen –, vollzieht sich aber in Bezug auf die
Repräsentation und Codierung der ›Politischen Kultur‹ eine
durchgängige Entwicklung, die eine grundsätzliche Kontinuität und
Persistenz der gesellschaftlichen Entwicklung erweist.
Eine nationalstaatsfixierte ›Politische Kultur‹
als Funktion oder Funktionalisierung von Herrschaftsinteressen, die im
Prozess des ›nation building‹ durchgesetzt werden, ist, wie das 19.
Jahrhundert zeigt, in sich äußerst widersprüchlich und in seiner
Codierung unklar. Darin zeigt sich, dass es sich um den Versuch handelt,
›Politische Kultur‹ als nationalistisches Artefakt neu zu schaffen,
was ohne um- und missdeutende Rückgriffe auf den als ‚Steinbruch‘
betrachteten Fundus des kulturellen Erbes mit seinen Symbolen und
Vorstellungswelten nicht möglich gewesen wäre.
Die Narrative Tradition kumuliert in
verschriftlichter Form in historischen Epen und der Hinwendung zu
Volksmärchen und Sagen. Neben kaum mehr nachvollziehbarer
Emphasierung und Geschichtsklitterung wie bei Felix Dahn
oder Gustav Freytag stehen ernsthafte wissenschaftliche Bemühungen
wie bei den Brüdern Grimm oder in Südosteuropa Pál Kadosa
oder Béla Bartók. Die polnische Literatur repräsentiert die
(qualitative) Breite dieses narrativ-mystifizierenden Nationalismus vor
dem Hintergrund der ›Nichtexistenz‹ eines polnischen Staates und dem
gleichzeitigen Festhaltens an der kulturellen, identitätsstiftenden
›polonitas‹ in einer Vielzahl von historischen Romanen und
Nationalepen, wie denen von Mickiewicz, Sienkiewicz oder Słowacki,
die an anderer Stelle in diesem Band als exemplarische Elemente der
›polnischen Nationalkultur‹ dargestellt werden. Bezeichnend ist
jedoch in jedem Falle, dass dem uminterpretierenden Aufgreifen der
historischen Narration im 19. Jahrhundert ein anachronistisches
Geschichtsverständnis zu Grunde liegt, die der Entwicklung der
wissenschaftlichen Welt- und Geschichtsbilder und den manifesten
Sozialkonflikten widerspricht und sie im öffentlichen Bewusstsein
anathematisiert. In den entwickelten Staatsgesellschaften Mittel- und
Westeuropas waren zu diesem Zeitpunkt die nationalistisch-narrativen
Traditionen weitgehend abgebrochen und sind im 20. Jahrhundert durch die
Brüche der literarischen Moderne wieder nahezu in Vergessenheit geraten
oder zur ›Jugendliteratur‹ herabgestuft worden – was die
gefährlichste Form einer ›Traditionsbewahrung‹ darstellt. Der
anachronistische Rekurs auf die narrative Codierung der ›Politischen
Kultur‹ im 19. Jahrhundert blieb Episode, zeigt aber, in wie starker Weise
obsolete Codierungen und erst recht Inhalte der ›Politischen Kultur‹ im
unterströmigen Symbol-Repertoir verfügbar und damit aktualisierbar und im
Herrschaftsinteresse funktionalisierbar bleiben. Im 19. Jahrhundert
bezeichnen diese Rekurse die herrschende Repräsentation der ›Politischen
Kultur‹ vor allem der Wilhelminischen Zeit in Deutschland.
In unserem Zusammenhang wird gerade dadurch deutlich,
dass die (literarischen) Texte, um die es hier geht, heute anders
gelesen werden: als aufregend-exotische Abenteuerwelten, die kaum
andere Reaktionen evozieren als Star Treck oder Tarzan. Es
müsste insbesondere dann genauer untersucht werden, wenn die
literarisch-politische Intention obsolet geworden ist und zudem heute in
der Regel unverstanden bleibt, wie das ›verdeckte Curriculum‹ der
Charaktere und Wertungen weiter wirkt und immer noch in der ›Politischen
Kultur‹ virulent und verfügbar ist. Dies ist eine gleichermaßen brisante
Frage, wenn es sich um die historische polnische Nationalliteratur
handelt, die – wiederum charakteristisch – im 20. Jahrhundert zur
beliebten Vorlage für historische Monumentalfilme wurde und heute noch in
der Lage ist, mehr oder weniger aggressive Nationalstereotype und
überhöhende Selbstbilder zu vermitteln. Im Bereich der semiperipheren
Regionen ist diese Gefahr als noch brisanter einzuschätzen, wenn zum
Beispiel in der türkischen Literatur ein seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
fortdauernder nationalistischer Konsens vorzufinden ist, der damit Teile
der literarischen und philosophischen Moderne von der kulturellen
Entwicklung der Türkei fern hält. Die hochaufgeladene Aggressivität der
historisch-nationalistischen Literatur der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts im damaligen Osmanischen Reich untersucht Elçin
Kürşat-Ahlers (1995) indem sie „Die Brutalisierung von Gesellschaft und
Kriegsführung im Osmanischen Reich während der Balkankriege (1903-1914)“
sozialgeschichtlich als funktionalen Bezug der „Brutalisierung der
Gesellschaft“ und der Brutalisierung der literarischen Intelligenz
darstellt.
Die reduktive Symboltradition wird ebenfalls im
19. Jahrhundert anachronistisch aufgegriffen und eklektizistisch
überstrapaziert mit Kreuz, Adler, Sonnenscheibe und stilisierten
säkularen ‚Heiligenfiguren‘, wobei römisch-imperiale,
pseudo-germanische, christliche und ›volkstümliche‹ Symbolik eine heute
schwer erträgliche Symbiose eingehen (nach dem Motto: „was ein Symbol an
Sinngebung und politischer Demagogie nicht schafft, schaffen zwei oder drei
Symbole sicherlich“. Architektonisches ‚Meisterstück‘ dieser
Symbolklitterung bis hinein in das übergeordnete Bauprogramm ist das
Völkerschlachtdenkmal in Leipzig aus dem Jahr 1913. Den
historisch-ideologischen Hintergrund im Kaiserreich kurz vor dem Ersten
Weltkrieg im vorliegenden Zusammenhang zu kennzeichnen, ist müßig – weil
offensichtlich. Es ist hier aber hervorzuheben, dass weder die damalige
Intention noch das ›unterschwellige Curriculum‹, wie es heute gelesen
werden könnte, diese Bau- und Symbolsprache ohne entsprechende
kritisch-distanzierende, aufklärerische Einführung heute noch richtig
gelesen werden können, wie die abstruse Idee des Leipziger Rates, das
Denkmal heute ohne weitere methodische Attribute und Begleitung als „Aufruf
zum Frieden“ zu verstehen, erschreckend deutlich macht.
Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus, die in
der historischen Erinnerung sehr eng an rigide und inflationär gebrauchte
zeichenhafte Symbolik gebunden ist – am deutlichsten sichtbar in der
Omnipräsenz des Hakenkreuzes, der Fahnen oder der SS-Runen –, ist in der
Bundesrepublik Deutschland ganz generell gegen diese Form der
Repräsentation und Codierung der ›Politischen Kultur‹, die durch
verbrecherische Herrschaftsausübung korrumpiert wurde, verständlicherweise
eine deutlichere Distanz aufgebaut worden als bei unseren europäischen
Nachbarn, geschweige denn bei den Ländern der Semiperipherien, deren
›nation building‹ heute noch nicht in dem Maße abgeschlossen ist wie in
Mittel- und Westeuropa. Auch hier ist wieder die Türkei ein typisches
Beispiel, wo der Alltag durch Nationalsymbolik und Nationalflaggen ebenso
durchsetzt ist wie die ikonenhafte Allgegenwart von Atatürk-Bildern, die
über den Herrschafts-Aspekt hinaus längst den privateren Charakter von
Devotionalien angenommen haben, wie die Ikonen der christlichen Ostkirchen,
über deren Funktion schon einige historische Aussagen gemacht wurden (vgl.
Anm. 22).
Generell ist aber festzuhalten, dass heutige
sozio-ökonomisch hoch entwickelte Gesellschaften im Spannungsfeld von
Individualisierung und Globalisierung diese zeichenhafte
Selbstvergewisserung immer weniger benötigen und differenziertere
Identifikations- und Tradierungsmuster nutzen, die den Möglichkeiten
moderner Kommunikation und ihrer verfügbaren Technologien nutzen. Es gehört
in diesem Zusammenhang zu den Widersprüchlichkeiten der US-amerikanischen
›Politischen Kultur‹, dass sie einerseits globaler Vorreiter der modernen
Kommunikationsformen ist, andererseits einem exzessiven nationalistischen
Flaggen- und Symbolkult huldigt. Es gibt zweifellos Hinweise auf
innergesellschaftliche Widersprüche, historische Bruchlinien und nicht
abgeschlossene staatsgesellschaftliche Homogenisierungs- und
Modernisierungsphasen, denen hier aber nicht weiter nachgegangen werden
kann.
Die psychogenetischen Aspekte des
Zivilisationsprozesses erreichen in der bürgerlichen Höflichkeit des
19. Jahrhunderts eine spezifische Ausprägung und werden in Deutschland zur
Grundlage des Wilhelminischen Staates, indem sie zum wesentlichen Element
des kulturellen Selbstverständnisses (gemacht) werden.
Doch die ›Codierung‹ in konkreten
Verhaltensweisen, die vor allem das von Elias her bekannte Konzept
des „hinter die Kulissen Legens“ des Privaten, die Herausbildung
einer abgeschlossenen Sphäre der Intimität und ihre strikte
Separation vom Öffentlichen, definieren eine neue symbolische Norm
der ›Wohlanständigkeit‹, dem sich zunehmend staatliche
Rechtsnormen zuordnen lassen. Statusmerkmale wie ‚anständige
Bekleidung‘, Hochsprache und Umgangsformen
repräsentieren diese Leitnorm der bürgerlichen Wohlanständigkeit.
Doch reicht dies durchaus nicht aus, um die Gesamtheit der wilhelminischen
Gesellschaft zu integrieren und zu homogenisieren, da die Gesellschaft
parallel zu dieser zivilisatorischen Entwicklung zunehmend durch die
aufbrechenden Klassengegensätze in der ökonomischen Entwicklung einer
Industriegesellschaft zerrissen und in unlösbare Sozialkonflikte
getrieben wird.
Die vom Bürgertum zunehmend in Probleme der
Legitimierung ihrer überkommenen Privilegien und Herrschaftsansprüche
getriebenen ›alten Oberschicht‹, des Adels, betont zunehmend ihre
militärische Machtbasis, so dass der deutsche Militarismus als Antwort auf
den bürgerlichen Staats-Nationalismus entstehen kann. Das Widersprüchliche
in dieser Entwicklung ist, dass es sich von der sozialen und historischen
Interessenlage her um konkurrierende und letztlich ausschließende
Repräsentationen der ›Politischen Kultur‹ handelt, dass aber ihre
affine Codierung diesen Interessengegensatz überdeckt und aus dem
Bewusstsein verdrängt. Letztlich sind die herrschende National- und
Militärsymbolik Codierungen, die der staatlichen
Homogenisierung dienen und die neue soziale Konfliktlinie im
Klassengegensatz zum Proletariat zum geglaubten Postulat der
Interessenidentität zwischen alten und neuen Oberschichten benutzt wird.
Damit wird auch die Widersprüchlichkeit der
Nationalsymbolik in den restaurativen herkömmlichen und wieder belebten
symbolischen Codierungen der ›Politischen Kultur‹ erklärbar, die
die nicht wahrgenommenen oder überdeckten Widersprüche der Wilhelminischen
Gesellschaft ausdrücken. Elemente dieser ›Politischen Kultur‹ sind
Militärisches Auftreten, Konformität und Uniformierung,
Paraden und Massenumzüge als Sozialsymbolik, Überprägen
des maskulinen Gender-Konzeptes durch militärische Gehorsamserziehung und
Männerbündlerei;
andere Elemente der neuzeitlichen ›Politischen Kultur‹ werden in den
Hintergrund gedrängt und nicht aktualisiert, wie z.B.
Wissenschaftsorientierung, distanzierte Wertdefinitionen,
Intellektualität. Schon Elias interpretiert das aus dieser
Situation herrührende Entstehen einer sich aus
staatlich-gesellschaftlichen Kontexten ausgliedernden und gleichzeitig
intellektuell emanzipierenden Intelligenz in Deutschland im
Gegensatz zur integrativen Fähigkeit des französischen Hofes, die
Intelligenz in staatliche Zusammenhänge zu integrieren. Zwei
gesellschaftliche Prozesse einer gespaltenen, widersprüchlichen herrschenden
›Politischen Kultur‹ laufen nun in widersprüchlicher Codierung
zusammen: bürgerliche ›Wohlanständigkeit‹ als Beginn eines
Individualisierungskonzeptes und militärische Formalien als
Massenkonzept.
Ist jedes dieser Konzepte im Kern auch affirmativ und
stützt die Herrschaftsansprüche des entstehenden Nationalstaates – und
wird auch nicht bewusst als Widerspruch sondern als sinnvolle Ergänzung
erlebt –, so steuert die Gesellschaft durch Vergrößerung der sozialen
Spannungen und die daraus resultierende Notwendigkeit permanenter und
eskalierender sozialer Repression auf zunehmende Konflikte,
Zerfallsprozesse und Krisen zu, die im Ersten Weltkrieg ihre
katastrophische Bestätigung finden.
Die sozial Deprivierten bedienen sich ebenfalls der
doppelten Codierung der Verhaltens-Formationen in Massen-Aufmärschen
einerseits und der – dadurch der bürgerlichen Wohlanständigkeitskultur
parallel laufenden – Entwicklung einer ‚proletarischen
Arbeiterkultur‘ und ihrer politisch-parlamentarischen
Repräsentation in der Sozialdemokratie.
Gekennzeichnet ist auch in der Arbeiterbewegung das
Verhaltenssegment der ›Politischen Kultur‹ durch widersprüchliche,
inkonsequente Codierungen und uneindeutige Symbolik, die als Akte
des sozialistischen Widerstandes ebenso funktionalisiert werden konnte,
wie später als affirmative Herrschaftsbestätigung im Sinne einer
homogenisierenden Revolutionsnostalgie. Für die innere Persistenz des
Symbol- und Zeichenrepertoires der herrschenden ›Politischen Kultur‹ ist es
zu werten, dass im 20. Jahrhundert die faschistischen Bewegungen in
erstaunlich gleich erscheinender Weise eben dieser sozialistischen
Revolutionssymbolik und ihrer Codierung in der Massenbewegung bedienten.
›Politische Kultur‹ ist letztlich inhaltlich und politisch neutral,
ambivalent und entsprechend der Herrschafts-Situation disparat ausdeutbar.
Es ist daher im Sinne der ›Politischen Kultur‹
keineswegs zufällig, dass die Symbole des sozialistischen Widerstandes
sowohl in der Massenpsychologie als auch in den Verhaltensnormen der
‚individuellen Wohlanständigkeit‘ des ‚guten Menschen‘ nahezu
reibungslos in die sozialistische Staatenbildung integriert und mit dem
Leninismus und Stalinismus zunehmend als Repressionsmittel und -symbolik
genutzt werden konnte.
Inhaltlich stehen in Deutschland in Wilhelminischer
Zeit drei verschiedene und jeweils sich gegenseitig ausschließende
Repräsentationen der ›Politischen Kultur‹ nebeneinander: die rigiden
Normen verpflichtete Oberschichten-Kultur der ›Wohlanständigkeit‹
und des ›Militarismus‹, die universitäre Intelligenz in ihrem
hochintellektuellen, gesellschaftlich aber wenig wirksamen
‚Elfenbeinturm‘ und die unter Einfluss wichtiger Theoretiker wie Karl
Marx entstehende Arbeiterkultur, die die eigentlich
fortschrittlichen Elemente der Potentiale der ›Politischen Kultur
Mitteleuropas‹ als historische Erfahrung aus dem proletarischen
Klassenschicksal und den sich annähernden Lebenswelten der Außenseiter
– Arbeiter, jüdische Intellektuelle, verfolgte Sozialisten – als Gegensatz
zu den Lebenswelten der Etablierten
repräsentieren und tradieren.
Im beginnenden 20. Jahrhundert sind weitere
Veränderungen und Verschiebungen der Repräsentation und
Codierung der ›Politischen Kultur‹ zu beobachten, die die sich
entwickelnden Massenmedien und Reproduktionstechnologien aufgreifen und
nutzen. Das reproduzierbare und später im Film bewegliche Bild wird
zum Träger von kollektivem Gedächtnis, von Wertvermittlung
und von Realitätsvorstellungen („ein Bild kann nicht lügen“).
Erinnert und öffentlich Reproduziert werden Bildvorstellungen, die als
Realitätsabbildungen verstanden werden.
Der symbolische Gehalt ist zwar immanent, wird aber
immer weniger präsent und bewusst wahrgenommen, auch wenn den Ab-Bildern der
Realität immer mehr fiktionale Bilder (aus der ‚Traumfabrik‘ des Films und
des Fernsehens) bis hin zu Comics (‚Donald Duck‹ als Person der
Zeitgeschichte) und Computeranimationen (‚Lara Croft‘ und ihre Welt)
beigemischt werden. Im Gegensatz zu den bildlichen Codierungen der
Vergangenheit fehlt der Bilddominanz der heutigen Codierung der
›Politischen Kultur‹ die Motivation der Produzenten,
allgemeingültige Symbole für Werte und Normen zu schaffen und Bildsymbole
als herrschaftssichernde Curricula einzusetzen. Das zeigt, dass die
Bilderwelt der Moderne anderen Segmenten der ›Politischen Kultur‹
zuzuordnen ist, als die Bilderwelt der Vergangenheit.
Auch hier wird weiter entwickelt, was in der
Überlieferung der ›Politischen Kultur‹ seit langem angelegt ist. Die von
den frühneuzeitlichen Zünften und Innungen bestimmten
›Wahrzeichen‹ der Städte, die die Gesellen besuchen sollten und mit
deren Kenntnis sie Ihre Wanderung beweisen mussten, werden zunehmend im
Bewusstsein zu Stellvertretern für die Ortsrealität und bestimmen das
›Image‹ des Ortes – um eine moderne Kategorie zu verwenden. Die
›Wahrzeichen‹ wirken durch Identifikationsprozesse im Sinne einer
›self-fulfilling prophecy‹ auf die Realitätsentwicklung dieser Orte
ein.
Auch heute genügt ein sekundenkurzer Blick auf
bestimmte Stadtpanoramen oder Gebäude, um einen Spielfilm oder einen
Fernsehbeitrag örtlich sicher einzuordnen (auch wenn er ansonsten
ausschließlich im Studio gedreht worden ist). So sind diese ›Wahrzeichen‹
zu bildlichen Überlieferungsbestandteilen der ›Politischen Kultur‹
geworden. Interessant ist es gerade bei den Stadtwahrzeichen, dass sie
durch die genannten Identifikationsprozesse in diesen Städten selbst ganz
bewusst für die Außenrepräsentation eingesetzt werden, wofür die
dauernden, um Kongresse, Wirtschaftsansiedlungen und Touristen
konkurrierenden ‚Image-Kampagnen‘ deutscher Großstädte der aktuelle
Beweis sind. Damit reicht die Wirkung über die Stereotypisierung in der
eigenen ›Politischen Kultur‹ hinaus und wirkt auf das Außenbild in
standardisierender Weise ein. Je deutlicher das Außenbild auf stereotype
Bildvorstellungen und weniger auf die Codierung in Symbolformen
oder gar in narrative Überlieferung gegründet ist, desto eher
überspringen diese Repräsentationen die kulturellen Grenzen und
werden zu Elementen einer kulturellen Universalisierung.
Inszenierung oder Zerstörung von ‚Wahrzeichen‘ ist daher eine
äußerst wirksame Strategie im Kampf der Kulturen (»WTC«).
Schon zu Beginn der kulturellen Neuzeit in Europa
nutzte die damals entstehende Vedutenmalerei immer wieder die
gleichen ‚malerischen‘ Ansichten von Städten, mit denen diese dann
bis heute in den publiken Imagevorstellungen identifiziert werden.
Das begann vor allem mit den Städten, die ohnehin eine große Außenwirkung
besaßen und beanspruchten, die damit weit über die Landesgrenzen hinaus
bekannt und ‚berühmt‘ waren, was auch anregen kann, sich intensiver
mit der Kategorie der ›Berühmtheit‹ als Element der ›Politischen
Kultur‹ auseinanderzusetzen.
Mit der Entstehung von visuellen Stadtstereotypen setzt
sich in faszinierender und kritischer Weise der von einem Autorenkollektiv
verfasste Band ›Florenz – Ein Reisebuch‹ (Boulboullé et al., Hrsg.,
1982: 41 passim) auseinander – auch mit der Frage, wie man sich als
Fremder den städtischen Realitäten hinter den Images nähern
kann. Die Veduten von Venedig (Canaletto) oder Rom sind millionenfach
publiziert und fester Bestandteil unserer Vorstellungen von diesen Städten.
Es ist daher kein Zufall, wenn zur Zeit des Sachsenkönigs August des Starken
der Hof in Dresden die Hauptstadt nicht nur den alten italienischen
Kulturstädten gleich ausbauen wollte, sondern auch die im hohen Maße auf
wieder erkennbare, stereotype Ansichten reduzierte Vedutenmalerei förderte,
was den Anspruch auf die werbewirksame Benennung „Elbflorenz“ unterstrich.
Es ist die Frage, ob der Tourist das nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte
und heruntergekommene Dresden nur deshalb als „schön“ empfand, weil
er immer noch Reste der Wiedererkennbarkeit wahrnehmen konnte, die
sich auf seine kollektiv als „schön“ definierten Veduten im
eigenen Kopf beziehen ließen. Und wenn die Vorstellungen verblassen,
hilft immer noch ein Gang durch die Vedutengalerie im Museum der Alten
Meister.
In der jüngeren Gegenwart tritt an die Stelle der
gemalten Veduten in der kollektiven Erinnerung eine Galerie stereotyper
Photographien, die in ihrer banalsten Form millionenfach auf Postkarten in
alle Welt verschickt werden. Aber auch geschichtliche Ereignisse wie bei der
Französischen Revolution der Sturm auf die Bastille, wie Napoleon in seiner
Gloire und Niederlage, wie die Oktoberrevolution (von der Skeptiker nicht
einmal sicher sind, ob sie nicht nur von Eisenstein als Generalprobe für
seinen Film über den Sturm auf das Winterpalais inszeniert worden ist) oder
die Ausrufung der Weimarer Republik, aber auch Hitlers öffentliche
Selbstinszenierung und Parteitage des Nationalsozialismus und die
verlogenen Olympischen Spiele in Berlin (auf immer verbunden mit der
Bildinszenierung von Leni Riefenstahl) sind in der öffentlichen
Erinnerung repräsentiert und codiert durch eine erstaunlich geringe Zahl
stereotyper Bilder und Bildvorstellungen, die damit auch die ›herrschende
Ästhetik‹ bestimmen. Ebenso stereotyp wird die Erinnerung an ‚große
Persönlichkeiten‘ codiert: Was fällt uns ein bei der Nennung von Namen
wie Einstein (‚Zunge herausgestreckt‘), die ‚großen Drei‘ in Jalta,
Adenauer (,der Alte‘), Ludwig Ehrhard oder Winston Churchill (,mit
Zigarre‘), Willy Brandt (‚Kniefall‘), Beatles, Khomeini... ? Die Personen
und ihre gesellschaftlichen Leistungen, die historischen Realitäten
verschwinden zunehmend hinter Bildstereotypen. Dennoch sind diese
Stereotypien keineswegs zufällig. Die mit den Personen verbundenen
Attribute sind teilweise sehr bewusst inszeniert und mit Werturteilen
verbunden, teils in Extrem wertbeladenen Situationen spontan entstanden
(Brandt am Ghetto-Denkmal in Warschau). Immer jedoch beziehen sich diese
Bild-Stereotypen auf Menschen, denen ein hohes Maß an
Selbstinszenierungs-Fähigkeit nicht abzusprechen ist.
Das Denken in Bildern verdrängt zunehmend
narrative und zeichenhaft-symbolische Codierungen und
Repräsentationen der ›Politischen Kultur‹. Wichtig ist dabei, nicht zu
vergessen, dass eine veränderte Codierung zwar Wirkungskontexte
verändern kann, nicht aber unmittelbar Ausdruck der Änderung der Inhalte
der ›Politischen Kultur‹ ist. Ihre affirmativen und
interessengeleiteten Funktionalisierungen bleiben auch bei Veränderungen
ihrer Codierung bestehen.
Schon lange wird die ›Politische Kultur‹ der
Gegenwart dahin kritisch untersucht, dass zunehmend
selbstreferentielle Kommunikation in einer sich verselbständigenden
Medienwelt die überdimensionierten kommunikativen Infrastrukturen am Leben
erhält und sie im Sinne von Luhmann (1986) als funktionales Subsystem
der Gesamtgesellschaft konstituiert und mit eigenem Ziel- und
Handlungscode versieht. Fernsehen, das sich selbst und sein Personal zum
Ereignis und zur bestimmenden Realität bestimmt und sich als auf sich
selbst bezogen definiert (die klassische ,Prominentenfrage‘ in der
TV-Sendung ›Was bin ich‹: „...natürlich kennen wir Sie aus dem Fernsehen?“,
oder Personen, die außerhalb des Medium eigentlich ,gar nicht vorhanden
sind‘ wie Verona Feldbusch oder die unablässige Folge von
zielgruppenangepassten ‚Retortenbands‘ auf dem TV-Musikmarkt), verliert
jegliche sozialen Kontexte zur Realität und jede Relevanz in Hinblick auf
Handlungs- oder Zukunftsorientierung. Andererseits bestimmt aber diese
fiktionale Medienwelt zunehmend die Bilder der kollektiven Erfahrung (vor
dem Bildschirm) und führt zum „langsamen Verschwinden der Realität“ (Postman).
Neueste Spielart der selbstreferentiellen Kommunikation ist das Internet,
bei dem das öffentliche Bewusstsein eine technische Übertragungskonvention
mit den in dieser Form übermittelbaren Inhalten gleichsetzt. Diese Inhalte
sind aber größtenteils ,Datenmüll‘, dümmliche Selbstdarstellung der Nutzer
oder schlicht Spielereien nach dem ,giga-Prinzip‘ (,garbage in – garbage
out‘); nur dort werden die Internet-Inhalte seriös, wo sie sich mit dem
Medium selbst beschäftigen (oder wo sich damit Geld verdienen lässt, was
of koinzidiert).
Diese Selbstbezüglichkeit charakterisiert aber auch den
längerfristigen Entwicklungsprozess der ›Politischen Kultur‹, in dem eine
Veränderungssukzession erfolgt von der Änderung technischer Potenziale zur
Änderung der Codierungen, die sehr eng interdependent verbunden ist mit der
Änderung der Repräsentation der ›Politischen Kultur‹. Über Prozesse der
Einflussnahme auf selektive Realitätswahrnehmungen, sich verschiebende
Wertdefinitionen und selbstreferentielle „Erfindung einer neuen Realität“
werden durch das kollektive, an den Medien orientierte Verhalten neue
soziale Inhalte geschaffen, die letztlich zum kollektiven
Erfahrungsschatz einer Gesellschaft und damit zum Teil ihrer
›Politischen Kultur‹ werden.
Politik, d.h. der Versuch, Interessen und
Machtansprüche durchzusetzen und zu legitimieren, wird damit zur Aufgabe,
durch entsprechende Bildinszenierungen Zugang zur hermetischen Bilderwelt
der Massenmedien zu erreichen. Die teils professionellen, teils
unfreiwillig komisch-hilflosen Versuche von Politikern, durch
Selbstinszenierung zum Medienereignis zu stilisieren, könnte zum
achselzuckenden Lachen verleiten, wenn nicht...
...jedes gesellschaftliche Verhalten zur
Bildinszenierung werden könnte. Zwei Flugzeuge in bester Beleuchtung als
Kamikaze-Bomben in ausgeklügelter Choreographie ins World Trade Center in
New York fliegen zu lassen, im Voraus wissend, dass jede Phase dieses
Terroraktes als millionenfach verbreitete Bilder ins Bewusstsein der
Menschheit geprägt werden würden, zeigt die handlungsbestimmende
Konsequenz der Dominanz der inszenierten Bilder in der Repräsentation der
›Politische Kultur‹, die damit ein Schritt weiter weltweit universalisiert
wird.
...und sage keiner, in der Konzeption dieses
Verbrechens wäre diese Bildinszenierung eher ein zufälliges Nebenereignis
und es ginge für die Terroristen um die große Zahl der Opfer oder die reale
Zerstörung eines ökonomischen oder politischen Machtzentrums. Es ist
offensichtlich, dass dies nicht der Fall ist. Die Zahl der Opfer hätte ohne
die im Gedächtnis bleibenden Bilder keine langandauernde Wirkung, keinen
amerikanischen „Krieg gegen den Terror” auslösen können, sie ist in
unserer an Kriegen, Massakern und Genoziden reichen Gegenwart eher
alltäglich – was ist Bin Laden gegen Auschwitz? –, mal ganz abgesehen von
der Alltäglichkeit schrecklicher Unfälle; die Ziele des Anschlages sind
andererseits für das Funktionieren von Wirtschaft und Macht in den USA wie
im globalen Bereich eher marginal: Es ging um eben diese Bilder.
Wir müssen uns in der Politischen Bildung fragen
(lassen), wie wir neue realistische, verantwortliche und
zukunftsorientierte Zugänge zur (globalen) sozialen Realität freilegen
können, die durch die Masse der Bilder eher verdeckt als gezeigt, vom
Datenmüll versteckt und nicht erklärt wird. Dabei kann es nicht Ziel sein,
die Medien und die Bildwelten zu ignorieren und auf für Schülerinnen und
Schüler unverständliche ältere Formen der Codierung und Repräsentation
einfach zurückzugreifen, denn auch die problematischen Formen der
visuellen Codierung der ›Politische Kultur‹ sind soziale und
psychologische Entitäten und als solche bestimmend für Handlungs- und
Wertorientierungen der Schülerinnen und Schüler. Hier sollte der Blick
gerichtet werden auf die Möglichkeiten, in diskursiven, einbeziehenden
Methoden das Denken in Mehrebenenmodellen der Realität vorzubereiten und
damit die notwendige Distanzierungsfähigkeit zu den überflutenden
Bildwelten zu erzeugen, die einen selbstbewussten und reflexiven Umgang
mit der eigenen ›Politischen Kultur‹ und ihren Codierungen ermöglicht.
Ausblick
Nach diesen grundsätzlichen und vor allem aus der
Geschichte Mitteleuropas heraus belegten Ausführungen bleiben dennoch
viele Fragen offen, die zum Schluss nur kurz angesprochen und skizziert
werden können.
Folgt man den bekannten sozialisationstheoretischen und
sozialpsychologischen Ansätzen (z.B. von Beck oder Ziehe), findet in der
Gegenwart ein tiefgreifender Wandel der ›Politischen Kultur‹ statt, der
über die traditionellen ›Generationskonflikte‹ hinausgeht, die seit
der bürgerlichen Neuzeit zur Definition des Lebensabschnitts ›Jugend‹
dienen und die wesentlich zur gesellschaftlichen Entwicklungsdynamik
beigetragen haben, da sich eine semantische Verklammerung von ›Jugend‹ und
›Moderne‹ entwickelt hat, die zum inhaltlichen Kernbestand unserer
›Politischen Kultur‹ zählt („Jugendprotest als revolutionärer Anstoß der
Modernisierung”: ›Wartburgfest‹, künstlerische Avantgarde zu Beginn des
20. Jahrhunderts, ‚68er-Generation‘ u.a.). Dieser Wandlungsprozess soll
einzuordnen sein in das kategoriale Koordinatensystem von äußerer
Globalisierung bzw. kultureller Universalisierung einerseits und innerer
Individualisierung andererseits. Dazu schreibt Cas Wouters:
„Im Westen hat die Bedrohung durch Gewalt und Armut im
Zuge der Erweiterung und Integration von politischen, ökonomischen und
kulturellen Interdependenzverflechtungen abgenommen. In diesem Prozess
wurden alle Beteiligten mehr und mehr dazu gezwungen, auf immer mehr
Menschen Rücksicht zu nehmen. Das setzt die Notwendigkeit voraus, sich und
andere genauer und aufmerksamer zu beobachten: ein kulturelles Kapital
der Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis zu akkumulieren. Dies ist nur
durch Introspektion und Identifikation möglich, indem man sich in die
Situation der anderen versetzt und einfühlt.
Aber gerade deswegen sind sowohl das Verlangen als auch
die Möglichkeiten gewachsen, sich innerhalb einer größeren
Identifikationseinheit sei es der von Niederländern, Deutschen, Europäern
oder der ganzen Menschheit von Gruppen zu unterscheiden, zu denen man sich
nicht zählt, und sich somit als Individuum zu profilieren. Das Beispiel
zeigt die Notwendigkeit, im Sinne von Gleichgewichten zu denken: zwischen
Globalisierung und Nationalisierung auf der einen, zwischen Identifikation
und Individualisierung bzw. Profilierung auf der anderen Seite.
Entscheidend für das Verständnis des Wandels in diesem Gleichgewicht ist
die Erkenntnis, dass sich die Menschen nicht nur zu immer mehr Gruppen
zugehörig fühlen, sondern auch zu immer größeren Gruppen oder
Identifikationseinheiten.
Diese Vergrößerung der Identifikationsräume und die
Ausdehnung der Gruppen und Klassen, die sich mehr oder weniger an
denselben Standards orientieren, regt einerseits die individuelle
Profilierung an. Andererseits sind innerhalb jener umfassenderen
Überlebensgemeinschaften oder Identifikationseinheiten sowohl die
individuelle als auch die kollektive Ablehnung von Gewalttätigkeit,
Vernichtung und Demütigung wirkungsvoller geworden. Aus diesem Grund
haben Selbstregulierung oder Affektmanagement, als Machtressourcen und als
Mittel der Konfliktbewältigung sowie als Quellen der Achtung und
Selbstachtung gegenüber den traditionellen Hauptressourcen Gewalt und
Geld an Bedeutung gewonnen.“
Wouters stützt damit die These von einem
grundsätzlichen Wandel der ›Politischen Kultur‹, die er als Bestandteil des Zivilisationsprozesses versteht. Im
Mittelpunkt seiner Argumentation stehen die sich verändernden
sozialstrukturellen Lebenswelten und die Dialektik von Interdependenz und
individueller Behauptung. Wie auch Waldhoff
im Bezug auf die Wandlungen in semiperipheren Gesellschaften betont,
besteht ein dialektischer Zusammenhang zwischen sich globalisierenden
Interdependenzverhältnissen, deren genaue Struktur immer weiter aus der
unmittelbaren Erfahrbarkeit des Einzelnen herausfällt, und dem Zwang zur Individualisierung. Wouters
bezieht als Voraussetzung dieser erforderlichen Individualisierung den
Prozess der durch Homogenisierung erreichten größeren Standardisierung der
Lebens- und Erfahrungswelten und die Durchsetzung des staatlichen
Gewaltmonopols mit ein.
Widersprüchlicher ist die Entwicklung in den
Transformations-Ländern Osteuropas und den europanahen semiperipheren
Regionen. Ein gutes Beispiel für die Wahrnehmungsperspektive eines
grundsätzlichen Wandels der ›Politischen Kultur‹ bieten die großen Städte
Polens. Wie diese Außensicht mit sich wandelnden Selbstidentifikationen
korrespondiert, zeigt ein Artikel über Posen mit dem bezeichnenden Titel
„Im Osten viel Neues: Posen boomt“ (von Antje Bismarck u.a. in der
Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 21.02.02). Es ist interessant, daraus
einige Passagen zu zitieren:
„Weg von den Polenmärkten an der deutschen Grenze und
den schmuddeligen Autohöfen – hinein ins elegante Ambiente der größten
Einkaufswunderwelt in Posen. Ein Aufstieg? Aber sicher. ‚Das ist eine
polnische Karriere dieser Jahrhundertwende‘, sagt der Handy Laden Besitzer
Mariusz Olszak. ‚Immer schauen, wo sich gerade ein Geschäft machen lässt.‘
So, wie er das sagt, schwingt nicht das kleinste bisschen Profitgier mit.
Nur jede Menge Ehrgeiz, Entschlossenheit, Energie.
Energisch, entschlossen, flexibel – es sind längst
nicht nur die jungen Leuten wie der 33 jährige Olszak, die in den
unruhigen Gründerjahren des neuen Polen ihr Leben immer wieder
umgekrempelt haben. In Posen, der Heimatstadt des gelernten Goldschmieds,
scheinen so ziemlich alle 600.000 Einwohner fest entschlossen, ihre
Chance dort zu ergreifen, wo sie sich bietet...
Vor zwölf Jahren, als die Mauer fiel, da richtete sich
der Blick der Posener vor allem auf das nahe Deutschland. Heute ist
‚Europa‘ das Zauberwort im kleinen Zirkel der Industriellen genauso wie
bei den Jugendlichen in den unzähligen Cafes und Musikklubs. Im kommenden
Jahr sollen die Polen in einem Referendum über den Beitritt zur
Europäischen Union entscheiden. Derzeit sind den Meinungsumfragen zufolge
nur 54 Prozent der Bevölkerung dafür – und die EU orientierten Städter
fürchten, dass am Schluss die verunsicherten Bauern den Beitritt bis auf
weiteres verhindern werden.“
Interessant ist die Deutlichkeit, wie die Disparitäten
der Entwicklung dargestellt werden: Kultureller Wandel ist regional und
sozialstrukturell fragmentiert und spiegelt daher sehr konkret den Wandel
der gruppenspezifischen Lebenswelten wieder, was aber nicht bedeutet, dass
die unterströmigen Bestandteile der traditionellen ›Politischen Kultur‹
nicht mehr verfügbar und aktualisierbar wären. Das zeigen z.B. sehr
deutlich die Wahlergebnisse zum Sejm im Herbst 2001, in denen
traditionalistisch-rurale bis reaktionär-klerikale Splitterparteien eine
doch bemerkenswerte Minderheit der polnischen Wählerschaft repräsentieren.
Auch in der Türkei lassen sich vergleichbare
Beobachtungen anstellen, die als fundamentaler Wandel der ›Politischen
Kultur‹ – wenn auch in sich widersprüchlich und durch soziale und
regionale Konflikte fragmentiert – interpretieren lassen. Das Leben der
türkischen Mittelschichten in Istanbul oder Ankara ist zwar durch
aktuelle Sorgen über die krisenhafte ökonomisch-politische Entwicklung
des Landes belastet, aber ansonsten an ‚westlichen‘ Lebensstilen und
Lebensentwürfen orientiert, ebenso auf eine zukünftige EU-Mitgliedschaft
fixiert wie die dynamisch-jugendlichen Mittelschichten in Poznan.
Dass sich aber auch bei prinzipiell aus
religiös-konventionellen Fundierungen heraus kulturell konservativ
eingestellten Bevölkerungsschichten ein Wandel der ›Politischen Kultur‹
andeutet, zeigen die teilweise durchaus an den Lebenswelten der Moderne
orientierten politischen Vorstellungen und Wandlungen der starken
islamistischen Partei, die in Istanbul seit der letzten Wahl u.a. einen sehr
erfolgreich agierenden Oberbürgermeister stellt.
Noch deutlicher wird diese Widersprüchlichkeit im Blick
auf die zentralanatolische mittlere Großstadt Konya, in der die
‚islamistische Renaissance‘ politisch wie kulturell fokussiert ist. Der
politische Islam wird hier von einer traditional-konservativen
Mittelschicht und Geschäftswelt
getragen und von Intellektuellen der Universität in ihrem Entwurf einer
islamischen Moderne begleitet und fundiert. Dass diese Besonderheit in
beiden Aspekten eine Antwort auf den Wandel der Lebenswelten in der Türkei
und damit nur aus der konkreten Situation heraus zu verstehen ist, zeigen
einige Anmerkungen, die der Autor kürzlich für einen geographischen
Unterrichtsentwurf über Konya zusammengefasst hat (Voigt, 2001e):
„Konya macht in der Zeit des osmanischen Sultanats eine
lange Periode des Zerfalls und Bedeutungslosigkeit durch. Das Zentrum des
Osmanischen Reiches verschob sich von Anatolien nach Istanbul und
orientierte sich an Europa. Anatolien wurde zur Peripherie, eine Prozess,
der erst durch die Verlegung der Hauptstadt 1924 nach Ankara teilweise
wieder aufgehoben wurde. Nur durch das Bestehen des Mêvlevi-Ordens, der am
Sultanshof politische Bedeutung gewonnen hatte, konnte sich ein Gefühl
weiter bestehender kultureller Identität und Überlegenheit in der Stadt
Konya halten. In der Zeit der Gründung der Türkischen Republik durch
Atatürk (nach 1924) wurde der Derwisch-Orden im Rahmen der Säkularisierung
verboten. Diese „kulturelle Kränkung“ Konyas verstärkte den Antagonismus
zur übrigen türkischen Entwicklung, bot aber nach dem Zweiten Weltkrieg
Anknüpfungspunkte einer »alternativen Modernisierung«.
Mit der Gründung der Selçuk-Universität und ihren
modernen Arbeitsschwerpunkten in den modernen Technologien und der
Umweltforschung wurde versucht, eine neue Integration von
politisch-islamischen Traditionalismus, was Wertvorstellungen und ethische
Orientierungen angeht, mit technologischer und wissenschaftlicher
Modernität – und Weltoffenheit! – zu verbinden. Dieses »islamistische
Selbstverständnis« in der Türkei weicht deutlich vom islamischen
Fundamentalismus z.B. in Nordafrika ab. Dafür ist Konya ein gutes
Beispiel... Erklärungsansätze dazu liefert die Geschichte der
Peripherisierung Südanatoliens und der sozialpsychologische Antagonismus
zu den in der Osmanischen Zeit ausgebildeten zentral-peripheren
Strukturen. Zusammenfassend kann am Beispiel Konyas die Bedeutung von
Imagestereotypen und historischen Benachteiligungen für die
Modernisierungspotentiale und ihre Widersprüchlichkeiten in der heutigen
Zeit entwickelt werden“ (leicht überarbeitet, G.V.).
Aus diesen Beobachtungen heraus lassen sich aber auch
relativierende und problematisierende Fragestellungen ableiten. Gegen die
These eines ›fundamentalen Wandels der
Politischen Kultur‹ die nach unseren allgemeinen Überlegungen
zumindest überraschend wäre und ein neues, zu untersuchendes Phänomen
darstellen würde, stehen einige irritierende Befunde:
-
Kontroverse politisch-soziale Grundeinstellungen mit
starker Wertbesetzung wie in dem Konflikt zwischen laizistischen
Kemalisten und traditionalistischen Islamisten in der Türkei verlieren
ihren antagonistischen Charakter, wenn man analytisch in die
Binnenstrukturen eindringt und z.B. die islamistische ‚Moderne‘ in Konya
mit ins Blickfeld nimmt. Die Modernisierungskonzepte sind zwar
kontrovers begründet, in ihrer gesellschaftlichen Repräsentation
nähern sie sich aber einander an und zeigen so, dass sie letztlich
Modifikationen der umfassenderen türkischen ›Politischen Kultur‹ sind
und dass die islamistischen Reformer wenig zu tun haben mit der
Ausformung der ›Politischen Kultur‹ in den ruralen Peripherien z.B. in
Südostanatolien, bei denen es sich für Semiperipherien typische
Reliktformen aus Entwicklungsphasen vor den modernen Prozessen des
›nation building‹ handelt.
-
Der Wandel ist gruppenbezogen und hat eine deutlich
Affinität zum sozioökonomischen Wandel und den Transformationsprozessen,
die sich derzeit in Polen wie in der Türkei schnell und nachhaltig
vollziehen. Damit entstehen soziale und regionale Disparitäten, bei denen
dennoch nicht von einer Nebeneinander-Existenz verschiedener
›Politischer Kulturen‹ gesprochen werden kann.
-
Die beobachteten Wandlungen der ›Politischen Kultur‹
sind spezifischen Schichten der inneren gesellschaftlichen Stratigraphie
zuzuordnen. Dass sozioökonomisch wie politisch-kulturell aber die soziale
Stratigraphie in diesen Fällen nicht das Nebeneinander-Existieren
verschiedener Gesellschaften bedeutet, sondern ein strukturelles
gesellschaftliches Binnenphänomen ist, muss von einer übergreifenden
kulturellen Klammer ausgegangen werden.
Im Zusammenhang mit unserem Thema interessieren, das
sei am Rande noch bemerkt, natürlich weniger die Zustände tatsächlicher
gesellschaftlicher Anomie oder auch die über gewisse Zeiträume hin
strukturell wirksam bleibenden Überschichtungs- und
Unterschichtungsphänomene der interkulturellen Migration. Es wäre daher ein
eigenes Thema, die Enkulturationsprozesse intergenerationell in Hinblick
auf die schrittweise Integration – oder auch kulturellen
Homogenisierung – der ›Politischen Kultur‹ zu untersuchen. In beiden
Fällen kann wohl temporär auf das Fehlen einer kulturellen Klammer und das Nebeneinander-Existieren
unterschiedlicher ›Politischer Kulturen‹ geschlossen werden. Äußerlich
repräsentiert sich dies durch räumliche Segregation, Ghettoisierung oder
auch das Entstehen von Bürgerkriegsfronten, wie in der hochgradig
anomisierten Gesellschaft im libanesischen Bürgerkrieg oder im Krieg
zwischen Israelis und Palästinensern. Doch können gerade diese
Konfliktsituationen mit der Kategorie des Kulturwandels nicht erfasst
werden und fallen so aus unseren Überlegungen heraus.
Hier ist der Wandel in Gesellschaften zu thematisieren,
der sich auf der Grundlage einer zweifellos bestehenden ›Politischen
Kultur‹ vollzieht. Die folgenden Interpretations-Stichpunkte sollen die
weitere Diskussion anregen und sind damit vorläufig und noch wenig
konsistent – also zunächst einmal offene Fragestellungen. Ihre
Entscheidbarkeit ist aber derzeit nicht in hinreichendem Maße gegeben und
fordert neue kulturwissenschaftliche und soziologische Forschungen heraus:
-
Gerade in den Transformations-Ländern und den
Semiperipherien vollziehen sich auffällige Wandlungen im
Alltagsverhalten und in den manifesten Wertorientierungen, die eine
These vom grundsätzlichen Wandel der ›Politischen Kultur‹ zu
stützen scheinen. Es ist daher zu untersuchen, in wie weit dieser
‚offensichtliche‘ Befund durch die ›Außenwahrnehmung‹
verursacht oder verstärkt wird, wenn in den globalen sozioökonomischen
Zentren ein entsprechender Wandel eher gegenüber der
‚identitätsstiftenden Einheitsthese‘ als sekundär eingestuft wird.
-
Schwer abzuschätzen ist auch die Bedeutung des
Übergangs von ruralen bzw. feudalen Lebenswelten, deren
bewusstseinsprägende Funktion historisch-soziologisch und in der
Zivilisationsforschung gut dokumentiert ist, zu modernen handels- und
industriegesellschaftlichen Lebenswelten. Da diese Übergänge sich auch
heute noch in den Peripherien und Semiperipherien vollziehen, wäre eine
Untersuchung sinnvoll, in wie weit sich in dieser Phase ›Politische
Kultur‹ tatsächlich ändert, durch neue kollektive Erfahrungen ergänzt und
überlagert oder in ihren Bedeutungsgehalten umgedeutet wird. Dies wäre
eine genauere Erforschung des interdependenten Verhältnisses Zehs den
Inhalten der ›Politischen Kultur‹ und ihrer Codierung und
Repräsentation.
-
Gesellschaftliche Wandlungsprozesse sind im
Koordinatenfeld von Globalisierung, Universalisierung und
Individualisierung anzusiedeln. Das überall aufscheinende Wertpotenzial
unterströmiger Alternativen zeigt aber, dass die kulturelle Realität auf
die globalen Wandlungsprozesse vielfältiger und differenzierter, aber
auch weniger determiniert reagiert als es auf den ersten Blick erscheint.
Diese Spannungsbögen beziehen auch wieder die Potenziale der
herkömmlichen ›Politischen Kultur‹ mit ein.
-
Wandlungen der ›Politischen Kultur‹ sind damit sowohl
als Entwicklung, Anpassung und als neue Akzentuierung im gegebenen Rahmen
der kollektiven historischen Erfahrung zu interpretieren. Welche
konkreten Traditionen dieses kollektiven Gedächtnisses aber aktualisiert
werden, ist in hohem Maße situativ und durch Herrschaftsinteressen
funktionalisierbar bestimmt. Der politische Machtkampf bedeutet auch,
bestimmte Realitätssichten durch Rekurs auf Segmente aus dem Repertoire
der herrschenden ›Politischen Kultur‹ Bedeutungs- und Wertfelder zu
besetzen und damit die eigenen, wertbesetzten Realitätssichten
durchzusetzen.
-
Bisherige Zivilisationsforschung musste seit Elias als ‚neue Wissenschaft‘
zunächst historisch-retrospektiv arbeiten. Die methodische Gefahr dabei
ist, dass heutige Forschungsinteressen, die sich an den politischen und
sozialen Konflikten der Gegenwart herausgebildet haben, gegenüber den
historischen Perspektiven notwendigerweise selegierend und
interpretierend auswirken.
Daher wäre es eine dringende wissenschaftliche Aufgabe,
den Wandlungen der ›Politischen Kultur‹ im interkulturellen
Spannungsrahmen in einem langfristig angelegten soziologischen
Forschungsprogramm einer empirisch-prospektiven Längsschnitt-Untersuchung
nachzugehen, in der Hoffnung, dass zumindest die kommenden Generationen
einen weniger spekulativen Zugriff zur Thematik des Wandels der eigenen und
der fremden ›Politischen Kultur‹ entwickeln können.
Literatur
Almond, Gabriel A. / Powell, B. G.,
1956: Comparative Politics. Boston.
Almond, Gabriel A. / Verba, Sidney,
1963: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Fife Nations.
Princeton.
Almond, Gabriel A., 1956: Comparative
Political System. In: Journal of Politics, XVIII.
Almond, Gabriel A., 1983: Communism
Hand Political Culture Theorie. In: Comparative Politics, Bd. 15, Nr. 2,
Januar 183.
Antes, Peter, 1996:
Selbstverständnis und Weltbild des »Politischen Islam« in der modernen
Welt. In: politik unterricht aktuell 1-2/1996, Hannover: 1-6.
Antes, Peter, 1997: Der Islam
als politischer Faktor. Hannover.
Assmann, Jan, 2001: Eine
deutsche Neurose? Replik auf Karl Heinz Bohrers „Erinnerungslosigkeit“.
Frankfurter Rundschau, Nr. 142, Freitag, 22. Juni 2001.
S. 19. Feuilleton.
Bahrdt, H. P., 19692.:
Die moderne Großstadt, Hamburg.
Bahrdt, H. P., 1974:
Umwelterfahrung, München.
Barker, R. G.,
1963: The Stream of Behaviour, New York.
Behrmann, Günter C., Hrsg.,
1979: Politische Sozialisation in entwickelten Industriegesellschaften,
Bonn.
Bolte, Karl Martin, 1974³:
Soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland. In: K. M. Bolte /
D. Kappe / F. Neidhardt, 19743: Soziale Ungleichheit.
Struktur und Wandel der Gesellschaft, Opladen.
Boulboullé, Guido, et al.,
Hrsg., 1982: Florenz – Ein Reisebuch. Frankfurt am Main.
Brumlik, Micha, 1973: Der
Symbolische Interaktionismus und seine pädagogische Bedeutung, Frankfurt/M.
Breit, Gotthard, 1996: Kann die
,Westorientierung‘ der politischen Bildung die Grundlage für einen
inhaltlichen Konsens bieten? In: Schiele, Siegfried / Schneider,
Herbert (Hrsg.): Reicht der Beutelsbacher Konsens? Schwalbach, 81-106.
Claußen, Bernhard, 1981:
Methodik der politischen Bildung. Von der pragmatischen
Vermittlungstechnologie zur praxisorientierten Theorie der Kultivierung
emanzipatorischen politischen Lernens, Opladen.
Claußen, Bernhard / Wellie, Birgit,
Hrsg., 1996: Umweltpädagogische Diskurse. Sozialwissenschaftliche,
politische und didaktische Aspekte ökologiezentrierter Bildungsarbeit,
Frankfurt am Main.
Claußen, Bernhard, 1989:
Politische Sozialisation durch Massenmedien und die Vermittlung von
Vorstellungen über fremde Völker, Gesellschaften und Nationen. In: Schmidt-Sinns, Dieter, Red., 1989: Völker und Nationen im Spiegel der
Medien, Bonn: 67-97.
Claußen, Bernhard, 2001b:
Plädoyer für problemorientierte Politische Bildung im Interesse
menschenwürdigen Überlebens durch materiale Demokratie, soziale
Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung: Überlegungen zu einer
theoretischen Plattform. In: »politik unterricht aktuell«, Heft 1-2/2001
Supplement. Verband der Politiklehrenden, Hannover.
Dalos, Geörgy, 1979: Meine Lage
in der Lage. Gedichte und Geschichten. Berlin.
Davis, Allison /
Gardner, Burlight B. / Gardner, Mary R., 1957: Deep South: A
Social-Anthropological Study of Caste and Class. Zitiert nach: J .A.
Kahl, 1957: The American Class Structure. New York: 31. In: Steinert, Heinz,
Hrsg., 1973: Symbolische Interaktion. Arbeiten zu
einer reflexiven Soziologie. Stuttgart (Ernst Klett).
Durth, Werner, 1977: Die
Inszenierung der Alltagswelt. Zur Kritik der Stadtgestaltung,
Braunschweig.
Elias, Norbert, 1990 (1976):
Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und
psychogenetische Untersuchungen. Erster Band, 1969, Frankfurt am Main.
Elias, Norbert / Scotson,
John L., 1993: Etablierte und Außenseiter. Frankfurt/M.
Geiger, Theodor, 1974:
Vorstudien zu einer Soziologie des Rechts, Neuwied/Berlin.
Glaser, Hermann, 1991: Kleine
Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1989. Bundeszentrale
für politische Bildung. Bonn.
Goffman, E., 1971: Verhalten in
sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen
Raum. Gütersloh.
Goffman, E., 1971²:
Interaktionsrituale. Frankfurt/M.
Goffman, E., 1973: Wir alle
spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München.
Goffman, E., 1973²: Interaktion:
Spaß am Spiel. Rollendistanz. München.
Gottschalch, Wilfried, 1977:
Schülerkrisen. Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten.
Reinbek.
Gronemeyer, Marianne, 1983: Acht
wichtige Sätze und warum ich für ihr Gegenteil Plädiere. In: Beck, J.,
u.a., 1983: Das Recht auf Ungezogenheit. Reinbek.
Gronemeyer, Reimer, 1985:
Innergesellschaftliche Konflikte und Ethik. Hunger und Krieg – Brot und
Frieden. In: Neumann, Franz, Hrsg., 1985: Politische Ethik,
Baden-Baden: 152-188.
Hansen, Klaus P., 1995: Kultur
und Kulturwissenschaft. Eine Einführung, Tübingen/Basel.
Hartfiel, Günther, (Hrsg.), 19723:
Die autoritäre Gesellschaft, Opladen.
Haug, Frigga, 1978: Zur
Kritik der Rollentheorie. Frankfurt am Main.
Hughes, E. C.:
Men and Their Work, Glencoe.
Jacobs, Jane, 1963: Tod und
Leben großer amerikanischer Städte. Gütersloh und Berlin.
Joas, Hans, 1980: Rollen- und
Interaktionstheorien in der Sozialisationsforschung. In: Hurrelmann, K. /
Ulrich, D., (Hrsg.), 1980: Handbuch der Sozialisationsforschung
Weinheim.
Kerner, Ina, 2001: Denken ohne
Geländer, Frankfurter Rundschau, 30.10.2001.
Kraushaar, Wolfgang / Rutschky,
Katharina / Vogl, Joseph / Kermani, Navid, 2001: Wir brauchen eine neue
Wahrnehmungslehre. Frankfurter Rundschau 06.11.2001.
Krippendorff, Ekkehart, 1985:
Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft. Frankfurt am
Main (edition suhrkamp 1305).
Kürşat-Ahlers, Elçin, 1995: Die
Brutalisierung von Gesellschaft und Kriegsführung im Osmanischen Reich
während der Balkankriege (1903-1914). Brutalisierung der Gesellschaft und
literarische Intelligenz. In: Gestrich, A., Hg., 1995: Gewalt im
Krieg: Ausübung, Erfahrung und Verweigerung von Gewalt in Kriegen des 20.
Jahrhunderts. Münster 1995. S. 51-74.
Leiris, Michel, 1977: Die eigene
und die fremde Kultur, Frankfurt am Main.
Levi, Primo, 1986: Wann, wenn
nicht jetzt? Roman. München.
Lévi-Strauss, Claude, 1977:
Traurige Tropen, Frankfurt.
Liebow, Elliot, 1973: Über die
schlechte Arbeitsmoral und die mangelnde Zukunftsperspektive der sozial
Ausgeschlossenen. In: Steinert, Heinz, (Hrsg.), 1973: Symbolische
Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie: 213-225.
Linton, R.,
1945: The Cultural Background of Society, New York.
Luckscheiter, Roman, 2001: Der
König als Allegorie des Ich. Frankfurter Rundschau, 25.09.2001.
Luhmann, Nikolas, 1975: Macht.
Stuttgart.
Luhmann, Nikolas, 1986:
Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf
ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen.
Luhmann, Nikolas, 1985: Soziale
Differenzierung. Zur Geschichte einer Idee. Opladen.
Lynch, Kevin, 1968: Das Bild der Stadt. Gütersloh.
Markiewicz, Tomasz, 2002:
Die
politische Kultur der Polen nach der Wende. In: Vortrag auf der Tagung
„Polnische Nationalkultur“ der Deutsch-polnischen Gesellschaft
10./11.11.01; (im vorliegenden Band enthalten).
Markiewicz, Władislaw, 1979: Der
Begriff „Politische Kultur“ in der polnischen Politikwissenschaft. In:
Behrmann, Günter C., (Hrsg.), 1979: Politische Sozialisation in
entwickelten Industriegesellschaften. Bonn: 174-182.
Merton, Robert
K., 1957: The Self-Fulfilling Prophecy. In: Kapitel 11. Social Theory
and Social Structure, rev. ed., Glencoe.
Merton, Robert K.,
1957: Social Theory and Social Structure. Glencoe/Ill.
Metzger, Albrecht, 2001: Noch
ein Zentrum des weltweiten Heiligen Krieges? Frankfurter
Rundschau, 26.09.2001.
Miller, W.,
1958: Lower Class Culture as a Generating Milieu of Gang Delinquency,
Journal of Social Issues, 14, 1958.
Moore, H. / Kleining, G.: Das
soziale Selbstbild der Gesellschaftsschichten in Deutschland. In: Kölner Zs.
f. Soziologie und Sozialpsychologie. Bd. 12: 87 f.
Muchembled, R., 1990: Die
Erfindung des modernen Menschen. Gefühlsdifferenzierung und kollektive
Verhaltensweisen im Zeitalter des Absolutismus. Reinbek bei Hamburg.
Nettelmann, Lothar / Voigt,
Gerhard / Plavšić, Vesna / Holm, Helena, 2001:
Zur
Bestimmung des Begriffes einer »Staatsgesellschaft«. Eine Einführung. In:
Gerhard Voigt, Hrsg., 2002:
»Staatsgesellschaft«.
Historisch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur Diskussion von
Entwicklungen, Problemen und Perspektiven. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs
für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. Materialien
zur Didaktik der Interkulturellen Bildung. Didaktische Reihe Heft 1.
Hannover: 81-113.
Nettelmann, Lothar / Voigt,
Gerhard, 1986:
Polen – Nation ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik,
Wirtschaft, Kultur und Umwelt. München.
Nettelmann, Lothar, 2001:
Aspekte zur Anwendung des Prinzips der Macht im Politikunterricht.
Bisher vernachlässigt: Machttheoretische Ansätze im Politikunterricht.
politik unterricht aktuell (Verband der Politiklehrer e.V., Hannover), Heft
1-2/2001: 61-65.
Norberg-Schulz, C., 1965: Logik
der Baukunst. Berlin.
Papcke, Sven, 1983: Gibt es eine
kulturelle Identität der Deutschen? In: Weidenfeld, Werner, (Hrsg.),
1983: 248-273: Die Identität der Deutschen. Studien zur Geschichte und
Politik, Bonn.
Parsons, Talcott,
1951: The Social System, Glencoe.
Parsons, Talcott,
1953: The Social System. Glencoe, Ill.
Parsons, Talcott,
1968: The Structure of Social Action, Vol. I und II. New York.
Peye, Lucian W. / Verba, Sidney, Hrsg., 1965: Political Culture Hand Political
Development. Princeton.
Popitz, Heinrich, 1968: Prozesse
der Machtbildung. Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart, Tübingen.
Proshansky, u.a.,
Hrsg., H. M., 1970: Environmental Psychology. Man
and his Physical Setting. New York.
Rainwater, Lee,
1965: Work and Identity in the Lower Class. Zitiert in Liebow, Elliot,
1973.
Rosenthal, Robert
/ Fode, K. L., 1963: The Effect of Experimenter Bias on the Performance
of the Albino Rat. Behavioral Science, 8.
Rosenthal, Robert / Jacobsen,
Leonore, 1966: Lehrererwartungen als Determinanten der IQ-Gewinne
ihrer Schüler, zitiert nach: Steinert 1973: 208-212.
Rosenthal, Robert
/ Lawson, R., 1964: A Longitudinal Study of Experimenter Bias on the
Operant Learning of Laboratory Rats. Journal of Psychiatric Research, 2,
1964.
Ruesch, J. / Kees,
W., 1970: Function and Meaning in the Physical Environment. In: Proshansky, u.a., Hrsg., H. M., 1970: Environmental Psychology. Man and
his Physical Setting, New York: 144 ff.
Sacks, Oliver, 1987: Der Mann,
der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Reinbek.
Schetter, Conrad, 2001: Die
gefährliche Ethnisierung eines Konflikts. Die politischen Realitäten in
Afghanistan werden verzerrt wahrgenommen, Frankfurter Rundschau, 30.10.2001.
Schmidt-Sinns, Dieter, Red.,
1989: Völker und Nationen im Spiegel der Medien, Bonn.
Schmücker, Reinhold / Hering, Rainer,
1994: Über Patriotismus, Nationalpatriotismus und die Suche nach Identität
als Ausweg aus Unübersichtlichkeiten. Rechtsphilosophische Hefte, Juni
1994.
Smolicz, J. J., 1983:
Verinnerlichte Werte und kulturelle Identität. In: Nitzschke, Volker,
Hg., Multikulturelle Gesellschaft – multikulturelle Erziehung? S.
29-48, Stuttgart..
Steinert, Heinz, Hrsg., 1973:
Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie. Stuttgart.
Strauss, A. /
Wohl, R., 1958: Symbolic Representation and the Urban Milieu. In:
American Journal of Sociology, Nr. 5/1958: 523f.
Strauss, A., 1968: Spiegel und
Masken. Auf der Suche nach Identität. Frankfurt/M.
Mac Partland, Th. S. / Cumming, John H., 1973: Selbstkonzept, soziale Schicht und psychische
Gesundheit. In: Steinert a.a.O., S. 175 ff.
Thomas, Christian, 2001: Totale
auf den Krieg. Frankfurter Rundschau, 15. 09. 2001., S. 19.
Thomas, W. I., 1965: Person und
Sozialverhalten. Neuwied und Berlin.
Tjaden, K. H., 1972: Soziales
System und sozialer Wandel, Stuttgart.
Treuheit, Werner, u. a., 1990:
Bildung für Europa. Interkulturelles Lernen in Jugendbegegnungen. Opladen
und Bonn.
Treuheit, Werner, 1991:
Interkulturelles Lernen im politischen Unterricht als Akkulturationshilfe.
In: Voigt, Gerhard 1993, Interkulturelles Lernen.
Treuheit, Werner, 1993:
Interkulturelles Lernen im politischen Unterricht als
Akkulturationshilfe. In:
politik unterricht
aktuell, Sonderheft 1993. Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Heft 5. Rekonstruiert / restauriert Juli 2011
Treuheit, Werner
/ Lawson, R., 1964: A Longitudinal Study of Experimenter Bias on the
Operant Learning of Laboratory Rats. Journal of Psychiatric Research, 2,
1964, 61-72.
Treuheit, Werner / Otten,
Hendrik, 1986 Akkulturation junger Ausländer in der Bundesrepublik
Deutschland. Opladen.
Treuheit, Werner / Otten,
Hendrik, 1993:
Theoretische Grundlagen der Akkulturationsdidaktik. In:
politik unterricht
aktuell, Sonderheft 1993. Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Heft 5. Rekonstruiert / restauriert Juli 2011
Uexküll, J. von, 1973
:Theoretische Biologie. Frankfurt/M.
Verba, Sidney
/ Nie, Norman H. / Jae-on-Kim, 1971: The Modes of Democratic
Participation. Beverley Hills/Cal.
Verba, Sidney
/ Nie, Norman H., 1972: Participation in America. New York.
Verba, Sidney,
1965: The Remaking of Political Culture. In: Peye, Lucian W. /
Verba, Sidney, Hrsg., 1965: Political Culture Hand Political
Development. Princeton: 130-171.
Voigt, Gerhard / Fuchs, Günter /
Eilers, Wilfried, 1978: Sozioökologie. Gesellschaftliche Probleme in
einer sich wandelnden Umwelt. Handreichungen für den Sekundarbereich II.
Hrsg. vom Niedersächsischen Kultusminister, Hannover, Folge B 4, Band
1: 89-209.
Voigt, Gerhard, 1978a:
Sozioökologie – Ein Kursentwurf. In: W. Fichten / W. Schramke / J.
Strassel, 1978: Geographie als politische Bildung. Beiträge und
Materialien für den Unterricht. Geographische Hochschulmanuskripte Heft 8.
Göttingen, Mai 1978 (Gesellschaft zur Förderung regionalwissenschaftlicher
Erkenntnisse e.V., Oldenburg. – Ergebnisse einer Tagung in der HVHS Rastede
9.-11.12.1977.
Voigt, Gerhard, 1978b:
Behandlung des Rahmenthemas »Die Stadt« in der S II. Geographische
Rundschau, Jahrgang 30, Heft 7, Juli 1978: 271-277.
Voigt, Gerhard, 1980:
Ökologische Probleme im Unterricht: Auf dem Weg zur Sozioökologie. Versuch
eines integrativ-sozialwissenschaftlichen Ansatzes. Politische Didaktik
6/2: 71-98.
Voigt, Gerhard, Hrsg., 1993:
Interkulturelles Lernen. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 5. Hannover.
Voigt, Gerhard, 2001a:
Widerständigkeit als Gültigkeitsproblem der Politischen Bildung. Krisen und
Konfliktfelder zwischen Universalisierungsanspruch und Nationfixierung. In: Claußen, Bernhard / Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard,
Hrsg., 2001: Krise der Politik – Politische Bildung in der Krise?
Glienicke/ Berlin / Cambridge/Massachusetts: 207-234.
Voigt, Gerhard, 2001b: Merksätze
zu Popitz: Prozesse der Machtbildung. Hinweise für die Diskussion des
Textes im Unterricht. ›politik unterricht aktuell‹, Heft 1-2/2001: 66-70.
Voigt, Gerhard, 2001c: Zur
Begriffsbestimmung von „Staat” und „Staatsgesellschaft”. Anmerkungen zur
begrifflichen Differenzierung. In: Gerhard Voigt, Hrsg., 2002:
»Staatsgesellschaft«. Historisch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur
Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Perspektiven. Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V. Materialien zur Didaktik der Interkulturellen Bildung. Didaktische
Reihe Heft 1. Hannover: 21-67.
Voigt, Gerhard, 2001e:
Perspektiven der Politischen Bildung in der Gegenwartsepoche: didaktische
und methodische Akzente für die Praxis als Beitrag zur Krisenbewältigung
der Politik. In: Claußen, Bernhard / Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard,
(Hrsg.), 2001: 331-462.
Voigt, Gerhard, 2001e: Konya.
Die „andere“ Stadt. Geographie Heute, 22. Jahrgang, Heft 188, März 2001:
32-35.
Waldhoff, Hans-Peter, 1995:
Fremde und Zivilisierung. Wissenssoziologische Studien über das
Verarbeiten von Gefühlen der Fremdheit. Probleme der modernen
Peripherie-Zentrums-Migration am tükisch-deutschen Beispiel. Frankfurt am
Main.
Weidenfeld, Werner, Hrsg., 1983:
Die Identität der Deutschen. Studien zur Geschichte und Politik. Bonn.
Wouters, Cas, 1994:
Konformitätsdruck und Profilierungszwang. Zwischen Identifikation und
Individualisierung. Frankfurter Rundschau, 11.01.1994, S. 10.
Anmerkungen
Inhalt
Begriffliche Grundlagen
Politische Kultur und Herrschaft
Identität: Ein
affirmatives Konzept
Identität und Selbstbild
Veränderungen in der Codierung der Politischen Kultur
Ausblick
Literatur
Anmerkungen
Impressum
für diese Seite |
|