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Meine Damen und Herren,
Ich bedanke mich für diese Einladung und begrüße ihr
Interesse an einem seit dem 11. September nicht mehr zu verdrängendem
Problem, mit dem wir alle existentiell konfrontiert sind. Ich deute solche
Zusammenkünfte als Zeichen einer wachsenden Sensibilität für die
zwischenmenschlichen und interkulturellen Probleme, die sich als Folge der
zunehmenden Globalisierung der Interdependenzen der Menschen ergeben.
Diese Globalisierung, die stets einhergeht mit sozialen Auf- und
Abstiegsprozessen von Menschen als Einzelne und Gruppen, verschärft
nicht nur die Spannungen und Konflikte der zwar nationalstaatlich
organisierten, aber ethnisch oder konfessionell segmentierten Menschen als
Etablierte und Außenseitergruppen; sie ermöglicht zugleich auch eine
entsprechende Erweiterung der Bezugsrahmen der Selbsterfahrung der Menschen
und der damit einhergehenden Reichweite der Identifizierung von
Mensch und Mensch jenseits der jeweiligen Gruppenzugehörigkeit. Dies ist die
unabdingbare Voraussetzung einer globalisierten Empathie, der
Fähigkeit, sich in die Lage fremder Menschen zu versetzen, um sie mit ihren
Ängsten und Nöten verstehen zu können. Die handlungssteuernden Zwänge
anderer Menschen zu erklären und sie so zu verstehen, bedeutet jedoch nicht,
sie zu entschuldigen.
In meinem Vortrag geht es um solch einen
Erklärungsversuch, der die global vernetzt operierenden militanten
Islamisten und ihre Selbstmordattentate paradigmatisch untersucht. Dabei
geht es mir nicht um die Gestaltähnlichkeit der Selbstmordattentate,
sondern um ihre Funktionsähnlichkeit, sind doch die Motive der
Selbstmordattentäter vielfältig. Dies zeigt sich schon, wenn man
allein die unterschiedlichen individuellen Motive zweier
gescheiterter palästinensischer Selbstmordattentäter vergleicht, die in den
israelischen Gefängnissen interviewt wurden. Sie repräsentieren die zwei
Pole eines Spektrums von Motivlagen der Selbstmörder, „egoistische“ und
„altruistische“. Während die eine bloß den Tod ihres Freundes zu rächen
beabsichtigte, wollte der andere an einem als heilig erklärten nationalen
Befreiungskampf teilnehmen, wofür er sich als Märtyrer den Zugang zum
Paradies versprochen hatte.
Dabei ist der erwartete Zugang zum Paradies nur die Kompensation für
das erbrachte individuelle Opfer, für die Unterwerfung unter das
national und religiös höchste Gebot, nicht aber der Zweck seiner
Handlung. Dies kam z.B. zum Ausdruck, als der altruistische
Selbstmordattentäter vom israelischen Verteidigungsminister gefragt wurde,
warum er Selbstmord begehen wolle. Er lehnte dies entschieden als
Unterstellung ab: „Das ist nicht korrekt. Ich wollte nicht Selbstmord
begehen. Ich wollte einen Märtyrer-Tod sterben. Ich wollte die Auszeichnung
erhalten. Ich verbrachte einen Monat in der Moschee. Ich habe dort
gelernt, wie wichtig es ist ein Märtyrer zu sein. Es ist das
erhabenste Ziel. Es ist sehr wichtig für die Palästinenser, sowohl
national als auch religiös. Es ist das Größte und Heiligste, was man tun
kann. Und dann man erhält alle Belohnungen im Paradies“.
Hier begegnet man der Wirkung der durch die
Gruppenmeinung repräsentierten Kontrolle der Selbstregulierung der
individuellen Mitglieder. Diese religiös
geprägte Gruppenmeinung der Palästinenser über altruistischen Selbstmord
wird hier hervorgehoben als national und religiös gefordertes und
gefördertes individuelles Handlungsziel, woran sich der Selbstmordkandidat
auszurichten verpflichtet fühlt. Die individuelle Selbstregulierung der
Einzelnen wird also auch hier in der Bahn gehalten nicht nur durch
befriedigende Teilhabe am höheren menschlichen Wert der Gruppe und die
entsprechende Erhöhung der individuellen Selbstliebe und Selbstachtung,
zu der die Anerkennung in der Gruppenmeinung das ihre tut, sondern
auch zugleich durch die Zwänge, die sich jedes Mitglied der Gruppe im
Einklang mit den gemeinsamen Normen und Standards selbst auferlegt, bei
Strafe des Verlusts der genanten Gratifikation.
Allerdings neigt hier die Balance zwischen den Selbst- und Fremdzwang
entsprechend der Art und Grad der Individualisierung zugunsten des
letzteren.
In der Tat ist wie in jedem
zivilisationsbegründenden normativen Selbstbild der Menschen als
Einzelne und Gesellschaften im Sinne eines gemeinsam kommunizierbaren
Orientierungs- und Kontrollmittels, die Anwendung von Gewalt gegen sich
selbst und andere Menschen auch im Islam untersagt. Selbstmord wird daher
als Todsünde betrachtet. Allerdings gibt es auch in diesen Gesellschaften,
genauso wie in allen anderen, eine heilige Pflicht zum altruistischen
Selbstmord. Im Unterschied zum egoistischen Selbstmord, also
Intihar, heißt diese individuelle Aufopferung für die Gemeinschaft
Ishtihad. Sie ist in einem als heilig erklärten Krieg, Djihad,
eines der höchsten Gebote, für dessen Erfüllung der direkte Zugang zum
Paradies versprochen wird. Hier unterscheiden sich die kulturell
unterschiedlich geprägten Gesellschaften nicht in der Heroisierung des
altruistischen Selbstmordes im Einsatz zur Verteidigung der Gemeinschaft,
als Wir-Einheit, sondern nur in der Art ihrer Belohnung. Mit der zunehmenden
Säkularisierung der Gesellschaften wird auch sie verweltlicht.
Mit dem exemplarischen Bezug auf die islamistischen
Selbstmordattentäter, soll daher hier gezeigt werden, dass nichts
irreführender wäre als die Zurückführung der Selbstmordattentate auf blinden
Fanatismus - nicht einmal bei den Islamisten. Denn von religiöser Inbrunst
führt kein direkter Weg in einen Supermarkt oder in das Cockpit einer
Passagiermaschine. Um sich in eine Bombe zu verwandeln, braucht es mehr als
den Glauben an ein paar heilige Verse. Auch selbst die Naherwartung eines
Logenplatzes im Paradies, wo der „Märtyrer“ die Aufhebung der Prohibition
genießen kann, bringt auch niemanden dazu, sich voller Begeisterung sogleich
in die Luft zu sprengen.
Sie töten sich und andere also nicht bloß für die
Unsterblichkeit. Ihre heterodestruktive Autodestruktivität ist eine
Verzweiflungstat
der Menschen, deren blanke Wut sich aus der Erfahrung der eigenen
Machtschwäche ergibt, welche die Selbstmordattentäter als ungerecht
empfinden. Aus diesem Grunde z.B. besteht – einem palästinensischen
Intellektuellen zufolge – der gegenwärtige Kampf der Palästinenser vor allem
darin, nicht Selbstmordattentäter zu werden. Das Erstaunliche sei nicht so
sehr, dass es Selbstmordattentäter gibt, sondern eher ihre Seltenheit.
Und zwar angesichts der kollektiven und individuellen Erfahrungen der
Palästinenser seit der zionistischen Besetzung ihres Landes und der u.a.
damit einhergehenden sukzessiven gewaltsamen Enteignung ihrer nationalen
Identität als ein Staatsvolk. Denn nichts empört Menschen mehr als die
hautnahe Erfahrung dessen, was sie als Ungerechtigkeit empfinden
Diese Gefühlslage entsteht, weil ein Zusammenhang
zwischen der Machtrate von Gruppen und dem Wir-Bild und Wir-Ideal ihrer
Mitglieder besteht. In diesem Zusammenhang wird mit der scheinbaren
Freiheit der Selbstaufgabe im Selbstmordanschlag die Verwundbarkeit der
Machtstärkeren bloß gestellt, die für sich ein besonderes Gruppencharisma
beanspruchen, und damit ihre Unvollkommenheit demonstriert. Auf diese Weise
wird die bestehende Selbstwertbeziehung zugunsten der machtschwächeren
Gruppe verändert, mit der sich der Selbstmordattentäter identifiziert. Aus
diesem Grunde ist das Selbstmordattentat als altruistischer Selbstmord die
scheinbar wirkungsvollste Angriffswaffe der Machtschwächeren. Dabei teilt
der Selbstmordattentäter mit dem Heros die Zerstörungswut, mit dem Märtyrer
die relative Machtschwäche, mit dem Terroristen die Rebellion gegen die
eigene relative Machtschwäche. In seiner Person vereinigen sich Courage mit
Grausamkeit, Hass mit Selbstlosigkeit.
Doch es wäre trügerisch, die Selbstmordattentate als fremdgesteuert, also
manipuliert erklären zu wollen. In dem Fall müsste man erklären, wer die
Manipulatoren manipuliert hat. Es wäre aber auch irreführend, sie
individualpsychologisch begreifen zu wollen, obwohl in einer weitgehend
individualisierten Gesellschaft, in der wir leben, ein Selbstmordattentat
als individueller Entschluss des Attentäters erscheinen mag, einmalig
autonom zu handeln. Dieser Annahme liegt aber die in den
westlich-industrialisierten Gesellschaften vorherrschende homo clausus
Selbsterfahrung der weitgehend individualisierten Menschen zugrunde. Diesem
Menschen werden - als in sich geschlossene Einheit - zwar Instanzen der
Selbstkontrolle zugebilligt, wie sie in Gruppenprozessen als „Ich“,
„Über-Ich“ und „Ich-Ideal“ Gestalt gewinnen und in einem vermeintlich
autonomen „inneren“ am Werk sind. Andere Ebenen der individuellen
Persönlichkeitsstruktur, die am engsten und direktesten mit den
Gruppenprozessen verknüpft sind, an denen ein Mensch teil hat, liegen aber
jenseits der homo clausus Selbsterfahrung. Dies sind vor allem die
Funktionen des Wir-Bildes und Wir-Ideals.
Werden wir uns jedoch unserer scheinbar wir-losen
Selbsterfahrung als für eine bestimmte Entwicklungsstufe der menschlichen
Gesellschaft charakteristische Selbsterfahrung bewusst, so gehen wir von
einem realitätsangemessenen Bild des offenen Menschen aus, dessen
Ich-Wir-Balance sich mit zunehmender sozialer Differenzierung zugunsten der
Ich-Identität verschiebt, ohne dass er je seine Wir-Identität aufgeben
könnte. Sein Wir-Bild und Wir-Ideal sind aber genauso ein Gemenge von
gefühlsgeladenen Phantasien und realistischen Vorstellungen wie sein
Ich-Bild und Ich-Ideal. Wie bei letzteren tritt ihre Eigenart auch am
schärfsten hervor, wenn Phantasie und Realität in Widerspruch zueinander
geraten; dann wird nämlich ihr imaginärer Gehalt akzentuiert. Während aber
die affektiven Phantasien im Falle von Persönlichkeitsfunktionen wie
Ich-Bild und Ich-Ideal rein individuelle Erfahrungen eines Gruppenprozesses
verarbeiten, hat man es im Falle von Wir-Bild und Wir-Ideal mit
individuellen Versionen kollektiver Phantasien zu tun.
Die Selbstmordattentäter sind vor allem von diesen individuellen
Versionen kollektiver Phantasien gesteuert.
Das eher Phantasie gesättigte Wir-Bild und Wir-Ideal
der islamisch geprägten Selbstmordattentäter ist daher ein schlagendes
Beispiel für einen Effekt, der sich in höherem oder geringerem Maß
regelmäßig bei Mitgliedern ehemals mächtiger Völker einstellt, die ihren
Vorrang im Verhältnis zu anderen Völkern eingebüßt haben. Ihre Mitglieder
haben jahrhundertelang unter dieser Situation gelitten, weil das
gruppencharismatische Wir-Ideal, das ausgerichtet ist an einem idealisierten
Bild ihrer selbst in der Zeit ihrer Größe, noch weiterlebt – als ein
verpflichtendes Modell, dem sie nicht mehr gerecht zu werden vermögen. Der
Glanz ihres kollektiven Lebens als islamisch geprägte Völker ist dahin, ihre
Machtüberlegenheit, die für ihr Gefühl ein Zeichen ihrer menschlichen
Höherwertigkeit im Vergleich zu dem geringeren Wert anderer Gruppen gewesen
war, unwiederbringlich verloren. Und doch wurde ihr Traum von einem
besonderen Charisma auf vielfache Weise lebendig erhalten.
Zur Entstehung dieses verpflichtenden Modells und der
gegenwärtigen Gefühlslage der Islamisten trägt vor allem ihre Erinnerung
an zwar ungewöhnliche, aber doch in der Überlieferung idealisierte
Errungenschaften der Muslime während der ersten sechs Jahrhunderte der
islamischen Herrschaft bei: Die islamisierten Gesellschaften waren in
dieser Periode die relativ entwickeltsten. Sie lieferten die
höchstentwickelten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften und
schufen ungewöhnlich siegreiche Armeen. Die islamisch geprägten Menschen
erinnern sich gern an das Erfolgsmuster der Muslime, das ihnen
selbstverständlich erscheint, verließ doch der Prophet Muhammad Mekka im
Jahre 622 als Flüchtling, um acht Jahre später als Herrscher
zurückzukehren. Man erinnert sich daran, dass schon 715 die muslimischen
Eroberer ein Imperium errichteten, das von Spanien im Westen bis Indien im
Osten reichte. Aus diesem Grunde schien ihr Glaube für eine lange Zeit ein
Distinktionsmittel, also Unterscheidungsmerkmal ihres höheren sozialen
Ranges gegenüber anderen Gruppen zu sein. So bedeutete ein Muslim zu sein,
zugleich Angehöriger einer siegreichen und dominanten Gemeinschaft von
Menschen zu sein, die sich durch ihr Zivilisationsmuster von anderen abhob.
Es ist also kein Wunder, dass heutzutage manche Muslime nachträglich eine
Korrelation zwischen ihrem Glauben und ihrem sozialen Aufstieg als
Hegemonialmacht herstellen und sich daher als charismatische Gruppe im Sinne
einer von Gott bevorzugten Gemeinschaft begreifen.
Ihre Jahrhunderte lange kollektive Trauer ist Folge der
Erfahrung des sozialen Abstiegs der islamischen Welt seit dem 13. Jh., ohne
dass Muslime sich dessen bis zum 18. Jh. bewusst wurden. Während man sich
nämlich im Westen auf neue Entdeckungen begab, versank die islamische Welt
in dieser Zeitperiode in einer Art selbstgefälligen Ignoranz. Dies wird
ausgedrückt z. B. durch den berühmten muslimischen Intellektuellen, Ibn
Khaldun, der um 1400 über Europa schreibt, „ich höre, dass sich einiges im
Lande der Römer entwickelt, aber nur Gott weiß, was dort passiert.“ Diese
Ahnungslosigkeit machte die Muslime verwundbar, als sie nicht mehr
ignorieren konnten, was in Europa inzwischen passiert war, nämlich ein
Anstieg der Machtchancen, der sich aus der Entwicklung der Triade der
Grundkontrollen ergab: der Naturkontrolle in Gestalt der technologischen
Entwicklung, der sozialen Kontrolle in Gestalt der Nationalstaatsbildung und
der Trieb- und Affektkontrolle in Gestalt der zunehmenden Zivilisierung des
Verhaltens und Erlebens der Menschen in Europa. Es war also die
fortschreitende, gerichtete Entwicklung dieser Triade der Grundkontrollen,
die den Muslimen entging; eine Entwicklung,
die sich aus jahrhundertelangen, ungeplanten Verflechtungsprozessen
zielgerichteter Wünsche, Pläne und Handlungen von Millionen von Menschen
unterschiedlicher ethnischer und konfessioneller Herkunft in einer langen
Generationenkette der Menschheit ergab und schließlich zur Verlagerung der
Machtbalance zwischen den islamisch und den christlich geprägten
Gesellschaften und damit zu ihrem sozialen Auf- bzw. Abstieg führte.
Der dramatischste Wendepunkt der Machtbalance zu
Ungunsten der Muslime kam im Juli 1798 zu ihrem Bewusstsein, als Napoleon
Bonaparte in Ägypten landete und so das Zentrum der muslimischen Welt mit
erstaunlicher Leichtigkeit eroberte. Andere Angriffe folgten über die
nächsten Jahrhunderte. Nach der zionistischen Besetzung Palästinas und den
demütigenden Niederlagen der arabischen Staaten im Sechs-Tage-Krieg,
scheint der wohl tragischste dieser Angriffe für Muslime wie Bin Laden die
US-amerikanische Präsenz in Saudi-Arabien seit der irakischen Invasion
Kuwaits zu sein: „Die größte Katastrophe, welche die Muslime seit dem Tod
des Propheten gelitten haben, ist die Besetzung des Heiligen Landes von
Ka’ba und die Qible durch die Christen und ihre Verbündeten“
verkündete Bin Laden bereits im August 1996. Zur Bekämpfung dieser
„Besetzung des Bodens der heiligen Stätten“
fühlen sich die Islamisten deswegen verpflichtet, weil sie ihrer
Wehrhaftigkeit und damit ihrer Ehre gerecht werden müssen:
„Unser Terrorismus gegen Sie, die unser Land bewaffnet besetzt halten,
ist unsere Pflicht. Sie sind wie eine Riesenschlange, die in unser Haus
eingedrungen ist, die man töten muss“. Im Bezug auf den Saudi-Arabischen
Herrscher fährt er fort: „Er, der Ihnen erlaubt, bewaffnet in seinem Land
herum zu gehen, obwohl Sie Friede und Sicherheit genießen, ist ein
Feigling...“
Aus diesem Unvermögen des saudischen Herrschers, das
staatliche Gewaltmonopol zu behaupten, das zugleich zu seiner
Legitimationskrise führt, leiten also Islamisten wie Osama Bin Laden die
Legitimation ihres Kampfes nicht nur gegen die USA ab, sondern auch zugleich
gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft im eigenen Land.
Doch das Versagen der Staaten in islamisch geprägten Gesellschaften ist u.a.
Ausdruck ihrer relativen Machtschwäche gegenüber den entwickelteren
Staatsgesellschaften.
Die Frustration der Muslime, die jeder Zeit in
Aggression umschlagen kann, ist angesichts dieser Macht- und
Statusverhältnisse zu ihren Ungunsten enorm. Dieses um sich greifende
unerträgliche Gefühl der Demütigung wird z. B. ausgedrückt durch den Imam
einer Moschee in Jerusalem, wenn er hervorhebt: „Früher waren wir die
Herren der Welt und jetzt sind wir nicht einmal Herr unserer eigenen
Moschee.“
Für die Wiederherstellung dieser erinnerten
hegemonialen Machtposition der Muslime sind die Islamisten zu jedem Opfer
bereit, weil das gruppencharismatische Wir-Ideal, das an einem idealisierten
Bild ihrer selbst in der Zeit ihrer Größe ausgerichtet ist, für sie als
verpflichtendes Modell weiterlebt. Ihr als heilig erklärter Krieg, den sie
mit dem Einsatz ihres eigenen Lebens führen, ist daher die radikalste Form
der Erfüllung dieser Verpflichtung: „Man kann nicht die anderen bitten, uns
zu befreien. Wir haben zur Zeit nicht genügend Leute zu unserer
Unterstützung. Das ist der Grund, warum wir damit enden, uns vor Panzer zu
werfen.“-
so ein palästinensischer Selbstmordkandidat.
In diesem Sinne möchte ich daher die
Selbstmordattentate als Funktion der Destruktivität des Wir-Ideals
der sozial abgestiegenen islamisch geprägten Menschen angesichts der relativ
geringen Ressourcen dieser Gesellschaften im Verhältnis zu dem angestrebten
Ideal diskutieren. Deren konjunkturelle Entstehung ist jedoch Folge eines
Globalisierungsschubes.
1. Zur Globalisierung als Entstehungs- und
Wirkungszusammenhang einer globalen Beziehungsfalle von kulturell
unterschiedlich geprägten Menschen als Etablierte und Außenseiter.
Diese These ist jedoch nicht nachvollziehbar, solange
man einen der zentralen Aspekte der zunehmenden Globalisierung der
gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen vernachlässigt, den ich als
Entstehungs- und Wirkungszusammenhang einer Beziehungsfalle von
kulturell unterschiedlich geprägten Menschen als Etablierte und
Außenseiter in ihrem sozialen Auf- und Abstiegsprozess
bezeichne. Und zwar jene Beziehungsfalle, die durch die Globalisierung
der beruflichen und staatlichen Bindungen der Menschen entsteht, ohne
dass sie sich als globaler Integrationsprozess der Erfahrung der
Menschen aufdrängt. Es ist der Nachhinkeffekt dieser Transformation der
Wahrnehmung hinter der sozialen Transformation, der sich als Wunsch- und
Furchtbilder der sich gegenseitig ausschließenden sozialen Gruppen
manifestiert, die real ablaufende, langfristige und ungeplante globale
Integrationsprozesse selektiv als Chance bzw. als Gefahr erleben.
Dessen ungeachtet wird diese stillschweigende
Verringerung der Distanz, diese zunehmende Integrierung der in mehr als 191
Staaten aufgespalteten Menschheit zunehmend wirkungsmächtig als
gesellschaftliche Einheit und als Bezugsrahmen vieler Entwicklungsvorgänge
und Strukturwandlungen.
Mit dieser Verdichtung des Netzwerkes der
Interdependenzen zwischen den in Staaten organisierten 6,1 Milliarden
Menschen, sind diese Staaten als mehr oder weniger feste Verbände in höherem
oder geringerem Maße voneinander abhängig geworden - sei es in
ökonomischer Hinsicht, sei es durch einseitige oder gegenseitige
Gewaltandrohung oder je nachdem auch durch sehr direkten
Gewaltgebrauch, sei es durch Ausbreitung von Selbstregulierungs- und
anderen Verhaltens- und Empfindensmustern von bestimmten Zentren her,
sei es durch Übernahme von Sprach- und sonstigen kulturellen Modellen
und in vielerlei anderer Hinsicht.
Diese zunehmende Integrierung der Menschheit
bedeutet aber nicht nur eine steigende horizontale soziale
Mobilität der Menschen auch über die Grenzen des eigenen Staates hinaus,
die sich etwa in Tourismus und Migration als Massenerscheinungen und damit
in einer Vergrößerung der Chancen der Individualisierung äußert. Sie
manifestiert sich zugleich als eine steigende vertikale soziale Mobilität
und somit als eine funktionale Demokratisierung inner- und
zwischenstaatlicher Beziehungen, die als sozialer Auf- bzw. Abstiegsprozess
erfahren wird.
Diese zunehmende gegenseitige Angewiesenheit und
Abhängigkeit der staatlich organisierten Menschen drückt sich daher
nicht zuletzt in Manifestationen der Eskalation ihrer nicht mehr
übersehbaren existentiellen Ängste voreinander aus. Sie fühlen sich
zunehmend in ihrer physischen und sozialen Existenz
gegenseitig als Etablierte und Außenseitergruppen bedroht. Folglich
prägen sie sich in ihren emotionalen Verstrickungen gegenseitig durch eine
globalisierte Kultur des Misstrauens und tragen so zu einem Teufelskreis
der gegenseitigen Bedrohung bei.
Daher fühlen die europäischen und amerikanischen Bürger
und ihre Regierungen sich seit dem Niedergang der Sowjetunion - der
einherging mit dem Zerfall der bipolaren Hauptspannungsachse
zwischenstaatlicher Beziehungen und der Entstehung ihrer Multipolarität -
zunehmend von den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens und deren
islamisch geprägten Bürgern bedroht. Es ist dieses angstgesättigte
Erlebensmuster der Etablierten dieser Welt, das sich nicht nur in
solchen phantasiegeladenen Abwehrreaktionen wie der theoretischen
Konstruktion eines „Clash of Civilizations“
manifestiert. Dieser prophezeite „Kampf der Kulturen“ schreibt als Ausdruck
ihrer Gefühlserfahrung und Phantasie den „Kulturen“ Eigentümlichkeiten einer
Person oder einer Sache zu, die scheinbar von sich aus als kausale
Triebkraft zu wirken vermag, fast unabhängig von den Menschengruppen, die
derart miteinander verkehren. So wird nicht nur verdrängt, dass es
sich um eine mögliche Eskalation der bestehenden Spannungen und
Konflikte der kulturell unterschiedlich geprägten Menschengruppen
handeln könnte, die mit extrem ungleichen Macht– und
Statuschancen ausgestattet sind. Mit der Hervorhebung der
Zivilisationsdifferentiale als Exklusions- und Inklusionskriterien,
wird zugleich ein Weltbild entlang der Konfliktlinie zwischen „the West and
the Rest“ konstruiert, das - mit dem Islam als Hauptfeind - die Renaissance
eines Zivilisations- und Kulturbegriffes Vorschub leistet, der von
Kolonialmächten als gruppencharismatischer Kampfbegriff gegen jene
machtschwächeren Völker geprägt wurde, die damit als „unzivilisiert“
und „barbarisch“ stigmatisiert wurden.
In solchen Stigmatisierungen zeigt sich eine
gruppencharismatische Angstreaktion der Etablierten, die auf einer Wahrung
der Machtunterschiede und ihrer eigenen Überlegenheit beharren oder noch zu
deren Erhöhung hin drängen, gegen die Herausforderung der
Außenseitergruppen, die sich mit stillem Druck oder offener Tat um einen
sozialen Aufstieg bemühen und somit auf eine Verringerung der
Machtdifferenziale hin drängen. Diese Angstreaktion manifestiert sich nicht
zuletzt in den Äußerungen der amerikanischen und europäischen
Staatsoberhäupter wie Silvio Berlusconi, der nicht zuletzt und in der Hitze
des Gefechts gemeinsame Glaubensaxiome und Werthaltungen der Etablierten
dieser Welt artikulierte: „Wir sollten uns der Überlegenheit unserer
Zivilisation bewusst sein, die in einem Wertesystem besteht, das den
Menschen breiten Wohlstand in den Ländern beschert hat, die es achten, und
das den Respekt der Menschenrechte und Religion garantiert.“(...) Mit dieser
Selbsterhöhung hebt er zugleich eine selbstverständliche Mission der
machtstärkeren Staatsgesellschaften hervor, die man als Glaube an die
zivilisierende Mission europäischer Völker längst für überwunden hielt: “Das
Abendland ist dazu bestimmt, die Völker zu erobern und zu verwestlichen.“
Hier wird nicht nur deutlich, dass kollektive Lob-
und Schimpfphantasien auf allen Ebenen von Machtbalance-Beziehungen eine
unübersehbare, zentrale Rolle für gesellschaftliche Praxis spielen, deren
Entwicklung Funktion der Entwicklung der betreffenden Gruppen ist. Es lässt
sich auch hier wie immer beobachten, dass Mitglieder von Gruppen, die im
Hinblick auf ihre Macht anderen, interdependenten Gruppen
überlegen sind, von sich glauben, sie seien im Hinblick auf ihre
menschliche Qualität besser als die anderen. Dabei sehen sie sich
ausgestattet mit einem Gruppencharisma, einem spezifischen Wert, an
dem ihre sämtlichen Mitglieder teilhaben und der anderen abgeht. Und mehr
noch: Als Funktion der unüberwindbaren Machtdifferenziale, können immer
wieder die Machtstärkeren die Machtschwächeren selbst zu der
Überzeugung bringen, dass ihnen die Begnadung fehle - dass sie schimpfliche,
minderwertige Menschen seien.
Sie wundern sich bloß, dass die Machtschwächeren sich rächen und zu einer
gewaltigen Gegenstigmatisierung ausholen, sobald sich die Machtbalance zu
ihren Gunsten verschiebt und sie sich dieses relativen Machtzuwachses
bewusst werden.
Der Charakter solcher erniedrigenden und
stigmatisierenden Statusideologie der Etablierten als Angriff-
und Verteidigungswaffe gegen die als bedrohlich empfundenen
Außenseitergruppen manifestiert sich u.a. exemplarisch in einem Beitrag
eines der Falken unter den amerikanischen Nah-Ost Experten über Saudi
Arabien unter dem Titel „nicht Freund oder Feind“, dessen Kultur er
als „notorisch rückständig, engstirnig und barbarisch“ angreift. Mit
dieser Erniedrigung attackiert er einen der mutmaßlichen künftigen
Herausforderer der USA, dessen Anspruch er als eine Anmaßung empfindet:
„Trotz dieser Nachteile betrachten die Herrscher des Königreichs sich als
Anführer von mehr als einer Milliarde Muslimen weltweit und als Vorhut einer
Bewegung, die letztendlich die als korrupt und verdammt abgelehnte
westliche Zivilisation besiegen und ersetzen will. Diese übermäßige Ambition
leitet der saudische Staat aus seiner Funktion als ‘Protektor der zwei
heiligen Stätten’, der Städte Mekka und Medina ab“
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass diese
Stigmatisierungen dem engsten und bisweilen treuesten Verbündeten der USA
gelten, kann man das Gefühl der Bedrohung durch
hegemoniale Herausforderung erfassen, aus dem heraus solche
emotionalen Reaktionsmuster entstehen, die entsprechende Gegenreaktionen
hervorrufen. Dieses Erfahrungsmuster manifestiert sich in seiner Angst
gesättigten Prognose, welche die Erfahrungswelt der Etablierten
annährend kennzeichnet: „Wie dominant auch die USA heute sein mögen, es gibt
eine Anzahl von Möchtegern-Nachfolgern, und Saudi Arabien ist nicht weniger
ambitioniert als die anderen.“
Es muss einsichtig sein, dass mit einer solchen
erniedrigenden und stigmatisierenden
Statusideologie, die als Angriffs- und Verteidigungswaffe der
Etablierten ihre eigene Überlegenheit betont und rechtfertigt und
die Bürger der machtschwächeren Staaten als minderwertige Menschen
abstempelt, permanent eine globale Beziehungsfalle zwischen
Etablierten und Außenseitern reproduziert wird. Entstanden aus einer
empfundenen Bedrohung, ist diese „Ideologie“ - als System von
Einstellungen und Glaubensaxiomen - aufgebaut um bestimmte stereotype
Themen. Sie wird aber verbreitet und aufrechterhalten durch einen
unaufhörlichen Strom von journalistisch zubereiteten Informationen mittels
eines globalisierten Netzes von Massenkommunikationsmitteln, das einerseits
dazu neigt, selektiv alle Ereignisse innerhalb und außerhalb der
machtstärkeren Staaten aufzugreifen, die zu deren Erhöhung beitragen, sowie
andererseits alle Ereignisse innerhalb und außerhalb der weniger
entwickelten Gesellschaften, die das Negativbild der aufstiegsorientierten
machtschwächeren Menschen verstärken. Diese zur Selbstverständlichkeit
verfestigte Statusideologie, die den Stammtisch-Gesprächen den nötigen Stoff
liefert, verstellt schließlich den Blick für alle Ereignisse, die ihr irgend
hätten widersprechen können.
Diese Statusideologie der Etablierten, samt der
entsprechenden Gefühlslage, kommt nicht minder in der Erklärung der 58
führenden amerikanischen Intellektuellen zum Ausdruck, die im Namen von fünf
„ fundamentalen Wahrheiten“
den amerikanischen Krieg gegen den „Terrorismus“ zu legitimieren
versuchen. Sie heben hervor: "Manchmal wird es
notwendig für eine Nation, sich selbst mit Waffengewalt zu verteidigen“.
Dabei bekräftigen Sie ihre „fünf fundamentalen Wahrheiten“ und stellen
fest: „Wir kämpfen, um uns
selbst und diese allgemeingültigen Prinzipien zu verteidigen“.
Denn „konsequenterweise richtet sich
(der) Hass (der Islamisten) nicht allein gegen das, was unsere Regierung
tut, sondern gegen das, was wir sind - gegen unsere Existenz.“
So definieren sie ihre Existenz durch die Werte, die sie vertreten, in dem
sie fragen: „Wer also sind wir? Was sind unsere Werte?
Mit einem Selbstbegriff im Sinne der
demonstrativen Hervorhebung der als eigen erklärten „grundlegenden Werte,
die unsere (amerikanische) Lebensweise definieren“ und die „für die
Menschen überall auf der Welt“ attraktiv seien, wird also die
Notwendigkeit eines Verteidigungskrieges behauptet, in dem nicht nur
das Leben der als Feinde definierten Menschen geopfert werden darf, sondern
auch das der Eigenen.
Allein, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die
islamisch geprägten Gesellschaften sich schon praktisch seit Jahrhunderten
in solch einer bedrohlichen Lage befinden, wie sie die
amerikanischen Intellektuellen für die Legitimierung ihres
„Verteidigungskrieges“ hervorheben, begreift man die Funktion der
angstgesättigten „Verschwörungstheorien“
der Islamisten als Abwehrrektionen der machtschwächeren und als
minderwertig stigmatisierten Menschen. In der Tat ist die „Dämonisierung der
Außenwelt und die Zurückführung allen Übels auf ihre Machenschaften“
im Sinne eines voluntaristischen Entwicklungsbegriffs Folge der Erfahrung
extremer Machtdifferentiale und des sich daraus ergebenden permanenten
Gefühls, extrem fremdbestimmt zu sein. Eine solche Erfahrung der
Fremdsteuerung verselbständigt und verfestigt sich als Kultur im Sinne der
„zweiten Natur“ der Menschen durch die soziale Vererbung und
praktische Wiederholung dieser Erfahrung über langen Generationenketten.
Diese machtschwächeren Menschen werden sich mit
zunehmender funktionaler Demokratisierung im Sinne der Verlagerung der
Machtbalance zu ihren Gunsten als Folge der zunehmenden Globalisierung
der gesellschaftlichen Funktionsteilung und Multipolarität
zwischenstaatlicher Beziehungen ihres relativen Machtzuwachses bewusst,
ohne dass sie damit gleichzeitig in der Lage wären, ihren
verschwörungstheoretischen bzw. voluntaristischen Entwicklungsbegriff
aufzugeben. Aus dieser Erfahrung heraus, holen sie zu einer
Gegenstigmatisierung der Machstärkeren als „korrupt und verdammt“
aus,
während ihre militanten Teilformationen diese praktisch mit allen ihnen zur
Verfügung stehenden Mitteln herausfordern. Es sind jedoch die absolut
unüberwindbar großen Machtdifferenziale zu ihren Ungunsten, die das
Selbstmordattentat zu ihrer scheinbar wirkungsvollsten Angriffswaffe gegen
eine als Imperialismus erfahrene Globalisierung machen. Dies wird
verständlich, wenn man sich die Sozio- und Psychogenese des militanten
Islamismus als globale Herausforderung vergegenwärtigt.
2. Der Islamismus als nativistisch orientierte
chiliastische Erhebungen der islamisch geprägten Menschen
Untersucht man inhaltlich die Glaubensaxiome und
Werthaltungen der Islamisten, erweisen sich die islamistischen
Bewegungen als nativistisch
orientierte chiliastische Erhebungen. Sie entstanden als Umschlag des
chiliastischen Quietismus der islamisch geprägten Menschen in ihren
chiliastischen Aktivismus:
Begreifen wir den als „Prinzip Hoffnung“ bekannten Chiliasmus im Sinne der
kollektiven Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung paradiesischer
Glückszustände auf Erden,
wie sie sich religiös im Glauben an ein Reich der Gerechtigkeit nach der
Wiederkehr des Erlösers ausdrückt. Und verstehen wir unter Quietismus eine
Orientierung der Menschen auf eine Verschmelzung mit Gott durch wunsch- und
willenloses Sichergeben in seinen Willen, wie sie sich in ihrer
apokalyptischen Weltabgeschiedenheit und völliger Ruhe des Gemüts
manifestiert. Dann sind islamistische Bewegungen Ausdruck des Umschlags
einer kollektiven Aufbruchsbereitschaft der islamisch geprägten
Menschen für Herstellung paradiesischer Glückszustände bzw. Gerechtigkeit
auf Erden in einen kollektiven Aufbruch von nativistisch
orientierten Menschen, d.h. von Menschen, die mit einem
neuen Schema von Selbstwerten, nicht nur ihren eigenen Selbstwert als
Gruppe demonstrativ hervorheben. Als nativistische Bewegung ist der
Islamismus zugleich eine der aktiven Durchsetzungsformen eines neu
empfundenen eigenen Wertes für sich und für andere in Gestalt der
Durchsetzung eines neuen Schemas der Verteilung der konstitutiven
Bestandteile der Selbstachtung, also der Verteilung der Symbole der
Überlegenheit, an denen nicht nur das Selbstwertgefühl der
aufstiegsorientierten, islamisch geprägten Menschen haftet.
Dies wird nachvollziehbar, wenn man sich
vergegenwärtigt, dass die Kraft der lebenssteigernden Funktion des
Selbstwertgefühls sich gegenwärtig unter anderem in der Universalität
der Neigung zeigt, den Wert der eigenen Gruppe auf Kosten des Wertes anderer
zu erhöhen.
Der eigene Selbstwert, sowohl in den eigenen Augen als auch in den Augen
anderer sozialer Formationen, bestimmt sich daher durch das Ergebnis der
Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfe zwischen verschiedenen Menschengruppen
um die Verteilung der Macht- und Statusquellen.
Folglich ergibt sich die zwingende Kraft der Selbst- und
Fremdwertbeziehungen – im Sinne einer Beziehungsfalle - nicht
zuletzt aus der Furcht der Menschen voreinander, vor der physischen
Vernichtung, Versklavung, Ausbeutung, Abhängigkeit etc und nicht zuletzt vor
Vernichtung der Sinngebung. Die
Angst vor einem drohenden Sinnverlust ruft dann
schließlich nicht selten Gefühle extremer Feindseligkeit hervor,
derart, dass die Gläubigen bereit sind, die als Gegner empfundenen
Anders-Gläubigen zu vernichten, um ihr eigenes Glaubenssystem und ihre
Tradition bzw. ihre Höherwertigkeit zu garantieren.
Diese Deutung wird einem nahegelegt, wenn man diesen
Menschen aufmerksam zuhört und ihr Anliegen ernst nimmt. Nur so kann man
sie, samt ihres Leidensdrucks, verstehen. Denn wo Leiden ist, ist auch
Leidenschaft. Es ist ihr unerträglicher Leidensdruck, der diese nativistisch
orientierten chiliastischen Aktivisten dazu treibt, für die Herstellung
neuer Selbstwertbeziehungen im Sinne der Umkehrung der bestehenden
Macht- und Statusordnung, sogar sich selbst individuell zu opfern. Die
Notwendigkeit dieser autodestruktiven Tendenzen wird z. B. durch Ayatollah
Chomeini hervorgehoben, der bereits in den sechziger Jahren seine berühmte
Formel prägte, der Islam sei ein Baum, der nur wachsen könne, wenn er durch
das Blut der Jugend genährt werde. Zu lange schon hätten die Muslime den
Tod gefürchtet, und um ihn zu entgehen, einen hohen Preis bezahlt – das
unwürdige Leben in einer Tyrannei.
Mit der Ablehnung der passiven Geisteshaltung der
Quietisten, die besonders durch das Streben nach einer gottergebenen
Frömmigkeit und Ruhe des Gemüts gekennzeichnet ist, unterscheiden sich die
chiliastischen Aktivisten also dadurch, dass sie nicht mehr auf den Erlöser
warten können. Der Höhepunkt dieser Selbsterlösung ist ihr
Selbstmordattentat, das man als Umschlag der kollektiven Trauer der
islamisch geprägten, aufstiegsorientierten Menschen in ihren
Hegemonialrausch interpretieren kann.
In dieser affektiven Enthemmung manifestiert sich der
Umschlag der Bereitschaft zum Aufbruch in praktischen Aufbruch
zur Herstellung der Gerechtigkeit, als Folge des Wandels der vom
Verlangen nach Achtung und Selbstachtung dominierten Bedürfnisstruktur
der siegesgewissen chiliastischen Aktivisten. Dieser Strukturwandel des
Bedürfnisses ist nicht nur das Ergebnis der relativ zunehmenden
Befriedigung ihrer ökonomischen Bedürfnisse, welche die nicht-ökonomischen
Bedürfnisse in den Vordergrund drängt und so zunächst die wohlhabenderen
Schichten zur Kerngruppe der islamisch geprägten Selbstmordattentäter werden
lässt. Diese Verschiebung der Valenzfiguration der Außenseiter ist auch
Folge einer Verschiebung der Machtbalance zugunsten der machtschwächeren
Menschen auf unterschiedlichen Integrationsebenen, im Sinne einer
funktionalen Demokratisierung und zwar als Folge der Modernisierung.
Ihre affektive Enthemmung dokumentiert aber zugleich einen
Ent-Zivilisierungsschub ihres Verhaltens und Empfindens als
Bumerangeffekt einer permanent erfahrenen unerträglichen Demütigung
durch die Etablierten dieser Welt, die sie als eine Kriegserklärung der
machtstärkeren Staatsgesellschaften auf allen, ökonomischen, politischen,
kulturellen und militärischen Ebenen begreifen.
Es ist die Jahrhunderte lange unerträgliche Erfahrung
der praktischen Reproduktion hegemonialer Positionen der globalen
Kerngruppen der Macht als Imperialismus, die den Islamismus als
Widerstandspotential der islamisch geprägten Menschen mobilisiert und dessen
Anhänger bis zum Äußersten treibt. Ihre militanten Angriffe sind aber
Funktion der Erfahrung der funktionalen Demokratisierung als Folge der
zunehmenden Globalisierung. Sie sind daher auf eine Überwindung der als
ungerecht und entwürdigend empfundenen Macht- und Statusverhältnissen
gerichtet, die sie traumatisierten.
Diese traumatische Erfahrung, die unmittelbar Angst,
Schrecken und völlige Hilflosigkeit auslöst, führte zunächst zu einem
Zusammenbruch der zentralen Ich- und Wir-Funktionen und schließlich zu einer
basalen Erschütterung des psychischen Apparates dieser Menschen, die nun vom
Bemühen bestimmt werden, diese traumatische Situation nachträglich zu
bewältigen.
Dieser Restitutionsversuch der islamisch geprägten Menschen ist
nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass die traumatische Erkenntnis
des Machtverlusts ihrer Staaten als hauptsächliche Brennpunkte, auf die sich
ihre Zwillingswünsche nach einer Identität und nach einem Wert, bzw. einer
Zugehörigkeit und einem Sinn über die eigene Lebensspanne hinaus richten,
mit einer Identitäts- und Sinnkrise einher geht. Dieser
Wiederherstellungsversuch ist daher verantwortlich für ihre typischen
posttraumatischen Symptome, die im Kern in einer zwanghaften Wiederholung
des traumatischen Geschehens z.B. in Tagträumen oder in unwillkürlichen
historischen Flashbacks und zuweilen in einer weitgehenden
Interessenverarmung der Einzelnen im Sinne ihrer libidinösen Entbindung von
ihrer als unerträglich empfundenen realen Existenz bestehen. Der
Selbstmordkandidat ist die Verkörperung dieser posttraumatischen Symptome,
der mit seiner libidinösen Entbindung den militantesten Islamisten
hervorbringt.
Doch der Versuch, den Schock dieser traumatischen
Erkenntnis des Machtverlusts ihrer Staaten um jeden Preis zu vermeiden, und
der heftige Wunsch, den Entwicklungsprozess umzukehren, der die islamisch
geprägten Gesellschaften in so einen niedrigen Rang stürzte, fällt mit den
Selbstmordattentaten so extrem aus, weil die faktischen Ressourcen dieser
Gesellschaften im Vergleich zu dem Ideal, zu dem Traumreich, für dessen
Wiederherstellung sie von den Islamisten eingesetzt werden, sehr gering
sind.
In diesem Sinne bestätigen die Selbstmordattentate nur
die Regel, dass je schwächer, je unsicherer und verzweifelter die
Menschen auf ihrem sozialen Abstiegsweg werden, je schärfer sie zu spüren
bekommen, dass sie um ihren erinnerten Vorrang mit dem Rücken zur Wand
kämpfen, desto roher ihr Verhalten, desto akuter die Gefahr ist, dass sie
die zivilisierten Verhaltensstandards, auf die sie stolz sind, selbst
missachten und zerstören.
Hannover, Juli 2002
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