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Gerhard Voigt

Probleme der Nationalstaatsbildung und Modernisierung an der Peripherie Europas

Gesellschaftlich-historische Anmerkungen zur Türkei

Das Thema Türkei kann historisch-gesellschaftswissenschaftlich aus drei verschiedenen Frageper­spektiven heraus bearbeitet werden:

  1. unter der Fragestellung nach den Besonderheiten der der türkischen Sozial- und Staatsge­schich­te, die die heutige problematische und konfliktbeladene Situation erhellen und verständ­lich ma­chen kann;

  2. unter der Fragestellung der Türkei im Weltsystem und den daraus abzuleitenden Kategorisie­run­gen und Verallgemeinerungen;

  3. unter der Fragestellung nach dem Stellenwert des Themas ›Türkei‹ in den allgemeinen gesell­schaftlich-politischen oder auch wissenschaftlichen Diskursen, die unabhängig von der Son­der­heit Türkei geführt werden.

Sich mit der Türkei differenzierend und erklärend zu beschäftigen, mutet eine Reflexion des Erklä­rungsinteresses zu, wenn es von der Sicht eines Landes außerhalb der Türkei selbst erfolgt.

Abgesehen von den subjektiven Motivationen, die im Kontext dieser Überlegungen wenig Aufschlussreiches beitragen[1], verweist gerade diese Fragestellung auf den inneren systemischen Kontext der aufgezeigten Frageperspektiven.

Diese Interpendenzen lassen zwar eine analytische Trennung, aber keine grundsätzliche Sepa­ra­tion der Frageperspektiven zu. Das wird sofort verständlich, wenn bei einer politikwissenschaftli­chen Fragestellung nach den europapolitischen und ökonomischen Integrationsproblemen der Tür­kei eine Antwort ohne Kenntnis der türkischen Sonderheit zu grundsätzlichen Fehleinschätzungen der Hand­lungsspielräume und der mobilisierbaren gesellschaftlichen und politischen Potentiale in der Türkei führt.

Andererseits ist der Rekurs auf das Beispiel Türkei in den aktuellen Diskursen z.B. über Men­schenrechts- und Minderheitsfragen oder über das ›Modethema‹ islamischer Fundamentalismus in seinen gesellschaftlich-politischen Auswirkungen verhängnisvoll und stereotypverstärkend, wenn nicht der Kontext im Weltsystem ebenso hinterfragt wird wie die historisch-gesellschaftliche Problem- und Konfliktgenese.

Wesentliche Verklammerungen der Analyseebenen wie der Frageansätze ergeben sich gerade aus der unmittelbar erlebbaren – und damit emotionalisierbaren – Aktualität der mit der Türkei zusam­menhängenden Fragestellungen durch die öffentlichen Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland über Migrationsfolgen und die Tendenzen innergesellschaftlicher Fremdenfeindlich­keit. Orte dieses Diskurses fin­den sich mit typischen Modifikationen und unterschiedlicher affekti­ver Besetzung in allen Lebensbe­reichen, von der öffentlichen Kommunikation, den gesellschaftli­chen Institutionen wie Schule, Ämter, Kirchen, am Arbeitsplatz wie im semiöffentlichen Bereich der Freizeitorganisation.

Dies in seinem Zusammenspiel zu erörtern, ist hier nicht der Ort; wesentliche Arbeiten könn­ten sowohl aus der politologischen wie der soziologischen Literatur angeführt werden (Luhmann, Beck, Wouters, Engler u.a.). Vieles von diesen allgemeinen gesellschaftswissenschaftlichen Ansätzen, die für die eigene Türkei-Rezeption relevant sind, wird auch bei der historisch-gesell­schaftlichen Analyse der Türkei selbst aufzugreifen zu sein.

Thesen zur Problematik des Wandlungsprozesses zur Staatsgesellschaft in der heutigen Türkei

So sollte der Beginn unserer Überlegungen zur Türkei mit einigen Thesen zur Charakterisierung der Türkei als Besonderheit im historisch-gesellschaftlichen Rahmen fundiert werden, die anschlie­ßend noch genauer erläutert werden sollen:

  1. Gegenüber Mitteleuropa findet in der Türkei eine verspätete und defizitäre Herausbildung einer Staatsgesellschaft statt unter direkter Übernahme westeuropäischer Modelle und unter politisch-ökonomischem Einfluß der europäischen Mächte.[2]

  2. Dabei tritt die Türkei seit dem 17. Jahrhundert – dem Ende der osmanischen Expansionspha­se – in ein zunehmendes Dependenzverhältnis zu den westeuropäischen Hegemonialmächten ein, das sich in Peripherisierungsprozessen ausdrückt.

  3. Die Türkei bildet seit dem 18. Jahrhundert die charakteristischen politisch-ökonomischen Struk­turen eines semiperipheren Landes aus.

  4. Im Kontext der Peripherisierung findet eine bis heute andauernde politisch-soziale und öko­no­misch-regionale Desintegration statt, die in den inneren Peripherien Marginalisierungsprozesse hervorruft, die heute Grundlage z.B. des Südostanatolienkonfliktes sind.

  5. Die Unbedingtheit der nationalstaatlichen Homogenisierungspolitik in der Türkischen Repu­blik als Teil des „nation building“ steht im ursächlichen und interdependenten Zusammenhang mit der mangelhaften sozialen und regionalen Integration und den damit verbundenen Legiti­mations­defiziten.

  6. Labile soziale Machtbalancen in der heutigen Türkei unterlaufen und retardieren vom Staat oder von den westlich orientierten ökonomisch-technischen Eliten (z.B. die Intelligenzija) in­tendierte Modernisierungsschübe, denen unkontrollierte kulturelle und soziale Desintegrati­onspotentiale innewohnen.

Schon diese wenigen Charakterisierungen zeigen, wie überaus schwierig und labil die derzeitige Ent­wicklungssituation in der Türkei ist, wie stark sie einerseits in die zentral-peripheren Dependen­zen Europas und des „Weltsystems“ eingebunden ist[3], andererseits aber selbst in ursächlicher Dependenz mit dieser Einbindung in überregionale Strukturen und Disparitäten durch die Binnenpe­ripherisie­rung weder einer einheitlichen Entwicklungsprognose zugeordnet werden kann noch als homogene Entität zu charakterisieren und zu kategorisieren ist: Widersprüchlichkeit und Offenheit der prozes­sua­len Tendenzen sich die dominanten Merkmale einer wissenschaftlichen Beschreibung der Türkei.

Der Verlust der Grundlagen des Imperiums im 16./17. Jahrhundert

Die erste Reformphase im Osmanisches Reich im 19. Jahrhundert ist mit dem Namen von Sultan Mahmud II. (‚der Reformer‘, 1808-1839, gest. 1840) verbunden. Wie konnte oder mußte es aber zu dieser Phase erster Reformen ‚von Oben‘ kommen? Historische Überlegungen sollen hier nach den Gründen fragen, vor allem die Veränderungen der innergesellschaftlichen Machtbalancen im Kontext der Peripherisierungsprozesse im neuzeitlichen Europa nachzeichnen und damit deutlich machen, warum die Türkei gegenüber West- und Mitteleuropa deutlich abweichende Modernisie­rungsschübe erlebte, die dazu in völlig anderer Form sozial verortet waren und zu einer nur partiel­len gesellschaft­lichen Homogenisierung und zu einer unvollständigen Herausbildung einer Staats­gesellschaft führten.

Das Sultanat war vom 17. bis zum 19. Jahrhundert in eine tiefe Macht- und Legitimationskri­se[4] geraten. Nach dem Höhepunkt von Macht und höfischer Kultur zum Zeitpunkt der größten Ausdeh­nung des Osmanischen Reiches unter der Regierung von Sultan Süleyman I. (‚der Präch­tige‘, 1520-1566) türkisch zutreffender bezeichnet als: Kanunî (‚der Gesetzgeber‘), sind deutliche Verschiebun­gen der Macht in der höfischen Hierarchie zu beob­achten, die mit Richard Peters[5] in seiner schon ›klassischen‹ Geschichte der Türken zu charakterisie­ren und zu periodisieren sind in drei aufeinander folgende Ausprägungen, die jeweils auf Kosten der ursprünglichen personalen Macht des Sultans gin­gen: 1595-1687, Haremswirtschaft, Dominanz von Sultaninnen und Sultansmüttern; 1687-1757, Regierungsmach bei Großwesiren der Familie der Köprülü; 1754-1808, wechselnde Machtursupation durch Eunuchen und Janitscharen.

Wie ist zu dieser Machtverschiebung im Sultanat gekommen? Der äußere Anlass der Krise[6] ist of­fensichtlich und wurde schon angedeutet: Die territoriale Expansion des Osmanischen Reiches war an ihre äußersten Grenzen gestoßen, die Armee verfing sich in kostenaufwendigen, wenig ›ertragreichen‹ Grenzsicherungskämpfen, die kaum zu für den Erhalt des Hofes so notwendiger ›Beute‹ führten, kurzum: der Krieg ernährte sich nicht mehr selbst.[7]

Doch soll hier keine umfassende welthistorische Analyse durchgeführt werden, sondern nur im Anriss einiger interessanter Fragen das Problem des Wandels der Machtbalancen im Osmani­schen Reich, die letztlich zu den Tanzimat-Reformen Mitte des 19. Jahrhunderts führten, verdeut­licht wer­den. Auch Kürşat-Ahlers [8] betont die genannten Machtverschiebung und sieht in ihr auch eine der Wurzeln einer späteren sozialen Spaltung und Segmentierung der Oberschicht, in­dem die traditionel­len vor allem niederen ulema vom gesellschaftlichen Einfluss bei Hofe zuneh­mend ausgeschlossen werden zugunsten der weltlichen Regierungsbeamten, und dadurch ein viru­lentes antimodernistisches Potential bilden. Mit diesem Ansatz öffnet sich eine andere, soziologi­sche Darstellungsperspektive, die noch weiter verfolgt werden sollte.

Ein noch wenig beachteter Fragenkreis in den Untersuchungen zur türkischen Geschichte, der jedoch Aufschluss über die konkrete Umsetzung der äußeren Machtveränderungen in die inneren Machtbalancen der osmanisch-höfischen Gesellschaft geben könnte, liegt in einer genaueren und konkreten Betrachtung der Zivilisationsprozesse  und -entwicklungsphasen, die vom Hof ausge­hend in ihrer gesellschaftlichen Normierungskraft sowie in Hinblick auf die Wege und Reichweite dieses ‚Absinkens‘ durch die sozialen Schichten und regionalen Subsysteme des Reiches darzustel­len wären: eine faszinierende Aufgabe für die Gesellschaftswissenschaften und vor allem für die historisch-ver­gleichende Soziologie.[9]

Mit Elçin Kürşat-Ahlers[10] sind für die Expansionsphase des Osmanischen Reiches die kultu­rel­len und zivilisatorischen Kontexte zu den früheren Staatenbildungen nomadischer Turkvöl­ker in Mit­tel­asien aufzuzeigen. Sicher gehören typische Elemente der frühosmanischen Kultur in diesen Zu­sam­menhang: so die ökonomische Fundamentierung auf Beutekriegen, der notwendige Drang nach terri­torialer Expansion, die territoriale Mobilität – noch Sultan Bayazid I. Yildirim (‚der Blitz‘, 1389-1402) trägt seinen ehrenden Beinamen wegen seiner Fähigkeit, mit seinem Heer »wie ein Blitz« auf den verschiedenen Schlachtfeldern an weit entfernten Grenzen seines damals schon großen Reiches zu erscheinen – ebenso wie die ungezügelte Kriegslust und der Siegestri­umph. Das prägte den Le­bensstil und das Selbstverständnis der militärischen Oberschicht, die gleichermaßen im Kriege aske­tisch und selbstaufopfernd dem Tapferkeitsideal folgte, um dann den Frieden als verdienten Genuss des Sieges wahrzunehmen, allen materiellen Reichtum und Luxus um sich versammelnd. Die Paral­lele zu den Ausführungen von Norbert Elias zu den Wandlungen der Angriffslust in der höfischen Oberschicht des Abendlandes und seiner Darstellung des Weltbil­des eines Ritters im europäischen Mittelalter, werden nur zu deutlich:

„Als Ausnahmeerscheinung, als ‚krankhafte‘ Entartung, mögen solche Affektentladungen auch noch in späteren Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung auftreten. Aber hier gab es keine strafende, gesell­schaftliche Gewalt. Die einzige Bedrohung, die einzige Gefahr, die Angst machen konnte, war die, im Kampf von einem Stärkeren überwältigt zu werden. Abgesehen von einer kleinen Elite, ge­hörte, wie Luchaire, der Historiker der französischen Gesellschaft des 13. Jahrhunderts feststellt, Rauben, Plün­dern, Morden durch­aus zum Standard der Kriegergesellschaft dieser Zeit, und es spricht kaum etwas dafür, daß sieh das in anderen Län­dern oder in den folgenden Jahrhunderten an­ders damit verhielt. Die Grausamkeitsentladung schloss nicht vom ge­sellschaftlichen Verkehr aus. Sie war nicht gesellschaftlich verfemt. Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude. Bis zu einem gewissen Grade drängte sogar der gesell­schaftliche Aufbau in diese Richtung und machte es notwendig, ließ es als zweckmäßig erscheinen, sich so zu verhalten. ...

Der Sieger von heute war morgen durch irgendeinen Zufall besiegt, gefangen und aufs äußerste ge­fähr­det. Inmitten dieses fortwährenden Auf und Ab, dieses Wechsels zwischen Menschenjagden, nämlich Kriegszeiten, und Tierjagden oder Turnieren, den Vergnügungen der ‚Friedenszeit‘, war wenig voraus­berechenbar, die Zukunft fast immer, selbst für die aus der ‚Welt‘ Entflohenen, re­lativ ungewiss, Gott und die Treue von ein paar Menschen, die zusammenhielten, das einzig feste. Überall war Furcht; der Augenblick galt dreifach. Und unvermittelt also, wie die wirklichen Schicksale, schlug Lust in Angst um und die Angst löste sich oft ebenso unvermittelt in der Hingabe an eine neue Lust.“[11]

Doch wird eine detaillierte Untersuchung auch die Stilunterschiede herausarbeiten müssen: die durch­aus unterschiedlich erlebte religiöse Bindung; die im Sultanat deutlich wirksamere Gottes­reichsidee[12] mit ihrer gesellschaftlichen Geborgenheit und einem Weltbild des Gerechtfertigtseins und der ‚Überlegenheit‘ – Elementen, jeder das christliche Abendland phasenweise durchaus kannte, die aber von der Tradition der Kriegergesellschaften[13] und den ‚pessimistischen‘ Elemen­ten der christlichen Buß- und Reue-Vorstellungen und der prinzipielle theologischen Trennung von ‚weltlicher‘ und ‚geistlicher Macht‘ überlagert waren – sowie schließlich die größere kulturelle Weltläufigkeit und In­tegrationsfähigkeit, die ein Erbe der arabisch-islamischen Hochkultur ist und durch die Lehre von der umma muhamadja in allen islamischen Regionen eine hohe Prägekraft besitzt.[14]

So bildete sich eine typische höfische und imperiale Kultur des Sultanats erst in Bursa und dann in Istanbul heraus, die fest in der sozialen Hierarchie des Militärs verwurzelt war und weitge­hend von Krieg und Eroberungen lebte. Die folgende zivilisatorische Bruchlinie ist schon aufge­zeigt worden: Die vergeblichen Versuchen einer Expansion über die ungarische Tiefebene hinaus[15] markierten den Zeitpunkt der größten territorialen Ausdehnung des Reiches, die jedoch nicht mit einer politischen und militärischen Satuierung verbunden war. Die Versorgung der höfischen Zen­tren mit Nahrung, Luxusgütern und Menschen, d.h. vor allem: Soldaten, mussten nun – da Erobe­rungen ausblieben – aus den eigenen Provinzen heraus erfolgen; die drückende Abgabenlast führte zu phasenweisen Ver­änderungen der Herrschaftsstruktur und -durchsetzung in den randlichen Be­reichen, deren Folgen noch zu erörtern sein werden.

Am Hofe selbst, militärischer Erfolge zunehmend entwöhnt, verschob sich das Verhaltens­ideal zunehmend auf die zivilen Elemente des zivilisatorischen Codex, auf staatliche Herrschafts- und Machtausübung und materielle Privilegierung – und das bei knapper werdenden materiellen Ressour­cen. Zum einen ist das sicherlich im Sinne einer höfischen Zivilisationsentwicklung ein Modernisie­rungsschub, der aber zunächst noch erkauft wurde mit einem persönlichen Machtver­lust des Sultans bei Hofe, der aus seinem partiellen Funktionsverlust herrührte, bei dem das Zu­rücktreten der militäri­schen Aufgaben und der Machtressource als Kriegsführer und Sieger, der damit die Verteilung der Beute kontrollieren und die militärische Oberschicht in materieller Ab­hängigkeit halten konnte, als persönliche Schwäche wahrgenommen werden konnte[16]. Mit dem Ausbleiben der Kriegsgewinne mußte sich der Sultan zwangsläufig immer weiter einbinden lassen in ein soziales Geflecht ökonomi­scher Abhängigkeiten und sozialer Loyalitäten als Grundlage des Machterhalts, d.h. in feudale ‚do ut des‘ - Beziehungen.

Letztlich erfolgte erst jetzt, im mitteleuropäischen Sprachgebrauch, die Feudalisierung des bis­herigen Expansions- und Beuteimperiums, in einer Zeit, als in Mittel- und Westeuropa weitere Mo­dernisierungsschübe grundlegende sozio-ökonomische Umwandlungen einleiteten und das »Welt­sy­stem« grundlegend änderten – was bald zu einer bedrohlichen äußeren Rahmenbedingung für die wei­tere Entwicklung des Osmanischen Reiches wurde.

Probleme der Staatsentwicklung und soziale Desintegration

„Das Osmanische Reich war insgesamt ein militär-bürokratisch organi­sierter Feudalstaat. Einziger Feudalherr war der Staat; ihm gehörte formal der Boden, mit dem er die Sipahi (Ritter), auf die sich das os­manische Heer anfänglich stützte, belehnte. Als Gegenleistung hatten die Sipahi Lehnstrup­pen für die kriegerischen Unternehmungen des Reiches zu stellen[17]. Mit der Zeit verselbständigten sich die Si­pahi.“[18]

Bassam Tibi charakterisiert hier aus der Sicht der Militärhierarchie die Veränderung der Machtba­lance, die Thema der Untersuchung der Krise des Osmanischen Reiches sein wird. Er charakteri­siert die ökonomische Fundierung des Osmanischen Militärs mit einem Zitat von Kurt Steinhaus: „Die türkischen Oberschichten – die Spitzen des Militärs, der milita­risierten Bürokratie und der Ulema – reproduzierten sich größten­teils über den Bezug von Grundrenten und damit letzten En­des über ge­waltsame Landnahme... Der Krieg nährt den Krieg – auf keinen Staat trifft dieses Wort so zu wie auf den des Sultan-Kalifen. Und nicht nur das: hier nährte der Krieg sogar das politisch-soziale Gesamt­system. Indem die materiel­len Erträge der äußeren Expansion für die Erhaltung und die Verbes­serung des territorialen status quo unentbehrlich waren, bildete die militärische Überle­genheit wiederum die Voraussetzung für die Auf­rechterhaltung des gesellschaftlichen Reprodukti­onsprozesses in sei­ner be­stehenden Form.“[19] Tibi schlussfolgert daraus: „Indem Europa seit dem 18. Jahrhundert auf der Basis der Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen eine dem Os­manischen Reich überlegene Macht darstellte und somit dem osmanischen militaristischen Expan­sionismus Grenzen setzte, wurde das Osmanische Reich empfindlich getroffen. Die als Kompen­sation zur verhinderten Expansion einge­führte Steuerpacht hat, da sie die regionalen Herrschafts­instanzen festigte, die Desintegration des Os­manischen Reiches begünstigt, anstatt das Reich zu sanieren.“[20].

Damit sind die wesentlichen Elemente der inneren Machtverschiebungen deutlich benannt: Das Sultanat in seiner bisherigen materiellen und legitimatorischen Fundierung war mit dem Ende der Ex­pansionsphase in eine gefährliche Staatskrise geraten und der Sultan selbst mußte empfindli­che per­sönliche Machtverluste hinnehmen.

Ein Ausweg wurde in der Sicherung der materiellen Ressourcen des Hofes durch Verände­run­gen in der materiellen Ausbeutung der Provinzen, durch Delegation regionaler Machtentfal­tung, durch die Einführung des Systems der Steuerpacht und damit durch die Hinnahme gesell­schaftlich-ökonomischer Desintegration gefunden. Der Hof und das Sultanat mussten gleicherma­ßen neue Wege der Legitimierung der Herrschaftsansprüche gehen, um ein funktionierendes Herrschaftssystem auf­bauen zu können. Das geschah vor allem durch die Vergabe von Privilegien und durch die ideologi­sche und religiöse Überhöhung des Sultanats zum ‚Gottesreich‘ und durch die Förderung Osmani­scher Überlegenheitsideen vor allem gegenüber dem erstarkenden Westen. Der Herrschaftserhalt ver­band sich mit der Entwicklung der Reichsidee, gleichzeitig leitete die ökono­mische Desintegration die Binnenperipherisierung des Reiches ein.

Die Veränderungen im Herrschaftssystem des Osmanischen Reiches seit dem 17. Jh. können daher auch als – bewußt nicht wahrgenommener – politischer Paradigmenwechsel und als Eintritt in den permanenten Diskurs über den Reichserhalt darstellen.  In Sorge um den Staat sein‘ ist bis heute eine verbreitete Phrase politischer Legitimierung und der Beschreibung nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei.[21] Doch leitete dieser auf das Sultanat zielende neue Diskurs kei­neswegs schon den Prozess eines ›nation building‹ im modernen Sinne oder der Genese des Natio­nalstaates ein, sondern war auf eine integrierte weltlich-religiöse Reichsidee bezogen, in der Osma­nentum durchaus nicht mit Türkentum gleichzusetzen ist.

Die historische Situation: Das Aufkommen der Einsicht in die Modernisierungsnotwendigkeiten.

Das Osmanische Reich lebte in seiner Früh- und Blütezeit ökonomisch und sozial von der kriege­risch durchgesetzten territorialen Expansion. Es ist sicherlich nicht ganz falsch, die sozioökonomi­sche Grundlage dieses wachsenden Imperiums als feudalen Raubstaat zu charakterisieren, der in den Herr­schaftstraditionen der zentralasiatischen Nomadenreiche der Turkmenen stand und dort zu verglei­chen ist mit den ebenso mächtigen und (beute-)reichen Imperiumsgründungen z.B. unter Dschingis Khan oder Timur Leng – beides Konkurrenten der türkeitürkischen[22] Vergesellschaf­tungen und Staatsbildungen, die auch zu kriegerischen Verwicklungen führten (Ende des Seld­schukenreiches von Konya; Schlacht von Ankara 1402).

Gesellschaftliche Charakteristiken dieses jungen Osmanischen Reiches waren die Dominanz ei­ner sich ausweitenden Militärkaste, die die Hauptlast der gesellschaftlichen und staatlichen Inte­gration zu tragen hatte und dies durch ihren unbändigen Bedarf an Soldaten auch effektiv erfüllen konnte – die so genannte „Knabenlese“ und die Bildung der Janitscharenarmee sind historische Konkre­tisierun­gen dieses Charakterzuges –, die Versorgung und Entwicklung der Zentren des Rei­ches durch die Ausbeutung der neu eroberten Gebiete und Provinzen, was vor allem dem Sultans­hofes mit seiner immer größeren Zahl von Höflingen zugute kam, aber auch der wachsenden Zahl ziviler Oberschicht­angehörigen, den ehemaligen Militärs, die sich in Istanbul zur Ruhe gesetzt hatten und den höheren und niedrigeren Ulema, die die geistliche Legitimation des Sultanats zu erfüllen hatte – wesentliches Element waren dabei die traditionellen Derwischorden, vor allem der Bektaş-Orden und die Mêwlêwi und Çelebi –, alles im Sinne einer ökonomischen Modernisierung unproduktive und immobile Schich­ten, und schließlich die Entwicklung einer höfischen Luxuskul­tur mit großem materiellen und stilisti­schen Integrationsvermögen gegenüber fremden Einflüssen, die aber vollständig eingeschmolzen wur­den in das osmanische Herrschaftskonzept des Sultanats als unbestreitbarer weltlicher und geistiger Spitze und Führung.

Dem ersten großen gesellschaftlichen Umbruch, gekennzeichnet durch eine Verschiebung der höfischen Machtbalance vom Sultan auf eine höfische Oberschicht – Wesire, Harem, pensionierte Generäle und die zentralen und regionalen Würdenträger der Staatsverwaltung –, durch zuneh­mende gesellschaftliche Desintegration und gleichzeitige imperiale Verklärung der überlegenen weltlichen und geistigen Kultur der Reichsidee des Sultanats als Legitimationsgrundlage der Herrschaft, folgte eine lange Zeit krisenhafter Entwicklungen, die mit internationalen und binnen­gesellschaftlichen Peri­pherisierungsprozessen zu beschreiben ist.

Die lokale Sozialorganisation in ihrer hochdifferenzierten Vernetzung von vorstaatlichen, per­so­nalen Sozialbeziehungen wird zunächst dadurch gestärkt[23], daß sich die Regionen als Überle­bensein­heiten in der Phase des Machtverfalls des Zentralstaates verstehen und ausdifferenzieren mussten. E. Neubauer erwähnt – in einer Arbeit über Iran, die aber in diesem Aspekt für die ori­entalischen Ge­sellschaften und das Osmanische Reich in dieser Zeitphase durchaus zu verallge­meinern ist – drei Möglichkeiten der Bildung solcher lokaler Loyalitäts- und Interaktionsbezie­hungen:[24]

  1. „die Zugehörigkeit zu einer Moschee und damit zu einer bestimmten Nachbarschaftsgruppe;

  2. die religiöse Gefolgschaft (taqlid), zu der jeder shi'itische Laie einem Mojtahed (einem Geistli­chen, der in religiösen Fällen eine Ent­scheidung treffen kann) gegenüber verpflichtet ist und die durch Akhunds bzw. Mollas vermittelt wird...;

  3. die Zugehörigkeit zu einer Klientelgruppe.
    Zu diesen drei Elementen, die die Organisation der Aufzüge bestim­men, kommen dann noch

  4. die Verwandtschaft, die viel zu selbstverständlich ist, als daß sie besonders betont werden müsste, und schließlich

  5. die Handwerkskorporationen, die wohl vor allem die Masse der Teil­nehmer gestellt haben.“

Parallel zu dieser innergesellschaftlichen und territorialen Desintegration findet eine deutliche Schwä­chung der außenpolitischen Macht und Konkurrenzfähigkeit statt. Das Ende der Expansion wird zum Beginn einer unabsehbaren Folge von Grenzsicherungskriegen und der Abwehr äußerer Angriffe, die das Reich in eine immer tiefere materielle Krise stürzen. Anstelle einer inneren Ent­wicklung des Lan­des, die das Osmanische Reich im „europäischen Konzert der Mächte“ politisch und ökonomisch konkurrenz- und durchsetzungsfähig gemacht hätte, konzentrierte sich das Sulta­nat auf die traditionel­len militärischen Tugenden und das Primat des Abwehrkampfes, immer noch durchdrungen von der Vorstellung einer unbesiegbaren kulturellen und imperialen Überle­genheit. Genau damit traf es auf ein anderes Reich in der Krise, mit ähnlichen Struktur- und Ent­wicklungsproblemen: das zaristische Rußland.

Rußland und das Osma­nische Reich[25] konkurrieren um die knapper werden­den territorialen, ma­teriellen und humanen Ressourcen in Südosteuropa und schließlich um territoriale Eroberungen aus dem jeweiligen Herrschaftsgebiet des Nachbarn. Die vielen Kriege, die das Osmani­sche Reich an sei­nen Grenzen im 18. und 19. Jahrhundert geführt hat, sind somit auch ein Surrogat einer eigentlich notwendigen innergesellschaftlichen Modernisierung, für die sich erst zu spät eine so­ziale Träger­schaft in der Hof- und Militärhierarchie selbst gefunden hat. Diese soziale Verortung ei­ner verordne­ten „Modernisierung“ von oben, die die Türkei bis heute prägt, führt zu sozialen und le­gitimatori­schen Problemen, die noch erörtert werden müssen.

Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden spätfeudalen Militärmonarchien[26] Russlands und des Osmanischen Reiches führten nicht, wie gehofft, zur Herausbildung siegreicher moderner Natio­nen, die mit den westeuropäischen Hegemonialstaaten konkurrieren könnten, sondern führten direkt in die Dependenzen der Semiperipherien und in die innenpolitische Desintegration.

Diese Desintegration und die materielle und politische Schwächung in der Folge der ständigen Kriege, während deren die westlichen Großmächte England und Frankreich (als „lachende Dritte") ih­re Macht vergrößern und ihren Einfluss in den nahöstlichen Gebieten des Osmanischen Reiches und auch auf die Politik des Reiches selbst begründen und ausbauen konnten, waren schließlich die gesell­schaftlichen Grundlagen der politischen Revolution, die weder in der Form des Oktober­revolution in Rußland, noch in der Form der Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reicht tatsächlich die be­stehende gesellschaftliche Desintegration überwinden und eine mit einem erfolg­reichen gesamtgesell­schaftlichen Homogenisierungsprozess verbundene Modernisierung einleiten konnte.

In beiden Fällen blieb zur Herrschaftssicherung die militärische Gewalt dominant und die ideo­logische Indoktrinierung von Seiten des Staates mit Tendenz einer ethnisch wahrgenommenen Herr­schaftsmonopolisierung hier der Russen, dort der Türken zur Herrschaftssicherung notwen­dig. Bei den grundlegenden ideologischen Unterschieden beider Staaten ist die verblüffende Übereinstimmung der Problemstrukturen ein Zeichen dafür, daß die Problemlagen in typischer Weise aus den Entwick­lungen der disparaten Strukturen des Weltsystems entstanden und damit zumindest teilweise exo­gen induziert worden sind.

Tanzimat: Die ›Reform von Oben‹ und der Beginn des türkischen Nationalismus

Sollte dieser, von Dezentralisation und Desintegration gekennzeichnete Staat, dessen zentrales Regie­rungssystem sich in einer permanenten Macht- und Legitimationskrise befand, der sich zu­dem immer weniger im Überlebenskampf mit den in Hegemonial- und Einflusszonenkonflikten verstrickten Westmächten und dem benachbarten Zarenreich behaupten konnte, erhalten bleiben, mussten späte­stens von der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach einer langen Folge regionaler Kon­flikte und Kriege, die immer öfter mit türkischen Niederlagen endeten, was letztlich immer stärker zur Verarmung und Marginalisierung der peripheren Regionen beitrug (Westeuropa sprach vom Osmanischen Reich als »kranken Mann am Bosporus«!), mussten grundlegende Reformen und eine Modernisierung der Staatsverwaltung erfolgen.

Immer drängender wurde dieser Modernisierungsdruck auch durch die aus Armut und man­geln­der politischer Partizipation erwachsenden nationalistischen Separatismen, wobei durch erfolg­reiche Unabhängigkeitsbewegungen, wie im 19. Jh. in Griechenland, oder durch nur oberflächlich als natio­naler Separatismus verbrämte und legitimierte territoriale Verluste an das Habsburgerreich auf dem Balkan, an Frankreich (Maghreb), Italien (Libyen) und Großbritannien (Ägypten), die grundle­gende Idee von der überlegenen Reichseinheit immer mehr in Frage gestellt wurde.

Die Notwendigkeit tief greifender Modernisierungseinschnitte wurde immer deutlicher. Wenn sich diese Reformimpulse aber in den peripheren Räumen selbst äußerten, verbanden sie sich mit se­paratistischen Zielsetzungen – einem Trauma, das auch heute noch die Politik der Türkischen Repu­blik belastet. Das Reich wurde damit immer stärker auch von außen unter Druck gesetzt.

Eine Schlüsselrolle in dieser Entwicklung hatte 1831 der Aufstand Mohammed Alis in Ägyp­ten, der in seinem Kampf gegen die Oberhoheit des Osmanischen Reiches – getragen von der Be­geiste­rung der arabischen Bevölkerung – bis nach Südanatolien vorstieß, vor allem aber in seinem Einflussbereich das Bewusstsein weckte, daß sich die traditionellen Machtstrukturen ändern ließen und das der gemeinsame politische Freiheitskampf – eine sehr effektive Form gesellschaftlicher Homogenisierung! – zu selbstbestimmter Modernisierung führen könne.[27]

Dieser Reformimpuls aus der Peripherie hatte zwei unmittelbare Konsequenzen, die auch vom Sultanat nicht länger negiert werden konnten: die Einsicht, einmal, daß eine notwendige Mo­dernisie­rung des Staates zu seinem Erhalt notwendig sei und nur verbunden mit einer gesellschaft­lichen Ho­mogenisierung und staatlichen Zentralisierung gelingen kann, und zweitens, daß die wei­ter oben dar­gestellten lokalen und regionalen soziale Loyalitätsnetze und partikularen Machtzen­tren überwunden werden müssen, um einen notwendigen ökonomischen und sozialen Fortschritt erreichen zu können, was letztlich nur durch die Übernahme westlicher Nationalstaatsmodelle und der Anstöße zur Ent­wick­lung einer Staatsgesellschaft realisierbar erschien.

Die Neugliederung der Staatsverwaltung, die in der stärkere Zentralisierung einherging mit der dar­gestellten Gewährung religiöser Selbstverwaltungsrechte, war geprägt durch das Bemühen um die Auflösung alter feudaler Loyalitäts-Klientel-Systeme in den einzelnen Regionen, deren Stellung durch das Steuerpachtsystem, das ein Krisensymptom der Zentralmacht zum Ende der Expansi­onszeit ge­wesen ist, und die „Gouverneurs“-Verwaltung der einzelnen wilayets, in die zunehmend schon aus fiskali­schen Gründen die einheimischen Oberschichten einbezogen werden mussten. Die Anerkennung religiöser Großgruppen (Christen, Schiiten etc.) forderte von diesen eine Verstärkung ihrer zentralen Repräsentanz – was auch gefördert wurde durch die den Staatsanspruch des Os­mani­schen Reiches diskriminierende und desavouierende „Schutzmachtpolitik“ europäischer He­gemonial­mächte (Frankreich für die Katholiken, Rußland für die orthodoxen Christen und, wenn auch weniger deut­lich, Großbritannien und später die USA (siehe die Amerikanische Universität in Beirut) für die Pro­testanten) – und damit eine potentielle Lösung aus dem integrale örtlichen Sozi­alsystem, das reli­giöse und „weltliche“ Macht- und Loyalitätsbeziehungen nicht trennen konnte.

Die daraus folgende soziale „Verweltlichung“ der regionalen und lokalen Gruppen, einherge­hend mit dem deutlicher zutage tretenden Widerspruch zu zentralstaatlichen Herrschaftsansprü­chen, war ein wesentlicher Beitrag zur Ethnogenese der regionalen und partikularen Minderheiten im Osmani­schen Reich.

Mit dem Wegfall der primär religiösen Selbstverständnisse und dem durch die Tanzimat-Re­for­men angegriffenen lokalen Sozialgefügen einer zugemuteten gesellschaftlich-staatlichen Mo­dernisie­rung mussten neue soziale Kategorisierungen und Legitimationen gefunden werden. Hier war dann das schon entwickelte zentral-periphere Gefälle von ausschlaggebender Bedeutung. Während in den – sich urbanisierenden und ökonomisch weiter entwickelnden – Zentren wie vor allem in der Hauptstadt Istanbul die Tendenz zur Herausbildung vertikaler sozialer Stratigraphien zu erkennen war, wo sich z.B. neue westlich orientierte zivile und militärische Mittelschichten und eine wachsende Intelligenz­schicht, die Träger von Intellektualisierungsprozessen in der weiteren Oberschicht des Sultanats wurde, ausgliederten, ging die Tendenz in den Peripherien, verständlich unter dem Aspekt der öko­nomischen Rückständigkeit und zunehmenden Verarmung und Margi­nalisierung, zur Herausbildung horizontaler, regionaler Differenzierungen und Abschließungen, die sich unter Beibehaltung der tra­ditionalen dichotomen feudalen Gesellschaftshierarchie zunehmend ethnisch-national definierten und legitimierten.

In diesen Peripherien wirkte dann vor allem der westliche Einfluss in der Übernahme und für die eigenen sozialen und politischen Interessen funktionalisierten nationalstaatlicher Befreiungside­en, die machtpolitisch von den Westmächten gefördert wurden, um damit begrenzenden und zeit­weilig auch destabilisierenden Einfluß auf das Osmanische Reich nehmen zu können.

Die Nationalstaatsidee wurde somit in der Endphase des Osmanischen Reiches auf zwei zu­ein­ander im historischen Widerspruch stehenden Wegen aus dem Westen implantiert: einmal als Mittel eines von Teilen der staatlichen und ökonomischen Ober- und neuen Mittelschichten als notwendig gesehenen gesellschaftlichen Modernisierungs- und Homogenisierungsschubes, letztlich zum Erhalt des Reiches und seiner Herrschaftsordnung, was nur durch eine systematische Etatisie­rung und Na­tionalisierung, d.h. aber auch: Verwestlichung, möglich zu sein schien, zum Anderen als Legitimation partikularistischer sozialer und ökonomischer Interessen in den Provinzen und bei den Minderheiten, bei denen die Nationalstaatsidee zum Spannungsverhältnis einer gruppeninter­nen Homogenisierung – die nur teilweise auch als Modernisierung intendiert und wahrgenommen wurde und sich auch mit re­aktionären Legitimationsideologien verbinden konnte – und eines sepa­ratistischen Kampfes gegen den Zentralstaat beitrug. Beide Funktionalisierungen der National­staatsidee brachten gegenläufige, dicho­tome und sich damit gegenseitig legitimierende und verstär­kende gesellschaftliche Prozesse in Gang, die letztlich zum Auseinanderfall des Osmanischen Rei­ches im Ersten Weltkrieg und zu den heute die Struktur der Türkischen Republik prägenden sozia­len, regionalen und politischen Disparitäten und sich antagonisierenden Konflikten führten.

Kontroverse Auffassungen zur geschichtlichen Bedeutung der ›Tanzimat‹ - Reformen

Die Tanzimat-Reformen waren Grundlage und Voraussetzung der ein halbes Jahrhundert darauf fol­genden Jungtürkischen Revolution, die wiederum Wurzel der Türkischen Republik – der Ab­schaf­fung des Sultanats nach dem 1. Weltkrieg und der Reformen Atatürks – waren, Einschnitten also, die an Tiefe und revolutionärer Umgestaltung die eher zaghaften ›Tanzimat‹-Ansätze weit übertrafen, die aber die Vermutung einer reformatorischen Kontinuität in der Türkei zumindest nahe legt. Gerade äl­tere historische Darstellungen der türkischen Geschichte, dem reformatori­schen Selbstverständnis der jungen Türkischen Republik verpflichtet, betonen eine solche Konti­nuität, während spätere Arbeiten die Brüche und Verwerfungen in der neueren türkischen Ge­schichte hervorheben, den Blick geschärft gerade auch durch die Widersprüche und Konflikte in der heutigen Türkei.

So wird auch die Übernahme westlicher Nationalstaatsmodelle mit ihren potentiell ethnizisti­schen Implikationen früher eher beiläufig als notwendig und ‚selbstverständlich‘ charakteri­siert, während gerade in dieser Frage heute ein zentrales Problem für die weitere Entwicklung der Tür­kei gesehen wird.[28]

Eine typische historische Darstellung der Reformansätze Mahmud II und der ›Tanzimat‹-Epoche in der älteren Form, durchaus differenzierend und um ausgewogene, sachlich gut begrün­dete Urteile bemüht, findet sich bei Peters, Geschichte der Türken[29]. Er sieht den Eintritt in eine Phase der Re­formen als beinahe historisch zwangsläufig und im Grunde als eine ungebrochene Modernisierung und Liberalisierung im Sinne der westlichen Nationalstaaten an. Dieser noch un­gebrochene Glaube an die historische Vernunft der Modernisierung drückt sich z.B. in folgender Aussage aus:

„Sultan Mahmud II. hat die eigent­lichen Früchte seines Werkes nicht erlebt, aber er hat einen Grund­stein gelegt, auf dem weitergebaut werden konnte... Er hatte eine Umgestal­tung seines Landes durchge­führt, die nicht wieder rückgängig gemacht werden, auf der nur weitergebaut werden konnte. Der Geist des neunzehnten Jahrhunderts hatte auch im Sultans­reiche eine Heimat gefunden. Das er­ste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts der türkischen Geschichte war mit der Nieder­werfung der Reaktion und ei­nem Siege des liberalen Gedankens ausgefüllt, der trotz größter innerer und äußerer Schwierigkeiten er­rungen wurde... Während des Orientalischen Krieges wurde zum ersten Male das Parlament einberufen, das aber unter dem Zwange der äußeren Ereig­nisse nicht an einen weiteren Ausbau des Parlamentaris­mus, sondern nur an die nationale Aufgabe der Landesverteidigung den­ken konnte... Obwohl ein Parlament existierte, war das System Abdul Hamids II. in höchstem Grade reaktionär. Dadurch wurde zu Be­ginn des 20. Jahrhunderts die jungtürkische Revolution aus­gelöst. Das 19. Jahrhundert endete zwar mit einem Siege der Reaktion, jedoch war sie nicht stark genug, um das be­gonnene Verfassungswerk wieder aufzuheben. Der Gedanke der Reform und des Frei­heitsideales hatte wichtige Positionen errun­gen, wie im übrigen Europa, zu dem sich ja die Türkei zählte. Er war stark genug, im folgenden Jahr­hundert mit neuer Kraft den Kampf wiederaufzuneh­men. Der Kampf für die liberalen Ideen fand seine eigenen Kräfte im türkischen Volke. Er wurde durch die westeuropäische Poli­tik gefördert...“[30] 

In gewisser Weise findet sich, der Zeit entsprechend, noch eine deutliche ‚eurozentrische‘ Urteils­per­spektive in diesem Zitat, das in sofern den tatsächlichen historischen Antriebskräften nicht ganz ge­recht werden kann; deutlich wird aber andererseits die große persönliche Identifikation des Autors mit seinem Gegenstand.[31]

Erscheint so das Bild einer Türkei, in der sich ganz allgemein Freiheitsideale gegen reaktionäre Herrscherpersönlichkeiten durchsetzen, in der die Annäherung an den Westen auch zu einer zu­neh­menden Übereinstimmung der Interessen mit den westeuropäischen Ländern führt, stellt sich die Re­formphase in der Darstellung von Bassam Tibi doch deutlich anders dar. Abgesehen davon, daß sein Blick vor allem aus der Perspektive des Entstehens des arabischen Nationalismus und Separatismus auf die Ereignisse in der Osmanischen Zentrale gelenkt wird, betont er vor allem die sozialen Ver­schiebungen in den Osmanischen Oberschichten, vor allem die langsame Segregation neuer Intelli­genz- und Mittelschichten zunächst noch aus dem institutionellen Umfeld des Militärs heraus.

„So entstand in der Tanzimat-Periode eine verwestlichte Offiziersschicht kleinbürgerlicher Her­kunft, die mit der Militärkaste der alten osmanischen Armee nichts gemein hatte und die in den letzten Jahr­zehnten des 19. Jahrhunderts eine entscheidende politische Rolle über­nahm. Aus dieser Offiziers­schicht gingen sowohl die Jungtürken hervor als später auch die Kemali­sten, die das Os­manische Reich auflösten. Ebenso entstammen ihr die arabisch-nationalgesinnten Of­fiziere, die in der arabischen Na­tionalbewegung eine zentrale Position einnahmen[32].“

Doch wäre hier noch genauer zu fragen nach den sozialen Kontexten und Brüchen zwischen Sul­tan, »Pforte«, alter Militärkaste und jungen, (militärtechnisch-) westlich orientierten Offizieren. Tibi be­schreibt den Ablauf der Tanzimat-Reformen ja auch auf den Sultan und seine Interessen bezogen und sieht sich erst in einem zweiten Schritt genötigt, wie dargestellt, die besondere Rolle des Militärs her­vorzuheben:

„Ein Jahr vor dem Abzug der ägyptischen Truppen aus Syrien beginnt im Osmanischen Reich eine Phase umfassender Umstrukturierung, die als Tanzimat-Periode bekannt ist[33]. Die Tanzimat (= wohl­wollende Anordnungen) werden 1839 mit dem Dekret Hatt-i Serif von Gülhane eingeleitet, in dem die Notwendigkeit artikuliert wird, »das alte Regime von Grund aus (zu) reformieren und neu (zu) gestal­ten«[34]. Dieses Dekret wurde 17 Jahre später, 1856, durch den kaiserlichen Erlass Hatt-i Humayun ergänzt, der soweit geht, die Diffusion bedeutender Institutionen der bürgerlichen Gesell­schaft mit denen des Osmanischen Reiches anzukündigen[35].... Bürgerliche Gesetzbücher wurden einge­führt; Studenten wurden zum Studium nach Europa geschickt und – bedeutsamer noch: die Offiziere der osmanischen Armee wurden fortan in Europa oder aber im Osmanischen Reich von europäischen Instrukteuren aus­gebildet.“[36]

Tibi fügt dem zustimmend ein Zitat von Steinhaus bei, welches das Geschehen charakterisiert als „das rapide Fortschreiten der Zentralisation der Staatsmacht. Die lokale politische Macht der quasi-feudalen Assoziation von Paschas und Steuerpächtern früherer Zeiten wurde nach und nach gebro­chen ... Parallel zur Zentralisierung und Modernisierung der Ver­waltung vollzog sich auch der Prozess der Säkularisierung.“[37] Diesen Aspekt hatten wir ja schon weiter oben betont, müssen ihn jetzt aber er­gänzen um die Analyse der sozialen Segregation neuer westlich-technisch orientierter Schichten, die vom Militär ausgeht.

Dies wird auch betont und noch stärker differenziert von Elçin Kürşat-Ahlers[38], die das Ein­dringen der Reformideen in Phasen seit dem 17. Jahrhundert darstellt. Zwar ist – im materiel­len Sinne – seit dem 18. Jahrhundert Europa das Vorbild, doch wird das zögerliche Annehmen von Reform­ideen verstanden und wahrgenommen vor allem in traditionellen Kreisen als ›Rückkehr zu Osmani­schen Vorbildern‹, da die ›absolute Überlegenheit der eigenen Tradition‹ noch immer unabdingbarer Glaubenssatz war.

Schon im 18. Jahrhundert fand die erste Modernisierung der Armee unter Anleitung französi­scher Offiziere unter Mehmet Çelebi statt; 1730 wurde die Militärakademie gegründet. Die Nie­der­lage gegen Rußland 1774 macht der Militärführung die Notwendigkeit einer noch konsequente­ren Militär­reform und der Einführung europäischer Waffentechnik – was mit der Einbeziehung westlicher Instrukteure verbunden war – deutlich.

Kürşat-Ahlers betont aber besonders die gesellschaftlichen Widerstände, die sich gegen die ›westliche Herkunft‹ der Reformideen der Militärs[39] richten, was mit der ›Osmanischen Überle­gen­heitslegende‹ zu begründen wäre. Interessanter als diese ideologische Legitimation des anti­westlichen Widerstandes ist jedoch die Interpretation der politischen Konflikte als Ausdruck gesell­schaftlicher Aufstiegs- und Abstiegsprozesse. Vor allem die niederen ulema, deren Teilhabe an einem bisherigen Bildungs- und geistlich-kulturellen Definitionsmonopol durch die Gründung weltlicher Oberschicht­schulen (mit Unterricht in westlichen Fremdsprachen![40]), Kadettenanstalten und zunehmendes Aus­landsstudium aufgehoben wird, sind vom sozialen Abstieg bedroht und ori­entieren sich zunehmend an einem sozialen Widerstandspotential der Unterschichten und der länd­lichen Bevölkerung, die an den Vorteilen von Modernisierungsschüben, die von Militär und Ober­schicht ausgehen, keineswegs beteiligt sind, weder in materieller Hinsicht – Verelendung und Peri­pherisierung schreiten ungehin­dert weiter voran – noch in Hinblick auf eine verbesserte soziale Teilhabe und politische Partizipation: Modernisierung des Osmanischen Reiches bedeutete eben oft das Gegenteil von Demokratisierung, es bedeutete effektivere Herrschaftsdurchsetzung und politisch-kulturelle Homogenisierungsbemühun­gen.

Diese Prozesse sind einzubinden in eine allgemeinere Erörterungen der Bedingungen und Folgen einer Änderung der Intellektualisierungsprozesse, wie sie Peter R. Gleichmann in einem Vortrag zum Thema „Gesellschaftliche Intellektualisierungsprozesse und Prävention ‚ethnischer Gewalt‘: Ak­tive Zivilisierung im ethnisch-kulturell heterogenen Umfeld“ dargestellt hat, wobei das ethnisch-kultu­rell heterogene Umfeld sowohl auf die Situation von türkischen Arbeitsmigranten in Deutschland als auch auf die Situation der neuen Intellektuellenschicht im Osmanischen Reich be­zogen werden kann.[41]. Gleichmann betont in seinem Vortrag, daß die Schicht der Intellektuellen mit den staatli­chen Machtzentren verbunden und von diesen ökonomisch abhängig ist. Das ver­stärkt sich mit der Tren­nung von Religion und Staat und der Herausbildung einer zivilen Bürokratie, wie es im 19. Jahr­hun­dert in der Türkei dominierender staatlich-gesellschaftlicher Prozess ist. Die Entwicklung der Staatsge­sellschaft Wust auf der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmono­pols. Neben der unmittel­baren Ge­waltanwendung, die in einer funktionierende Staatsgesellschaft ‚hinter die Kulissen‘ zurück­treten wird, wird der staatliche Anspruch vor allem durch seine sym­bolische Macht, und das heißt auch durch seine Macht über die Symbole durchgesetzt. Zentrales Element des Verfügens über die Sym­bo­le ist das Verfügen über die Sprache und die Kommunika­tionsstrukturen. Die Bedeutung der Entwicklung von Intellektuellenschichten wird hier unmittelbar einsichtig; im weiteren Verlauf der ge­sellschaftlichen Entwicklung differenziert sich die Sprachin­telligenz immer weiter in funktional diffe­renzierte Teilsysteme auf: in die technische Intelligenz, die kaufmännisch-ökonomische Intelligenz als Vorbedingung der Entwicklung von Welthandelsin­tegration und industriellem Wachstum, die kul­turelle Intelligenz, die unmittelbaren Zugang zur staatlichen Symbolik und Herrschaftslegitimation hat und umso größeren Loyalitätzumutungen ausgesetzt ist.[42]

Auch in der Armee selbst organisierte sich die ›Widerstandsformation‹ in denjenigen Grup­pen, die den geschilderten Integrations- und Intellektualisierungsprozessen entzogen bleiben. Vor allem die Janitscharen als unmittelbar an der Herrschaftsausübung der ›Pforte‹ beteiligte Elitetruppe mußte um den Verlust ihrer Privilegien fürchten und orientierte sich zunehmend gegen jeg­liche Militärreform. Die Lösung dieses Machtkampfes durch das Massaker auf dem Hippodrom in Istanbul 1826 ist bekannt. Auch Teile des älteren traditionsorientierten Offizierskorps (paşa) ste­hen der angestrebten Militärreform und den darauf aufbauenden Modernisierungsbestrebungen in Staat und Gesellschaft feindlich gegenüber.

Kürşat-Ahlers charakterisiert die Maßnahmen der Reformperiode zusammengefasst durch fol­gende Punkte: a) Entmachtung der ulema (sozialer Abstieg), b) Vernichtung der regionalen Macht­zentren (Zentralverwaltung), c) Privilegierung der Staatsbeamten (sozialer Aufstieg), d) Vergrößerung der Zahl der Beamtenstellen (Schaffung loyaler Hilfsorgane der Macht), e) Gleich­behandlung der Regionen und der religiösen Gruppen (als Schritt zu Laizismus, Zentralismus und instutionalisierter Staatsverwaltung. Folgen davon waren aber die Antagonisierung der Bevölke­rung: Kürşat-Ahlers sieht es als generelles Problem zentral gesteuerter Modernisierungsphasen an, daß die Verbrei­tung des notwendigen gesellschaftlichen Orientierungswissens – auch als Grundlage von Akzeptanz und Legi­timität des sozialen Wandels – der Institutionalisierung der Modernisierungsschübe – und der Etab­lierung neuer Eliten – hinterherhinkt.

Die aktuellen Konsequenzen der dargestellten unterschiedlichen Sichtweisen auf die Tanzi­mat-Epoche der Türkei wird sehr deutlich. Die wesentlichen Bruchlinien in der türkischen Gesell­schaft öffnen sich schon in der Reformphase in der Mitte des 19. Jahrhunderts und sing gerade aus den ge­sellschaftlichen Verhältnissen dieser Zeit besser zu verstehen als bei einer Verkürzung der Reformge­schichte auf die Jungtürkische Revolution und die späteren Atatürkschen Reformen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: die antimodernistischen Potentiale in der Gesellschaft bildeten sich schon damals heraus und sind z.T. bis heute virulent oder zumindest wieder funktio­nalisierbar als Teil des ›gesellschaftlichen Gedächtnisses‹ der türkischen Kultur (z.B. in den Re-Islamisierungsbestrebungen, die ja vor allem auch soziale Bewegungen sind), die Verlierer der Modernisierung bestimmte dieser Prozess auch schon in der Tanzimat-Epoche: vor allem die länd­lichen Gebiete und die Regionen au­ßerhalb der Hauptstadtbereiche, der Peripherisierung unterwor­fen, unter ökonomischen und Partizi­pationsdefiziten leidend, von der Marginalisierung bedroht und zunehmend vom den im Modernisierungsprozess sich entwickelnden Zentralstaat legitimieren­den türkischen Nationalismus unterworfen, der als kulturelles Oktroi verstanden und durch sepa­ratistische Nationalismen bekämpft wird.

Noch stärker geht Taner Akçam in seinem Referat über „Verwestlichungsprobleme des Os­mani­schen Reiches“ auf die Inhalte des Zivilisationsprozesses ein, der von Kürşat-Ahlers als sozia­ler Prozess des Auf- und Abstiegs und der sich verändernden Machtbalancen geschildert wurde. Akçam[43] stellt den Einschnitt, den die Tanzimat-Reformen in der türkischen Gesellschaft bewirkte in einen größeren Zusammenhang historischer Erfahrungen, die letztlich ein spezifisches Selbstbild des Türkischseins bestätigten. Damit wird ein Bogen von den Tanzimat-Reformen zu­rück zu den Ur­sprüngen des Osmanischen Reiches und vorwärts zur Gegenwart der Türkischen Republik geschla­gen, der den Transformationsprozess als Wechsel der Zivilisation erlebbar ge­macht hat und der damit in seinen Inhalten bist heute umstritten geblieben ist.

Als Schicksal des Türken in der Selbstwahrnehmung der türkischen Gesellschaft wird primär er­lebt das Anderssein gegenüber einer oft als feindlich wahrgenommenen Umwelt und die damit ver­bundenen historische Zumutung, deswegen selbst anders werden zu müssen. Das ist schon zumin­dest als historische Projektion zutreffend für die Zeit der türkischen Völkerwanderung nach Westen, die die Türken zur Aufgabe des Nomadismus und zur Annahme des islamischen Glau­bens veranlasste. Das ist – historische Zwischenstufen hier ausblendend – auch für die Zeit der Tanzimat-Reformen zutreffend wie für die türkische Gegenwart, die die Option einer europäischen Integration zumutet oder zumindest als Konzept denkbar werden lässt. Der Ferman, der die Tan­zimat-Reformen einleitet, bedeutet einen Wechsel der Zivilisation oder er bedeutet in anderer Wahrnehmung das ‚Erreichen eines zeitgemäßen gesellschaftlichen Standards‘. Diese unterschied­liche Auffassung hängt mit dem jeweiligen Bild vom Westen zusammen, dessen Einflüsse in den Reformbestrebungen gesehen wer­den. Ist ‚der Westen‘ die bedrohliche fremde Kultur, die der türkische oktroyiert werden soll oder zeigt er den Standard dessen, was gesellschaftlich wie tech­nisch-ökonomisch auch für die Türkei er­reichbar sein kann – aus eigener Kraft.

Der Westen ist zeit der gemeinsamen Geschichte das Andere, zu dem ein widersprüchliches und problematisches Verhältnis besteht. Bis zum 18. Jahrhundert, d.h. bis zu Sultan Selim II., galten die christlichen Länder als kulturell minderwertig. Mit ihnen waren keine Verträge auf der Basis der Gleichheit und Gleichberechtigung zu schließen.[44] Dabei gab es zeitweilig durchaus ‚bewundernde Imitationen‘, die mit der gleichzeitigen europäischen ‚Turkomania‘ („Die Entführung aus dem Serail“) korrespondiert, jeweils vom Reiz des exotischen getragen, aber nicht um echtes Verständnis be­müht. Im 18. Jahrhundert begann dann aber langsam die Übernahme technischen Wissens, die be­glei­tet wurde von ‚Minderwertigkeitskomplexen‘, deren gesellschaftliche Verdrängung und Tabuisie­rung emotionale Wurzel des späteren Antimodernismus wurde. Die Modernisten im 19. Jahrhundert aner­kannten zunehmend – oft getragen von aufrichtiger Bewun­derung – die Überlegenheit des We­stens; Sympathien waren für die westliche Kultur damit jedoch nicht verbunden. Der Gegenschlag dazu war das Anwachsen nostalgischer Stimmungen auch unter den Intellektuellen und Kulturträgern, die einem fiktiven ›goldenen Zeitalter‹ – das oft mit Sultan Süleyman Kanunî verbunden wurde – nach­trauerten und eine ›Reproduktion der Vergangenheit‹ als türkische Renaissance anstrebten.

Dieser Modernisierungsprozess im Osmanischen Reich unterscheidet sich nach Akçam ganz deutlich von der Verbürgerlichung des Westens, in dem eine Machtablösung des Adels stattfand und sich für die Gesellschaft langsam eine neue ökonomische Basis – der Industrialismus – ent­wickelt. Im Osmanischen Reich geht die Modernisierung von Oben aus – über die Gründe dafür wurde schon einiges ausgeführt. Die Inhalte des damit verbundenen Zivilisationsprozesses im We­sten orientieren sich an den Bedürfnissen der neuen bürgerlichen Gesellschaft; die zentralistisch-höfische Kultur wird abgelöst und Individualisierungs- und Partizipationsprozesse dominieren die weitere Entwicklung.[45]

Akçam beschreibt diese Entwicklung nun nicht primär als sozialstrukturellen Vorgang, son­dern als eine Entwicklung und Veränderung des öffentlichen Diskurses. Bezeichnend ist es ja, daß für die Tanzimat-Reformen seitens der politisch Handelnden keinerlei inhaltliche Begründungen oder ideo­logische Legitimierungen angeboten wurden. Das politische Handeln entsprang unmit­telbar der inter­essengeleiteten Einsicht und Entscheidung des Herrschers. So mußte sich der öf­fentliche Diskurs über die Reformen ebenfalls auf die Funktion der Reformen für den Staat kon­zentrieren. Im Kontext mit der traditionellen Selbstwahrnehmung der permanenten Zumutung des Anderswerdenmüssens kon­zentrierte sich der Diskurs sehr bald auf die Frage nach der anzustre­benden neuen kollektiven Identi­tät. Dies geschah unter der eher banal erscheinenden Frage „Wie kann man den Staat retten?“, denn daß er grundsätzlich und immer in seiner Existenz bedroht und von Feinden eingekreist sei, gehört zu dem schon erörterten türkischen Selbstbild.[46]

Da die Massenbasis für die Aufnahme der Modernisierungsimpulse fehlte, mußte die die Mo­dernisierung ermöglichende gesellschaftliche Homogenisierung durch staatliche Zwangsmaßnah­men durchgesetzt werden. Im Gegensatz zum Westen, wo die Durchsetzung des staatlichen Ge­waltmono­pols – so problematisch seine Realisierung auch erscheint, betrachte man nur die ›Waffenlobby‹ in den USA! – vor allem der Befriedung der Gesellschaft diente und das staatliche Recht die privaten Fehden, Rachezüge und Ehrenhändel ersetzte und überflüssig machte (oder besser: machen sollte), führte der Homogenisierungsdruck im Osmanischen Reich zu einer Unter­drückung der Peripherien und zu einem verstärkten zentralen Herrschaftsdruck, damit auch zu­nehmend zur Ausschließung aus den Diskursen über die Modernisierung. Das Interesse bei der Beurteilung der Modernisierung kon­zentrierte sich im Zentrum folglich auf den Staat, in den Peri­pherien auf die Bewahrung der Eigen­heit; der Diskurs der kollektiven Identität bezieht sich im Zentrum auf den Staat, seine Zentralgewalt und letztlich, wie es auch den Zielen dieser Moderni­sierung entsprach, auf die Durchsetzung einer Staatsgesellschaft. In den Peripherien entwickeln sich dazu Alternative Diskurse des Widerstandes, des Traditionalismus und des separatistischen Nationalismus.

Dies verbindet sich mit dem nachfolgenden Diskurs der Fortschrittlichkeit, wobei wiederum Staatsverwaltung und später die Wirtschaft gemeint war. Diese Konzentration auf den Staat und die staatliche Herrschaft – die die mangelnde Ausbildung einer tatsächlich staatstragenden Staats­gesell­schaft kaschierte – führte zu einer inhaltlichen Füllung der vom Zentrum angestrebten neuen kollekti­ven Identität, die sich auf die Gruppenidentität – als Türke oder als Staatsbürger – stützt, sich vor­zugsweise mit dem Staat nach außen abgrenzt, und vernachlässigt die Entwicklung der Individualrechte, der Menschenrechte und der Demokratie, die im Zentrum der westlichen bürger­lichen Gesell­schaftsideologie stehen.

Von der ›Tanzimat‹-Periode zur Jungtürkischen Revolution

Die Modernisierungsschübe und die politischen Kämpfe um die Modernisierung und Verwestli­chung, die das Bild des Osmanischen Reiches im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert prägten, sind gerade auch in Hinblick auf die am Ende stehende Herausbildung einer autoritär-zentralisti­schen Herr­schaftsordnung in der Türkischen Republik mit offensichtlichen politischen Partizipati­ons- und Libe­ralitätsdefiziten in Bezug auf ihren immanenten Prozess- und Konfliktcharakter in sich verschie­benden Machtbalancen etwas genauer zu untersuchen.

W. Braune beschreibt die Wende von einem intendierten westlich-liberalen Modernisie­rungs­schub als Grundlage der Jungtürkischen Revolution 1908[47] zu einer zentralistisch-autoritären Staats­ideo­logie seit 1909 – nach der gescheiterten Konterrevolution von Sultan Abdülhamid II, der dann unter Hausarrest gesetzt wurde – wie folgt: „Unter dem Druck der modernen Ideen im Bal­kan waren sie (d.h. die jungtürkischen Offiziere und Rebellen, Anm. G.V.) gezwungen, ihre mo­dernen liberalen Prinzipien schnell aufzugeben, und die unglücklichen Kriege mit dem Verlust von Tripoli an Italien und nahezu des ganzen europäischen Besitzes trieben sie in einen autoritären türkischen Nationalis­mus.“[48]

Bassam Tibi weist, W. Braune folgend, auch darauf hin, daß die abstrusen Ideen des „Panturanismus“, die zunehmend – wohl als ex-post-Legitimierungen zu verstehen – die Jungtürki­sche Ideologie prägten, wiederum eine Übernahme westlicher Ideologeme war und den rassisti­schen Vorstellungen des französischen Historikers Léon Calum folgten, die parallel zu lesen sind mit den gleichzeitigen Ausbildungen eines naiv-biologistischen Rassismus im 19. Jahrhundert, der sich in Eu­ropa mit nationalstaatlichen Legitimierungsideologien zum Pangermanismus, Panslawis­mus oder aber im Osmanischen Reich zum Panturanismus und weiter südlich zum Panarabismus verband.

In diesen Ideologemen des 19. Jahrhunderts sind bis heute noch – beliebig funktionalisierbare – Ressourcen des ethnifizierten Nationbegriffes und der ethnischen Kultur- und Abstammungs­ideologi­en zu finden, die z.B. das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht (begründet auf das ›jus san­guinis‹) eben­so prägen wie verbreitete völkische Ideologien in fast allen europäischen Nationen – zunehmend eben auch in der Türkei seit der Jungtürkischen Revolution.

In mehrfacher Hinsicht ist damit auch die jungtürkische Modernisierungspolitik als typische so­ziale Bewegung der Semiperipherie zu verstehen, bei der inadäquate – in der Ausprägung oft die kon­textuellen sozialen und politisch-kulturellen Akzente und Verständnisse verschiebende – Über­nahmen von Modernisierungsstrategien und Legitimationsmustern zu beobachten sind, die dadurch von außen gesehen oft „aufgesetzt“, wenn nicht anachronistisch wirken, weil sie nicht den autoch­thonen, in die Krise geratenen Gesellschaftsstrukturen, sondern den Bedingungen der Dependenz­strukturen des Weltsystems gehorchen, dabei zu den sozialen und politischen Teilhabeansprüchen der Bevölkerung, die sich mit der Modernisierungshoffnung verbinden könnten, in Widerspruch geraten, und daher in dem Maße, in dem sie sich von sich segmentierende Sozialgruppen als Oktroi wahrgenommen wer­den, zu immer stärker zentralistischen Herrschaftsdurchsetzungen und zu immer autoritär-konservati­veren Legitimierungsideologien gezwungen werden: die Modernisie­rungsprozesse schaffen sich ihre antimodernistische Opposition selbst.[49]

Die Parallele zur heutigen Situation in der Türkischen Republik mit ihrem Südostanatolien­kon­flikt drängt sich auf; diese geht noch weiter, als es der erste Blick vermuten lässt, wenn man den Zu­sammenhang der Jungtürkischen Modernisierungs- und Zentralisierungspolitik mit dem gleich­zeitigen Armenienkrieg – der mit Massakern und Massendeportationen bis nach Deir es-Zaur am Euphrat im heutigen Syrien die einheimische armenische Bevölkerung dezimierte und der erste Völkermord die­ses Jahrhunderts gewesen ist (mit wohlwollender technischer Beratung und Hilfe des Deutschen Reiches unter Wilhelm II, wie kürzlich aufgefundene Dokumente aus dem Auswärtigen Amt erweisen) – untersucht.

Ohne hier ins Einzelne gehen zu können, sollte doch auch hier die Aufmerksamkeit auf die un­lösbare Interdependenz zwischen den Verschiebungen der weltpolitischen Machtbalancen und den Deformationen der staatlichen Binnenstrukturen in den peripherisierten Regionen gelenkt wer­den. Im Falle Armeniens ist die weltpolitische „intervenierende Variable“ der andauernde Macht- und Einflusszonenkonflikt des Osmanischen Reiches mit dem zaristischen Rußland.

Eine besondere Eigenheit dieses Konfliktes ist es, daß er zwischen zwei Ländern stattfinden, die mit dem ökonomisch-politischen Aufstieg der westeuropäischen Mächte in gleicher Weise einem sich verstärkenden Peripherisierungsdruck ausgesetzt sind, dem mit den überkommenen imperialen, vor­staatlichen Strukturen nicht erfolgreich zu begegnen ist,[50] und der in immer drän­genderer Weise eine innergesellschaftliche Modernisierung erforderlich macht.

Solange aber – in beiden Ländern – keine soziale Trägerschaft für die notwendige Modernisierung entstanden ist, muß Herrschaftserhalt in traditioneller Weise entweder durch außenpolitische Machtgewinne, und das heißt in dieser Zeit: durch gewonnene Kriege und durch territoriale Ausweitung, oder durch verstärkte innere Oppression und ökonomische Ausbeutung erfolgen, die schnell an objektive Grenzen gelangen wird und in schon geschilderter Weise die Binnenperiphe­risierung und die Marginalisierung der Rand- und ehemaligen Ressourcengebiete einleitet.

Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zur Modernisierung des Osmanischen Reiches zu­sammen, ergeben sich fünf Thesen:

  1. Die Notwendigkeit einer Modernisierung wurde nicht von einer breiteren Bevölkerung er­kannt und getragen, sondern von Teilen der Oberschicht in einer temporären Interessenkoin­zidenz zwi­schen dem Sultan [Selim III., 1789-1807; Mahmud II. (‚der Reformer‘), 1808-1839; Abdulme­cid, 1839-1861, 1838 Tanzimat-Reformen, 1856 Hati Humayun; Murad V., 1876] und Teilen des Militärs – der eine in der Einsicht des drohenden Staats- und Herr­schaftserhaltes und der Notwendigkeit, sich zumindest partiell den höfischen Loyalitäten und Intrigen zu entziehen, die anderen in der Erfahrung der militärischen Unterlegenheit des Os­manischen Reiches in den zu­rückliegenden Kriegen –; nur langsam kam eine zivile Mittel­schicht bzw. untere Oberschicht hinzu, die sich vor allem aus im Ausland ausgebildeten jun­gen Männern, die für die erweiterte staatliche Zentralverwaltung vorgesehen waren, rekrutier­te.

  2. Mahmud II. versuchte dies, ohne ausdrücklich eine zivilisatorisch-politische Überlegenheit der westeuropäischen Länder anzuerkennen – er hielt im Gegenteil die Bevölkerung zur strikten Ein­haltung der koranischen Regeln an[51] –, wurde aber trotzdem von einer entstehen­den antimoder­nistischen Opposition als vom Westen abhängiger gâvur, Giaur, Ketzer ge­brandmarkt. Damit wird eine ideologisch legitimierte, aber sozialstrukturell begründete gesell­schaftliche Segregation bis hin zum Entstehen antagonistischer konkurrierender Eliten einge­leitet; die Legitimierung der Modernisierung – mit dem mehr oder weniger zögerlich aner­kannten – Ziel der Transformation des Osmanischen Reiches in einen Nationalstaat und der Homogenisierung der Gesellschaft zu einer Staatsgesellschaft erfolgte durch die Implantation des türkischen Nationalismus, der noch zunächst als – contradictio in reo – ›Osmanischer Nationalismus‹ erschien, mit der Konfronta­tion der gleichermaßen nationalistisch legitimierten regionalen Separatismen und Befreiungsbe­we­gungen zu einem auf ein noch zu schaffendes türkisches Staatsvolk Nationalismus transfor­mier­te.

  3. Dieser nationalstaatliche Kern der Modernisierungsakte, der in einer späteren Reformphase von der Jungtürkischen Revolution aufgegriffen und zum Primat der Politikbegründung ge­macht wurde, legitimierte einerseits die zentralstaatlich motivierte gewaltsame Homogenisie­rung der re­gional außerordentlich differenzierten Bevölkerung des Osmanischen Reiches, provozierte damit aber gerade auch die separatistischen Gegen-Nationalismen – griechische Befreiungsbewegung, serbischer Nationalismus, Panslawismus unter der Führung Russlands, arabischer Nationalismus uns Separatismus – und legte damit die Grundlage für die bis heute politisch und sozial virulen­ten Konflikte, Ethnizismen und Bürgerkriege im Nahen Osten wie auf dem Balkan.[52]

  4. Innergesellschaftlich sind die Modernisierungesschübe fundiert in Veränderungen der Macht­ba­lancen und in sozialen Auf- und Abstiegsprozessen. Die Veränderungen der sozialen Chancen in der Gesellschaft bedingen die ideologische Legitimierung und Identifikation der Antimoderni­sten, die sich vor allem aus den niederen ulema, den Angehörigen der traditiona­len Oberschicht und den ländlichen Agas rekrutieren, der Modernisten, die sich vor allem in der mittleren Hee­reshierarchie und in der wachsenden Beamtenschaft finden lassen, der Staatsspitze um Sultan und ›Pforte‹, die je nach temporärer Interessenkoinzidenz der einen oder anderen Seite zuneigen und damit ›das Zünglein an der Waage‹ für die Chancen einer Durchsetzung von Modernisie­rungszielen sein konnten, sowie schließlich die breiten städti­schen und ländlichen Unterschich­ten, in die zu der Zeit der Modernisierungsimpuls einer zivilisatorischen Veränderung in Rich­tung auf die Herausbildung einer Staatsgesellschaft noch nicht ›durchgesickert‹ ist und um deren Einbeziehung Modernisten wie Antimodernisten mit den Mitteln der Ideologie – nationalistische Integration gegen die Rückbesinnung auf die überstaatliche umma muhamadja – und der An­wendung einerseits staatlicher Gewalt – Ein­beziehung in zentralstaatliche Gesetzes- und Verwal­tungsordnungen – andererseits der Mobi­lisierung traditioneller lokaler und religiöser Loyalitäts­geflechte konkurrieren.

  5. Damit war der Keim für einen labilen Wechsel von Reformphasen und ‚konterrevolutionären Politik- und Staatskonzepten‘ [Sultan Mustafa IV.; Sultan Abdulaziz; Sultan Abdülhamid II.] bis in den erste Weltkrieg hinein gelegt. Ein konsistentes, widerspruchsfrei umsetzbares Mo­derni­sie­rungs- und Homogenisierungskonzept hat die Türkei auch nach den viel tiefer ein­schneiden­den Atatürkschen Reformen, die eher als Revolution zu charakterisieren sind, bis heute nicht entwic­keln können, kann dies wohl auch nicht unter den Bedingungen eines Staates der Semiperipherie und vor dem Hintergrund der in der Zeit des Osmanischen Rei­ches entstandenen sozialen und regionalen Desintegration und Binnenperipherisierung[53].

Weiterführende Fragestellungen

Wie jede historisch-gesellschaftswissenschaftliche Darstellung endet auch diese zeitlich und regio­nal offen und mit einigen nicht beantworteten Problemstellungen. Für die wissenschaftliche Bear­beitung des Themas der Modernisierungsschübe im Osmanischen Reich des 18. bis zum begin­nenden 20. Jahrhunderts scheint es mir – auch als Ergebnis der vorgelegten Überlegungen – von ausschlaggeben­der Bedeutung zu sein, daß eine reine Fakten- und Staatsgeschichte die komplexe und widersprüchli­che Entwicklung nicht hinreichend erklären und verständlich machen kann.

Andererseits scheint auch eine reiner materielle Sozialgeschichte, die entweder die generelle so­zioökonomische Situation einer vorindustriellen, ›orientalischen‹ Gesellschaft betonen wird oder sich auf die Herausbildung der sozialen Hierarchien vor allem im städtischen Bereich mit dem Augenmerk auf die langsame Ausdifferenzierung neuer Mittelschichten konzentrieren kann, in der Gefahr sein, einfach ›westliche‹ Schichtvorstellungen und sozioökonomische Periodizierungen auf die Türkei zu übertragen, ohne die sozialen Antriebe adäquat fassen zu können.

So scheint mir ein im Prinzip dialektischer Ansatz, wie er hinter den Überlegungen dieses Aufsatzes steht, weiter zu führen: einerseits die äußere Einbindung der Türkei, des Osmanischen Reiches, in die Strukturen eines ›Weltsystems‹ zu untersuchen, um dabei zu einer prozessualen Perspektive zu gelangen, die die Peripherisierung und die Entwicklung der europäischen Semiperi­pherien in den Vordergrund stellen wird, andererseits die innere Entwicklung des Landes als Teil eines spezifischen Zivilisationsprozesses zu verstehen, der durch labile Machtbalancen, soziale Auf- und Abstiegsprozes­se und im konkreten Falle durch eine zunehmende soziale und regionale Desintegration zu kenn­zeichnen ist.

In diesem analytischen Rahmen wird die Bedeutung der implantierten westlichen Modernisierungsmuster einschließlich des Nationalismus und der Nationalstaatsidee erkennbar und auch in den typischen Unterschieden zur mittel- und westeuropäischen Entwicklung erklärbar.

An dieser Stelle sollte die zunehmende Ethnifizierung des Nationalstaatsgedankens, über de­ren Wurzeln und Rahmenbedingungen schon einiges gesagt worden ist, an Hand der Quellen ge­nauer un­tersucht und inhaltlich differenziert werden; unser Bild war hier zugegebenermaßen stark vereinfacht und eher ‚holzschnittartig‘. Vor dem Hintergrund der Bedeutung des derzeitigen ›Revivals‹ ethnizisti­scher Ideologien und Politiklegitimationen ist eine differenzierendere Untersu­chung der sozialen und historischen Rahmenbedingungen für den gefährlichen Kontext zwischen Nationalstaatsidee und Ethnizismus notwendig und könnte am Beispiel der Türkei genauer ausge­führt werden.

Vor allem aber muß an anderer Stelle die Brücke zur türkischen Moderne geschlagen werden, deren Ansatzpunkte im Text exkursorisch skizziert worden sind, die aber gerade in Hinblick auf die krisenhaften Entwicklungen der türkischen Nachkriegsgeschichte seit 1945 von großer Bedeu­tung ist, auch mit dem Ziel, die Limitationen und Potentiale politischen Handelns in der heutigen Türkei ge­nauer beurteilen zu können. Folgende Themenkreise lassen sich aus den dargestellten historisch-so­zio­logischen Zusammenhängen für die Gegenwart bearbeiten:

  • Die Rolle des Militärs als ‚Hüter des Kemalismus‘ in Staat und Gesellschaft und die zeitge­schichtliche Einordnung der Politikinterventionen des Militärs nach 1945.

  • Die Marginalisierungsprozesse und die Binnenmigration; Probleme der ländlichen Bevölke­rung und der städtischen Elendsgebiete (Gecekondus)[54].

  • Die Minderheitenprobleme und die regionalen Separatismen (Südostanatolienkonflikt, PKK)[55].

  • Die Funktion der europäischen Semiperipherien und die Perspektive einer Integration der Türkei in die Europäische Gemeinschaft.[56]

  • Die Chancen und Risiken des westlichen Demokratiemodells in der heutigen Türkei.

  • Die Türkei und ihre islamische Nachbarn: innergesellschaftliche und regional-nahöstliche Einflussfaktoren auf die Tendenzen zur Re-Islamisierung in der Türkei und die politischen Ch­ancen der REFA-Partei.

Es wird deutlich, daß die historisch-soziologische wie auch die politologische Arbeit am Thema Tür­kei noch viele Fragen offen lässt, daß dies aber angesichts der schnellen Veränderungen in der Türkei selbst, deren Entwicklungsdynamik umgekehrt proportional zur politischen Steuerungsfähigkeit der gesellschaftlichen Prozesse steht, zu immer neuen Fragen und Problemen führt.

Anmerkungen

[1]    Hier im konkreten Fall Reiseerfahrungen, persönliche Kontakte und berufliche Einbindung in das UNESCO-Projekt-Schul-Programm einer Schulpartnerschaft mit der Türkei

[2]    Dabei beschränkt sich diese Herausbildung zunächst und teilweise auch bis heute auf den Westteil Anatoliens und den europäischen Teil der Türkei; dies begründet die Prozesse der Binnenperipheri­sierung und verstärkt die regiona­len und sozialen Disparitäten.

[3]    Wobei sich der Vf. hier auf die Ansätze und Analysen von Immanuel Wallerstein stützt. – z.B. Immanuel Wallerstein: Die Sozialwissenschaft »kaputtdenken«. Die Grenzen der Paradigmen des 19. Jahrhunderts. Wein­heim 1995 (Beltz Athenäum). S. 132 ff. u.a.; Immanuel Wallerstein, Hale Decdeli und Resat Kasaba: Die Inkor­poration des Osmanischen Reiches in die Weltwirtschaft. In: Jahrbuch zur Geschichte und Gesellschaft des Vorde­ren und Mittleren Orients. 1984, S. 397-417.

[4]    bezogen auf die Herrschaftsform und die personale Kontinuität der Oberschicht des sarays vor allem gegenüber den aufstrebenden neuen Mittelschichten, der Intelligenz und des Militärs: Ansätze zur Verschiebung der Machtbalancen im Sultanat.

[5]    Richard Peters: Die Geschichte der Türken. Stuttgart 1966 (2., verb. Aufl., Urban Bücher 54, W. Kohlhammer), S. 68 ff.

[6]    Der Krisenbegriff ist inhaltlich offen und letztlich nicht zureichend für die Charakterisierung der Um­bruchprozesse der fraglichen Epoche des Sultanats und der türkischen Gesellschaft (vgl. dazu: Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt: Reflexionen über den Begriff der Krise. In: politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1996, Verband der Politiklehrer, Hannover). Doch gerade die bezeichneten ›neuen Mittelschichten‹ als soziale Träger der Verschiebungen der Machtbalancen – auch wenn sie noch keine homogene ›neue Klasse‹ bilden und zahlenmäßig, verglichen mit Mittel­europa, eine verschwin­dend kleine Minderheit darstellen – orientieren ihr Handeln an einem ›Krisenbewusstsein‹, das den sich in Westeuropa gleichzeitig entwickelnden gesellschaftlichen Krisenbegriffen entspricht.

[7]    Dieses Schlagwort ist der europäischen Kriegsgeschichte entnommen. Für Mitteleuropa sprechen Kriegshistoriker z.B. davon, daß genau diese Verände­rung der ›Kosten-Nutzen-Bilanz‹ des Krieges der kriegführenden Parteien das Ende des 30jährigen Krieges im abgebrannten und dezimierten Mit­teleuropa herbeigeführt hätte. – Und gilt das nicht auch – cum grano salis – für die wackligen Friedensschlüsse nach dem ›Ersten Golfkrieg‹ zwi­schen Iran und Iraq oder für den Frieden in Bosnien im Vertrag von Dayton?

[8]    In einem Vortrag über Modernisierung und Nationalstaatsbildung im Osmanischen Reich am 28.7.96 [Arbeitstagung „Staat-Nation-Ethnizität: Ansätze und Analysen der historisch-vergleichenden Sozio­logie“ am 28./29. Juni 1996 im Leibnitzhaus Hannover. Veranstalter: Institut für Soziologie der Uni­versität Hannover, Prof. Peter Gleichmann – Arbeitskreis: Historische Soziologie]. Dabei führt Kürşat-Ahlers auch aus, daß die Regierungskompetenz ab dem 17. Jahrhundert vom Sultan auf den Wezir (d.h. »die Pforte«) übergeht, und weist darauf hin, daß dies auch mit einer soziologischen Ver­schiebung verbunden ist, da neben den geistlichen ulema (den ›Männern der Schrift‹) nun eine wach­sende Schicht weltlicher ›Männer der Schrift‹ treten, d.h. eine neue Verwaltungs- und Bürokratenka­ste, die teilweise zu Trägern von (diplomatischen) Kontakten zum Westen und von Modernisierungs­schritten in der Staats­verwaltung war und damit den Einfluss der ulema degradierte.

[9]    Interessante erste Ansatzpunkte bezogen auf die Wurzeln der türkischen Kultur finden sich in der Untersuchung  von Elçin Kürşat-Ahlers: Zur frühen Staatenbildung von Steppenvölkern. Über die Soziogenese der eurasiatischen Nomadenreiche am Beispiel der Hsiung-Nu und Göktürken, mit einem Exkurs über die Skythen. Berlin 1994; – für die Entwicklung der Frage­stellungen in Hinblick auch auf die Gegenwart finden sich fundierte, vor allem theoretisch motivierte Aussagen bei Hans-Peter Waldhoff: Fremde und Zivilisierung: Wissenssoziologische Studien über das Verarbeiten von Gefühlen der Fremdheit. Probleme der modernen Peripherie-Zentrums-Migration am türkisch-deutschen Beispiel. Frankfurt am Main 1995; – mit Spannung erwartet der Vf. weitere Forschungsergebnisse aus diesem Themenkreis u.a. von Dursun Tan vom Institut für Soziologie in Hannover. – Der Vf. selbst kann hier nicht originäre wissenschaftli­che Untersuchungen durchführen, weil ihm als Voraussetzung die sprachliche Kompetenz im Türkischen fehlt und seine Fachrichtung als Politologe und Politikdidaktiker eher zu einer aktualisierenden Umsetzung an­regt.

[10]   »Zur frühen Staatenbildung von Steppenvölkern«, a.a.O., vgl. Fußnote 9.

[11]   Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation: soziogenetische und psychogenetische Untersu­chungen, Bd. I. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. Frankfurt am Main 1990 [15. Aufl., Erste Auflage 1976, Erstausgabe 1936, Überarbeitete Fassung  Bern 1969] (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 158, Suhrkamp Verlag), S. 268, 269.

[12]   Zumindest in den Vordergrund getreten seit der offiziellen Annahme des Kalifentitels durch Sultan Selim I. nach dem Sieg über die Mamluken in Ägypten, aber auch schon vorher im Verständnis des Sultanats aufweisbar.

[13]   Ekkehart Krippendorff: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft. Frankfurt am Main 1985 (Edition Suhrkamp 1305, Suhrkamp Verlag). Z.B. S. 206 ff.: „Wie es in Europa an­fing: Krieger auf Staatssuche“.

[14]   Daß kulturelle Integration und Assimilation aus der Position des ›Überlegenen‹ heraus zu erfolgen hatte, ist dabei selbstverständlich: Nicht die Sinnkontexte der kulturellen Übernahmen wurden rezi­piert oder gar verstanden, son­dern die materiellen und wissensmäßigen Vorteile, die die Übernahme dem eigenen geistigen Kontext und damit der eigenen Überlegenheit bot. Das ist als Charakteristikum von großer Bedeutung, wenn wir in einem späteren Zusam­menhang auf die grundlegenden Widerstän­de und Probleme im Osmanischen Reich bei der notwendigen Moderni­sierung im 19./20. Jahrhundert gegen die Übernahme ›westlicher Zivilisationselemente‹ aus der Position des ›Unterlegenen‹ heraus zu sprechen kommen.

[15]   Das ist kein Zufall; wenn man die Berichte über die Kriegszüge der Osmanischen Heere in der Ungarischen Tiefebene aus militärhistorischer Sicht analysiert, wird deutlich, daß die Logistik in einer Region, in der der Krieg den Krieg nicht mehr ernährte, an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit ge­stoßen war, und daß der ausgesprochen jahreszeitlich orientierte Charakter der türkischen Kriegfüh­rung immer umständlichere und längere Rück­züge in das Winterlager notwendig machten, was zu­sammen schließlich die äußerste Reichweite einer dauerhaften Expansion des Osmani­schen Rei­ches markierte. – Vgl. dazu u.a.: Krieg und Sieg in Ungarn. Die Ungarnfeldzüge des Großwesirs Köprülüzâde Fâzil Ahmed Pascha 1663 und 1664 nach den »Kleinodien der Historien« seines Sie­gelbewah­rers Hasan Ağa. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Erich Prokosch. Osmanische Geschichtsschreiber, Herausgegeben von Dr. Richard F. Kreutel, Band 8. Graz / Wien / Köln 1976 (Verlag Styria); – Kara Mustafa vor Wien. Das türkische Ta­gebuch der Belagerung Wiens 1683, verfasst vom Zeremonienmeister der Hohen Pforte. Übersetzt, einge­leitet und er­klärt von Richard F. Kreutel. München 1967 (Deutscher Taschenbuch Verlag, Originalausgabe Graz/Wien/Köln 1955, Verlag Styria).

[16]   Tatsächliches persönliches Unvermögen mag noch hinzugekommen sein.

[17]   Kurt Steinhaus: Soziologie der türkischen Revolution. Zum Problem der Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft in sozioökonomisch schwach entwickelten Ländern. Frankfurt am Main 1969. S. 20 (Anm. nach Tibi, vgl. Fußnote 18).

[18]   Bassam Tibi: Vom Gottesreich zum Nationalstaat. Frankfurt am Main 1987 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 650). S. 62.

[19]   Kurt Steinhaus, a.a.O., S. 20 und 29 (zitiert nach Tibi, vgl. Fußnote 18).

[20]   Tibi, ibid., vgl. Fußnote 18

[21]   Vgl. die Ausführungen von Taner Akçam in einem Vortrag auf der Tagung »Brücken zwischen den Zivilisationen«, vgl. Fußnote 41.

[22]   Die Bezeichnung ›türkeitürkisch‹ bezieht sich sowohl sprachlich wie soziokulturell auf die Entwick­lungen des Türki­schen im Bereich Anatoliens und der europäischen Türkei im Gegensatz zu den viel­fältigen Spielarten im turkmeni­sch-türkischen Bereich Zentralasiens. Heute ist das ›Türkei-Türkische‹ die moderne Sprache der Türkischen Repu­blik nach den Sprachreformen zur Zeit Atatürks, im Gegen­satz zum Osmanli des Sultanats, das eine Vielzahl von Worten, Begriffen, Floskeln und Höflichkeits­formeln aus dem Arabischen – vor allem über den Weg der religiösen Bildung – und dem Persischen – vor allem auf dem Weg der Übernahme ‚verfeinerter höfischer Lebensformen‘ und der persischen lite­rarischen Kultur – in die Sprache vor allem des Hofes aufgenommen hatte und von der einfachen ana­tolischen Landbevölkerung oftmals kaum noch verstanden wurde, wenn diese nicht ohnehin andere Alltagsspra­chen sprach (Griechisch, Kurdisch, Arabisch, Armenisch, oder auch türkische Sprachen wie Azeri [= Azerebaidjanisch] u.a.).

[23]   Auf die materielle Grundlage dieses Desintegrations- und Dezentralisierungsprozesses, die Einfüh­rung des feudalen Steuerpachtsystems, um einer drückenderen und effektiveren Ausbeutung der Provinzen willen, die letztlich aber traditionellen Grundprinzipien des Osmanischen Reiches zuwider läuft, die Bassam Tibi, a.a.O., S. 62 f., um den Un­terschied zum europäischen Feudalismus zu kenn­zeichnen, wie folgt beschreibt: „Der Feudalismus des Osmani­schen Reiches unterscheidet sich vom eu­ropäischen wesentlich, insofern die osmanischen Lehnsherren nicht auto­nom herrschten, sondern bei der Ausbeutung der Bauern lediglich als Vertreter der obersten zentralen Staatsgewalt: der Hohen Pforte, fungierten.“ – Dem fügt Tibi (vgl. Fußnote 18) ein charakterisierendes Zitat von Zvi Y. Hershlag (Introduction to the Modern Economic History of the Middle East, Leiden 1964, S. 17) bei: „Das System des orienta­lischen Feuda­lismus, das auf Un­terdrückung und Raub basierte, charak­terisiert sich darüber hinaus durch die Abwe­senheit der Gutsherren... Der Landbesitzer, der in der Stadt und manchmal sogar im Ausland lebte, hat nie wirklich ver­sucht, das Land, das er gepachtet hatte, zu verbessern oder den Bau­ern beizustehen, die unter der Last der Steu­ern und Schulden stöhnten: alles was er tat war, so viel wie möglich aus ihnen herauszupres­sen.“

[24]   E. Neubauer: Muharram-Bräuche im heutigen Persien, in: Der Islam 49, 1972, 249-272. – Zitiert nach: Hans G. Kippenberg: Jeder Tag ’Ashura, jedes Grab Kerbala. Zur Ritualisierung der Straßen­kämpfe in Iran. In: Kurt Greussing (Red.), Religion und Politik im Iran. mardom nameh – Jahrbuch zur Geschichte und Gesellschaft des Mittleren Orients. Frankfurt am Main 1981 (Syndikat): 217-256, hier: 223. – Kippenberg zitiert diese sozialstrukturelle Übersicht im Zusammenhang mit der Untersu­chung der Bildung lokaler Kollegien, die in Iran seit Jahrhunderten die für die Selbstkonzeption der Gläubigen wichtigen Moharram-Feierlichkeiten Vorbereitung und über diese Funk­tion wichtige revo­lutionäre und antistaatliche Handlungspotentiale in der Bevölkerung wecken und wach halten konnte: „Betrachten wir den modernen Iran, dann sehen wir auch dort eine ähnliche Organisation. Dort wer­den die Moharram-Festlichkeiten von einem Kollegium (hay’at) veranstaltet, das sich nach Aussage von E. Neubauer wie folgt bildet: ‚Die ›hay’at‹ kann aus dem Gläubigenkreis einer ›masjed‹ (Moschee; H.G.K.) hervorgehen, sie kann sich um einen oder mehrere ›akhunds‹ bilden (die in diesem Falle nicht notwendigerweise ausgebildet sein müssen; eine gute Stimme und ein fesselnder Vortrag ersetzen weitge­hend das theologische Rüstzeug), oder sie kann von Gläubigen ins Leben gerufen wer­den, die sich um ein wohlhabendes ›Gemeindeglied‹ scharen, das zu diesem Zweck einen Versamm­lungsort, ein kleines ›masjed‹ zum Beispiel, als ›waqf‹ stiftet‘“ (Neubauer: 1972, 259f.).

[25]   Auch das Habsburgerreich könnte noch in diese Untersuchungen der Machtba­lancen und Machtkon­kurrenzen ein­bezogen werden; doch sollte das hier einer anderen sich auf ganz Europa beziehenden Strukturgeschichte vorbehal­ten werden.

[26]   In Bezug auf Russland kritisiert hier Vester Wallersteins Auffassung, daß das zaristische Russland zwischen einer Orientierung nach Südosteuropa – als Konkurrent des Osmanischen Reiches – oder nach West­europa zu wählen gehabt hätte und die erste Option wahrgenommen hätte: „Für die Inkorporierung Russlands gibt Wallerstein (1987, S. 187) eine lapidare Erklärung. Russland habe die Wahl gehabt zwischen der Ausweitung seines Einflusses in Südosteuropa, in der Schwarz-Meer-Region und im Kaukasus, und der Erlangung einer stärkeren Position gegenüber dem Westen. Um seine Herrschaft im Südosten zu konsolidieren, habe Russland die Chance zur Verbesserung seiner Position vis-à-vis dem Westen geopfert. Als Folge davon sei Rußland in die kapitalistische Weltwirtschaft in einer Weise inkorporiert worden, welche die sprichwörtliche »Zurückgebliebenheit« Russlands garantierte. – Nun kann man Wallerstein sicher entgegenhalten, daß sich Russland wohl auch schon vor seiner Inkorporierung, vor der Ära Katharinas und Peters, auf einem gegenüber West- und wohl auch Mitteleuropa zurückgebliebenen Entwicklungsstand befand. Auch ist nicht einzusehen, weshalb es sich bei der von Wallerstein skizzierten Alternative (Konsolidierung der russischen Herrschaft im Südosten einer­seits, Stärkung der russischen Position gegenüber Westeuropa andererseits) um ein Entweder-Oder handeln soll. Die Herrschaft im Südosten wie auch die für Polen verheerende Expansion nach Westen können gerade als politische Gewichte betrachtet werden, die Rußland in die Waagschale zu legen vermochte. Wallerstein bleibt jedenfalls den Hinweis schuldig, auf welche ande­re Weise Rußland seine Machtposition gegenüber dem Westen hätte ausbauen können.“  [Heinz-Günter Vester: Geschichte und Gesellschaft. Ansätze historisch-komparativer Soziologie. Berlin/München 1995 (Quintessenz-Fachbuch Soziologie). S. 105.]

[27]   Die vielfältigen, oft widersprüchlichen Verwicklungen der westeuropäischen Mächte, vor allem Großbritanniens, in diese Auseinandersetzungen sollen hier nicht nachgezeichnet und erörtert werden.

[28]   Die im einzelnen durchaus disparaten Nationalstaatsmodelle entwickeln sich in Europa parallel zur Idee des Nationalismus, besser müsste man sagen: zu Nationalismen unterschiedlicher Ausprägung und ideologischen Begründung. Gerade aber Regionen, die im 17. bis 19. Jahrhundert mehr oder weniger ausgeprägte Peripherisierungsprozesse durchgemacht haben, neigen zu letztlich irrationalen, kompensativen ›Macht- und Größenphantasien‹, die sich im Panslawismus, in faschistischen Ideologien, im polnischen ›Messianismus‹ [vgl. Lothar Nettelmann: Zivilisierungsprozesse in Mittelosteuropa am Beispiel Polens.  In: politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1996, Verband der Politiklehrer, Hannover. Nettelmann verweist in diesem Zusammenhang für Polen auf die Entwicklung einer „Sozialpathologie“ hin], aber auch im Panturanismus und anderen großtürkischen Ideologien ausge­drückt haben. Tibi [a.a.O., vgl. Fußnote 18, S. 53] beschreibt die sozialpsychologische Begründung dieser Bewegungen wie folgt: „Die rückwärts gewandten Utopien als Momente des kulturellen Natio­nalismus dieser Intellektuellen sind der Ver­such, die kulturelle Entfremdung zu überwinden und eine neue Identität zu finden.“

[29]   Richard Peters: Die Geschichte der Türken. Stuttgart 1966 (2., verb. Aufl., Urban Bücher 54, W. Kohlhammer), S. 94-97.

[30]   ibid. (vgl. Fußnote 29), S. 93, 94, 96-97.

[31]   Dabei spielt sicher auch die Biographie des Autors eine Rolle, der als Flüchtling aus Nazi-Deutschland in der Türkei im Zweiten Weltkrieg Zuflucht fand und sein Asyl, verglichen mit dem zeitgenössischen Deutschen Reich, als gastfreundlich und liberal wahrnehmen mußte. So legt er in seiner Darstellung auch großen Wert auf die Betonung des traditionellen Asylrechtes in der Türkei (übrigens könnte dasselbe für fast alle islamischen Länder beschrieben werden).

[32]   Cf. E. Beeri, Army Officers in Arab Politics and Society, London-N.Y. I970, pp. 286 ff., 300 ff. Getrennt davon muß die erste von Militärs getra­gene arabische Revolte, der ’Orabi-Aufstand betrach­tet werden, da die mo­derne Ar­mee in Ägypten eine andere Entstehungsgeschichte hat. Zur ’Ora­bi-Re­volte cf. Anm. 4 zu § 9; dort auch Literatur­hinweise. (Anm. nach Tibi) – Tibi ergänzt dies durch ein Zitat von Lewis: „von allen Gruppen in der orientali­schen Gesellschaft die Armee-Offiziere am läng­sten und nachhaltigsten westlichen Einflüssen ausge­setzt waren; von Be­rufs wegen haben sie das leb­hafteste Interesse an Modernisierungsmaßnahmen und Reformen. Dies mag uns helfen, ein Phänomen im mittleren Osten zu erklären, das wir in ande­ren Teilen der Weit nicht antreffen: der Berufsoffizier als Vorhut sozialen Wandels.“ [Bernard Lewis, The Middle East and the West, Bloomington 1965, p. 40; cf. auch B. Tibi, »Zum Verhältnis von Militär und kolonialem Nationalis­mus am Beispiel der arabischen Länder«, in: Sozialisti­sche Politik, Bd. I (1969) H. 4, pp. 4-19.].

[33]   Kurt Steinhaus: Soziologie der türkischen Revolution. Zum Problem der Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft in sozio-ökonomisch schwach entwickelten Ländern. Frankfurt am Main 1969. S. 37 ff. [Anm. nach Tibi, vgl. Fußnote 18].

[34]   Ibid. (vgl. Fußnote 33), S. 37. [Anm. nach Tibi, vgl. Fußnote 18].

[35]   Ibid. (vgl. Fußnote 33), S. 38. [Anm. nach Tibi, vgl. Fußnote 18].

[36]   Bassam Tibi, ibid., vgl. Fußnote 18: S. 93

[37]   Kurt Steinhaus, Ibid. (vgl. Fußnote 33), S. 38 f. [Anm. nach Tibi, vgl. Fußnote 18].

[38]   in dem schon oben genannten Vortrag (vgl. Fußnote 8).

[39]   Diese westlichen Übernahmen weiteten sich bald auch über den engeren militärtechnischen Bereich hinaus aus in die Bereiche Mode, Architektur [der auch im Moscheebau zu beobachtende ‚Osmanische Barock‘ und der‚Tulpenstil‘ belegen das] und z.T. auch Alltagsverhalten ›westlich ge­bildeter‹ Kreise. So werden die konservativen Befürchtungen einer drohenden generellen ›Verwestlichung‹ durchaus sinnfällig.

[40]   Es entsteht Ende des 19. Jahrhunderts eine Tradition, zunächst auf private Stiftungen (vakıf) zurück­gehend und später vom Staat übernommen, fremdsprachige oder bilinguale Gymnasien (lise, Lyzeum) für die Oberschicht einzu­richten, die zum Teil heute noch als Traditionsgymnasien fortbestehen und finanziell weiterhin mit sehr reichen Stif­tungen versehen sind (Istanbul Lisesi mit der İstanbul Erkek Lisleri Vakfı, Galatasaray Lisesi; beides heute bilin­guale so genannte ‚Anatolische Gymnasien‘, in denen ein Teil der Fächer in einer Fremdsprache, in den genannten Beispielen in Deutsch bzw. in Französisch, erteilt wird). – Zum türkischen Schulsystem vgl. Gerhard Voigt: Zur Geschichte des türkischen Schulsystems. In: politik unterricht aktuell, Heft 1 / 1994, Verband der Politiklehrer, Han­nover. S. 1 - 21.

[41]   Internationale Tagung »Brücken zwischen den Zivilisationen«, 4. und 5. Juli 1996 im Leibnitzhaus der Universität Hannover. Veranstaltet von der Forschungsgruppe ‚Migrantenprotest als Integrations­chance?‘ unter der Leitung von Prof. Dr. Peter R. Gleichmann. 

[42]   Vgl. auch Peter R. Gleichmann: Über gesellschaftliche Intellektualisierungsprozesse. Intellektuelle und wissenschaftlich-technische Intelligenz – Vergleichende Beobachtungen zu deren langfristigem Aufgabenwandel. In: Berli­ner Journal für Soziologie, 3. Band, 1993, Heft 1. S. 89 - 101.  

[43]   in einem Vortrag auf der Tagung »Brücken zwischen den Zivilisationen«, vgl. Fußnote 41.  

[44]   Das wird deutlich in den Quellentexten zu den Osmanisch-Habsburgischen Kriegen und den ›sprachlichen Verren­kungen‹, die die türkischen Unterhändler unternehmen mussten, um einerseits als Verhandlungspartner des Kaisers anerkannt zu werden und damit Verhandlungserfolge erzielen zu können, andererseits aber gegenüber Sultan und ›Hoher Pforte‹ gerade diese Grundüberzeugung der ›Nichtgleichwertigkeit‹ der verhandlungsführenden Parteien zu­mindest als semantische Fiktion auf­recht zu erhalten. – Vgl. Molla und Diplomat. Der Bericht des Ebû Sehil Numân Efendi über die österreichisch-osmanische Grenzziehung nach dem Belgrader Frieden 1740/41. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Erich Prokosch. Osmanische Geschichtsschreiber. Herausgegeben von Dr. Richard F. Kreutel, Band 7. Graz / Wien / Köln 1972 (Verlag Styria); – Krieg und Sieg in Ungarn. Die Un­garnfeldzüge des Großwesirs Köprülüzâde Fâzıl Ahmed Pascha 1663 und 1664 nach den »Kleinodien der Historien« seines Siegelbewahrers Hasan Ağa. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Erich Prokosch. Osmanische Geschichtsschreiber, Herausgegeben von Dr. Richard F. Kreutel, Band 8. Graz / Wien / Köln 1976 (Verlag Styria); .

[45]   Die natürlich, wie wir wissen, ebenso wenig widerspruchsfrei und kontinuierlich ablief, wie die Peri­ode des Faschis­mus in Europa und wie die gesellschaftlichen Krisen der Gegenwart nur zu deutlich zeigen. Es ist daher durchaus nachzuvollziehen, wenn die Modernisierungskritiker im Osmanischen Reich ebenso wie heutige Ablehnungsfronten in der ›Dritten Welt‹ oder im islamisch-arabischen Raum das ›westliche Modell‹ durchaus nicht als vorbildlich und nachahmenswert ansehen. Doch steht diese partikularistische Ablehnung den übermächtigen Universalisie­rungstendenzen der kapitalisti­schen Weltwirtschaft und Weltkultur – Wallerstein spricht hier vom Weltsystem – entgegen, die sich seit dem letzten Jahrhundert – aufbauend auf der imperialistischen Penetration – eigentlich überall durchsetzt und letztlich auch für die modernisierungskritischen Gruppen überlebensnotwendig geworden ist. Vgl. Fußnote 53.

[46]   Hans-Heinrich Nolte wies in seinem Vortrag über „Überforderung und Pathos: Intellektualisierungs­formen und po­litische Kultur aus der Semi-Peripherie“ [anlässlich der gleichen Tagung, vgl. Fußnote 41] darauf hin, daß diese Min­derwertigkeitsängste und die Einkreisungsfurcht zu den standardisierten Reaktionsformen der Intellektuellen auf die Erfahrung der kollektiven Peripherisierung gehört und als emotionale ›Überforderung‹ durch die diskriminatorische politische Realität gekennzeichnet wer­den kann. Daß diese Floskel bis heute zum Standardrepertoir öffentlicher Kommunikation in der Tür­kei gehört, wurde schon weiter oben erwähnt.

[47]   Hervorgegangen aus dem Ittihad ve Terakki Cemiyti, dem ›Komitee für Einheit und Fortschritt‹ der jungen Offiziere parallel zu später verbotenen verschieden Bünden und Zirkeln der Intellektuellen und Schriftsteller, gerade auch in den nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen und Regionen

[48]   W. Braune: Der islamische Orient zwischen Vergangenheit und Zukunft. Bern und München 1980; auch als Zitat bei Bassam Tibi, a.a.O., vgl. Fußnote 18: S. 96

[49]   Was hier nicht weiter diskutiert werden kann, ist, daß auch die antimodernistischen Bewegungen dort, wo sie Macht oder gar staatliche Repräsentanz ge­winnen, keineswegs eine historisch ohnehin un­denkbare „Rückkehr in vormo­derne Zeiten“ bewirken, sondern objektiv ihrem eigenen Selbstver­ständnis zuwider laufen, zwangsläufig machtge­steuerte Ho­mogenisierungs- und damit Modernisie­rungsschübe einleiten müssen, um der internationalen Macht­ba­lance im Weltsystem standhalten zu können. Sehr deutlich ist das am Beispiel des Iran nach der Is­lamischen Revolu­tion, aber auch in an­deren konservativ-fundamentalistischen Herrschaftsordnungen wie in Kuwait oder Saudi Arabien zu beobachten. Die Alternative wäre gesellschaftliche Anomie, wie sie in der Folge von Bürgerkriegen zumindest für begrenzte Zeiträume entstehen kann – wie die Beispiele Libanon oder Bosnien zei­gen –, wo der Verlust zentraler Autoritäten den radikalen Zerfall der Gesellschaft in sich bekämpfende und selbst wieder vom Zerfall bedrohte Loyalitätsgruppen (Clane, Familien) bedeutet, und wo die Legitimation fast ausschließlich über die Verwandtschaft er­folgt: Grundlage eines ethnifizierten Gesellschaftsbildes.

[50]   vgl. auch Bassam Tibis titelgebende These der Entwicklung „Vom Gottesreich zum Nationalstaat“, a.a.O., vgl. Fuß­note 18

[51]   Peters (vgl. Fußnote 29), S. 93.

[52]   Die also nicht auf  ›traditionelle antitürkische Feindschaften‹ zurückzuführen sind und auch nicht auf eine angebliche ›historische Erinnerung‹ an die mittelalterliche Expansionsphase des Osmanischen Reiches, sondern Ausdruck heu­tiger missglückter Modernisierungs- und Homogenisierungsschübe sind, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert haben und die heute Ausdruck der politischen und sozial-ökonomischen Defizite und Widersprüche in der Region der Se­miperipherie sind.

[53]   Diese Interdependenz innerer und äußerer Peripherisierungen ist zunehmend bis in unsere Zeit hin­ein auch unter dem Aspekt der ökonomischen Globalisierung und kulturellen Universalisierung zu analysieren und damit nicht nur ein innertürkisches sondern ein allgemeines Problem . – Vgl. dazu u.a: Bernhard Claußen: Von der nationfixierten Systemapologetik zum interkulturellen Lerndiskurs. In: Gerhard Voigt (Hrsg.), Interkulturelles Lernen. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, Heft 5. Hannover 1993. S. 55-76. Darin heißt es u.a.: „Auf vor-kapitalistische sozio-ökonomische Strukturen gegründete Herr­­schaftsformen werden in dem Maße überwunden, wie die bis zur ein­dimensionalen Weltgesellschaft tendierende Verbreitung for­maler De­mo­kratie der Globalisierung bürgerlich-kapitalistisch geprägter Mo­da­li­tä­ten des Lebens zum Durchbruch verhilft. Schon insofern sie hi­sto­risch überholt sind, läßt sich aus ihnen keine Alternative zum Modus liberaler Demokratie (zurück-) gewinnen. Und nicht zuletzt wären sie da­für untauglich, weil sie in sich selbst die Wurzeln der instrumentellen Zweckrationalität tragen, die im Kapitalismus totalisierende Entfaltung erfährt. [S. 55/56] ... Infolge der Universalisierung bürgerlich-kapitalistisch präformierter Demokratie mit ihrer Überwindung der Konkurrenz und Konfrontation der Systeme, die lange Zeit von gravierenden Widersprüchen ab­ge­lenkt oder deren Austragung verzögert und verlagert haben, werden global wirksame Konfliktformationen nunmehr wieder massiv unmittelbar vor Ort sichtbar und manifestieren sich als (welt-) gesellschaftsinterne Disparitäten. Die Erfordernisse der Lösung der damit einhergehenden Konflikte gestatten ohne Erfolgsgarantie der von etlichen Energieverlusten nunmehr entlasteten Poli­tik, ein Primat zurückzugewinnen und auf die Vermittlung allgemeiner statt auf die Ge­währ­lei­stung einer Addition se­lektiv-partikularer Interessen sich zu kon­zen­trieren. [S. 57] ...“

[54]   Hier finden sich gute Erörterungen und Ansätze auch in der geographischen Fachliteratur, u.a. bei Wolf-Dieter Hütteroth: Türkei. Wissenschaftliche Länderkunden Band 21. Darmstadt 1982 (Wissenschaftliche Buchgesell­schaft). S. 463-470 u.a.; Gert Ritter: Landflucht und Städtewachstum in der Türkei. In: Erdkunde, Band XXVI, 1972, S. 177-196; H. Toepfer: Die Entwicklungsdynamik in der Türkei. Regionale Unterschiede aufgrund bevölke­rungs- und wirtschaftsgeographischer Dispari­täten. In: Geographische Rundschau, 1989, Heft 4, S. 211-220.

[55]   Vgl. Gerhard Voigt: Südostanatolien als internationaler Konfliktherd – Ursachen und Perspektiven. In: Gerhard Voigt (Hrsg.), Wandlungen der Politischen Bildung Heft 2. politik unterricht aktuell, Heft 1 / 1995,Verband der Po­li­tiklehrer, Hannover. S. 14-27.

[56]   Hier stoßen wir auf das Problem der drohenden ‚Abschottung‘ der ‚Wagenburg Europa‘ (‚Stoiberisierung‘), die – bei einer Vielzahl aktueller Studien und Berichte, die hier nicht herangezo­gen werden können – grundlegend darge­stellt und – auch polemisch aus der Perspektive des ‚Südens‘ – erörtert wird unter dem Bild des »neuen Limes zwi­schen Nord und Süd« bei Jean Christophe Rufin: Das Reich und die neuen Barbaren. Berlin 1993 (Verlag Volk & Welt; frz.: L’Empire et les nouveaux barbares, 1991).

Inhalt

Gesellschaftlich-historische Anmerkungen zur Türkei
Thesen zur Problematik des Wandlungsprozesses zur Staatsgesellschaft in der heutigen Türkei
Der Verlust der Grundlagen des Imperiums im 16./17. Jahrhundert

Probleme der Staatsentwicklung und soziale Desintegration
Die historische Situation: Das Aufkommen der Einsicht in die Modernisierungsnotwendigkei­ten.
Tanzimat: Die ›Reform von Oben‹ und der Beginn des türkischen Nationalismus
Kontroverse Auffassungen zur geschichtlichen Bedeutung der ›Tanzimat‹ - Reformen
Von der ›Tanzimat‹-Periode zur Jungtürkischen Revolution
Weiterführende Fragestellungen

Anmerkungen

 
 

 

 
   
 

Dokument Information:

Druckausgabe in: pua  1-2/96 politik unterricht aktuell: Zivilisationen. Hannover, 1996.  94 S., A 5, kart., Gerhard Voigt: Probleme der Nationalstaatsbildung und Modernisierung an der Peripherie Europas. Gesellschaftlich-historische Anmerkungen zur Türkei [ISBN 3-9804023-3-9] - vergriffen -

Internetpublikation:

Verantwortlich für diese Seite: Gerhard Voigt
übernommen aus der Homepage http://www.politiklehrerverband.org des
Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover / Internetseite /
politik unterricht aktuell 1-2/1996 / / Netzpublikation 06.11.02 für VdP / 30.05.2003 für DTA. 

Durchgesehen und aktualisiert für tuerkei-didaktik.de am 01.03.2011.

Kontakt: Gerhard Voigt OStR i.R., Vorsitzender des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover - bis 2004 Vorsitzender der DTA - verantwortlich für diese Internet-Seite
<bismarckschule.voigt@gmx.de> (vgl. Impressum)

 
         
   

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Entwurfsphase 1998-2000 / Publikation: 20.12.2005 / Revision: 01.01.2012