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Corrina Gomani: Multikulturalismus, Arbeitsmigration und Globalisierung Bericht über die Konferenz der deutsch‑türkischen Vereinigung zum Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Austausch (DTA) in Mersin/Türkei (Zeitschrift für Türkeistudien, 11. Jg. 1998, Heft 1, S 125-129) Als am Abend des 28. Oktober vergangenen Jahres eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern und Studenten aus Deutschland in Mersin, einer Stadt im südöstlichen Teil der Türkei ankam, waren die Häuser und Straßen anläßlich des anstehenden 74. Gründungstages der Republik mit deren roten Fahnen geschmückt. Der Tag der Republik war jedoch für die Wissenschaftler und Studenten nicht der eigentliche Anlaß ihrer weiten Reise, sondern die Einladung zum Symposium Multikulturalismus, Arbeitsmigration und Globalisierung der Deutsch‑türkischen Vereinigung zum sozial‑ und geisteswissenschaftlichen Austausch (DTA). In Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziologie der Mersin Üniversitesi war ein dreitägiges Tagungsprogramm zusammengestellt worden, in dessen Zentrum die Frage stand, ob die Multikulturalismus‑Konzepte als Gesellschaftsmodelle mögliche Antworten auf die Herausforderungen des Globalisierungsprozesses und der Wanderungsbewegungen leisten können. Da mehrere DTA‑Mitglieder entweder an der Mersin Ünversitesi oder an der Universität Hannover tätig sind, konnte für die Realisierung des Symposiums auf ein bestehendes transnationales Netzwerk zurückgegriffen werden. Deutsch‑türkische Geschäftsleute aus Hannover, die niedersächsische Ausländerbeauftragte, das Wissenschaftsministerium und die Hannoversche Hochschulgemeinschaft haben diese erste Veranstaltung der DTA finanziell unterstützt. Die Mersin Üniversitesi bot in vieler Hinsicht den passenden Rahmen für das Symposium. Die Stadt Mersin ist von den kurdischen Binnenmigranten und Flüchtlingen aus dem Südosten stark betroffen. So führte der Weg vom Hotel zur Universität, die auf der Grünen Wiese einer Hochebene errichtet worden ist, durch eine Gebiet, das durch die Zuwanderer eine dörfliche Prägung erfahren hat. Zudem wurde der Entscheidung für die Mersiner Universität als Veranstaltungsort noch unvorhergesehen ein hochschulpolitisches Gewicht verliehen, da der Rektor der Universität einige Tage zuvor vom Vorsitzenden des türkischen zentralen Hochschulrats offen angefeindet worden war. Der Vorwurf mangelnder Loyalität und Subversivität hatte den Rektor hart getroffen, auch wenn er fast zeitgleich wm Rotary‑Club für seinen Einsatz ausgezeichnet worden ist. Die liberale und sozialdemokratisch ausgerichtete Universität ist den auf "Staatstreue" bedachten politischen Führungseliten der Türkei ein Dom im Auge. Fast ohne Ausnahme unterschrieben die türkischen und deutschen Teilnehmer der Tagung deshalb Solidarisierungsbekundungen, für die sich der Rektor beim abendlichen Empfang bei seinen Gästen persönlich bedankte. Solche politische Brisanz von Hochschultätigkeit ist den Akademikern aus Deutschland nicht vertraut. Durch diese direkte Erfahrung mit der türkischen politischen Kultur wurde den Teilnehmern gleich zu Beginn der Tagung die zukünftige wissenschafspolitische Stellung der DTA deutlich gemacht. Das im Vordergrund stehende Ziel der Vereinigung, den geistes‑ und sozialwissenschaftlichen Austausch und Wissenstransfer zwischen Deutschland und der Türkei zu unterstützen beziehungsweise überhaupt erst in die Wege zu leiten, steht den aktuellen Tendenzen des Wissenschaftsbereichs beider Länder entgegen. Denn die Bundesrepublik Deutschland und die Türkische Republik kommen sich auf der akademischen Ebene kaum näher, sondern entfernen sich eher voneinander. Die akademische Wahrnehmung und Themenbehandlung internationaler und besonders europäischer Belange richtet sich auf der deutschen Seite immer mehr an der bevorstehenden Osterweiterung der Europäischen Union aus. Unter anderem sinkt dadurch das Interesse an der Türkei. Auch werden immer weniger Forschungsmittel für diesen Bereich bereitgestellt. Auf der türkischen Seite ist zu beobachten, daß sich der Hochschulbereich immer stärker an den Vereinigten Staaten und immer weniger an Europa orientiert. Für türkische Akademiker und Studenten verlieren deshalb deutsche Universitäten und Hochschulen zunehmend an Attraktivität, was deutlich im Widerspruch steht zu den ökonomischen und zwischengesellschaftlichen Realitäten und Relevanzen der beiden Länder. Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, die deutsche Teilbevölkerung türkischer Einwanderer, die mit über zwei Millionen Menschen zugleich die größte Einwanderergruppe Deutschlands ist, die Remigranten sowie die strittige EU‑Vollmitgliedschaft der Türkei deuten zumindest darauf hin, daß sich Sozial‑ und Geisteswissenschaftler stärker um den Dialog zwischen den beiden Staatsgesellschaften bemühen müssen. Das Engagement der DTA einen solchen Dialog fern der offiziellen Politik und ökonomischen Belange zu institutionalisieren, hierfür die notwendigen Netzwerke aufzubauen, ist nicht nur den gesellschaftlichen Realitäten und den daraus folgenden wissenschaftlichen Erfordernissen angemessen, sondern längst überfällig. Angesichts der Tatsache, daß die seit Jahren geplante deutsch‑türkische Universität in Istanbul aufgrund der Finanzierungsfrage bisher nur auf dem Papier steht und der Jugend‑ und Studentenaustausch zwischen den Ländern von wirklichkeitsfremden administrativen Hürden verstellt wird, die vornehmlich aus der deutschen Angst vor Zuwanderung resultieren, wird die Bedeutung einer Vereinigung, die den Dialog zu befördern beabsichtigt, noch um so einsichtiger. Während der Tagung wurden entsprechende inhaltlichen Akzente gesetzt, die den Anspruch und die Orientierungspunkte des zukünftigen Dialogs anzeigen. Der Vortragssaal faßte mehr als 100 Teilnehmer. Die binationale Kommunikation wurde durch eine professionelle Simultanübersetzung ermöglicht. Nicht nur graduierte Wissenschaftler trugen mit Vorträgen zum Austausch bei, sondern auch Studenten. Die Veranstalter, die ausschließlich ein Forum bereitstellen wollten, lieferten deshalb keine eigenen inhaltlichen Beiträge. Um so mehr wurde den Teilnehmem ermöglicht, fern der spärlichen medialen Berichterstattung Einblicke zu bekommen und die verschiedenen Wahrnehmungsperspektiven und Wissenschaftsstile direkt 2u erfahren. Für die Koordination, Organisation und die Tagungsassistenz hatten sich D. Tan, D. Güven, C. Gomani, Z. Kilic, A. Aral, A. Azman, A Özer und Y. Erjim eingesetzt. Die Beiträge und Diskussionen sprachen sehr breit gefächert den derzeitigen Stand der Sozialwissenschaften im Themenbereich der Globalisierung und des Multikulturalismus an. Auf den ersten Blick wurden sehr unterschiedliche Themen angesprochen: So zum Beispiel von Taner Akc,am die Konstruktion des Begriffs "Fremd" im Vergleich zwischen Orient und Okzident, Yon Günter Behrendt die türkischen Vereine in Hannover, von Angela More die Adoleszenskonflikte türkischer Mädchen in Deutschland und von Lutz Hieber die Bilder im interkulturellen Austausch. die Schwerpunkte für die Ausrichtung des zukünftigen Dialogs leuchteten in fast allen Beiträgen auf: Das Prinzip nationalstaatlicher Organisation von Gesellschaften sowie die selbstbezogene nationale und eigenkulturelle Perspektive muß überdacht werden, wenn Multikulturalität der gesellschaftlichen Entwicklung dienstbar gemacht werden und in sozialwissenschaftliche Gesellschaftsmodelle eingehen soll. Onur Bilge Kula, Dekan der Fakultät und Vizepräsident der DTA und Elcin Kürsat‑Ahlers, Vorstandsvorsitzende der DTA eröffnete die Konferenz. Dabei hoben sie besonders die allgemeine Bedeutung des sozialwissenschaftlichen Dialogs zwischen Ländern hervor, die alle aufgrund des beschleunigten Globalisierungsprozesses vor spezifischen Problemen stehen. Aufgrund sprachlicher Barrieren und nationorientierter Wissensproduktion hinken die Sozial‑ und Geisteswissenschaften in ihrer Entwicklung und Schwerpunktset2ung dem GlobalisierungsprozeB hinterher. Dementsprechend stand anfangs das Schlagwort der Globalisierung im Mittelpunkt. Der zunehmenden sozialen Polarisierung, die von der Politik und den Experten bevorzugte ökonomische Perspektive, die provokant klingende Frage "Ist Globalisierung Imperialismus?" (Basikin Orhan) und die Sozialwissenschaften selbst, die die Frage nach der Macht und Herrschaft immer mehr ausblenden, wurden dabei besonders berücksichtigt. Auch die zunehmende Vernetzung der Welt, die Chancen der neuen Kommunikationstechnologien für die Bildung transnationaler und interkultureller Netzwerke blieben bei der Begriffsklärung nicht unberücksichtigt. Doch die Risiken der verschiedenen Entwicklungsprozesse, die sich vorwiegend aus der geringen Lernfahigkeit politischer und sozialer Institutionen ergeben und daraus, daB sich die nationalen Politiken und Wissenschaften überwiegend selbstbezogen auf die stetig vorauseilende wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren ‑ wobei ausschließlich den Sachzwängen Vorschub geleistet wird ‑ standen deutlich im Vordergrund. Anschließend wurden die Konzepte des Nationalstaates und des Multikulturalismus im Hinblick auf die negativen und positiven Effekte der Globalisierung für die multikulturellen Gesellschaften diskutiert. "Multikulturalität in einer globalisierten Welt: Schmelztiegel oder Salatschüssel?" (Ahmet Özer). Bei einem Salat käme es auf das Dressing an (Ingolf Ahlers). Angeregt wurde über die verschiedenen politischen Konzepte der kulturellen Vielfalt im Rahmen der Nationalstaaten diskutiert. Derzeit werden im sozialwissenschaftlichen Diskurs hauptsächlich die Risiken der kulturellen Vielfalt vor dem negativen Hintergrund der These von Samuel P. Huntington, dem vermeintlichen "Kampf der Kulturen", besprochen. Diesbezüglich gelangte die Mersiner Veranstaltung zum Kosymposium, wobei es sich durch eine gegensätzliche Schwerpunktsetzung auszeichnete. Auf Zypern, das von Mersin aus mit dem Schiff schnell zu erreichen ist, trafen sich zur gleichen Zeit rund 40 Wissenschafller mit Huntigton. Seiner international viel beachteten These entsprechend, wurden die kulturellen Konflikte in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt. In Mersin wurde jedoch die kulturelle Vielfalt als die eigentliche "Antriebswelle" gesellschaftlicher Entwicklung angesehen und die kulturellen Konflikte nicht nur auf der gesellschaftlichen Ebene, sondern im Kontext bestehender politischer Rahmenbedingungen sowie mit den sozioökonomischen Verhältnissen zusammen betrachtet. Der sozioökonomische Aspekt wird bei der geopolitischen "Kultur‑Konflikt‑These" Huntingtons weniger berücksichtigt, weshalb diese These von ihren Kritikern auch als eine Kulturalisierung der sozioökonomischen Konflikte und globalen Verteilungsfragen aufgefaßt wird. Nicht die kulturellen Unterschiede, sondern der Konkurrenz‑ und Modernisierungsdruck, der weltweit immer mehr Verlierer schafft, wurde in Mersin als das eigentliche Problem multikultureller Gesellschaften herausgestellt. Genauso wie bei dem ökonomischen Globalisierungsprozeß handelt es sich hierbei nicht um neue Phänomene. Relativ neu im ausgehenden 20. Jahrhundert ist aber, daß im Zuge der Globalisierung der Nationalstaat als gesellschaftliche Organisationsform immer mehr an Funktionen und Zuständigkeitsbereichen verliert. Die nach wie vor bestehenden ethnischen und kulturellen Homogeniesierungstendenzen und der der kuturellen Autonomie entgegenstehende Assimilationsdruck von Nationalstaaten, sowie die zunehmende Partikularisierung und soziale Segregation lassen erkennen, daß im Zeitalter der Globalisierung überkommene Herrschaftsformen und Machtstrukturen weiterhin wirksam bleiben. Nur die Vorzeichen mögen sich verändert haben. Auch die vorherrschenden Prinzipien der Grenzziehungen zwischen den Staaten lassen einen Nachhinkeeffekt politischer und gesellschaftlicher Organisation und Institutionen erkennen. Die Menschen, Staatsgesellschaften und Kulturen werden dadurch selektiert und separiert. Zudem resultiert internationale Politik heute viel zu sehr aus utilitaristischem und selbstbezogenem Denken. Dementsprechend wird beispielsweise die Mittelmeerpolitik der Europäischen Union auch hauptsächlich zum Zweck des eigenen Nutzen betrieben (Dietrich Haensch) oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, die Türkei nur insoweit integriert, als es den europäischen Interessen entgegenkommt. Folglich geht es bei den Konfliktpotentialen zwischen den Staatsgesellschaften und innerhalb derselben mehr um ökonomische und politische Machtungleichheiten als um kulturelle Unterschiede. Am Beispiel der Entwicklung des Osmanischen Vielvölkerreichs zur türkischen Republik sowie an der Bildung des deutschen Nationalstaates wurde während der Tagung auch aufgezeigt, wie sich die Staatseliten bei ihren Modernisierungsstrategien die kulturelle und ethnische Heterogenität der Bevölkerungen schon immer zunutze gemacht haben (Helmut Bley). Dabei dient die Heterogenität den Staatspolitiken zur Legitimation von Herrschaftspraktiken. Denn Bevölkerungsteile können über ethnische oder kulturelle Zuschreibungen vermittelt integriert und spezifischen Funktionen zugewiesen werden. Anhand des deutschen Staatsbürgerrechts und des Begriffs vorn Staatsvolk (Detlev Claussen) wurde exemplarisch aufgezeigt, wie solche Mechanismen und Legitimationsweisen wirken: Das Abstammungsprinzip entscheidet über den Status der Gesellschafsmitglieder. Uli Bielefeld verlieh diesem Problem eine treffende Überschrift: "Exklusive Gesellschaft und inklusive Demokratie". Das sogenannte Kurdenproblem der Türkei wurde in diesem Zusammenhalt auffällig zurückhaltend angesprochen. Ohne eine fundamentale Kritik am Gesellschaftsmodell des Nationalstaates und den vorherrschenden sozioökonomischen Verteilungsprinzipien kann kein Modell entstehen, das der Zukunft weniger inner‑ und zwischengesellschaftliche Konflikte verspricht. Ferner sollten nicht die kulturellen Unterschiede, sondern die interkulturellen Chancen ins Zentrum des sozialwissenschaftlichen Diskurses gestellt werden. Dies war bei der Tagung letztlich der kleinste gemeinsame und doch zugleich größte Nenner. In Zukunft sind entsprechende Arbeitsgruppen vorgesehen, die die Problemfelder der Staatsgesellschafter in Mikro‑ und Makrokosmos intensiv behandeln wollen. Für 1998 hat die DTA eine weitere Tagung geplant, die voraussichtlich im Dezember zum Thema Türkei und Europa an der Universität Hannover stattfinden wird. |
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