1. Didaktische Rahmenüberlegungen
Die Türkei steht sowohl für Deutschland als auch für
die EU im Brennpunkt aktuellen Interesses. Die Kontroverse um die
EU-Integration der Türkei einerseits, die durch millionenfache Migration in
die Bundesrepublik Deutschland andererseits hervorgerufenen überstaatlichen
Probleme machen das Thema Türkei fächerübergreifend zu einem aktuellen
Unterrichtsgegenstand. Dabei herrscht über die Situation in der Türkei
vielfach große Unsicherheit, die das Konzept eines traditionellen
länderkundlichen Unterrichts zu kurz greifen lassen. Doch haben die Raum-
und Gesellschaftswissenschaften in den vergangenen Jahren neue Frageansätze
und Einordnungskategorien für diese Länder der »Semiperipherien« entwickelt,
deren Umsetzung in schulpraktische Konzepte sinnvoll ist. Der nachfolgende
Artikel will versuchen, einen veränderten interdisziplinären Rahmen für die
erdkundliche Behandlung des Themas Türkei zu entwickeln. Dabei kann das
Thema zunächst einmal im gesellschafts- und raumwissenschaftlichen
Unterricht aus drei verschiedenen Frageperspektiven heraus bearbeitet
werden:
1. unter der Fragestellung nach den
Besonderheiten der der türkischen Sozial- und Staatsgeschichte, welche
auch wesentliche wirtschaftsgeographische Aspekte beinhaltet und die die
heutige problematische und konfliktbeladene Situation erhellen und
verständlich machen kann;
2. unter der Fragestellung der Türkei im
Weltsystem und den daraus abzuleitenden Kategorisierungen und
Verallgemeinerungen, wobei einerseits Integrationspotentiale in Richtung EU,
in Richtung der vorderasiatisch-islamischen Ländern und letztlich auch in
Richtung der »neuen« turkmenischen zentralasiatischen Republiken anzudeuten
wären, andrerseits aber auch die übergeordneten wirkungsvollen
Globalisierungsprozesse anzusprechen sind;
3. unter der Fragestellung nach dem Stellenwert des
Themas ›Türkei‹ in den allgemeinen gesellschaftlich-politischen oder
auch wissenschaftlichen Diskursen, die unabhängig von der besonderen
Geschichte und Situation der Türkei geführt werden, so in den Fragen nach
den Staatenbildungsprozessen und den dominierenden zentral-peripheren
Disparitäten.
Diese Fragestellungen stehen in einem inneren
Zusammenhang. Das wird vor allem deutlich in den vielfachen politischen
Fehleinschätzungen der Entwicklungspotentiale und politisch-ökonomischen
Handlungsspielräume der Türkei, wenn die besonderen historischen Bedingungen
des türkischen Staatenbildungsprozesses nicht mit einbezogen werden.
Andererseits spielt das Beispiel Türkei in den
aktuellen Diskursen z.B. über Menschenrechts- und Minderheitsfragen oder
über das ›Modethema‹ islamischer Fundamentalismus in seinen
gesellschaftlich-politischen Auswirkungen eine vorurteilsverstärkende
Rolle, wenn nicht der Kontext im Weltsystem ebenso hinterfragt wird wie die
historisch-gesellschaftliche Problem- und Konfliktentstehung.
Wesentliche Verklammerungen der Analyseebenen wie der
Frageansätze ergeben sich gerade aus der unmittelbar erlebbaren – und damit
emotionalisierbaren – Aktualität der mit der Türkei zusammenhängenden
Fragestellungen durch die Auseinandersetzungen und »Empfindlichkeiten« in
der Bundesrepublik Deutschland über Migrationsfolgen und die Tendenzen
innergesellschaftlicher Fremdenfeindlichkeit. Orte dieser
Auseinandersetzung und auch Ausgrenzungen sind auch die
gesellschaftlichen Institutionen wie Schule, Ämter, Kirchen, ebenso aber
auch die Situation am Arbeitsplatz oder im Bereich der
Freizeitorganisation.
Dieser konkrete Anlass führt uns zu einigen
allgemeineren Reflexionen über die Grundlage eines Erdkundeunterrichts, der
sich ganz allgemein mit Ländern der Peripherien – der „Dritten Welt“
– und der Semiperipherien – der „Schwellenländer“, zu denen die
Türkei gehört – befasst. Dass diesem Thema ein hoher Stellenwert im
schulischen Curriculum einzuräumen ist, darüber besteht – zumindest in den
letzten Jahren – kaum Dissens. So finden wir das Thema in nahezu allen
Richtlinien und Schulbüchern der Fächer Erdkunde, Politik und Geschichte.
Wie sich diese Bedeutung in das Alltagsleben des einzelnen übersetzen
lässt, darüber finden sich kaum Aussagen. Unterhalb der ganz abstrakten
Ebene der Anerkennung einer „existentiellen Bedeutung“ wird der angebliche
Konsens schon brüchig. Die Zuordnung des Themas zu allgemeinen
Problemkreisen ist unsicher.
Ist der „Nord-Süd-Konflikt“ heute in dieser undifferenzierten Form überhaupt
noch als Realität anzusehen oder ist er ebenso obsolet wie der langjährige
„Ost-West-Konflikt“?
Sind globalen Peripherien und Semiperipherien vor allem
„Schwachstellen“ in der internationalen Arbeitsteilung, die die
Weltwirtschaft gefährden können? Die derzeitige »Asienkrise« zeigt
die Unsicherheit der Einschätzungen.
Ist das Schicksal der armen Länder vor allem ein ethisch zu bewertendes
Sozialproblem, das unser Gewissen belastet und unser Mitgefühl anspricht?
Sind die lokalen Konflikte in den globalen Peripherien und
Semiperipherien, wie z.B. der Bürgerkrieg in Südostanatolien oder der
gewaltbestimmte staatliche Zerfall und Reorganisationsprozess im ehemaligen
Jugoslawien nur lokal zu erklären oder aber Teil einer internationalen
politisch-strukturellen Friedensbedrohung?
Schon die Ziele der „Dritte-Welt-Didaktik“, auf der
diese Überlegungen aufbauen können, sind heterogen und teilweise
widersprüchlich. Folgende Begründungszusammenhänge treten meist in den
Vordergrund:
1. Die Zielsetzung allgemein bildender
Weltläufigkeit zeichnet sich durch Maßstabslosigkeit aus; ein Kriterium
für die Rangfolge „wichtiger Inhalte“ lässt sich in einer pluralistischen
Gesellschaft nicht mehr finden, es sei denn, man setzt sich dem Vorwurf
manipulativer, herrschaftssichernder Bildungsideologien aus.
2. Humanitäre Zuwendung ist prinzipiell
positiv zu beurteilen; als Basis für Lernprozesse ist sie jedoch nicht
tragfähig. Man beobachte nur, wie schnell Mitleid und Mitempfinden je nach
(oft fragwürdiger) Information „umkippt“ und wie zufällig und z.T.
manipuliert dieses Interesse sich über die Krisengebiete der Welt verteilt.
Die inhumane Asylantenhetze ist nur ein widerliches Beispiel dafür.
3. Auszugehen von eigenen Interessen ist
eine Grundforderung der heutigen Pädagogik. Aber welche Naivität verbirgt
sich hinter der Anschauung, ökonomische und politische Interessen des
Staates wären ohne weiteres als Interessen des einzelnen Schülers
wahrzunehmen; oftmals sind sie nur Gruppen- und Herrschaftsinteressen. Die
demokratisch wünschenswerte Interessenidentität müsste sich zunächst
einmal legitimieren.
Die Schüler, ihrer Altersstufe jeweils entsprechend,
legen an Erdkundethemen aus den Regionen globalen Peripherien und
Semiperipherien andere Maßstäbe und Erwartungen an, die es zu kennen und
zu berücksichtigen gilt.
Das Interesse gerade der jüngeren Schüler ist mit den
Schlagworten „Exotik“ und „Abenteuer“ zu umreißen („Durchs wilde Kurdistan“;
„Die unterirdischen Städte in Kappadokien“). Die psychischen Hintergründe
dieser Interessen, besonders in der Pubertät, sollen hier nicht näher
aufgerollt werden, es genügt der Hinweis, dass sich in der Zuwendung zur
Exotik Verdrängungsprozesse eigener unbewältigter Konflikte manifestieren,
dass – hier auch ideengeschichtlich – in der Figur des „guten Wilden“ eine
Projektion eigener tabuisierter Bedürfnisse und in der Figur des „Barbaren“
oder „Unterentwickelten“ die uneingestandene Angst vor der Verletzlichkeit
der eigenen Person und Identität ausdrückt. Diese Schülerbedürfnisse
unreflektiert zu befriedigen und sie als „Sachmotivation“ zu verkennen
hieße, der Schule die Rolle eines Fluchtweges aus der Realität zuzuweisen.
Das Interesse des Lehrers (von verdrängten oder
uneingestandenen eigenem Exotikbedürfnissen einmal abgesehen: es ist
interessant zu untersuchen, welche verdeckten Motive z.B. zur Berufswahl
des Geographielehrers oder des Entwicklungshelfers führen!) äußert sich
völlig anders. Er denkt in gesellschaftlichen oder ethischen Kategorien,
betont mitmenschliche, humanitäre Verpflichtungen und fordert Solidarität
mit den Armen, Menschenrechte und Frauenemanzipation. Der pädagogische
Leitbegriff der „Betroffenheit“ wird dann zur Grundlage der didaktischen
Reflexion.
Ist Betroffenheit nun mit „Solidarität“ mit der Dritten
Welt zu umschreiben? Theo Rauch
schreibt dazu (in: Geographie als politische Bildung“, 1978, S.251): „Die
Realität zeigt auch, dass Lernprozesse und gesellschaftliches Handeln auch
ohne die Grundlage eigener Erfahrung, allein basierend auf
Solidaritätsgefühlen, zustande kommen können. Deutliches Beispiel hierfür
scheint mir der Vietnamkrieg zu sein... Grundlage des Solidaritätsempfindens
ist hier weniger die gemeinsame Interessenlage, sondern der Widerspruch
zwischen gesellschaftlichen Normen und Realität, die aus der Erfahrung
solcher Widersprüche resultierende Empörung über Unrecht.“ Dies Zitat zeigt
jedoch deutlich, dass die Maßstäbe, nach denen das Empörungspotential
gemessen wird, dass die Anlässe, an denen sich Empörung entzündet,
gesellschaftlichen Voraussetzungen und der Aufbereitung in den Medien
unterliegt; es zeigt gleichermaßen, dass hier vor allem die informierte
Mittel- und Oberschicht, Träger der studentischen Protestbewegung der
60er-Jahre, angesprochen wurde und wird. Als allgemeine
Unterrichtsvoraussetzung dürfte diese „Solidarität“ wohl kaum in Frage
kommen. Probleme, die die unterrichtliche Behandlung der Türkei als Lande
der globalen Semiperipherien aufwerfen, sollten kurz gekennzeichnet werden:
1. Wie viele länderkundliche Themen ist auch das
Thema Türkei dadurch gekennzeichnet, dass es sich weitgehend den
persönlichen Erfahrungen von Lehrern und Schülern entzieht; eine
unmittelbare Betroffenheit ist daher in der Regel nicht festzustellen.
2. Vorhandenes subjektives Interesse unreflektiert
als Basis der didaktischen Strukturierung anzunehmen, greift zu kurz und
verliert sich in manipulativem Gebrauch vorhandener Exotik- und
Abenteuerbedürfnisse.
3. Der Schule die Rolle als allwissender Richter
über zukünftige Lebensbedürfnisse zuzuerkennen bedeutet, den Schüler in
eine rezeptive Haltung des Nicht-Akzeptiert-Seins zu drängen. Eine
tragfähige Motivation ist darauf nicht aufzubauen.
4. Das Bild der Türkei ist verstellt von einer
Vielzahl interessengeleiteter Vorurteile, Fehldeutungen und Wertungen und
ist damit Bestandteil der eigenen politischen Kultur und als solches sowohl
repräsentativ für die Struktur des politischen Bewusstseins insgesamt als
auch selbst politische Handlungen und Wertungen induzierend.
2. Die heutige Situation in der Türkei
So sollte der Beginn unserer Überlegungen zur Türkei
mit einigen Thesen zur Charakterisierung der Türkei als Besonderheit im
historisch-gesellschaftlichen Rahmen fundiert werden, die anschließend
noch genauer erläutert werden sollen:
1. Gegenüber Mitteleuropa findet in der Türkei eine
verspätete und defizitäre Herausbildung einer Staatsgesellschaft statt unter
direkter Übernahme westeuropäischer Modelle und unter
politisch-ökonomischem Einfluss der europäischen Mächte.
2. Dabei tritt die Türkei seit dem 17. Jahrhundert
– dem Ende der osmanischen Expansionsphase – in ein zunehmendes
Dependenzverhältnis zu den westeuropäischen Hegemonialmächten ein, das sich
in Peripherisierungsprozessen ausdrückt.
3. Die Türkei bildet seit dem 18. Jahrhundert die
charakteristischen politisch-ökonomischen Strukturen eines semiperipheren
Landes aus.
4. Im Kontext der Peripherisierung findet eine bis
heute andauernde politisch-soziale und ökonomisch-regionale Desintegration
statt, die in den inneren Peripherien Marginalisierungsprozesse hervorruft,
die heute Grundlage z.B. des Südostanatolienkonfliktes sind.
5. Die Unbedingtheit der nationalstaatlichen
Homogenisierungspolitik in der Türkischen Republik als Teil des „nation
building“ steht im ursächlichen und interdependenten Zusammenhang mit der
mangelhaften sozialen und regionalen Integration und den damit verbundenen
Legitimationsdefiziten.
6. Labile soziale Machtbalancen in der heutigen
Türkei unterlaufen und retardieren vom Staat oder von den westlich
orientierten ökonomisch-technischen Eliten (z.B. die Intelligenzia)
intendierte Modernisierungsschübe, denen unkontrollierte kulturelle und
soziale Desintegrationspotentiale innewohnen.
Schon diese wenigen Charakterisierungen zeigen, wie
überaus schwierig und labil die derzeitige Entwicklungssituation in der
Türkei ist, wie stark sie einerseits in die zentral-peripheren Dependenzen
Europas und des „Weltsystems“ eingebunden ist //,
andererseits aber selbst in ursächlicher Dependenz mit dieser Einbindung
in überregionale Strukturen und Disparitäten durch die
Binnen-Peripherisierung weder einer einheitlichen Entwicklungsprognose
zugeordnet werden kann noch als homogene Entität zu charakterisieren und zu
kategorisieren ist: Widersprüchlichkeit und Offenheit der prozessualen
Tendenzen sich die dominanten Merkmale einer wissenschaftlichen
Beschreibung der Türkei.
In den Semiperipherien entscheidet sich
mittelfristig die Zukunft des heutigen Weltmodells, die Chancen für Frieden
oder das Überborden regionaler Konflikte, die ökonomische Entwicklung im
Rahmen der Globalisierung wie der Möglichkeit der Universalisierung sozialer
Mindeststandards und der Menschenrechte: als letztlich auch unsere eigene
Zukunft!
Länder der Semiperipherien erproben eine
Vielzahl von Entwicklungsmodellen und Überlebensstrategien.
Die osteuropäischen Länder wie Polen und Ungarn sind auf dem
Weg zur Integration in die ökonomisch-politischen Zentren, konkret in den
Verbund von NATO und EU, die südostasiatische Tigerländer versuchen
die rein ökonomische Entwicklung mit der Integration in die globalisierte
Weltwirtschaft aber der geschlossenen politisch-gesellschaftlichen
Entwicklung und sind damit derzeit in eine tiefe Strukturkrise geraten,
Länder in Südamerika versuchen die Balance zu halten zwischen
ökonomischem Wachstum, politischer Anlehnung an die industriellen Zentren
und einem eher improvisierten Umgang mit den sich abzeichnenden sozialen
und ökologischen Katastrophen, die arabischen Länder und Iran
schwanken zwischen ökonomischer Integration in den Weltmarkt und
politisch-kultureller Zugehörigkeit zu einer »Ablehnungsfront«, während
die Türkei den traditionellen europäischen Nationalismus und Laizismus
übernommen hat, damit aber nur vordergründig ein ›westliches
Staatsmodell‹ entwickeln konnte, das durch typische Prozesse der
Ethnogenese und Nationenbildung konfliktreich überlagert wird.
In allen Fällen sind jedoch auf der einen Seite global relevante
ökonomische Potentiale, auf der anderen Seite überregional bedrohliche
Konfliktpotentiale in den semiperipheren Regionen verortet, auf die die
europäischen Länder, auf die wir selbst eine Antwort finden müssen.
3. Die besondere geographischer, historische
und politische Situation der Länder der „Semiperipherien“
Die Krise des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert
ist die Voraussetzung des Staatenbildungsprozesses der heutigen Türkei.
Genau aus dieser Krise heraus entwickeln sich aber auch die
Peripherisierungsprozesse, die die Türkei heute zu einem typischen Land
der »Semiperipherien« machen und gleichzeitig die
Binnen-Peripherisierung bedingen, die die typischen
zentral-peripheren Disparitäten Anatoliens und damit den
Südostanatolienkonflikt verursachen. Die krisenhafte ökonomische
Fundierung des Osmanischen Staates im 19. Jahrhundert wird von Kurt
Steinhaus wie folgt
charakterisiert: „Die türkischen Oberschichten – die Spitzen des Militärs,
der militarisierten Bürokratie und der Ulema – reproduzierten sich
größtenteils über den Bezug von Grundrenten und damit letzten Endes über
gewaltsame Landnahme... Der Krieg nährt den Krieg – auf keinen Staat trifft
dieses Wort so zu wie auf den des Sultan-Kalifen. Und nicht nur das: hier
nährte der Krieg sogar das politisch-soziale Gesamtsystem. Indem die
materiellen Erträge der äußeren Expansion für die Erhaltung und die
Verbesserung des territorialen status quo unentbehrlich waren, bildete die
militärische Überlegenheit wiederum die Voraussetzung für die
Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in
seiner bestehenden Form.“ //
Bassam Tibi schlussfolgert
daraus: „Indem Europa seit dem 18. Jahrhundert auf der Basis der
Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen eine dem Osmanischen Reich
überlegene Macht darstellte und somit dem osmanischen militaristischen
Expansionismus Grenzen setzte, wurde das Osmanische Reich empfindlich
getroffen. Die als Kompensation zur verhinderten Expansion eingeführte
Steuerpacht hat, da sie die regionalen Herrschaftsinstanzen festigte, die
Desintegration des Osmanischen Reiches begünstigt, anstatt das Reich zu
sanieren.“ //.
Damit sind die wesentlichen Elemente der inneren
Machtverschiebungen deutlich benannt: Das Sultanat in seiner bisherigen
materiellen und legitimatorischen Fundierung war mit dem Ende der
Expansionsphase in eine gefährliche Staatskrise geraten und der Sultan
selbst musste empfindliche persönliche Machtverluste hinnehmen. Der
Herrschaftserhalt verband sich mit der Entwicklung der Reichsidee,
gleichzeitig leitete die ökonomische Desintegration die schon im 18.
und 19. Jahrhundert die Binnen-Peripherisierung des Reiches ein.
Die Veränderungen im Herrschaftssystem des Osmanischen
Reiches seit dem 17. Jh. können daher auch als politischer Paradigmenwechsel
und als Eintritt in den permanenten Diskurs über den Reichserhalt
darstellen. ‚In Sorge um den Staat sein‘ ist bis heute eine
verbreitete Phrase politischer Legitimierung und der Beschreibung
nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei. //
Doch leitete dieser auf das Sultanat zielende neue Diskurs keineswegs schon
den Prozess eines ›nation building‹ im modernen Sinne oder der Genese des
Nationalstaates ein, sondern war auf eine integrierte
weltlich-religiöse Reichsidee bezogen, in der Osmanentum durchaus
nicht mit Türkentum gleichzusetzen ist.
In mehrfacher Hinsicht ist damit auch die
jungtürkische Modernisierungspolitik am Ende des 19. Jahrhunderts, aus
der nach dem Ersten Weltkrieg die Türkische Republik entstand, als
typische soziale Bewegung der Semiperipherie zu verstehen, bei der
inadäquate und in ihren Konsequenzen oft nicht verstandene Übernahmen von
Modernisierungsstrategien aus »dem Westen« zu beobachten sind, die dadurch
von außen gesehen oft „aufgesetzt“, wenn nicht anachronistisch wirken, weil
sie nicht den autochthonen, in die Krise geratenen Gesellschaftsstrukturen,
sondern den Bedingungen der Dependenzstrukturen des Weltsystems gehorchen,
dabei zu den sozialen und politischen Teilhabeansprüchen der Bevölkerung,
die sich mit der Modernisierungshoffnung verbinden könnten, in Widerspruch
geraten, und daher in dem Maße, in dem sie sich von den immer stärker
differenzierenden Sozialgruppen als aufgezwungen wahrgenommen und bekämpft
werden, zu immer härterer, gewalttätiger zentralistischen
Herrschaftsdurchsetzungen und zu immer autoritär-konservativeren
Legitimierungsideologien gezwungen werden: die Modernisierungsprozesse
schaffen sich ihre antimodernistische Opposition selbst. //
Die Parallele zur heutigen Situation in der Türkischen
Republik mit ihrem Südostanatolienkonflikt drängt sich auf; diese geht
noch weiter, als es der erste Blick vermuten lässt, wenn man den
Zusammenhang der Jungtürkischen Modernisierungs- und
Zentralisierungspolitik mit dem gleichzeitigen Armenienkrieg – der mit
Massakern und Massendeportationen bis nach Deir es-Zaur am Euphrat im
heutigen Syrien die einheimische armenische Bevölkerung dezimierte und der
erste Völkermord dieses Jahrhunderts gewesen ist (mit wohlwollender
technischer Beratung und Hilfe des Deutschen Reiches unter Wilhelm II,
wie kürzlich aufgefundene Dokumente aus dem Auswärtigen Amt erweisen) –
untersucht.
4. Das „Güneydoğu Anadolu Projesi“
(Südost-Anatolien-Projekt) als exemplarisches Thema für die Behandlung des
Themas der Peripherisierungsprozesse
Die Beschäftigung mit dem Güneydoğu Anadolu Projesi
(GAP, »Südostanatolien-Projekt«, Atatürk-Staudamm) hat in mehrfacher
Hinsicht exemplarische Bedeutung. Staudammbauten, wie hier am Oberlauf des
Euphrat im Talbereich des Taurus-Gebirges, sind – weitet man die
Perspektive gleich über die Türkei hinaus – mehrfach schon als nationale
Prestigeprojekte und als Symbol dafür gewertet worden, dass ein Land
nicht mehr als »Entwicklungsland« zu gelten habe, sondern den Stand eines
Industrie- oder zumindest »Schwellenlandes« erreicht hat. Diese Funktion
konnte sehr deutlich beim Sadd-el-Ali-Staudamm in Ägypten, beim
Assad-Stausee in Syrien und bei entsprechenden Großprojekten z.B. im
Himalaya-Raum wie in Südamerika verzeichnet werden. Jedes dieser Projekte
war aber damit auch Gegenstand politischer Kontroversen und
internationaler Konflikte vor allem mit den direkt oder indirekt
betroffenen Nachbarländern.
Es wird auch beim Güneydoğu Anadolu Projesi zu zeigen
sein, dass nicht nur der vordergründige ökonomische Nutzen aus der
Erweiterung der landwirtschaftlichen Bewässerungsfläche oder die
verbesserte Stromversorgung die Bedeutung das Südostanatolien-Projektes
ausmachen – wobei dieser ökonomische Nutzen durch spezifische Risiken und
die Imponderabilien der wirtschaftlichen Entwicklung, wie zu zeigen sein
wird, ohnehin nicht unbestritten ist –, sondern vielmehr nationale wie
internationale politische Zielvorstellungen Konzeption und Reichweite des
Projektes bestimmt haben.
In diesem Kontext stellt sich darüber hinaus die Frage,
in wie weit das Güneydoğu Anadolu Projesi exemplarischen Wert zur
Beurteilung anderer vergleichbarer Großprojekte in der Dritten
Welt
bzw. in Schwellenländern
haben kann, oder ob die spezifischen politischen und regionale Bedingungen
bei Bau und Planung des Atatürk-Staudammes eine solche Verallgemeinerung
ausschließen. Das würde auch die Chance eröffnen, zumindest in Ansätzen
der Frage nach der exemplarischen Bedeutung oder der Spezifik der
politischen und der sozioökonomischen Entwicklung in der Türkei und ihrer
Perspektiven und Risiken nachzugehen. Das Güneydoğu Anadolu Projesi ist
das größte Bauvorhaben und regionale Entwicklungsprojekt in der Türkischen
Republik, darüber hinaus aber auch in Umfang und Reichweite nur mit wenigen
anderen Projekten in Europa und der ganzen Welt zu vergleichen. Für das
türkische Selbstbewusstsein ist dabei von besonderer Bedeutung, dass
Projektkonzeption wie Baudurchführung nahezu ausschließlich in türkischen
Händen liegt und nur durch internationale Kredite und Bürgschaften
abgesichert wird. Technische Unterstützung leisteten beim Bau der großen
Wassertunnel vom Atatürk-Stausee zur Şanliurfa- und Harran-Ebene im alpinen
Tunnelbau erfahrene österreichische Baufirmen.
Das Projekt ist in seinen ersten Entwürfen schon in den
Sechziger Jahren diskutiert und politisch vorangetrieben worden. Die
politischen Umbrüche – die Zeit der Militärdiktatur – und die schwierigen
sozialen und politischen Verhältnisse in Südostanatolien haben die
Realisierung jedoch immer wieder verzögert, so dass die Fertigstellung der
ersten Ausbaustufe erst 1993/94 erfolgen konnte. Im Mai 1994 ist der
Hauptwassertunnel zur Harran-Ebene in Betrieb genommen worden; erste
zusätzliche Bewässerungsareale konnten in Kultur genommen werden – wenn
auch deren derzeitiger Umfang noch weit von die endgültigen
Planungszielen entfernt ist – und auch die Stromerzeugung am
Atatürk-Staudamm konnte aufgenommen werden. Dabei ist ein weiterer Ausbau
vorgesehen. Gerd Höhler charakterisiert den Umfang des Großprojektes in
der Frankfurter Rundschau folgendermaßen: „Dieses gigantische Vorhaben, das
bis zum Jahre 2005 verwirklicht werden soll, besteht aus 22 Staudämmen
und 19 Wasserkraftwerken an den Flüssen Euphrat und Tigris. Mit einem
Netz von Kanälen, Pumpleitungen und Tunnels sollen 1,7 Millionen Hektar
jetzt dürren Bodens künstlich bewässert werden. die geplanten Kraftwerke
sollen die türkische Elektrizitätsproduktion verdoppeln.“
Trotz der genannten Schwierigkeiten in der Region
Südostanatolien sind es gerade diese, die die zunächst überdimensioniert
erscheinenden Planungen motiviert und die Planer und die verantwortlichen
Politiker zur Eile und zum Durchsetzungswillen angespornt haben.
Südostanatolien ist seit langem ein soziales und ökonomisches Krisengebiet.
Das liegt sicher einmal an den in Teilräumen ungünstigen natürlichen
Ausstattung, wie extreme Winterkälte und vorherrschende Sommerdürre in
den Hochflächen Anatoliens und dem unwegsamen Relief des Taurusgebirges,
die über Jahrhunderte die Schafweidewirtschaft, oft als jahreszeitliche
Wanderweidewirtschaft (Transhumanz) mit sehr geringer Siedlungskontinuität
ausgeprägt war, zur dominierenden Erwerbsform werden ließen, zum anderen
aber, und das ist wohl der ausschlaggebende Faktor, an der
Vernachlässigung eines peripheren Raumes durch die Politik und
Wirtschaft schon in der Zeit des Osmanischen Reiches, die sich auch in der
Türkischen Republik nicht oder nur unwesentlich änderte.
Die bewusste politische und ökonomische Orientierung
der Türkei an Europa führte zu Desinteresse an den Grenzräumen zu den
»orientalischen« Nachbarn Syrien und Iraq, die als ehemalige Provinzen des
Osmanischen Reiches selbst unter erheblichen Entwicklungsproblemen und
andauernden Krisen in ihren politischen und sozialen Systemen zu leiden
haben. Daraus erklären sich die offensichtlichen Defizite in der
infrastrukturellen Ausstattung Südostanatoliens mit Straßen, Eisenbahnen
und Kommunikationswegen, und einer entsprechend zurückgebliebenen
Ausstattung mit Versorgungs- und Bildungseinrichtungen. Der Anteil der
Beschäftigten in den modernen Wirtschaftssektoren ist hier minimal, die
Arbeitslosenquote ist sehr hoch – ohne Berücksichtigung struktureller
Unterbeschäftigung und verdeckter Arbeitslosigkeit (weibliche Arbeitslose
und saisonal unbeschäftigte Landarbeiter treten in der Statistik überhaupt
nicht auf) über 30 % der Arbeitsbevölkerung –, so dass hier auch die
wichtigsten Herkunftgebiete der in der Türkei noch unvermindert anhaltenden
Landflucht zu finden sind.
Eingebettet in diese soziale und sozioökonomische
Krisensituation, die durch die feudalen Besitzverhältnisse des
Großgrundbesitzes in den Händen weniger Familien der Ağas noch verstärkt und
konserviert wird – woran die politisch nur halbherzig durchgeführte
Bodenreform in den achtziger Jahren nichts Grundsätzliches ändern konnte
–, und noch mit zusätzlicher Brisanz versehen durch die aus Marginalität und
feudal-traditioneller Hierarchie der Gesellschaft herrührenden politischen
Partizipationsdefizite und Modernisierungsrückstände, liegt das
Minderheitenproblem der kurdischen Bevölkerung, das sich, um es hier schon
vorweg zu nehmen, erst im sich gegenseitig radikalisierenden bewaffneten
Konflikt zwischen PKK und türkischem Militär zunehmend ethnifiziert hat und
damit immer weiter von möglichen sozialen und politischen
Lösungsmöglichkeiten entfernt.
Unter dem Blick auf diese krisenhafte Entwicklung ist
es zulässig, dem Güneydoğu Anadolu Projesi sogar Verspätung zuzuschreiben:
Es besteht durchaus die Gefahr, dass eine rein ökonomische und
strukturelle Verbesserung der Situation in Südostanatolien die
aufgestauten und emotionalisierten politischen Fronten nicht mehr auflösen
und die kurdische Bevölkerung nicht mehr in eine Modernisierungsentwicklung
innerhalb des türkischen Staates zu integrieren vermag. Dabei zeigen gerade
andere politische brisante politische Konflikte und die Ausdifferenzierung
immer kleinerer angeblich religiöser oder »ethnischer« Minderheiten – von
Nordirland über das Baskenland bis das ehemalige Jugoslawien, dass die
Konfliktgenese immer mit Peripherisierungsprozessen und Sozial- oder
Partizipationsdefiziten in der herrschenden Gesellschaftsordnung
verbunden ist.
Diese Einsicht betont die Bedeutung auch tief
greifender und technisch aufwendiger Strukturverbesserungsprogramme, die
wie das Güneydoğu Anadolu Projesi die sozioökonomische Situation der
Bevölkerung verbessern, eine Modernisierung und Industrialisierung der
regionalen Wirtschaftsstruktur einleiten und Arbeitsplätze und neue
städtische Siedlungsräume schaffen soll. Eine genauere
wirtschaftsgeographische Bewertung Südostanatoliens zeigt dann auch, dass
die übliche Betonung der Problemfaktoren der Wirtschaftsressourcen
innerhalb eines entsprechenden Planungskonzeptes durchaus relativiert
werden können. Schon die ältere Geschichte zeigt, dass zumindest die
Gebiete der Harran- und Şanliurfa-Ebene am Fuße des Taurusgebirges, die
die zusätzlichen landwirtschaftlichen Nutzflächen und Bewässerungsgebiete
aufnehmen sollen, nicht immer als marginalisierte Räume zu gelten hatten,
waren Sie doch traditionell Teil des »Fruchtbaren Halbmondes« in dem sich im
Altertum die erste »landwirtschaftliche Revolution« vollzog und die ersten
Hochkulturen gebildet hatten. Während der Bauarbeiten zum Atatürk-Stausee
wurden in einem Seitental des Euphrat fanden Archäologen in einer
Notgrabung die Überreste der ältesten bisher bekannten städtischen
Siedlung und die ältesten Gebäudereste, die mit Großer Wahrscheinlichkeit
als Tempel anzusprechen sind.
Auch eine mittelfristige ökonomische Perspektive zeigt,
dass für Ostanatolien nicht nur die Hinwendung zu den europäischen Märkten
sinnvoll ist, sondern vielmehr die Möglichkeit, als Brückenregion die
Verbindung zu einem wahrscheinlich schon in naher Zukunft ökonomisch wieder
bedeutungsvoller werdenden nahöstlichen Wirtschaftsraum herstellen zu
können. Damit ist eine tendenzielle Aufwertung dieses Raumes durchaus nicht
auszuschließen. Voraussetzung ist jedoch, dass innerhalb der Türkei
ernsthaftere politische – und nicht nur militärische – Lösungen der
politischen Probleme Südostanatoliens durchgesetzt werden. Das macht es auch
notwendig, über die kurzfristigen Konfliktanlässe hinaus das Güneydoğu
Anadolu Projesi in einem größeren regionalen und internationalen Kontext zu
sehen und zu beurteilen.
Literatur
Voigt,
Gerhard, 1992: Zur Analyse der aktuellen Krisen in Osteuropa und in der
„Dritten Welt“. Möglichkeiten und Grenzen geographischer und
politologischer Entwicklungsmodelle. Oldenburger Vor-Drucke Heft 167/92.
Oldenburg.
Voigt,
Gerhard, 1993: Interkulturelle Erziehung im Geographieunterricht und in der
politischen Bildung. Positionen zu den Aufgaben der interkulturellen
Erziehung und politischen Bildung. In: Zeitschrift für den
Erdkundeunterricht 45, Berlin, 6-7/93: 254-259.
Voigt,
Gerhard, 1994: Zur Geschichte des türkischen Schulsystems. In: politik
unterricht aktuell (Verband der Politiklehrer e.V.). Heft 1. 1994: 1-21.
Voigt,
Gerhard, 1995: Südostanatolien als internationaler Konfliktherd – Ursachen
und Perspektiven. In: politik unterricht aktuell (Verband der
Politiklehrer e.V.). Heft 1, 1995: 14-27.
Voigt,
Gerhard, 1996: Probleme der Nationalstaatsbildung und Modernisierung an der
Peripherie Europas. Gesellschaftlich-historische Anmerkungen zur Türkei.
In: politik unterricht aktuell (Verband der Politiklehrer e.V.). Heft 1-2,
1996: 39-62.
Steinhaus,
Kurt, 1969: Soziologie der türkischen Revolution. Zum Problem der
Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft in sozio-ökonomisch schwach
entwickelten Ländern. Frankfurt am Main .
Tibi,
Bassam, 1987: Vom Gottesreich zum Nationalstaat. Frankfurt am Main (Suhrkamp
Taschenbuch Wissenschaft 650).
Wallerstein,
Immanuel, 1995 : Die Sozialwissenschaft »kaputtdenken«. Die Grenzen
der Paradigmen des 19. Jahrhunderts. Weinheim (Beltz Athenäum).;
Wallerstein,
Immanuel / Decdeli,
Hale / Kasaba, Resat, 1984:
Die Inkorporation des Osmanischen Reiches in die Weltwirtschaft. In:
Jahrbuch zur Geschichte und Gesellschaft des Vorderen und Mittleren
Orients. S. 397-417.
|