In der
Bundesrepublik Deutschland leben etwa 2,5 Millionen Muslime, von denen ca.
80 % türkischer Herkunft sind. Von der deutschen Öffentlichkeit
weitestgehend unbemerkt sind mehr als 1600 Vereine bzw. Moscheen
entstanden (Heitmeyer u.a.
1995: 5), deren Mitgliederzahlen allerdings nur geschätzt werden können:
„Unter Vorbehalt kann ... davon ausgegangen werden, daß der türkische
Islam mit über 2000 regionalen Organisationen, mit ca. 50.000 bis 100.000
Mitgliedern und mehr als 500.000 praktizierenden Muslimen, derzeit den am
stärksten organisierten Teil innerhalb der ethnischen und religiösen
Minderheiten in der Bundesrepublik darstellt“ (KarakasoGlu,
in: Newsletter 2/96: 25).
Die Mehrheit der
muslimischen Bevölkerung in der Bundesrepublik bilden
Arbeitnehmerfamilien aus den ländlichen Regionen der Türkei. Daneben
existiert eine kleine Gruppe mit städtischer Herkunft. Zusammengerechnet
leben über 120.000 Muslime aus der arabischen Welt in der Bundesrepublik.
Die größte Gruppe bilden hier ebenfalls die Arbeiterfamilien, die aus
Marokko und Tunesien angeworben wurden. Zudem existiert noch eine Gruppe
von ca. 48.000 deutschen Muslimen sowie daneben die zunehmende Zahl von
Asylsuchenden zu nennen ist, die aus Ländern oder Kriegsgebieten des
Balkan, des Nahen und Mittleren Ostens sowie Afrikas kommen. Die größte
Gruppe der Muslime aus dem Nahen und Mittleren Osten dürften die Iraner
bilden, die mehrheitlich der schiitischen Richtung des Islam angehören.
Die Zahl der Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien wird auf ca. 200.000
geschätzt.
Nahezu 4/5 aller
Anhänger des Islam in Deutschland sind Muslime türkischer Herkunft. Sie
gehören zum größeren Teil der sunnitischen, zum kleineren Teil (ca.
400.000-500.000) der alewitischen Richtung an und spiegeln in Einstellung
und Verhalten die religiöse, kulturelle und soziale Situation der Türkei
wider.
Zwischen der
deutschen Bevölkerungsmehrheit und der muslimischen Minderheit gibt es
Verständigungsprobleme, die besonders in den Plausibilitätsmomenten der
Kulturdifferenz in der Alltagserfahrung begründet liegen. Somit ist bei
der ‘Verfestigung der Kulturdifferenzhypothese’ die Festlegung auf eine
islamische Identität von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung (Kandil,
in: Heitmeyer 1996: 412).
Der Islam als eine
der kulturellen Dimensionen der türkischen Immigranten spielt bei deren
Wahrnehmung als Fremdgruppe eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nicht nur
aufgrund der geschichtlich bedingten europäischen Sensibilisierung
hinsichtlich der Präsenz des Islam, sondern auch aufgrund einer
unterstellten Nicht-Kompatibilität mit der europäisch-christlichen
Tradition wird der „islamische Kulturkreis“ vom europäisch „westlichen
Kulturkreis“ unterschieden und voneinander abgegrenzt. Darüber hinaus wird
das Verständnis vom Islam vielfach dadurch geprägt, daß aufgrund des
modernen Phänomens des „islamischen Fundamentalismus“ - ein sich in
Hochkonjunktur befindender Begriff - der Islam, meist über die Medien
verstärkt, bedrohlich „fremd“ wirkt. Eine differenzierte,
prozeßsoziologisch orientierte Sichtweise, die den politisierten und
ideologisch verfremdeten Islam von dem liberalen Islam oder dem
regional-traditional geprägten Volksislam unterscheidet, wodurch auch
ethisch-moralische Gemeinsamkeiten mit der christlichen Religion
hervorgehoben werden könnten, fehlt weitestgehend im öffentlichen Diskurs.
Die verschiedenen Vertreter der islamischen Glaubensrichtung treten in der
deutschen Öffentlichkeit so gut wie gar nicht in Erscheinung. Nur deshalb
ist es leicht möglich zu übersehen, daß bereits 1/3 der türkischen
Bevölkerung in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und der zweiten
oder dritten Generation angehört. Diese erwerben ihre Sozialisation unter
den Migrationsbedingungen in Deutschland.
Bei der zweiten
und dritten Generation der türkischen Immigranten finden islamische
Orientierungen derzeit viel Resonanz. Die Bielefelder Forschungsgruppe
erklärt dies u.a. mit der These der Desintegration: „Hinter einem als
Selbstschutz konstruierten, überwiegend positiven Selbstbild spielen Angst
vor Ausgrenzungen, vor unsicheren Lebensläufen sowie verletzte Identität
durch emotionale und soziale Ablehnung eine Rolle.“ (Heitmeyer,
1995: 6). Die Identitätssuche der jungen Inländer mit türkischen Eltern
wird unter anderem von Gruppierungen mit totalitären, pluralismus-,
demokratie- und integrationsfeindlichen Zielvorstellungen und Programmen
für ihre Zwecke instrumentalisiert (Hocker,
in: Heitmeyer 1996: 426).
Deshalb wird in
den nachfolgende Erörterungen der Akzent weniger auf den traditionellen
oder theologischen Islam, sondern auf die spezifische Gestalt, die der
Islam unter den Migrationsbedingungen in Deutschland annimmt, gelegt. Um
der Pluralität in den Konfessionen, Rechtschulen, Glaubensvorstellungen,
Interpertationen, der unterschiedlichen sozialen und regionalen Herkunft,
der unterschiedlichen subjektiven Verbundenheiten zur Religion sowie den
unterschiedlichen Intensitätgraden des Glaubens nicht durch eine
reduktionistische und die Pluralität und Prozeßhaftigkeit der Realität
negierende Schablone zu pressen, werden in Anlehnung an C. Geertz und W.
Schiffauer die „kulturellen Dimensionen“ der Religion zum Gegenstand der
Erörterungen gemacht. Diese sind dem theologischen, philosophischen und
pragmatischen Islam als „universale Grammatik“ übergeordet und bilden
deren latente Struktur unterhalb der Vernunftsebene. Sie erlauben eine
verallgemeinerbare Betrachtung auf einer Ebene die jenseits der
Differenzen und Trennlinien liegt, die die islamische Religion und die
islamisch geprägten Gesellschaften kennzeichnen. Beide Ansätze erlauben
darauf hinzuweisen, daß es im wesentlichen von den Wandlungen der
kulturellen Dimensionen abhängt, wie der Islam interpretiert wird und
nicht zuletzt, welche Rolle er bei der Erziehung einnimmt. Und sie zielen
darauf ab, auf die Geschichtlichkeit und Wandlungsfähigkeit der
Lebenszusammenhänge und der sie strukturierenden „Religion“ aufmerksam zu
machen. Jede Kultur und jede Religion ist prinzipiell sowohl
entwicklungsfördernd als auch entwicklungshemmend. Kultur und Religion
können nicht losgelöst von den miteinander um Deutung, Anerkennung,
Geltung und Macht ringenden Menschen und Menschengruppen gedacht werden.
Gleichwohl birgt auch solch ein Ansatz Gefahren:
1. Dort, wo in der
Analyse kulturelle Dimensionen in den Vordergrund rücken, findet leicht
eine „Überverallgemeinerung“ statt; individuelle Eigenarten, Differenzen,
Gegenströmungen, Abweichungen und menschliche Dimensionen werden allesamt
von der „Kultur“ absorbiert.
2. Kultur wird
häufig zur „Erklärungsschablone“ degradiert, mit der man jede Eigenart,
die man vorfindet, zu erklären versucht. Typologisierungen, die aus
didaktischen Gründen kontrastiert bzw. überzeichnet werden, werden von den
Lesern häufig als gegeben übernommen. Noch schlimmer, sie werden zu
Konstanten erklärt und zu einer „Zwangsjacke“ gemacht, in die die Menschen
analytisch hinein gepreßt werden.
I.
Die Tragweite kultureller
Differenzen
1.
Die Thematisierung
von Identitätsfindung und Kulturkonflikten hat eine anhaltende Konjunktur
in den Sozialwissenschaften. Es ist zu einer Deutungsgewohnheit geworden,
die Differenzen zwischen der Aufnahmegesellschaft und den Immigranten mit
Hilfe der „Kulturkonflikthypothese“ und/oder der
„Modernitätsdifferenzhypothese“ zu erklären. Beide zielen auf die
Sozialisation der Immigranten (Bukow/Llaryora,
1988: 17). Bukow und Llaryora haben auf das basale Problem der sich in den
80er Jahren abzeichnenden Diskursverschiebung zum Differenztheorem
aufmerksam gemacht:
„Wohlgemerkt, es
geht nicht darum, die Bedeutung der Notwendigkeit einer Neuorientierung
einerseits und die von Sozialisation und Identitätsentwicklung
andererseits zu bestreiten. Entscheidend ist die Reduktion der
Wanderersituation, die Reduktion der Problematik auf ethnische Elemente
und in diesem Zusammenhang auf den Zustand der Distanziertheit und damit
auf Andersartigkeit, die dann vom Migranten sozialisatorisch über
Akkulturation und berufliches Arrangement überwunden werden müssen, wenn
es überhaupt zu etwas wie einer Identität kommen soll. Auf diese Weise
lenkt das Distanztheorem auf ethnische Fragestellungen und fundiert einen
Integrationsdruck, oktruyiert ethnische Entfremdung auf, macht daraus
eine psychische Notwendigkeit, entschuldigt den Druck sogar noch damit“ (Bukow/Llaryora,
1988: 17f).
Besonders wenn die
Immigranten einer anderen, um nicht zu sagen: „fremden“
Religionsgemeinschaft wie dem Islam angehören, rückt bei der Wahrnehmung
dieser sozialen Gruppe die kulturelle Differenz in den Vordergrund, da
sich die Immigranten nicht nur aufgrund ihrer ethnisch-nationalen
Herkunft, sondern auch aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur islamischen
Religion bzw. islamisch geprägten Kultur von der bundesrepublikanischen
Mehrheitsgesellschaft unterscheiden.
Jede Religion
besitzt eine kulturelle Dimension, indem sie Werte und Normen vermittelt
sowie Alltagspraktiken mit sich bringt. Aufgrund der daraus
resultierenden Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Verhaltensweisen können
gruppenspezifische Eigenschaften festgestellt werden, die, stoßen sie auf
andere kulturelle Muster, als kulturelle Differenzen erfahrbar und
wahrgenommen werden. Inwieweit diese kulturellen Differenzen zu
innergesellschaftlichen Problemlagen und Konflikten umschlagen, ist davon
abhängig: (1) wie stark die kulturelle Distanz zwischen den verschiedenen
gesellschaftlichen Gruppen empfunden wird, (2) ob die kulturelle Distanz
zwischen den verschiedenen Gruppen durch interkulturelle Kommunikation
abgebaut werden kann und (3) nicht zuletzt von der Akzeptanzbereitschaft
und Gleichstellungspolitik der Aufnahmegesellschaft.
Bei der religiös
definierten kulturellen Differenz ist auch zu berücksichtigen, daß
vielfach nicht genau festgestellt werden kann, inwieweit die Handlungs-
und Denkmuster derjenigen, die sich auf eine religiöse kulturelle
Identität beziehen und in bestimmten Situationen auf diese berufen,
tatsächlich der Religion entspringen. Manche Handlungsmotivationen werden
religiös legitimiert oder attribuiert, gleichwohl diese historisch eher
einer spezifischen Regionalkultur oder anderen kulturellen Zusammenhängen
entspringen. In seiner Ausbreitungsgeschichte hat sich beispielsweise der
Islam mit den verschiedenen regionalen Kulturen und religiösen
Vorstellungen so sehr vermischt, daß manche Riten und Symbole älteren,
nichtislamischen oder auch neueren Ursprungs sind.
Bei der Sichtweise
der Kulturdifferenz handelt es sich um eine Realitätswahrnehmung, die
Kultur als determinativ für das Handeln und Denken der Angehörigen der
jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe oder Zivilisation faßt. Die
komparativ zu beobachtenden kulturellen Differenzen dienen dabei der
Unterscheidung und Zuordnung von Menschen, ohne daß dabei deren soziale
Lage mit berücksichtigt werden muß. Gerade wenn die Menschen aufgrund
ihres äußeren Erscheinungsbildes, sei es durch ihre Hautfarbe oder
Kleidung, oder aufgrund ihrer Lebensweise voneinander unterscheidbar
sind, gelingt deren kulturelle, religiöse oder ethnische Zuordnung um so
einfacher. Symbole können dies noch verstärken. So steht beispielsweise
das „Kopftuch“ türkischer Frauen für deren Zugehörigkeit zur islamischen
Glaubensgemeinschaft. Das „Kopftuch“ macht sichtbar und unterscheidbar
und weckt zudem die Assoziation, es handele sich hierbei ausschließlich
um ein typisches Symbol der islamischen Geschlechtertrennung. Eine
monokausale Deutung der „Symbole“ ist jedoch unzureichend, da auch andere
Faktoren eine Rolle spielen können. Wenn beispielsweise in türkischen
öffentlichen Institutionen das Tragen von Kopftüchern untersagt ist, kann
die Handlungsmotivation der Trägerinnen auch in einer bewußt angestrebten
Sichtbarmachung ihrer Identität liegen, was dann eher aus der defensiven
Stellung gegenüber den staatlichen Vorgaben resultiert. Auch in den
europäischen Einwanderungsländern ist das „Kopftuch“ zum Symbol des
Anerkennungskampfes der muslimischen Minderheit geworden, obgleich das
Kopftuch eher als ein Symbol für eine „bäuerliche“ Tradition und Zeichen
der Sittsamkeit steht als für muslimische Religion. Seinen
städtisch-bürgerliches Pendant und zugleich Gegenstück findet das Kopftuch
in Zentraleuropa dann im Zuge der Verbürgerlichung schließlich im „Hut“
der bürgerlich-städtischen Frau.
Die soziale Welt
kann durch die Identifizierung von Symbolen, durch die Einteilung in das
Eigene und das Fremde, durch die feststellbaren und unterstellten
Differenzen gegliedert und geordnet werden. Diese Gliederung und Ordnung
ist jedoch trügerisch da, wo sie auf festgeschriebenen Differenzen
beruht, der dynamischen Entwicklung von Kultur eher eine Absage erteilt
und die Menschen gruppenspezifisch und relativ unabhängig von der
Gesamtgesellschaft in starre Einheiten aufteilt, die je nach der
Perspektive des Betrachters religiös, ethnisch oder kulturell attribuiert
werden. Der Blick auf die Differenzen kann zwar in bestimmter Hinsicht
aufklären, sollte aber die Aufmerksamkeit für die psycho-soziale,
ökonomische und politische Situation gesellschaftlicher Gruppen nicht
verstellen. Denn kulturelle Unterschiede werden vielfach erst durch
fehlende Anerkennung, Desintegration und Isolation verstärkt. In gewisser
Weise werden Differenzen durch die gesellschaftliche Stellung sogar
produziert. Marginalisierung und strukturelle Benachteiligung erzeugen
ein spezifisches Milieu, in dem die Menschen sozialisiert werden und aus
dem heraus sie schließlich eigene Reaktionsformen, Verhaltensweisen und
Orientierungen entwickeln, die dann als Differenzen wahrgenommen werden.
Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die mit den
Distinktionsbemühungen einhergehenden demonstrativen Überzeichnungen der
Abgrenzungssymbole, die als Zeichen der Emanzipation gesetzt werden.
Die
gesellschaftliche Stellung einer sich aufgrund ihrer Migrationsgeschichte
als zusammengehörig wahrnehmenden gesellschaftlichen Gruppe wie der der
türkischen Minderheit in Deutschland, kann also Differenzen zur Folge
haben, bei denen die soziale, ethnisch-kulturelle Herkunft und
Religionszugehörigkeit zwar den Ausgangspunkt bedeuten können, nicht aber
zwangsläufig bestimmend bleiben müssen. Zudem kann die Herkunftskultur der
Immigranten mit der Dauer ihres Aufenthalts in der Aufnahmegesellschaft
zunehmend an Bedeutung verlieren, da sich im dialektischen Prozeß
zwischen den gesellschaftlichen Gruppen sich verschiedene
Bewältigungsstrategien der kulturellen Distanzen herausbilden, die nicht
mehr ausschließlich durch die Herkunftskultur geprägt werden. Denn die
Bewältigung kultureller Differenzen und die Überwindung kultureller
Distanzen ist von der individuellen Persönlichkeitsstruktur der
Immigranten, von deren sozialer Lage, von der dominanten, um nicht zu
sagen herrschenden Kultur abhängig und davon, inwieweit sich der Status
der Angehörigen der Minderheit von dem der Mehrheit unterscheidet. Also
spielen dabei mehrere Faktoren eine Rolle, die von Individuum zu
Individuum unterschiedlich ausgeprägt sind und genauso unterschiedlich in
die Bewältigung mit einfließen. So ist im Hinblick auf die türkische
Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland festzustellen, daß sich eine
eigentümliche Migrantenkultur herausgebildet hat, die nicht mehr
ausschließlich durch die Herkunftskultur geprägt ist, sondern auch durch
die der deutschen Aufnahmegesellschaft. Gerade die Angehörigen der zweiten
und dritten Generation türkischer Immigranten fühlen sich sowohl der
türkischen als auch der deutschen Gesellschaft zugehörig und bewältigen
diese Ambivalenzen qualitativ abhängig davon, inwieweit sie sich von der
einen oder anderen akzeptiert oder ausgegrenzt fühlen.
Dementsprechend
führt der Assimilations- und Akkulturationsdruck der Mehrheitsgesellschaft
auf die muslimische Minderheit nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland
dazu, daß die islamische Kultur der Immigranten vielfach zu einer
Defensivkultur und somit zu einem Integrationshemmnis geraten kann, wenn
die islamische Identität zur ideologisch begründeten Verschiedenheit zur
Aufnahmegesellschaft instrumentalisiert wird. Dies, gleichwohl die
heterogene islamische Kultur genauso wie die christliche Kultur mit der
säkularen Welt und der Verfassung moderner demokratischer Gesellschaften
durchaus vereinbar ist. Ob der Islam, wie andere religiöse oder
ideologische Überzeugungen auch, zu einem Integrationshemmnis wird, ist
überwiegend von der Sichtweise und Interpretation des Islam abhängig.
Deshalb muß sich auch die Mehrheitsgesellschaft mit den Fragestellungen
ihrer muslimischen Mitglieder kritisch auseinandersetzen, da nur eine
breite öffentliche Diskussion über die Rolle der islamischen Religion dazu
führen kann, daß die gegenseitige Anerkennungs- und Akzeptanzbereitschaft
anwächst, die Politisierung des Islam im Sinne einer Pseudoreligion der
Marginalisierten zurückgedrängt wird und sich der liberale Islam
durchsetzen kann. Dabei ist insbesondere vor instrumentalistischen
Vorgehensweisen und unhaltbaren Toleranzen und Akzeptanzen zu warnen.
Eine Auseinandersetzung kann nur dann als ernst gelten, wenn sie ihr
Gegenüber weder paternalisiert noch verherrlicht, sondern als
gleichberechtigtes Subjekt behandelt. Allerdings ist die
gesellschaftliche Realität noch weit davon entfernt, möglicherweise
deshalb, weil zwischen den „bekennenden Christen“ und „bekennenden
Muslimen“ eine stillschweigende Übereinkunft in der Skepsis gegenüber der
„kulturellen Moderne“ besteht, und sie deshalb die Diskussion stets auf
den theologischen Diskurs um Gemeinsamkeiten und Unterschiede lenken, wo
sie m.E. viel eher um den Kristallisationspunkt der „Säkularisierung“
konzentriert sein müßte. Nur deshalb ist es möglich auszublenden, daß
weder alle Christen noch alle Muslime unter ihrer entsprechenden Religion
dasselbe verstehen und dieser in ihrer Alltagsorientierung gleiches
Gewicht beimessen.
2.
Die
interdisziplinäre Forschungsgruppe der Universität Bielefeld und
insbesondere die Studien Heitmeyers zur Individualisierung bei
Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus haben unter anderem ergeben,
daß nur in der Zusammenschau der soziopolitischen Stellung und der
herkunfts- und sozialisationsbedingten Faktoren die kognitiven und
emotionalen Strukturen der Jugendlichen verständlich werden. Insbesondere
ausländische Jugendliche, wobei die Mädchen höhere Werte aufzeigen als die
Jungen, weisen einen hohen Grad an Orientierungsunsicherheit auf (Heitmeyer,
1995: 401), die mit der „Kulturdifferenzhypothese“ nur unzureichend
analysiert werden kann. Denn die Orientierungsunsicherheit bei Individuen
moderner, differenzierter Gesellschaften ist als eine Konstante zu sehen,
die sich aus der zunehmenden Individualisierung und Komplexität dieser
Gesellschaften ergibt. Demzufolge ist die „signifikant höhere emotionale
Anspannung“ türkischer Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland auf
deren besonders schwierige soziale und individuelle Situation
zurückzuführen, die, von Diskriminierungen überschattet, auf den doppelten
kulturellen Ambivalenzen und sozialen Ungleichheiten basieren.
Mit der
Komplexität der Gesellschaft nimmt zugleich der Grad an
Unübersichtlichkeit und infolge dessen das Bedürfnis nach Orientierung zu.
Das Festhalten an kulturellen Werten, die eigentlich immer aus einer
spezifischen historischen Lebenssituation der Menschen und
Menschengruppen hervorgegangen sind, kann dabei insofern psychisch
entlastend wirken, als es der Orientierung dient. Die Berufung auf eine
Kultur und auf deren überlieferten Werte ist immer ein konservatives
Argument, da die Prozeßhaftigkeit von Kultur und damit die Veränderbarkeit
von kulturellen Werten in Abrede gestellt sowie dem Nebeneinander pluraler
Wertemuster eine Absage erteilt wird. Ethische Prämissen müssen zum
Beispiel aufgrund anstehender qualitativ neuer Probleme immer wieder neu
ausgehandelt werden. Dafür bietet die Überlieferung der verschiedenen
politischen und philosophischen Traditionen eine notwendige Orientierung.
Für die im Laufe des gesellschaftlichen und technischen
Entwicklungsprozesses sich ergebenden neuen Problemlagen liefert sie
jedoch noch keine ausreichende Handlungsorientierung, da sie
zurückliegenden, in gewisser Weise mittlerweile überholten,
Zusammenhängen entspringen.
Die
unterschiedliche Entwicklung von Gesellschaften wird in den
Sozialwissenschaften ebenfalls als ein bestimmender Faktor für die inner-
und zwischengesellschaftlichen Differenzen und Konfliktlagen betrachtet.
Im Zentrum der „Modernitätsdifferenzhypothese“ steht die ungleichzeitige
Entwicklung von Menschengruppen und Gesellschaften. An Plausibilität
gewinnt dieser Erklärungsansatz in bezug auf die türkischen Immigranten
der Bundesrepublik insbesondere dadurch, wenn diese den ländlichen
Gebieten der Türkei entstammen und deshalb als der „traditionellen
Gesellschaft“ zugehörig beschrieben werden. Demzufolge unterliegen die
Wanderer schon bei der Binnenmigration in die türkischen Großstädte,
besonders aber bei der Migration in die fortgeschrittene moderne
bundesrepublikanische Gesellschaft einem spezifischen Modernisierungsstreß,
den sie auf unterschiedlichste Weise verarbeiten und bewältigen. Da aber
nicht nur die Immigranten aus „weniger entwickelten Gesellschaften“,
sondern alle Gesellschaftsmitglieder mehr oder minder einem
Modernisierungstreß ausgesetzt sind, kann in der Analyse die
Modernitätssdifferenz genauso wenig totalitär gefaßt werden, wie die der
Kulturdifferenz.
Differenztheoreme
sind, um noch einmal darauf hinzuweisen, immer im Zusammenhang der
Prozeßhaftigkeit von Kultur und Modernisierung zu betrachten, was unter
anderem dazu beiträgt, die Verschiedenheit der Menschen als eine
Grundvoraussetzung für die langfristige Entwicklung begreifen zu können,
da Kulturen sich im Laufe der Menschheitsgeschichte immer gegenseitig
befruchtet haben und die Pluralitäten grundsätzlich dem
gesellschaftlichen Fortschritt dienen können.
Genauso wie die
„Kulturdifferenzhypothese“ birgt auch die „Modernitätsdifferenzhypothese“
besonders in der Alltagserfahrung viele Plausibilitätsmomente. Die
Religion tritt in der Wahrnehmung der Modernitätsdifferenz allerdings
kaum in Erscheinung, da sie hauptsächlich kulturelle Dimensionen in sich
birgt und nur indirekt mit dem jeweiligen Entwicklungsstand der
Gesellschaften in einem Zusammenhang steht.
Erst wenn die
Religion politisiert wird, d.h. aus ihr heraus eine Weltsicht gewonnen,
die auf die politische Durchsetzung religiös legitimierter Prinzipien
abzielt, kann dies als eine offensive Haltung gegenüber der modernen
differenzierten Gesellschaft betrachtet werden. Insofern gelangt die
Orientierung an der Religion zur religiös-ideologischen Weltsicht, die
einen offensiven Wahrheitsanspruch besitzt. Die globale integrative
Bewegung des Islamismus resultiert aus einem solchen Wandlungsprozeß und
ist qualitativ von der ursprünglichen Rolle, welche die Religion für die
Menschen hat, zu unterscheiden.
II.
„Religion als kulturelles
System“
1.
Die erste
Generation der türkischen Immigranten vertrat hauptsächlich einen
traditionellen Islam, der mit ihrer sozialen Herkunft aus den ländlichen
Gebieten der Türkei eng in Verbindung steht. Der intellektuelle Anspruch
der Folgegenerationen unterscheidet sich mittlerweile im Zugang zum Islam
vom Volksislam der Eltern, indem dieser sich mehr am international
orientierten Umma-Gedanken, der Weltgemeinschaft der Moslime orientiert (Karakaso×lu,
in: Newsletter 2/96: 27). Für die erste Migrantengeneration waren Religion
und Tradition noch wichtig, um trotz der Sprachschwierigkeiten und
Diskriminierung in der Diaspora die eigene Würde und Selbstachtung zu
wahren. Bei der zweiten und dritten Generation zeigen sich nun neue
Tendenzen auf, die mit deren gesellschaftlicher Situation korrespondiert.
Die Situation der
zweiten und dritten Generation ist von der der Eltern verschieden. Oftmals
beherrschen sie die deutsche Sprache besser als die türkische, haben
deutsche Schulen besucht und fühlen sich insgesamt mehr in Deutschland als
in der Türkei beheimatet. Insbesondere diese jungen türkischen Inländer
ohne deutschen Paß stehen vor einem Identitätsdilemma.
Der Islam bietet
sich besonders im Zusammenhang gesellschaftlicher Desintegration der
Muslime und, wie alle Religionen, der allgemeinen Orientierungssuche der
Individuen nach gemeinsamen Wertemustern, nach verbindlichen Normen und
Identitätskonzepten an, eine sublimierende Funktion zu erfüllen. Zunächst
ist also der grundlegenden Frage nachzugehen, warum überhaupt die Religion
für die Individuen eine solche Rolle spielen und welche Funktion religiöse
Lebensformen und Religiosität für sie erfüllen kann. Dabei ist
insbesondere die Suche nach Gewißheiten, die in modernen pluralistischen
(multikulturellen) und differenzierten Gesellschaften eigentlich nicht
anzutreffen sind, für das Verstehen religiöser Überzeugungen als zentral
anzusehen. Bestimmte Hintergrundfaktoren moderner Gesellschaften können
bei dieser Suche verstärkend wirken – gerade dann, wenn die moderne Welt
als krisenhaft wahrgenommen wird. Abgesenkte Pflicht- und Akzeptanzwerte
bei gleichzeitiger Aufwertung der Selbstentfaltungswerte
(Individualisierung), ein mißglückter Sozialisationsprozeß,
Zukunftsängste, Unsicherheit, Wertepluralismus, Hedonismus und die
schwindende generations- und/oder geschlechtspezifische Zuweisung von
Verantwortungsrollen können als solche Hintergrundfaktoren angesehen
werden. Die Religion bietet hierbei einen Handlungsrahmen, mit der auf
diese Zustände reagiert werden kann, um diese abzumildern. In diesem
Zusammenhang fällt der Religion schließlich eine doppelte Funktion zu: Sie
eröffnet Handlungsoptionen dort, wo alles trostlos erscheint und bietet
Trost dort, wo keine Handlungsmöglichkeiten mehr bestehen.
Eine
repräsentative Befragung von 1221 türkischen Jugendlichen hat ergeben, daß
mehr als die Hälfte (68%) dem Islam eine wichtige Rolle zuweisen. Das kann
unter anderem damit erklärt werden, daß der Islam Gewißheiten und Rückhalt
anbietet, die die Jugendlichen für ihre persönliche Entwicklung und ihr
Selbstbild benötigen (Heitmeyer
u.a., in: Newsletter 2/96: 5). Dies erinnert auch an die Deutung der
Religion von Freud: „Das Unbehagen an der Kultur“ beinhaltet eine
Sichtweise von Religion, die dem individualisierten, von Fremdzwängen nur
scheinbar befreiten Individuum einer säkularisierten Welt entspricht.
Freuds Ansatz verdeutlicht, warum Menschen die Religion zum Fixpunkt für
ihre Lebensphilosophie und -orientierung machen und warum die Religion im
Kontext einer komplexen modernen, säkularisierten Welt nach wie vor als
eine prägende Instanz für das Weltbild fungieren kann.
Nach Freud ist
Religion als ein „System von Lehren und Verheißungen“ zu verstehen, das
„die Rätsel dieser Welt mit beneidenswerter Vollständigkeit aufklärt,
andererseits ... zusichert, daß eine sorgsame Vorsehung über sein Leben
(des Menschen, d.V.) wache und etwaige Versagungen in einer jenseitigen
Existenz gutmachen wird“ (Freud
1972: 72). Analog zu einem „großartig erhöhten Vater“, somit dem
autoritären Charakter entsprechend, weiß die Religion die Frage nach einem
Zweck des Lebens zu beantworten. Sie dient der Selbstvergewisserung und
der Begründung von Werten, bietet ein konsistentes Weltbild und somit die
Möglichkeit zur Komplexitätsreduktion.
2.
Der Ansatz von C.
Geertz, der die „Religion als kulturelles System“ betrachtet und gegenüber
den psychologischen Mechanismen, die bei Freud im Mittelpunkt stehen, die
kulturelle Dimension der Religion in den Vordergrund stellt, ist m.E.
besser dazu geeignet, um der Frage nachzugehen, welche Funktion die
Religion für die Menschen und Menschengruppen hat, da er das soziale
Moment in den Vordergrund rückt. Denn bei der kulturellen Dimension der
Religion handelt es sich um das ausschlaggebende Moment, welches bestimmt,
inwieweit die Religion in der (interkulturellen) Erziehung eine Rolle
spielt, bzw. welche Funktion sie dabei erfüllt.
Gleichwohl ist die psychologische Funktion als basal für die Ebene der
sozialen Funktion anzusehen, dies allerdings hauptsächlich in der
differenzierten, individualisierten modernen Gesellschaft, in der das
Individuum im Mittelpunkt des Denkens steht.
Geertz zufolge
machen religiöse Vorstellungen und Praktiken die sittlichen
Lebensgrundsätze eines Individuums oder einer Gruppe der Gesellschaft, die
die Grundlage des Wollens und Handelns bilden (Ethos), zu etwas
verstandesgemäß Glaubwürdigem. Die sittlichen Lebensgrundsätze werden
glaubwürdig, indem die religiösen Vorstellungen und Praktiken das Ethos
als Ausdruck einer Lebensform darstellen, die jenen tatsächlichen
Gegebenheiten entspricht, wie sie das entsprechende Weltbild impliziert
(ebd.: 47). Diese eigentümliche wechselseitige Bestätigung von Lebensform
und Weltbild bewirkt schließlich eine Objektivierung moralischer und
ästhetischer Präferenzen, die als Common sense bzw. als notwendige
Lebensbedingung erscheinen.
Indem auf tief
verwurzelte moralische und ästhetische Empfindungen verwiesen wird, die
als empirischer Beleg für die Gültigkeit dieser Empfindungen angeführt
werden, wird die tradierte Weltauffassung bekräftigt. Somit unterstützen
sich Lebensstil und Metaphysik gegenseitig, erzeugen dadurch
Plausibilität und intellektuelle Gültigkeit (ebd.: 48).
"Eine Religion ist
ein Symbolsystem, das darauf zielt, starke, umfassende und dauerhafte
Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen, indem es
Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und diese
Vorstellungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, daß die
Stimmungen und Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen
scheinen“ (ebd.: 48).
Kulturmuster, also
Symbolsysteme bzw. Symbolkomplexe betrachtet Geertz als extrinsische
Informationsquellen.
Kulturmuster verleihen dabei in doppelter Hinsicht der sozialen und
psychologischen Wirklichkeit Bedeutung, „indem sie sich auf diese
Wirklichkeit ausrichten und zugleich die Wirklichkeit auf sich ausrichten“
(ebd.: 53).
Religiöse
Vorstellungen drücken das jeweilige Leben aus und prägen es zugleich, sind
nach Geertz synoptische Formulierungen der jeweiligen Wirklichkeit oder
Schablonen, die diese Wirklichkeit hervorbringt (ebd.: 54). Die
religiösen Vorstellungen wirken prägend, indem sie bei den gläubigen
Individuen bestimmte charakteristische Dispositionen wecken, die den
Ablauf ihrer Tätigkeiten und die Art ihrer Empfindungen in gewisser Weise
festlegen (ebd.: 55). Religiöse Praktiken wecken zwei Dispositionen:
Stimmungen und Motivationen (ebd.: 56). Diese sind in einen kosmischen
Rahmen gestellt, dem die diagnostischen Symbole entspringen, die die
Individuen bei der Suche nach Verständlichkeit auf empirische Phänomene
richten.
Das religiöse
Weltbild hilft dem Individuum nicht nur im Umkreis von Grenzsituationen
(Krankheit, Tod und Trauer), sich nicht einer absurden Welt ausgeliefert
fühlen zu müssen. Sie stellt allgemein eine verbindliche Auffassung der
Realität bereit und befördert dadurch die Fähigkeit, analytische Ideen zu
formulieren, in denen die Wirklichkeit verankert ist. „Wer sich die
religiösen Symbole zu eigen machen kann, hat – solange er es kann – eine
kosmische Garantie dafür, nicht nur die Welt zu verstehen, sondern auch
seine Empfindungen und Gefühle präzise definieren zu können, wodurch es
ihm möglich wird, diese Welt verdrießlich oder freudig, verbissen oder
gelassen zu ertragen“ (ebd.: 67). Durch das religiöse Weltbild werden
schließlich Erfahrung und affektive Probleme erklärbar.
Beim Problem mit
der Verwirrung, den ethischen Widersprüchen, der Sünde und dem Leiden
(Sinnproblem) handelt es sich für Geertz in gewisser Hinsicht um das
Gleiche. Die religiöse Antwort ist immer dieselbe: „sie formt mittels
Symbolen das Bild einer ... genuinen Ordnung, das die ins Auge springenden
Zweideutigkeiten, Rätsel und Widersinnigkeiten in der menschlichen
Erfahrung erklärt oder sogar hervorhebt. Es geht ihr nicht etwa darum zu
bestreiten, daß es ungeklärte Ereignisse gibt, daß das Leben Schmerzen
bringt oder daß es auf die Gerechten regnet; was sie bestreitet ist
vielmehr, daß es unerklärbare Ereignisse gebe, daß das Leben unerträglich
und Gerechtigkeit ein Trugbild sei“ (ebd.: 71f.). In der weltlichen, von
der Aufklärung dominierten Welt übernimmt die Wissenschaft diese
Funktion. Beiden kosmischen Ordnungen liegen ähnliche Motive und Antriebe
zugrunde.
Religiöser Glauben
unterstellt eine Autorität, die die Alltagserfahrungen verwandelt (ebd.:
73). Das Sinnproblem stellt in diesem Zusammenhang nicht die Quelle der
Glaubensanschauungen dar, sondern ist deren wichtigster Anwendungsbereich.
Das Grundaxiom hinter der „religiösen Perspektive“ ist: „wer wissen
möchte, muß zunächst glauben“ (ebd.: 74). Darüber hinaus hat die religiöse
Perspektive eine besondere Eigenart, die sie von anderen Perspektiven bzw.
Einstellungen unterscheidet: Sie strebt über die Realitäten des
Alltagslebens hinaus zu umfassenderen Realitäten hin. „Es geht ihr nicht
um ein Einwirken auf diese umfassenderen Realitäten, sondern um ihre
Anerkennung, um den Glauben an sie“ (ebd.: 77).
Der Zweifel an den
Realitäten besteht auf der Grundlage von Wahrheiten, die nach dem
Dafürhalten der religiösen Perspektive umfassenderer und
nicht-hypothetischer Natur sind (ebd.). Für Geertz ist es eben „diese Idee
eines ‘wirklich Wirklichen’, die der religiösen Perspektive zugrunde
liegt und die die symbolische Praxis der Religion als kulturelles System
hervorbringen, vertiefen und soweit wie möglich gegen die anderslautenden
Erkenntnisse der säkularen Erfahrung immun machen soll“ (ebd.).
Die soziale und
psychologische Rolle von Religion basiert u.a. darauf, „inwieweit die
religiösen Vorstellungen vom ‘wirklich Wirklichen’ und die dadurch
erweckten Dispositionen die Auffassung vom Vernünftigen, Praktischen,
Humanen und Moralischen beeinflussen können“ (ebd.: 94). Diesbezüglich ist
zu berücksichtigen, daß manche Menschen ihre Religion im säkularen
Bereich relativ sorglos behandeln, andere sich jedoch bei jeder
Angelegenheit auf ihren Glauben beziehen. Zudem ist die Spannbreite
zwischen den religiösen Vorschriften und dem, was die Anhänger der
Religion tatsächlich tun, von Individuum zu Individuum verschieden (ebd.:
94).
Dieser kurze Abriß
über die von Geertz beschriebene kulturelle Dimension von Religion kann
verdeutlichen, warum insbesondere die marginalisierte Stellung der
muslimischen Minderheit zu einer Verstärkung des islamischen Weltbildes
führen kann. Denn die Immigranten sind nicht nur den typischen
Ambivalenzen und anomischen Strukturen der Moderne ausgesetzt, sondern
unterliegen aufgrund der Migrationserfahrungen und ihrer
gesellschaftlichen Stellung noch weiteren Doppeldeutigkeiten. Mittels der
Eindeutigkeit oder, wie Geertz es ausdrückt: des „wirklich Wirklichen“,
dem konsistenten religiösen Weltbild, können die Ambivalenzen bewältigt
werden. Hierfür müssen sich die Träger dieses Weltbildes allerdings von
anderen Weltbildern abgrenzen, um sich nicht den „Anomien“ und dem
Zweifel, die durch die pluralen Weltbilder hervorgerufen werden,
auszusetzen. Von der Außenseiterposition ausgehend kann diese Abgrenzung
sogar bewußt angestrebt sein, da der Ausgrenzung und Desintegration mit
einem Insistieren auf die islamische Zugehörigkeit angemessen entgegnet
werden kann und dem fehlenden Identitätsangebot der Aufnahmegesellschaft
entsprechend, die islamische Identität an integrativer Bedeutung gewinnt.
III.
Der Islam und seine Bedeutung für die
türkische Minderheit der Bundesrepublik
Deutschland
1.
Bei der ersten
Generation der türkischen Immigranten stand, wie bereits erwähnt, noch
überwiegend die Bewahrung der Herkunftskultur im Vordergrund, besonders
wenn sie fern ihrer Heimat und Familie in Arbeiterwohnheimen lebten. Als
dann nach 1974 der Familiennachzug dazu führte, daß die Arbeiterwohnheime
verlassen wurden und die Immigranten mit Frauen und Kindern in die Städte
zogen, meist in die strukturschwächeren Stadtgebiete, hier eine eigene
Infrastruktur ausbildeten und im Schatten der deutschen Öffentlichkeit
ihr Leben (zumeist noch unbewußt) auf Dauer in der Bundesrepublik
Deutschland einzurichten begannen, wurden die Immigranten direkt mit der
herrschenden Kultur der Aufnahmegesellschaft konfrontiert.
Die Differenzen
zwischen den verschiedenen Kulturmustern traten dadurch deutlicher in
Erscheinung. Die türkischen Immigranten wurden sichtbar. Da aber die
soziale Nähe der Immigranten zu den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft
selten über die des Arbeitsplatzes hinausging, wurden die
Akzeptanzbereitschaft für und die Aufklärung über die jeweils andere
Kultur und Religion auf beiden Seiten eher verhindert als gefördert.
Die Sozialpolitik,
die Parteien und Gewerkschaften versäumten in den späten 70er Jahren die
sich abzeichnende Entstehung einer türkischen Minderheit programmatisch zu
begleiten und hielten, wie viele der Immigranten selbst an dem
illusionären Rückkehrgedanken der mittlerweile nur noch geglaubten
„Gastarbeiter“ fest. Genauso wie im sozialpolitischen Bereich wurde
deshalb auch im religiösen Kontext dadurch zunächst die Chance verpaßt,
eine aktive Integrationspolitik zu verfolgen und ein gegenseitiges
Verständnis aufzubauen.
In den 70er Jahren
waren islamische Vereine noch kaum vertreten. Doch die Bedeutung des Islam
stieg mit dem Zuzug der Frauen und Kinder wesentlich an. Der Islam als „extrinsische
Informationsquelle“ und spezifische Einstellung gegenüber den Realitäten
vermag es, die soziale Kontrolle unter den Muslimen in der Diaspora zu
verstärken. So kann beispielsweise das überkommene geschlechts- und
generationspezifische Rollenverständnis religiös legitimiert werden. Für
die soziale Kontrolle wurde es notwendig die eigenen kulturellen
Werteorientierungen zu pflegen: „Es ging nicht mehr nur um Fragen der
Arbeitswelt“, sondern Begriffe wie „Ehre der Familie“, „Achtung des
Familienoberhaupts“, „Respekt“ gewannen innerhalb der
Migrantengesellschaft eine stärkere Bedeutung für die gegenseitige
Akzeptanz (Karakaso×lu,
in: Newsletter 2/96: 22). Dementsprechend gewannen auch die islamischen
Organisationen eine wichtige soziale Funktion, indem sie ein eigenes
System der sozialen Unterstützung entwickelten.
Schon bei der
ersten Migrantengeneration aus der Türkei zeichnet sich ab, daß die
erlittenen Kränkungen der Migration vielfach zu einer Überhöhung des Islam
führen können. Der Islam gelangt in der Diaspora zu einem
Identitätsfaktor, wodurch er sich in seiner Bedeutung für die türkischen
Immigranten im Gegensatz zu seiner Bedeutung im Herkunftsland auf
spezifische Weise verändert hat (Schiffauer,
1991: 143).
In den türkischen
Dörfern ist der Charakter des religiösen Diskurses weniger durch die Suche
nach Wahrheit als durch die Vergegenwärtigung von gemeinsamen und
geteilten Auffassungen bestimmt. W. Schiffauer betrachtet dies als die
Überlagerung der religiösen durch die politische Bedeutung des Islam. Die
Verpflichtung gegenüber Gott ähnelt dabei weitestgehend der
Verpflichtung, dem Vater gegenüber Achtung zu erweisen. In der
Migrationssituation, so W. Schiffauer, wird diese religiöse Praxis bei den
türkischen Gläubigen systematischer, was unter anderem ein verändertes
Verhältnis gegenüber anderen und gegenüber sich selbst reflektiert (ebd.:
146). Die individuelle Suche nach der Wahrheit tritt an die Stelle
kollektiver und gemeinschaftsstiftender Vergegenwärtigung, da die
Plausibilität der bäuerlichen kommunalen Religion aufgrund der
Migrationserfahrung verfällt und der Charakter der Gemeinde sich
verändert: Die Gemeinde ist nicht mehr vorgegeben, sondern kann gewählt
werden; ihr anzugehören ist auch nicht mehr politisch relevant. Die
religiösen Praktiken sind dann keine äußeren Verpflichtungen mehr, sondern
können als spirituelle Übung angesehen werden, mit denen sich die
Gläubigen selbst erziehen (ebd.). Schiffauer bezeichnet diesen Vorgang als
die „Islamisierung des Selbst“. Mit ihr einher geht die
„Individualisierung“ des Islam.
Hierbei ist
hervorzuheben, daß der Vorgang der „Islamisierung des Selbst“ nicht
zwangsläufig stattfinden muß. Sie ist nicht die einzige
Bewältigungsstrategie der Migrationserfahrung. Die Migranten bilden je
nach der eigenen Biographie und Persönlichkeitsstruktur unterschiedliche,
mehr oder minder in sich konsistente Weltbilder aus. Schiffauer versucht
drei dieser Weltbilder idealtypisch zu beschreiben: (1) das
fortschrittsbewußt-universalistische, (2) das kulturalistische und (3) das
islamisch-fundamentalistische Weltbild. Von dieser idealtypischen
Auflistung sollte jedoch insofern Abstand genommen werden, als diese die
Bewältigungsstrategien und Verarbeitungstechniken der Migrationserfahrung
allzusehr in einer Schablone betrachtet, was der vielschichtigen Realität
und den spezifischen Existenzbedingungen der türkischen Immigranten
eigentlich nicht gerecht werden kann. Es sei denn, man ist sich dessen
bewußt, daß es sich bei allen Idealtypen notgedrungen um didaktische
Reduktionen handelt.
2.
In der Diaspora
zeichnet sich also eine Verschiebung in der Bedeutung der Religion ab. Die
Herkunftskultur wird dabei prozeßhaft von einer eigentümlichen
Migrantenkultur abgelöst (Auernheimer 1995: 167) – dies insbesondere bei
der zweiten Generation –, in der der Islam als eine kulturelle Dimension
und als ein Identitätsfaktor für den Immigranten von Bedeutung sein kann.
Je nach der biographischen Genese des einzelnen fällt die Bedeutung des
Islam dabei unterschiedlich aus. Grundsätzlich kann nur festgehalten
werden, daß die Funktion der Religion in der Diaspora auf gewisse Weise
immer mit der Minderheiten- und der Außenseiterposition innerhalb einer
Gesellschaft
sowie allgemein mit den ambivalenten Folgeerscheinungen der
säkularisierten Welt korrespondiert.
Auf ihren
symbolischen Gehalt bezogen dient die Religion hierbei als ein
Abgrenzungsversuch und hat Schutzfunktion gegenüber den empfundenen
Zumutungen. Insofern gelangt der Islam für die Immigranten zum Mittel der
Reduktion von Komplexität, der Selbstbehauptung gegenüber
Diskriminierungempfindungen, der Identitätsbezeugung und dem Rückhalt
gegenüber der wahrgenommenen Anomie. Nicht nur die Studien Heitmeyers über
die türkischen Jugendlichen, auch Schiffauers Untersuchungen legen dar,
daß der Islam im Kontext der Migrantenkultur unter den Bedingungen der
modernen differenzierten Gesellschaft in seiner Bedeutung für die
Gläubigen eine eigentümliche Entwicklung aufzeigt.
Die religiöse
Begeisterung über die Wunderkraft und das Wirken Gottes vermag in diesem
Zusammenhang sowohl die in dieser Welt als schmerzlich empfundenen
Erscheinungen und Anforderungen einer rationalisierten Welt zu
beschwichtigen, als auch die meist als „schmerzlich“ empfundenen
Migrationserfahrungen zu bewältigen.
Auf die
psychologischen Mechanismen bezogen wird auf der Ebene des Wissens über
die Religion die Gemeinschaft herausgestellt, indem sich die gemeinsamen
und geteilten Auffassungen vergegenwärtigt werden. Denn die Religion
stellt einen Fixpunkt dar, der den anomischen Erscheinungen innerhalb der
familiären und gesellschaftlichen Strukturen entgegengestellt werden kann.
In diesem Zusammenhang dient der „gelebte Islam“ unter anderem auch als
Mittel, die patriarchalische Familienstruktur zu legitimieren und zu
festigen, also das überkommene Rollenverhalten abzusichern. Aus
männlicher Sicht korrespondiert dies mit dem eventuellen Autoritätsverlust
aufgrund der Lebenszusammenhänge in der deutschen Gesellschaft.
Demokratische
Strukturen in anderen Familien werden häufig als Auflösungserscheinungen
begriffen. Dies kann dann zu einem Integrationshindernis werden, wenn die
Eltern z.B. von negativen sozialisatorischen Konsequenzen ausgehend, die
Kinder nicht deutschen Institutionen, sei es dem Kinderhort oder -garten
übergeben wollen. Zumeist sind es die der ländlichen Türkei entstammenden
Eltern, die die deutsche Umgebung für ihre Kinder um so mehr als Gefahr
empfinden, je stärker sie sich in traditionellen Werten verwurzelt
fühlen. Dieses Empfinden kann noch dadurch bekräftigt werden, wenn ihre
Lebens- und Arbeitssituation es weniger zuläßt, die Kinder effektiv zu
kontrollieren. Deshalb besteht unter anderem die Tendenz, außerfamiliäre
Kontrollinstanzen aufzubauen oder zu fördern, wie beispielsweise
Koranschulen oder islamische Internate oder indem einfach nur die Nähe zur
türkischen Nachbarschaft gesucht wird.
Besonders der
defensiv gelebte Islam führt dazu, daß angesichts der als anomisch
empfundenen „Freiheit“ in einer komplexen Gesellschaft, die sich eben
nicht in ein zentriertes, einheitliches Weltbild fassen läßt, die Reaktion
nicht „Ausbruch“ ist, sondern eine Verweigerung gegenüber dem
relativierenden und Ambivalenz offenbarenden Dialog, um, sofern die
Religion Ausgangspunkt des Denkens ist, sich eines religiös begründeten
konsistenten Weltbildes zu vergewissern. Letzteres muß aufgrund der
Außenseitersituation im alltäglichen Leben immer wieder behauptet werden (Schiffauer,
1991: 218).
Offene Fragen
können dann verdrängt werden, wenn das Interesse an den konkreten
Lebensumständen von der Aneignung und Umsetzung des Islam überlagert
wird. Auch kann die Angst vor der Zukunft durch das dem Islam implizite
„Heilsversprechen“ strategisch bewältigt werden. Diesbezüglich wird die
kulturelle Differenz und Spannung unter anderem dadurch beantwortet, daß
man sich die Träger eines anderen Weltbildes, so zum Beispiel die deutsche
Mehrheitsgesellschaft, als „gedankenlos“ hinsichtlich der Zukunft
vorstellt.
Bezogen auf den
Legitimationsgehalt dient der islamische Begründungszusammenhang der
Begründung von Werten, die als Forderung dadurch legitimiert werden.
Praktiken werden mit der Religion gerechtfertigt.
Schiffauer weist
darauf hin, daß besonders die Männer auf die Errichtung der
repräsentativen Fassade des Islam Wert legen (Schiffauer
1991: 218). Aber auch die Frauen können vom Wissen über den Islam
profitieren, indem sie dadurch Zugang in die Männerdomäne erhalten und das
„Scheitern der Migration“ genauso wie die Männer dadurch bewältigen, indem
ihnen die Form des Wissens Halt und Selbstbewußtsein vermittelt (Vgl.
Schiffauer, 1991: 219 -
223).
Das Wissen über
den Islam führt insofern auch zu einem Gewinn an Autorität und hilft
schließlich mittels eines Appells an die Verpflichtung, eine dominante
Stellung zu festigen oder überhaupt ein Stellung zu erlangen.
Allgemein auf die
kognitiven Strukturen bezogen ist festzustellen, daß wenn die Religion zum
Ausgangspunkt des Denkens genommen wird, sich genauso ein konsistentes
Weltbild herauskristallisiert, als wenn die Kultur zum Ausgangspunkt
genommen wird. Allerdings ist die Qualität des religiös-fundierten
Weltbildes verschieden: Die soziale Ordnung wird als anomisch und die
Geschichte insgesamt als Verfallsgeschichte wahrgenommen, dem es
entgegenzusteuern gilt. Soziale und kulturelle Konflikte werden dabei auf
das Abfallen von der Religion zurückgeführt. Das Verhältnis zur Kultur
kann dabei nach Schiffauer als „purgatorisch“ bezeichnet werden: In immer
neuen Anläufen wird das kulturelle Erbe ‘geläutert’ und von
nicht-islamischen Hinzufügungen befreit (Schiffauer,
1991: 360). Allerdings hat Schiffauer diese Beobachtung auf das
islamisch-fundamentalistisch geprägte Weltbild bezogen, weshalb auch hier
vor zu starken Verallgemeinerungen gewarnt werden muß.
Bei aller
Differenz der sich aufgrund der Migrations- und Diasporaerfahrung
herauskristallisierenden Weltbilder und Verhaltensstrategien läßt sich
jedoch nach Schiffauer die Gemeinsamkeit entdecken, daß sich der Impetus
durch den gleichen Geist des Suchens, der individuellen Vergewisserung
und der rationalen kritischen Aneignung von Tradition auszeichnet (Schiffauer
1991: 360).
IV.
Religiös-kulturelle Hintergründe von Problemfeldern
in der pädagogischen Arbeit
1. Aufklärung
versus Nichtaufklärung?
Aufklärung,
Verwestlichung und Modernisierung werden insbesondere von islamischen
„Fundamentalisten“ fälschlicherweise mit der Kultur des Christentums
gleichgesetzt. Viele islamische Denker, aber auch ihre westlichen
Mitstreiter, halten die „Moderne“ für eine typische Erscheinung des
Christentums und lehnen sie deshalb ab. Mit anderen Worten: Die
islamischen Fundamentalisten sind nicht prinzipiell gegen die Moderne
(z.B. sind sie von deren technischen Errungenschaften der Moderne
fasziniert), sondern gegen die Dominanz des Christentums bzw. die
„dekadente“ Ausrichtung des Christentums, für das sie die Moderne halten
und deren Expansion sie fürchten.
Sie übersehen
dabei, ähnlich wie viele westliche Intellektuelle auch, daß die moderne
Kultur, die mit der Renaissance begann und in der Aufklärung mündete, und
die sich nun in einer Phase der Nachaufklärung befindet, nicht die
zwangsläufige Folge der christlichen Religion ist. Obgleich sie sich aus
der christlichen Religion heraus entwickelt hat, hat sie sich doch im
Großen und Ganzen trotz der christlichen Orthodoxie, vielerorts auch erst
gegen sie, durchsetzen müssen. In einer ahistorischen Manier blenden sie
völlig aus, wie schwer es die Aufklärer mit der christlichen Religion und
ihren Verwaltern hatten. Sie übersehen die Existenz der Inquisition, die
Hexenverfolgungen, die Menschenverstümmelungen und nicht zuletzt, die
Jahrzehnte dauernden Religionskriege, die Europa bis zur Renaissance
kennzeichneten. Und wir dürfen auch nicht vergessen, daß es vielfach erst
aufgeklärte Monarchen waren (wie z.B. ganz extensiv in Preussen), die der
Aufklärung im „Kulturkampf“ gegen die Kirche zur Durchsetzung verhalfen.
Die historische Perspektive legt die Schlußfolgerung nahe, daß es sachlich
nicht zutreffend ist, wenn man der christlichen Religion per se ein
aufklärerisches Potential und dem Islam ein antiaufklärerisches
unterstellte. Erst nachdem sich die Aufklärung sukzessive durchzusetzen
begann, fing die „Kirche“ an, sich an deren Maximen zu orientieren bzw.
die Aufklärung als Referenzrahmen zu nehmen. In einem von Aufkärung und
positiver Wissenschaft dominierten Symbolsystem hätte sie ohnehin keine
andere Wahl gehabt, als sich diese anzueignen, wenn sie überleben wollte.
Wir dürfen nicht vergessen, daß es in der christlichen Welt Personen wie
Galilei und Keppler gegeben hat und daß die Forschungsergebnisse von
Charles Darwin erst nach seinem Tod veröffentlicht werden konnten. Der
Umgang mit ihnen erinnert sehr an die Rushdie-Affäre unserer Zeit.
Der Eindruck, daß
die christliche Religion substantiell aufklärerisch sei, ist lediglich
eine historische Rückprojektion von Christen und Nichtchristen späterer
Zeit. Daß die Kirche bis zur Rennisance nahezu ausschließlich das
Wissensmonopol besaß und deshalb automatisch auch die Gelehrtenwelt
stellte, verstärkt diesen Eindruck noch zusätzlich. Es wäre in jener Zeit
auch kaum denkbar gewesen, daß die Frühaufklärer nicht die Religion als
Bezugsrahmen heranziehen, um die Aufklärung zu entfalten und
voranzutreiben. (Siehe J. Huizinga,
1975). Daraus ziehen wir heute zu oft die falsche Schlußfolgerung, daß der
christlichen Religion schon immer ein aufklärerisches Potential immanent
gewesen sei und es nur der richtigen Interpreten bedurfte, um dieses
Potential zu entdecken und ihm Geltung zu verschaffen. Auf diese Weise
bleibt die Ahistorizität hinsichtlich der Lehre erhalten. Nach dieser
Einstellung sind es lediglich die Menschen, die sich nun soweit
fortentwickelt haben, daß sie die Schriften so interpretieren können, wie
sie schon immer gemeint waren. Den Texten wird eine Existenz sui generis,
ein Ewigkeitscharakter, jenseits der menschlichen Welt, zugeschrieben.
Diese Sichtweise ist nicht nur ahistorisch, sondern auf ihre Weise auch
naiv. Sie sucht die „Irrationalität“ und die „Widersprüche“ immer nur bei
dem anderen, niemals bei sich selbst. Sonst würde man leicht erkennen
können, daß diese Grundeinstellung sich mit der der „islamischen
Fundamentalisten“ vielfach deckt. Das, was in den Texten „wirklich“
geschrieben steht, ist immer an den historisch-kulturellen Kontext und den
durch sie bestimmten „Interpretationsrahmen“ gebunden.
Für einen
Analphabeten des Mittelalters, der zudem die Hochsprache (Latein), in der
der Text geschrieben steht, nicht beherrscht und dessen
Kommunikationsnetzwerk in der Regel nicht weiter gefaßt war als bis zur
nächsten Stadt und der selbst nicht über ein eigenständiges
Interpretationsrecht verfügte, muß derselbe heilige Text, den wir heute
auch lesen, zwangsläufig einen völlig anderen Bedeutungsgehalt gehabt
haben. Ein Mensch dieser Zeit könnte aus seinem spezifischen
soziohistorischen Kontext heraus denselben Text, selbst wenn er wollte,
nicht so lesen, wie wir es heute tun.
Die Diskussion,
die sich im Vergleich zwischen Christentum und Islam erschöpft, ist als
Erklärungszusammenhang für die Phänomene, mit denen wir es in der
Erziehungssituation zu tun haben, nicht ausreichend, jedenfalls dann, wenn
es sich nicht um eine theologische Diskussion handelt. Sie müßte um den
Vergleich des oder der „Aufklärungs-“ oder
„Nichtaufklärungsprozesse“, die stattgefunden haben und dem
Nachzeichnen der unterschiedlichen Verläufe und deren Folgen auf die
Menschengruppen sowie der Frage, warum die eine in der Aufklärung gipfelte
und die andere nicht oder nur teilweise, erweitert werden, wenn sie nicht
in Pseudoerklärungen münden soll.
2. Humanisiert
versus Nichthumanisiert?
Stellt man die
Frage aus solch einer Perspektive, dann sucht man die Unterschiede nicht
in den Texten, sondern in den Kontexten, die einen Text so oder anders zu
interpretieren ermöglichen.
Dann kann auf Anhieb festgestellt werden, daß die christliche Religion,
und mit ihr zusammen die christliche Kultur, im Verlaufe ihrer Geschichte,
angefangen von den Gnostikern, zunehmend „humanisiert“ wurde, soll
heißen, das Maß aller Dinge wurde immer mehr der Mensch, der somit auch in
den Mittelpunkt der Religion rückte.
Am Ende diente
nicht mehr nur der Mensch der göttlichen Ordnung, sondern die göttliche
Ordnung mußte sich dem Menschen in ihrer Menschlichkeit offenbaren.
Während der Humanismus den Menschen in den Mittelpunkt des Glaubens
stellt, sieht der Vorhumanismus in dem Menschen lediglich den Diener
eines außerhalb von ihm stehenden göttlichen Kosmos, in dem seinem
individuellen Wohlergehen keine große Bedeutung beigemessen wird. Der
vorhumanistische Mensch ist deshalb auch weniger frei als der
nachhumanistische und infolgedessen auch für sein Handeln weniger
verantwortlich; deshalb auch die Gestalt des Teufels und seiner vielen
weltlichen Ableitungen, die den Menschen zu falschem Handeln verleiten.
Eine Metapher der Verführung bzw. der Irreführung, angefangen von der
Schlange in den monotheistischen Schöpfungsgeschichten bis hin zu den
Verschwörungstheorien unserer Zeit, ist existenziell für ein
vorhumanistisches Verständnis von Religion und der Freiheit des Menschen.
In solch einem Kosmos herrschen stets das Jenseits und dessen weltliche
Verwalter über das Diesseits. Das Diesseits stellt lediglich eine Etappe
der Prüfungen dar, um in die „eigentliche“ Welt im Jenseits aufgenommen zu
werden.
Die
nachhumanistische Religion dreht dieses Verhältnis um. Die Prüfung findet
folglich ebenfalls im Diesseits statt, aber sie prüft den Menschen auf
seine Tauglichkeit, seine Welt menschlich zu gestalten. Eines der
Konsequenzen davon ist das Verständnis vom Menschen als homo faber, der
mit einem „freien Willen“ und als dessen Gegenstück „Verantwortung“
ausgestattet ist. Dieser trägt nun die Verantwortung für seinen freien
Willen und die daraus folgenden Konsequenzen. Mit einem freiem Willen und
der Verantwortung dafür ausgestattet, kann er sich bei seinen Fehlern
nicht mehr auf Gott beziehen und sich mit dem Argument der Verführung
durch den Teufel o.ä. von der Verantwortung freisprechen. Er darf per se
keinen schwachen Willen haben, und wenn er den hat, muß er mindestens
diesen verantworten. Das „Diesseits“ herrscht nun über das Jenseits und
muß gestaltet werden. Aus diesem heraus wird nunmehr die Gläubigkeit des
Menschen sichtbar und an diesem wird nunmehr die Gläubigkeit des Menschen
abgelesen. Der Gläubige braucht nicht mehr ununterbrochen Gott im Munde zu
führen und seine Frömmigkeit zu demonstrieren, seine Gläubigkeit offenbart
sich an seinen Taten (Leitmotto: An ihren Taten werdet ihr sie erkennen).
Diesen Prozeß hat
die islamische Welt in dieser Weise und in dieser Tragweite nicht
durchlaufen, zeitverschoben begonnen zu durchlaufen, oder er ist durch
Einwirkungen von außen abgebrochen worden. Hiervon darf allerdings nicht
abgeleitet werden, daß „islamische Kulturen“ allesamt „antihumanistisch“
und „antiaufklärerisch“ seien. Im Gegenteil, wir dürfen nicht von einer
„Totalität“ der sozialen Systeme, in denen der Islam als Religion und
Kultur dominiert hat bzw. immer noch dominiert, ausgehen. Vielmehr müssen
wir auch in der „Islamischen Welt“ von der Existenz von Vielfältigkeit,
Gegensätzlichkeit, Widersprüchlichkeit, Ambivalenzhaftigkeit und von der
Gleichzeitigkeit sich widersprechender Tendenzen ausgehen. Dasselbe gilt
für die Migranten aus islamisch geprägten Gesellschaften. Wenn die
Religion als Erklärungsfaktor für das Leben der Migranten, und im
speziellen der Erziehung, herangezogen wird, dann sollte man nicht
ausschließlich danach schauen, welche Religion jemand hat und ob diese
Person gläubig ist oder nicht, sondern vielmehr danach, welches
Verständnis diese aufgrund welcher Entwicklungsprozesse von Religion und
Glauben mitbringt.
Religiöse Kulturen
beginnen erst als Glaubenssysteme wahrgenommen zu werden, wenn sie ihre
Selbstverständlichkeit verloren haben und sich alternative Symbolsysteme
durchzusetzen beginnen, wodurch die Religion lediglich zu einem
funktionalen Subsystem einer auch ihr nun übergeordneten Ordnung wird (Tibi,
1981). Die Religion verliert in diesem Prozeß nicht unbedingt an
Bedeutung, weder für das Individuum, noch für die Gesellschaft, aber sie
wird einem permanenten Reflektionszwang unterworfen und muß sich durch
Argumentationslogiken, Wahrnehmungs- und Denkformen des
„wissenschaftlichen“ Ratios ihrer Gültigkeit rückversichern.
Ein Vorgang, der
als „Säkularisierung“ bezeichnet wird. Die Religion und der Glaube müssen
sich dementsprechend nun nach den Kriterien der „Ratio“ Geltung
verschaffen, mit ihr um Vernunft, um Wahrheit und Humanität wetteifern,
wenn sie nicht als Aberglaube abqualifiziert und gänzlich aus dem
öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden wollen. Jedoch stehen sich
religiöse und wissenschaftlich-rationale Wahrnehmungs- und Denkformen
nicht prinzipiell als ausschließende gegenüber, sie waren schon immer
zeitgleich vorhanden und ergänzten sich gegenseitig, so auch in den
islamischen Kulturen. Prozesse und Phänomene, die wir als ein Nacheinander
denken und in einer historischen Zeitachse anordnen, können über lange
Zeiträume parallel und miteinander verwoben existiert haben. Es kommt
darauf an, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen und welche davon
die übergeordnete Sinnwelt darstellt. Da? wir das lange Zeit übersehen
konnten, lag nicht zuletzt daran, daß „Aufklärung“ in der Frühmoderne zu
dogmatisch aufgefaßt wurde und von einem Fortschrittsoptimismus beseelt
war. Auf die Tatsache, daß Aufklärung selbst zum Mythos werden und sich
in ihr Gegenteil verkehren kann haben uns erst
Horkheimer und
Adorno in ihrer „Dialektik
der Aufklärung“ (1969) aufmerksam gemacht.
Einen Humanismus,
der den Menschen in den Mittelpunkt des Glaubens stellt, kennt auch der
Islam, insbesondere in ihren mystischen, heterodoxen und oppositionellen
Formen. Das gilt auch für die Peripherien der islamischen Welt, in denen
der Islam mit anderen Glaubenssystemen konkurriert und sich beweisen
mußte. Toleranz gegenüber und Akzeptanz von Andersgläubigen, die
Unantastbarkeit der Person, die Individualität des Glaubens jenseits von
institutioneller oder autoritärer Einmischung, das Streben nach
Gelehrsamkeit, nach Wissenschaft und Ratio sind über lange Strecken
grundlegende Werte in islamischen Kulturen gewesen. Die Grenzen des
Humanismus schlossen Andersgläubige stets mit ein, „Ungläubige“ dagegen
nicht. Letztere galt es zu missionieren. Gegenüber „Ungläubigen“ konnte
es keine Toleranz geben, da nach der Vorstellung des islamischen
Mittelalters der Mensch (Insan: der leibliche Mensch) erst durch das
Gottesbewußtsein zum humanen Menschen (Adam = der sich bewußte Mensch)
wird.
Betreffend der
Behandlung von Frauen und der Gleichstellung von Mann und Frau gibt es in
islamisch dominierten Gesellschaften konträre Positionen. In
„laizistischen“ Staaten mit islamischer Kultur wird der Islam prinzipiell
mit der männlichen Dominanz über die Frauen identifiziert. Die
Emanzipation der Frau erscheint demzufolge nur gegen den Islam, nicht aus
ihr heraus begründbar. In den nichtlaizistischen, z.B. islamischen
Kernstaaten Nordafrikas dagegen versuchen Reformer historisch
nachzuweisen, daß die islamische Religion in ihrer Quintessenz die
Stellung der Frauen in der Gesellschaft zu verbessern versuchte und bei
einer „richtigen“ Auslegung die Gleichberechtigung von Mann und Frau
geradezu fordert. Nach Fatima Mernessi, einer führenden Soziologin aus
Marokko, hätten es die Männer jedoch verstanden, den Koran gegen seinen
eigentlichen Sinn zu lesen und ihn so auszulegen, daß er zur Festigung
ihrer sozialen Kontrolle und Dominanz über die Frauen beitrug (Mernisi
1996).
Da Geschichte
immer das Selbstverständnis einer Interpretation von der Gegenwart aus
ist, können wir aus der heutigen Perspektive nicht mehr mit Sicherheit
feststellen, wie es damals wirklich gewesen ist.
Wir können jedoch feststellen, daß die humanistischen Tendenzen und der
Prozeß der Emanzipation und Gleichstellung von Mann und Frau nicht in der
Aufklärung der Moderne mündeten, sondern unter die hegemoniale Kultur der
westlichen Industriemoderne geraten sind. Die heutigen Formen gelebten,
stilisierten sowie politisierten Islams sind ohne Bezug auf diese
Industriemoderne nicht ausreichend zu verstehen. Sie können
dementsprechend nicht mit dem traditionellen und historischen Islam
gleichgesetzt werden, da diese Formen eines „traditionalistischen“
Islams darstellen, das durch eine typische Ambivalenz gekennzeichnet ist:
Zum einen stellt er eine typische Erscheinung der Moderne dar, und
zugleich ist er eine Reaktion gegen sie. Der Islam als Protest- und
Selbstfindungskultur in der Migrationsgesellschaft wäre demnach eine
spezifische, lokale Erscheinungsform dieser global zu beobachtenden
Tendenz. Der islamische „Fundamentalismus“ in der Migrationsgesellschaft
ist somit eine spezifische Ausrichtung, des „Fundamentalismus“, der
treffender mit dem Begriff „Migrationsfundamentalismus“ bezeichnet
werden kann.
4. Der öffentliche Raum
Der öffentliche
Raum und die dessen Ordnung entsprechende Kultur sind zum Verständnis von
unterschiedlichen Wahrnehmungsformen und Verhaltensmaximen der Menschen
aus unterschiedlichen Kulturen ebenso wichtig. Der öffentliche Raum und
das Benehmen in ihm sind Produkte eines langwierigen Prozesses der sich
durchsetzenden Zivilisation, der mit der zunehmenden Urbanisierung
einhergeht, wodurch sich aus dem vorher als „Nichtraum“ verstandenem Raum
der „private“ und „öffentliche“ Raum heraus kristallisieren. Der
öffentliche Raum unserer Zeit unterliegt nicht nur einer starken sozialen
Kontrolle, sondern ist auch durchgehend staatlich kontrolliert,
reglementiert und eingegrenzt. In der modernen, urbanen Gesellschaft gibt
es bestimmte ungeschriebene Gesetze, die den öffentlichen Raum
strukturieren:
a) Man hat den
anderen in Ruhe zu lassen,
b) sexuelle und
aggressive Belästigungen sind zu unterlassen,
c) der öffentliche
Raum ist ein friedlicher Raum, und
d) der öffentliche
Raum erfordert ein möglichst dezentes Auftreten.
In der
bäuerlich-anatolischen Kultur konnte sich – ähnlich wie in anderen
vorbürgerlichen und nichturbanen Kulturen – keine uns heute so
selbstverständlich erscheinende „Kultur des öffentlichen Raums“
herausbilden. Daher gilt dort der öffentliche Raum, der auch z.T. de facto
nicht besteht, im wesentlichen noch als ein unreglementierter Raum, als
ein Raum, der notgedrungen überwunden werden muß, um von einem sozial
kontrollierten Raum zum anderen zu gelangen. Der zu überbrückende
Nichtraum hat keinen genau benennbaren Zuständigen und gilt deshalb als
ein Raum, der nicht überschaubar, wenig kontrolliert ist und deshalb die
Hemmschwellen für aggressives und belästigendes Auftreten senkt.
Dieses Phänomen
hängt mit dem Zivilisationsprozeß insofern zusammen, als daß der Wandel
des Nichtraums zum öffentlichen Raum mit der allmählichen Herausbildung
von Zentralgewalten, die fähig und in der Lage sind, den öffentlichen Raum
zu kontrollieren und gegebenenfalls sanktionierend einzugreifen,
verknüpft ist (Vgl. Gleichmann,
1983). Dieser Prozeß bedingte auch, daß gesellschaftliche Fremdzwänge
zunehmend in individuelle Selbstzwänge umgewandelt werden konnten, wodurch
es letztlich nicht mehr so dringend nötig schien, den öffentlichen Raum
ständig zu kontrollieren, da er zunehmend befriedet worden war und die
Individuen sich immer mehr in der Lage befanden, sich selbst zu
kontrollieren. Den zunehmenden Bedeutungswandel des Nutzens von und des
Sichbewegens in öffentlichen Räumen, dem damit einhergehenden Umwandeln
von Fremdzwängen in Selbstzwänge und die daraus resultierenden Folgen für
den Seelenhaushalt, insbesondere für den der Frauen, hat der
Sozialhistoriker, Psychoanalytiker und Soziologe Abraham
de
Swaan (1991) am Beispiel
der Agoraphobie (der Angst auf öffentlichen Plätzen) näher beschrieben.
Für die islamisch dominierten Gesellschaften ist jedoch der Verlauf dieses
Prozesses bislang nur von wenigen Sozialwissenschaftlern thematisiert und
theoretisch fundiert worden.
Durch die
zunehmende Umsetzung von Fremdzwängen in Selbstzwänge, der Kontrolle des
öffentlichen Raums bildet sich auch eine zunehmende Standardisierung der
Verhaltenskodexe heraus, so daß partikulare Verhaltensstandards sowie
partikulare Reglementierungen in den Privatbereich zurückgedrängt werden;
das erst macht den Privatbereich als solchen erkennbar. Der Privatbereich
entwickelt sich zu einem abgesonderten Raum, der für das Nachgeben von
spontanen Impulsen, Trieben und dem Ausleben individueller Wünsche
reserviert bleibt. Hierfür bekommt der Privatbereich einen besonderen
Rechtsstatus zugewiesen, ihm wird der besondere Schutz vor Übergriffen,
auch vor denen der Mächtigen, zuteil. Das war nicht immer und auch nicht
in jeder Gesellschaft so. Dort, wo sich der öffentliche und private Raum
nicht in der hier kurz skizzierten Weise herauskristallisiert hat gelten
andere Verhaltenskodexe und wirken andere psychische Dispositionen. Im
Extremfall kann der öffentliche Raum ein völlig unkontrollierter und
unreglementierter Raum sein, in dem gilt, daß „wer sich nicht zu wehren
weiß, gefressen wird“ (ökonomisch, physisch, sexuell etc.). „An diese
Orte (der öffentliche Raum, d.V.) kann man sich nicht gefahrlos begeben,
weil man einem anonymen Kontext nicht darauf setzen kann, daß Grenzen
respektiert werden, daß die eigene Frau oder Tochter – und damit man
selbst – nicht belästigt oder provoziert wird. Man scheint mit diesen
Räumen zu assozieren, daß in ihnen immer die Möglichkeit des Ausbruchs
von Gewalt und Chaos (fitne) existiert – von (oft mit Alkoholgenuß
assoziierter) Zügellosigkeit und Gewalt“ (Schiffauer
1997: S. 132).
Der als
unkontrolliert geltende öffentliche Raum erscheint umso gefährlicher, wenn
man in Betracht zieht, daß die Ehre eines Mannes respektive seiner Familie
das Fundament ist auf dem ihr soziales Kapital, das Eingebundensein in die
dörfliche Solidargemeinschaft, fußt. Schon deshalb würden sie diese auch
unter Preis der Selbstaufgabe versuchen, zu verteidigen oder
wiederherzustellen. Damit dies jedoch notwendig wird, haben sich
spezifische Kulturtechniken entwickelt, die dort am wirksamsten sind, wo
sie eine göttliche Ordnung repräsentieren. Die Stelle der fehlenden
Zentralgewalt ersetzt hier gewissermaßen „Gott“, der alles von oben sieht,
gestützt auf seine stellvertretenden weltlichen Verwalter.
Jedoch reichen
derartige abstrakte Kontrollinstanzen nicht in jedem Fall aus, um den als
schwächer geltenden Menschengruppen in jeder Situation und allzeit Schutz
vor Belästigungen oder Übergriffen zu gewähren. Daher ist es kein Zufall,
daß im öffentlichen Raum relativ schwächere und besonders gefährdete
soziale Gruppen wie z.B. Frauen, Ältere, Angehörige religiöser und
ethnischer Minderheiten einem starkem Selbstzwang ausgesetzt sind, während
die Mächtigeren (Männer, Reiche etc.) sich tendenziell unkontrollierter
und „machohafter“ gebärden können. Daher erscheint es als gesellschaftlich
notwendig, den noch relativ unkontrollierten Raum durch eine zusätzliche
Aufteilung in einen „Innenraum“ und einen „Außenraum“ zu ordnen. Dem
entspricht auch die architektonische Bauweise in vielen islamischen
Ländern, die sich durch Innenhöfe oder Atrien auszeichnen, gewissermaßen
die Außenräume in den Innenräumen. Im Idealfall vermeidet man eher den
„Außenraum“. Nur die „Ernährer“ betreten ihn, die anderen, nur wenn der
Alltag es erfordert, schon gar nicht nachts und ohne Begleitung. Daher
auch der enorme Druck auf die Frauen, das Haus möglichst nicht zu
verlassen, in der Öffentlichkeit so unsichtbar und unpersönlich wie
möglich (z.B. durch verschalende Kleidung etc.)
zu erscheinen, den Blick zu senken und den Männern nicht ins Auge zu
schauen, um sie nicht unnötig zu reizen und sich dadurch nicht unnötig
einer mißverständlichen Situation auszusetzen. In eine solche
mißverständliche Situation begibt sich die Heldin von Aysel
Özakins Roman
„Preisvergabe“, wenn sie nachts im Stadtzentrum Ankaras spaziert geht.
„Auf dem dunklen
Weg unter der Brücke plötzlich ein Auto. Die Umrisse zweier
herausspringender Personen, geradewegs auf Nuray zu: ‚Komm, Schätzchen!‘
Der eine packte sie sofort am Arm. Er war betrunken und versuchte sie
mitzuschleifen. Nuray Schrie: ‚Haut ab, ich gehöre nicht zu dieser Sorte
Frau!‘ Der andere lachte. Nuray wehrte sich mit schwachen Fäusten. Vom
gegenüberliegenden Gehsteig plötzlich ein dunkler Schatten. Ein junger
Mann kam angelaufen und ging dazwischen. Er war Nurays Rettung. Sie lief
in Richtung Hauptstraße geradewegs auf ein paar Männer zu, die vor einem
Kaffehaus standen: ‚Bitte helfen Sie mir!‘ schrie sie. Als sie mit ihnen
zusammen unter die Brücke zurückkehrte, war alles still. Das Auto war
fort, und der junge Mann, der sie gerettet hatte, lag auf dem Boden“ (Özakin,
1989: 177, zitiert nach Schiffauer
1997: 132).
Eine andere
Kulturtechnik, Werner Schiffauer
(1997: S. 134) nennt sie „die Kultur der Segregation“, besteht in der
Segmentierung des öffentliche Raums in männliche und weibliche Bereiche;
in Bereiche, in denen Männer nichts zu suchen haben (Extremfall: Harem,
die Privatsphäre der Frauen im Haus) und Bereiche, in denen Frauen nichts
zu suchen haben (Extremfall: Kahve, der öffentliche Kommunikationsraum der
Männer). Als andere Fälle für die Trennung können die räumliche und
zeitliche von Badehäusern (Hamam), wie z.B. vormittags die Frauen und
nachmittags die Männer, genannt werden; die getrennte Nutzung von
Kulturinstitutionen wie, z.B. das Kino oder den Konzert; die getrennte
Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, z.B. sitzen Männer vorne und
Frauen hinten usw. Am Beispiel der Stadt Eskisehir, einer der
entwickeltesten Industriestädte der Mitteltürkei, schildert Werner
Schiffauer in seinem Buch „Fremde in der Stadt“ (1997, S. 130ff) diesen
Sachverhalt wie folgt:
„So gibt es in
Eskisehir entlang der Porsuk und des Hamam Yolu Flanierstraßen: Wer hier
‚flaniert‘, sind vor allem junge Männer, die Arm in Arm auf und ab gehen.
Frauen dagegen passieren diese Straße zielgerichtet. Paare ziehen sich in
Konditoreien (pastahaneler) zurück, die ihrerseits wieder in eine der
Straße zu gelegenen Männerbereich und einen von der Straße abgelegenen
‚Familienbereich‘ (aile salonu) gegliedert sind. Sie wenden gleichsam dem
öffentlichen Raum den Rücken zu. Gerade dies unterscheidet diese Räume
etwa von europäisch mediterranen Gegenstücken: Was sich nicht findet, ist
das Straßencafé, von dem aus das Geschehen auf der Straße beobachtet und
kommentiert wird. Restaurants werden ausschließlich von männern
frequentiert; Kinos – auch mit akzeptablem Programm – sind nachts
ausschließlich Männerorte: Paare, geschweige denn Frauen alleine, suchen
beide Orte nicht auf.“ (Schiffauer
ebd.: S. 131).
Er fügt in der
Fußnote als Vergleich hinzu: „Man vergegenwärtige sich etwa die
französichen Straßencafés: Diese gehorchen in ihrer räumlichen Anordnung
einer genau inversen Logik, denn sie blicken zur Straße. Dies drückt sich
in der Anordnung der Stühle aus, die in mehrere Reihen gestaffelt zur
Straße hin ausgerichtet sind, in den großen Fenstern und schließlich in
der Kultur der Spiegel, die den Außenraum nach innen holen“ (ebd. S. 141).
Diese
Verhaltensmaximen entstammen aus dem oben kurz skizzierten funktionalen
Zusammenhang und der mit ihr interdependenten Beziehungsform. Aus diesen
heraus entwickelten sich im Laufe der Zeit Verhaltenssignale und
Verhaltenssymbole, die entsprechende Handlungen und Gegenhandlungen
auslösen und auch dann noch lange Zeit wirksam bleiben, wenn ihr
Entstehungszusammenhang eigentlich nicht mehr vorhanden ist.
Im Gegensatz zum
als Außenraum verstandenen öffentlichen Raum entspricht der als Innenraum
verstandene Privatraum dem kommunikativen und befriedeten Raum. Der
Übergang und Übertritt vom öffentlichen zum privaten Raum ist in
derartigen Zusammenhängen sehr ritualisiert, wie z.B. im Gastritual, das
Werner Schiffauer mehrfach treffend beschrieben hat. Umgekehrt versucht
man, den destruktiven Charakter des Außenraums dadurch abzumildern, indem
man ihn zu privatisieren versucht, d.h. indem man ihn so zu gestalten
versucht, wie es dem Privatbereich entspricht. Klientalismus und
Patronage-Beziehungen, das ritualisierte Anbieten von Getränken, wie z.B.
Tee, im öffentlichen Raum stellen solche Versuche dar. Werner Schiffauer
spricht von „Intermedierenn Gruppen“, die sich zwischen Individuum und
Gesellschaft als ganzes ansiedeln. Ihnen kommt eine erhebliche Bedeutung
bei der Bewältigung des Übergangs zwischen den „Innenräumen“ und
“Außenräumen“ zu.“
„Während in der
europäischen urbanen Kultur eine Tendenz besteht, intermediäre Gruppen auf
eine Dimension zu begrenzen und damit den Spielraum des Individuums
gegenüber diesen Gruppen zu stärken ... gilt für die Türkei das Gegenteil.
Eine unterschiedliche Empfindamkeit gegenüber Regeln scheint damit
zusammenzuhängen: Regeln des interpersonalen Verkehrs (Verpflichtungen,
Loyalitäten etc.) werden in der Türkei als weniger Restriktiv empfunden
als Regeln, die sich an abstrakten Gesetzen orientieren, während in Europa
das Gegenteil zu sein scheint“ (Schiffauer
1997: 134).
Im Optimum hat man
ein Zirkel des kontrollierten, befriedeten, geschlechtlich neutralisierten
öffentlichen Raums nach Kriterien von Handlungsmaximen, die aus dem
privaten Raum stammen, gebildet (Cevre kurmak). In solch einem Raum ist
eine relative Bewegungsfreiheit auch für die sonst sehr reglementierten
Menschengruppen gewährleistet, weil man weiß, daß jeder auf jeden acht
geben wird. „Hier herrscht eine auffallende Gemütlichkeit,
Vertraulichkeit, Wärme – und soziale Kontrolle. Diese Binnenwelten
erlauben Freiheiten, die außerhalb von ihnen nicht gegeben sind“ (ebd:
135). Dort gibt es dann im Idealfall auch keine Fremden, die Beziehungen
werden zu verwandtschaftlichen oder quasiverwandtschaftlichen umgepolt.
Der Schuster heißt dann „Onkel Hasan“, der Bäcker „Onkel Ali“, der
Polizist „Onkel Polizist“, wieder andere „Tante soundso“, jüngere Männer
werden „Bruder xy“, ältere „älterer Bruder (Abi) yz“ etc. Aber damit
unterwirft man sich zugleich auch einer enormen sozialen Kontrolle, dem
sich wieder zu entziehen kaum möglich ist. „Es ist gerade die Existenz
dieser Kontrolle, die Lockerheit erlaub“ (ebd: 135). Deshalb werden diese
„Innenräume“ immer wieder hergestellt. „In der heutigen Türkei wechseln
die Individuen die Viertel, die Wohnorte und die Berufe. Und dennoch
werden immer wieder Binnenräume hergestellt“ (ebd.:137).
Nun stellt sich
nach alledem die Frage, was denn insbesondere in Deutschland noch als
gefährlich zu definieren ist, das uns im nun zu einem „öffentlichen Raum“
gewordenen „Außenraum“ erwartet. Die relative Befriedung vor physischer
Gewalt vorausgesetzt, sind das nun subtilere, psychische, mit der inneren
Natur der Menschen zusammenhängende Formen von Gefahren. Diese hängen mit
der „Verführbarkeit“ des Menschen zusammen, der Angst, den vielen
Verlockungen der modernen Welt nicht widerstehen zu können. Vor denen
glaubt man sich und seine Schutzbefohlenen schützen zu müssen. Diese
können beispielsweise die Angst vor exzessivem Alkohol- oder Drogengenuß
genauso beinhalten wie den Genuß von individueller Freiheiten, wodurch
den Eltern ihre Einflußmöglichkeiten auf ihre Kinder zu schwinden droht
und wodurch auch die Kontinuität ihrer Familientradition gefährdet sein
könnte. Um solchen Gefahren nicht zu unterliegen, versuchen viele Eltern
ihre Kinder so zu erziehen, daß sie erst gar nicht Interesse dafür
entwickeln können (çocuƒun gözü açølmasøn!: die Augen der Kinder sollten
nicht geöffnet werden!). Andere Eltern verfolgen die Strategie, ihre
Kinder so schnell wie möglich zu verheiraten, um auf diese Weise sie
wieder an konventionelle Lebensformen zu binden (baØønø baƒlamak),
wodurch sie sich auch der Verantwortung entziehen können.
Die größte Gefahr
– „Schande“ oder im Extremfall sogar „sozialer Tod“ – droht den Eltern
(nach diesem Verständnis) nämlich durch die Geschlechtlichkeit ihrer
Töchter und den „Provokationen“ auf fremde Männer, die von diesen
ausgehen können, wenn sie die Signale und Symbole der verbalen und
nonverbalen Kommunikation, des Betretens des öffentlichen Raums nicht
richtig setzen und folglich ihrem Ruf und dem ihrer Familien schaden, ja
im Extremfall diese sogar zerstören. Diese von der potentiellen
Opferperspektive aus gesehene Gefahr ist die eine Seite der Medaille, die
auf der anderen Seite ein Menschenbild voraussetzt, wonach die
„Sexualität“ allgemein als unkontrollierbar und bei Männern sogar als
„legitim unkontrollierbar“ gilt.
Demzufolge wird
leicht verständlich, warum die Muslime“ im Kontext mit der modernen
Industriegesellschaft heutzutage große Probleme mit der offen gezeigten
„Geschlechtlichkeit“ von Menschen, insbesondere der Sexualität von Frauen
im öffentlichen Raum haben. An diesem Punkt ergeben sich in der Migration
für die Betroffenen auch die häufigsten Reibungsmomente mit
professionellen Erziehungspersonen, insbesondere dann, wenn es sich um
weibliche handelt. Deshalb erscheint es sinnvoll, auch auf diesen Punkt
etwas näher einzugehen.
In historischer
Retrospektive und beim Vergleich mit anderen Gesellschaften können wir
leicht erkennen, daß die Probleme bereitenden „Geschlechtsbilder“ keine
Besonderheit des Islams sind, sondern auf ein spezifisches
Ordnungsprinzip, auf männlich dominierte, auf körperlicher Kraft
basierende Lebens- und Produktionsformen zurückgehen (Vgl. hierzu
allgemein Norbert Elias,
1976; spezifisch für die türkisch-agraische Gesellschaft Werner
Schiffauer, 1983, 1984,
1987, 1990, 1991, 1997; für den lateinamerikansichen Kontext siehe Maya
Nadig, 1990). Um ein
geregeltes Ordnungsprinzip werden zu können, mußten diese Prinzipien
Eingang in den religiösen Kosmos finden und strahlten sodann göttlich
autorisiert wieder zurück, so daß Ausgang und Folge nicht mehr auseinander
zu halten sind – ein Prozeß, der nicht auf den Islam beschränkt ist, wie
ein Blick auf Ost- und südeuropäischen Gesellschaften zeigt. Die Fixierung
auf die „Ehre“ des Mannes bzw. des Familienoberhaupts und seines Hauses
und die „Jungfräulichkeit“ der Töchter als dessen „verkörpertes Symbol“,
sowie die „Sexualität“ der sonstigen Hausangehörigen allgemein, ist das
Kontrollinstrument über die Einhaltung oder Nichteinhaltung dieses
Ordnungsprinzips. „Es gibt die sehr verbreitete Tendenz, Beziehungen
zwischen Männern über ihre Beziehungen zu Frauen zu symbolisieren“ (Schiffauer
1997: S. 131) Dies sei in der Symbolik der Ehre (namus) festgelegt: „Sie
besagt, daß man einen Mann respektiert, indem man seine Frau respektiert;
umgekehrt kann man durch nichts einen Mann so demütigen, wie durch einen
Angriff auf seine Frau“ (ebd. 142).
Diese Symbolik sei
im Alltag sehr verbreitet, etwa in den Beschimpfungsritualen der
türkischen Jugendlichen, schreibt Schiffauer weiter. „Ausgiebiger
Gebrauch wird von dieser Symbolik auch in den türkischen Trivialfilmen
gemacht: Wenn das Demütigende an Abhängigkeitsverhältnissen... zum
Ausdruck gebracht werden soll, dann wird immer wieder auf den Code der
sexuellen Demütigung zurückgegriffen“ (ebd. 142).
Die Erziehung der
Töchter zu „sittsamen Frauen“ impliziert daher eine Erziehung, die es
ihnen ermöglicht sich in der Öffentlichkeit so zu verhalten, daß ihre
Sittsamkeit nicht in Zweifel gezogen werden kann (Vgl. Werner
Schiffauer, 1983). Im
Umkehrschluß ergibt sich aus diesem Kodex, daß die männlichen
Familienangehörigen so erzogen werden, daß sie die „Ehre“ der anderen, im
Zweifel oder bei entsprechender Schwäche, herausfordern und der Prüfung
unterziehen. Im Gegenzug müssen sie jede Herausforderung ihrer Ehre unter
allen Umständen mit einer Gegenherausforderung erwidern, um alle Zweifel
auszuräumen. Tun sie dies nicht, so könnte das als Zeichen der Schwäche
aufgefaßt werden und andere dazu ermutigen, die „Ehre“ der Familie
anzutasten, was in einer ländlichen Gesellschaft u. U. den Untergang der
Familie bedeuten kann.
Daraus ergeben
sich für die Erziehung der Kinder weitreichende Konsequenzen. Schon im
Kleinkindsalter werden den Kindern geschlechtspezifisch unterschiedliche
Rollen zugewiesen und diese eingeübt. Grob vereingacht geagt: Den Jungen
wird die Rolle des „Beschützers“, und den Mädchen die Rolle der zu
„Beschützenden“ zugewiesen. Das widerum sichert den Jungen in der
Geschwisterhierarchie eine vorrangige Stellung und statt es sie mit
Sonderrechten aus. Die Erziehungsmethoden und Erziehungsstile können
unterschiedlich sein und je nach Elternschaft und Charakter variieren, sie
können rigide oder liberal, sanktionierend oder gratifizierend sein,
solange sie nur der geschlechtspezifischen Rolleneinübung dienen und die
Rollenzuweisung nicht generell in Zweifel ziehen. Allerdings sollte
diesbezüglich beachtet werden, daß der hier skizzierte Idealtyp heute kaum
noch in Reinform anzutreffen ist und man auch in Deutschland eher
abgemilderte Formen dieses Erziehungsstils antrifft. Dennoch, das dieser
Maxime zugrundeliegende Ordnungsprinzip wirkt nach wie vor als Moralkodex
in der Kognitio und Emotio der Migranten aus ländlichen Gegenden und
strukturiert deren Handlungsmotivation in erheblichem Maß. Allerdings
erfährt dieser Kodex in der letzten Zeit immer stärker eine Wendung hin
zur abstrakten Ethik, die in muslimischem Gewand zum Schutzschild gegen
die „Dekadenz“ des Westens stilisiert werden kann und wird. Bei dieser
Stilisierung handelt es sich jedoch mehr um eine Distinktionsstrategie,
die dazu dient, sich trennschärfer von dem deutschen Umfeld abgrenzen zu
können denn um eine wirklich realisierbare Ethik.
Die
geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Haushalt wird inzwischen auch in
orthodox-islamischen Haushalten infrage gestellt, berufliche Tätigkeit
nicht mehr mit „Unsitte“ gleichgesetzt, solange die Insignien der
Sittsamkeit, wie z.B. das Tragen eines Kopftuches, erkennbar bleiben.
Diese werden häufig auch sehr „zweckrational“ gehandhabt, nach dem Motto
„daran sollen meine Freiräume nicht scheitern“, oder „ich will meinen
Eltern nicht unnötig Kummer bereiten.“ Derartige Copingstrategien zeugen
von einer Reife und Distanzfähigkeit, die allerdings von Kleinkindern
nicht erwartet werden dürfen. Diese können die von den Eltern erwarteten
und eingeklagten Insignien als Stigmata empfinden, zumal wenn ihnen ihr
Umfeld signalisiert, daß es sie als merkwürdig auffaßt. Es darf nicht
vergessen werden, daß die türkischen Migranten eine ziemlich starke
Binnendifferenzierung aufweisen. Es findet in der letzten Zeit sogar eine
zunehmende Polarisierung in verschiedene Lager statt, deren Zuordnung von
der jeweiligen Haltung zu „westlichen Werten“ respektive der Distanz zu
den „islamischen Werten“ abhängt. Diese Polarisierungen zu harmonisieren
stellt eine genauso große Herausforderung dar wie die Annäherung von
Einheimischen und Migranten.
Der Begriffsinhalt
von „rein“ oder „sauber“ wird in der modernen, rationalisierten Welt im
wesentlichen durch die Kriterien der „Hygiene“ bestimmt. Für eine im
wesentlichen durch einen religiösen Kosmos bestimmte Kultur muß dies
nicht in gleicher Weise selbstverständlich sein. Was rein ist oder nicht,
wird neben hygienischen auch von religiösen Kriterien mitbestimmt, die von
den Menschen verinnerlicht werden und ihre Vorstellungen bis hin zum
Ekelgefühl definieren. Diese gehen in das „kollektive Unbewußte“ ein und
werden durch ritualisierte Handlungen qua Automatismus an die
nachfolgenden Generationen weitergegeben. Sie erfahren dabei zwar
ständige Wandlungen, können aber latent über lange Zeiträume noch
bestimmend für das Individuum bleiben.
Herausgefordert
werden derartige Vorstellungen erst in einem Umfeld, in dem die
verinnerlichten Reinlichkeitsvorstellungen von anderen Individuen nicht
automatisch als selbstverständlich gelten. Das gilt noch mehr für Scham-
und Peinlichkeitsvorstellungen. Was gilt für einen orthodox-islamischen
Menschen als unrein? Das soll im folgenden kursorisch aufgelistet werden:
Die Sexualität:
Sie erfordert die kleine rituelle Waschung bei einer Berührung von Mann
und Frau, auch wenn dies versehentlich geschah, und die große rituelle
Waschung nach dem Beischlaf. Nichtbeschnittene Männer gelten
grundsätzlich als unrein, ebenso Schamhaare sowie alle verbalen
Äußerungen, die sich auf die Sexualität beziehen. Nacktheit, wenn es sich
nicht um die von Kindern handelt, erzeugt auch unter
Gleichgeschlechtlichen Peinlichkeits- und Schamgefühle. Nacktheit wird
unbewußt mit Sexualität. Triebhaftigkeit und körperlichen Verrichtungen
assoziiert, die es unter Kontrolle zu halten gilt. Kinder sind von diesen
Vorstellungen zwar ausgenommen, da sie als asexuell gelten, dennoch wird
auch deren Erziehung von diesen Vorstellungen mitbestimmt. Zum Beispiel
bestimmt sie darüber, ob und wie die Eltern ihre Kinder über Sexualität
aufklären oder wie sie damit umgehen, wenn ihre Kinder in Kindergarten
oder Schule mit Aufklärungsunterricht konfrontiert sind und zu Hause davon
berichten. In vielen traditionellen Familien werden die Kinder nicht durch
die Eltern, sondern durch Vertrauenspersonen in den peer groups
aufgeklärt. Es verletzt die Schamgefühle vieler Eltern oder erzeugt
Verlegenheit, wenn sie von ihren Kindern über die Sexualität befragt
werden. Diesbezügliche Tabus bestimmen die Erziehung aber auch dadurch,
daß verdrängte oder verleugnete Tatsachen, wie z.B. die kindliche
Sexualität, durch Projektionen oder angestrengte Unterlassung wirksam
werden, wenn z.B. viel Energie dafür aufgewandt wird, die Sexualität von
Kindern zu übersehen oder stark zu sanktionieren.
Alle körperlichen
Verrichtungen, wie das Urinieren, Defäkieren, Brechen, Samenerguß,
Regelblutung etc. erfordern eine rituelle Waschung, um wieder als sauber
zu gelten.
Das
Inberührungkommen mit Tieren, die als Unrein gelten, z.B. Mäuse, Katzen
und Hunde etc. sowie deren Aufenthalt im Wohnbereich.
Das Essen aus
Behältern, die in irgendeiner Weise mit Schweinefleisch in Berührung
gekommen sein könnten, oder von Menschen zubereitet wurden, die als
unrein gelten. Dasselbe gilt, nicht ganz so ausschließlich, für das Essen,
das mit Alkohol in Kontakt kam. Fleisch, das nicht nach „helal“-Regeln
geschlachtet wurde, gilt ebenfalls als unrein, selbst wenn die Schlachtung
nach hygienischen Kriterien sauberer war, als es nach „helal“-Regeln
gewesen wäre. Selbst global agierende Schokoladenfirmen sehen sich in
islamischen Ländern dazu veranlaßt, in deutlich lesbaren Lettern auf der
Verpackung ihres Produktes zu versichern, daß ihr Produkt kein
„Schweinanteil“ oder Derivate davon enthält. Es ist davon auszugehen, daß
derartige Reinlichkeitsvorstellungen inzwischen säkularisierte Formen
angenommen haben und größere Toleranzbreiten aufweisen. Man muß aber
dennoch damit rechnen, daß sie die Erziehungsvorstellungen der Eltern
immer noch „mitstrukturieren“.
7. Religion als „historisches Gedächtnis“
und Diskursform
Eine Funktion der
Religion liegt auch darin, daß sie durch das Erzählen von Geschichten den
Menschen Orientierung, Vorbilder und Identifikationsfiguren anbietet. Es
handelt sich bei religiösen Texten im Grunde um fabelähnliche
Erzählungen, in denen historische Weisheiten konserviert und übertragen
werden. Diese werden durch das Weitererzählen immer wieder neu bestätigt
und reintepretiert und zugleich im kollektiven Gedächtnis aufbewahrt.
Sofern sie nicht der direkten Handlungsanweisung oder -unterlassung
dienen, können sie eine ähnliche Funktion übernehmen wie Märchen, Fabeln
oder Legenden.
Kinder nehmen
Heiligen- und Gottesgestalten nicht als abstrakte Prinzipien und
Metaphern, sondern personifiziert, als Repräsentanzen ihrer Objektwelt
wahr, mit denen sie kommunizieren, durch die sie innere Schutzgrenzen
aufbauen und mit Hilfe derer sie ihre Welt ordnen. Das setzt aber stets
voraus, daß Religion ihnen nicht als ängstigende Erzählung und die
personifizierten Gottheiten nicht als strafende, sondern als
„beschützende“ und „liebende“ Instanzen näher gebracht werden. Denn im
Spiegel dieser verinnerlichten Bilder betrachten und beurteilen sie nicht
nur sich selbst sondern, auch ihre Mitmenschen. Leider dominieren
gegenwärtig in vielen religiösen Diskursen mit Kindern die ängstigenden
und drohenden Aspekte.
Möglicherweise
wird dies ausgelöst durch die Überforderung der Eltern mit der Erziehung
ihrer Kinder und der Hilflosigkeit gegenüber dem in der Migration
erlittenen Kontrollverlust. In gewisser Weise handelt es sich hierbei um
eine islamische Version der „schwarzen Pädagogik“, die der Disziplinierung
und Durchsetzung von erwachsener Autorität dort, wo Erwachsene es nicht
vermögen, sich mit argumentativen oder emotionalen Mitteln Autorität zu
verschaffen, dient. Zum Beispiel wird den Kindern bei Nichteinhaltung
vermeintlich religiös vorgegebener Gebote angedroht, sie würden vom
Schlag getroffen (çarpølmak) oder ihnen würden die Körperteile, die sie
nach islamischem Gebot hätten bedecken müssen, später im Jenseits
abbrennen. Über die negativen Folgen derartiger Erzählungen für die
seelische Entwicklung der Kinder scheinen sich die „schwarzen Pädagogen“
entweder nicht im klaren zu sein, oder sie streben diese geradezu bewußt
an. Die Abstimmung und Harmonisierung der pädagogischen Mittel und Stile
mit den Eltern ist ebenso als eine wichtige Aufgabe zu betrachten wie die
Aufklärung der Eltern über die negativen Folgen von „schwarzer Pädagogik“.
Mit dem folgenden
Fallbeispiel, einer realen Begebenheit aus dem Schulalltag einer
Integrierten Gesamtschule, sollen einige der oben angeführten Bemerkungen
konkretisiert und veranschaulicht werden. Es versteht sich von selbst,
daß in dem Fallbeispiel nicht alle der in diesem Aufsatz ausgeführten
theoretischen Erörterungen mustergültig auftreten können. Dazu bedürfte es
der Äquivalenz von Ideal- und Realtyp, was jedoch unmöglich ist, da
Theorien stets idealtypische Abstraktionen von verallgemeinerbaren
Aspekten der vielfältigen Realität darstellen, die immer umfassender ist,
als es Theorien erfassen können, und zudem auch immer Aspekte beinhaltet,
die sich der Konsistenz von Theorien entziehen. Im Gegenzug beinhalten
Theorien ebenfalls meist mehr Aspekte, als in einem konkreten Realfall
auftreten, da sie sich, wie bereits gesagt, aus den typisierten Aspekten
von vielen Realtypen zusammensetzen.
Die Kerngruppe
einer Integrierten Gesamtschule möchte ins Landheim fahren. Einem der
türkischen Schüler erlauben die Eltern das nicht. Mit dem Vater des
Schülers wird ein Gespräch vereinbart. Während des Telefonats gibt der
Vater finanzielle Gründe für seine Entscheidungen an. Sie würden im Sommer
in die Türkei fahren, und dafür müsse er Geld sparen. Bei dem Gespräch in
der Schule, als Vorschläge für eine alternative Finanzierung der
Landheimfahrt gemacht werden, die den Vater entlasten könnte, bleibt er
dennoch sichtlich unzufrieden. So stellt sich heraus, daß er die
finanziellen Probleme nur vorgeschoben hatte. Nun argumentiert er, daß
sein Sohn (er ist im 6. Jahrgang) krank werden könnte, da er, weil er
schon zu Hause nicht ordentlich esse, vermutlich das deutsche Essen nicht
essen werde.
Die beiden
Kerngruppenlehrer und der ausländische Berater schlagen ihn daraufhin vor,
mit ihm eine Liste der Gerichte zusammenzustellen, die sein Sohn gerne
esse, wonach sie die Herbergsküche bitten würden, diese zu kochen. Mit
dem Argument, ihre Familie sei besonders religiös und die Gerichte dürften
nicht in Töpfen gekocht werden, worin auch Schweinefleisch gekocht werde,
lehnt er diesen Vorschlag ab. In gleicher Weise gelte dies für das
Besteck. Je mehr der Vater sich bedrängt fühlt, desto mehr greift er auf
religiöse Argumente zurück, um dem Austausch der Argumente ein Ende zu
setzen.
Die Pädagogen
geben jedoch nicht nach und machen einen erneuten Vorschlag: Der Schüler
könne doch auch ein paar Töpfe und sein eigenes Besteck mitbringen, worin
separat gekocht und gegessen werden könne. Nun kontert der Vater mit einem
zweckrationalen, sachlichen Gegenargument: Dadurch würde der Koffer für
sein Sohn zu schwer werden, er sei zu schwach, um einen schweren Koffer zu
tragen. Die Pädagogen erwidern: Er könne die schweren Sachen vor der Fahrt
zur Schule bringen, wenn er möchte. Sie würden diese dann verladen und
auch beim Tragen helfen. Dem Vater wird es angesichts solch viel Bemühens
unangenehm. Er möchte eigentlich nicht zustimmen, sieht sich aber in der
schwierigen Situation, weitere Argumente anzuführen, um seine Haltung zu
begründen.
Die Pädagogen
bemerken das und führen zur Absicherung, aber auch zur Versöhnung weitere
Argumente an: Das Schullandheim sei ein integraler Bestandteil des
Schulunterrichts, andere türkische Schüler würden auch mitfahren, und die
Schüler würden dort gut beaufsichtigt. Außerdem würden seine
Schulkameraden ihn gern dabei haben. Er habe sich gut in die Schule
integriert und komme gut mit seinen Schulkameraden aus. Das Schullandheim
würde zur weiteren Verbesserung des Verhältnisses zu seinen Mitschülern
beitragen. Sichtlich überwältigt „gibt sich der Vater geschlagen“, möchte
aber noch einmal mit seiner Ehefrau sprechen, bevor er endgültig zusagt.
Die Pädagogen versuchen ihm eine verbindlichere Zusage abzuringen und
fragen ihn, ob sie dies als eine grundsätzliche Zustimmung auffassen
dürfen? Er schaut zu dem türkischen Pädagogen herüber, als würde er um
Trost bitten und sagt: „Wenn die Schule dies so verlangt, was sollen wir
dann tun? Wie die anderen, so auch wir.“
Ein Erfolg
zugunsten der Schulpädagogik, zuungunsten der Souveränität des Vaters, der
nur teilweise überzeugt ist, sich hauptsächlich jedoch mehr der Übermacht
der Argumente gebeugt hat. Durch das Aufgreifen von religiösen Argumenten
versuchte er die Nichtdiskutabilität (da Glaubensüberzeugung) seiner
Entscheidung zu legitimieren, war davon selbst jedoch nicht ganz
überzeugt und ließ sich so auf den Austausch von Argumenten ein, wodurch
er sich dem „Risiko“ aussetzte, entgegen seinem ursprünglichen Willen
doch zuzustimmen. Dadurch konnten die Pädagogen mithilfe ihrer Argumente
den Entscheidungsspielraum des Vaters immer stärker eingrenzen,
letztendlich bis er keine mehr hatte.
Worin lag die latente Triebdynamik
seiner ablehnenden Haltung nun wirklich begründet?
Der Vater, hier Herr X, arbeitet bei den
Continentalwerken in Hannover und hat insgesamt drei Kinder; zwei Töchter
und einen Sohn. Die beiden Töchter gehen noch in die Grundschule. Er
versteht die deutsche Sprache nur so weit, daß er sich im Alltag
einigermaßen verständigen kann. Er ist praktizierender, aufgeklärter
Muslim und neigt eher zum „Mißtrauen“ gegenüber den deutschen
Institutionen. Nach dem offiziellen Gespräch, auf dem Weg zur Ausgangstür,
beteuert er dem türkischen Pädagogen, daß er nur das Beste für seine
Kinder wolle. Er selbst benehme sich immer anständig. Er würde nichts
trinken (damit ist Alkohol gemeint), nicht rauchen, würde nicht, wie viele
andere, sich in türkischen Cafés herumtreiben und würde abends bei seiner
Familie bleiben. „Wir sind nicht zum Spaß nach Deutschland gekommen. Wir
arbeiten dafür, um einen Tag früher in die Türkei zurück zu kehren.“
In Deutschland gäbe es viele Verlockungen. Er
beobachte auch, wie unendlich viele türkische Jugendliche, ob Mädchen oder
Jungen, verwahrlosten und „weder Vater noch Mutter kennen.“ Kinder seien
leicht beeinflußbar. „Sie sehen ein Verhalten bei ihren Kameraden und
machen es nach, wissen aber nicht, ob dies für sie gut oder schädlich ist.
Wenn einer was besitzt, so wollen sie das auch haben, und wenn sie sich an
etwas gewöhnt haben, dann können sie davon nicht mehr ablassen. Ich sage
meinen Kindern immer, ‚wir können nicht wie die Deutschen leben, wir
können nicht so sein, wie sie.‘“ Wieder den türkischen Pädagogen als
Adressat: „Für Deutsche bestehen keine Probleme, jeder geht seiner eigenen
Weg. Wenn die Kinder 16 sind, rauchen sie in Anwesenheit des Vaters, und
wenn sie 18, sind gehen sie weg. Wir können nicht so sein, das verstehen
die Deutschen nicht. Ich habe nichts dagegen, daß mein Sohn zum Landheim
fährt, aber dabei bleibt es doch nicht. Morgen wollen dann auch meine
Töchter ins Landheim fahren, was sage ich denen dann?! Sie werden mir
sagen, ‚unser Bruder durfte doch auch ins Landheim fahren, warum dürfen
wir nicht?‘ Auch sie wären dann im recht, sie sind ja auch Menschen mit
Wünschen. Übermorgen wollen die Kinder dann in die Disco, und etwas später
wollen sie einen Freund oder Freundin haben, was mache ich dann? Wir haben
Verwandte, Freunde und Nachbarn. Was werden diese dann sagen: ‚Schau mal,
der X kann seine Kinder nicht beaufsichtigen, sie treiben sich überall
herum.‘ Welchen Nutzen hätte ich von Deutschland gehabt, wenn ich meinem
Gegenüber nicht mehr ins Gesicht schauen könnte?“
Die strukturelle
Benachteiligung und die mangelnde Akzeptanz der deutschen Gesellschaft
schränkt die notwendige Erweiterung des Horizonts auf der Seite der
Aufnahmegesellschaft wie auf der Seite der Immigranten ein. Eine
„Horizontverschmelzung“ (Gadamer)
im Sinne einer wechselseitigen Akkulturation und/oder Synthese wird eher
behindert als gefördert. Die Folge ist, daß sich die Migrantenkultur
vielfach als eine Defensivkultur ausbildet, wobei insbesondere der Islam
identitätsstiftend wirkt, als Orientierung dient.
Es kann in jedem
Fall davon ausgegangen werden, daß gegenwärtig in den türkischen Familien
dem „religiösen Diskurs“ besondere Aufmerksamkeit zuteil wird und daß sich
dies auch auf deren Erziehungsvorstellungen auswirkt. Auf der
weltanschaulichen Ebene existieren zwischen den einzelnen Richtungen wie
z.B. der alewitischen, den kemalistisch-laizistischen oder den
heterodox-pantheistischen u.ä. und den verschiedenen
orthodox-skriptualistischen Strömungen große Differenzen. Diese gilt es
ausreichend zu berücksichtigen, um der Pluralität nicht zugunsten einer
dominanten Richtung eine Absage zu erteilen.
Für die
frühkindliche Erziehung spielen die implizit moralischen und ethischen
Dimensionen allerdings eine größere Rolle als die pragmatischen und
qualifikatorischen. Soll heißen: Die Religion wirkt hier eher im
Hintergrund, als Raster, das selbst unsichtbar bleibt und von dort aus
eher unsichtbar als sichtbar, eher unreflektiert als reflektiert und mehr
unbewußt als bewußt die Einstellungen und damit indirekt auch die
Handlungen mitstrukturiert. In den öffentlichen, professionellen
Erziehungsinstitutionen können die moralisch-ethischen und
pragmatisch-qualifikatorischen Dimensionen jedoch nicht in einer solchen
Weise auseinander gehalten werden, wie das von manchen Eltern gewünscht
wird, so daß es häufig zu Spannungsverhältnissen zwischen den
professionellen Erziehungspersonen und den Eltern kommen kann.
Dieses
Spannungsverhältnis auszubalancieren und abzumildern, ist eine wesentliche
Herausforderung für die staatlichen Erziehungsinstitutionen. In jedem
Fall erscheint es angemessen, professionelle Erziehungspersonen dafür zu
sensibilisieren, daß bei der Bewältigung von Konflikten mit
Erziehungspersonen mit islamischem Hintergrund ohne vereinfachte
Schablonen und Analogieschlüssen auszukommen ist. Wenn auch der kulturelle
Hintergrund der Individuen demselben Kontext entstammt, so ist die
Variationsbreite von Einstellungen und Lebensvorstellungen in vielen
Bereichen doch sehr groß, und der allgemeine Hintergrund ist nicht immer
der Faktor, der alles bestimmt. Den soziokulturellen Hintergrund zu
kennen, ist genauso von Vorteil wie den religionskulturellen mit
einzubeziehen.
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Autoren:
Corrina Gomani: cand.
MA. der Politikwissenschaften und Geschichte
Dursun Tan: Dr. phil., Lehrbeauftragter
an der Fachhochschule Hildesheim