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1. Intention, Konzept, Lage und Reichweite des
Güneydogu Anadolu Projesi
Die Beschäftigung mit dem Güneydogu Anadolu Projesi
(GAP, »Südostanatolien-Projekt«, Atatürk-Staudamm) hat in mehrfacher
Hinsicht exemplarische Bedeutung. Staudammbauten, wie hier am Oberlauf des
Euphrat im Talbereich des Taurus-Gebirges, sind – weitet man die
Perspektive gleich über die Türkei hinaus – mehrfach schon als nationale
Prestigeprojekte und als Symbol dafür gewertet worden, daß ein Land nicht
mehr als »Entwicklungsland« zu gelten habe, sondern den Stand eines
Industrie- oder zumindest »Schwellenlandes« erreicht hat. Diese Funktion
konnte sehr deutlich beim Sadd-el-Ali-Staudamm in Ägypten, beim
Assad-Stausee in Syrien und bei entsprechenden Großprojekten z.B. im
Himalaya-Raum wie in Südamerika verzeichnet werden. Jedes dieser Projekte
war aber damit auch Gegenstand politischer Kontroversen und
internationaler Konflikte vor allem mit den direkt oder indirekt betroffenen
Nachbarländern.
Es wird auch beim Güneydogu Anadolu Projesi zu zeigen
sein, daß nicht nur der vordergründige ökonomische Nutzen aus der
Erweiterung der landwirtschaftlichen Bewässerungsfläche oder die
verbesserte Stromversorgung die Bedeutung das Südostanatolien-Projektes
ausmachen – wobei dieser ökonomische Nutzen durch spezifische Risiken und
die Imponderabilien der wirtschaftlichen Entwicklung, wie zu zeigen sein
wird, ohnehin nicht unbestritten ist –, sondern vielmehr nationale wie
internationale politische Zielvorstellungen Konzeption und Reichweite des
Projektes bestimmt haben.
In diesem Kontext stellt sich darüber hinaus die Frage,
in wie weit das Güneydogu Anadolu Projesi exemplarischen Wert zur
Beurteilung anderer vergleichbarer Großprojekte in der »Dritten Welt« bzw.
in »Schwellenländern« haben kann, oder ob die spezifischen politischen und
regionale Bedingungen bei Bau und Planung des Atatürk-Staudammes eine solche
Verallgemeinerung ausschließen. Das würde auch die Chance eröffnen,
zumindest in Ansätzen der Frage nach der exemplarischen Bedeutung oder der
Spezifik der politischen und der sozioökonomischen Entwicklung in der Türkei
und ihrer Perspektiven und Risiken nachzugehen. Das Güneydogu Anadolu
Projesi ist das größte Bauvorhaben und regionale Entwicklungsprojekt in der
Türkischen Republik, darüber hinaus aber auch in Umfang und Reichweite nur
mit wenigen* anderen Projekten in Europa und der ganzen Welt zu
vergleichen. Für das türkische Selbstbewußtsein ist dabei von besonderer
Bedeutung, daß Projektkonzeption wie Baudurchführung nahezu ausschließlich
in türkischen Händen liegt und nur durch internationale Kredite und
Bürgschaften abgesichert wird. Technische Unterstützung leisteten beim Bau
der großen Wassertunnel vom Atatürk-Stausee zur Sanliurfa- und Harran-Ebene
im alpinen Tunnelbau erfahrene österreichische Baufirmen.
Das Projekt ist in seinen ersten Entwürfen schon in den
Sechziger Jahren diskutiert und politisch vorangetrieben worden. Die
politischen Umbrüche – die Zeit der Militärdiktatur – und die schwierigen
sozialen und politischen Verhältnisse in Südostanatolien haben die
Realisierung jedoch immer wieder verzögert, so daß die Fertigstellung der
ersten Ausbaustufe erst 1993/94 erfolgen konnte. Im Mai 1994 ist der
Hauptwassertunnel zur Harran-Ebene in Betrieb genommen worden; erste
zusätzliche Bewässerungsareale konnten in Kultur genommen werden - wenn
auch deren derzeitiger Umfang noch weit von die endgültigen Planungszielen
entfernt ist - und auch die Stromerzeugung am Atatürk-Staudamm konnte
aufgenommen werden. Dabei ist ein weiterer Ausbau vorgesehen. Gerd Höhler
charakterisiert den Umfang des Großprojektes in der Frankfurter Rundschau
[1] folgendermaßen: „Dieses gigantische Vorhaben, das bis zum Jahre 2005
verwirklicht werden soll, besteht aus 22 Staudämmen und 19
Wasserkraftwerken an den Flüssen Euphrat und Tigris. Mit einem Netz von
Kanälen, Pumpleitungen und Tunnels sollen 1,7 Millionen Hektar jetzt
dürren Bodens künstlich bewässert werden. die geplanten Kraftwerke sollen
die türkische Elektrizitätsproduktion verdoppeln.“
Trotz der genannten Schwierigkeiten in der Region
Südostanatolien sind es gerade diese, die die zunächst überdimensioniert
erscheinenden Planungen motiviert und die Planer und die verantwortlichen
Politiker zur Eile und zum Durchsetzungswillen angespornt haben.
Südostanatolien ist seit langem ein soziales und ökonomische Krisengebiet.
Das liegt sicher einmal an den in Teilräumen ungünstigen natürlichen
Ausstattung, wie extreme Winterkälte und vorherrschende Sommerdürre in
den Hochflächen Anatoliens und dem unwegsamen Relief des Taurusgebirges,
die über Jahrhunderte die Schafweidewirtschaft, oft als jahreszeitliche
Wanderweidewirtschaft (Transhumanz) mit sehr geringer Siedlungskontinuität
ausgeprägt war, zur dominierenden Erwebsform werden ließen, zum anderen
aber, und das ist wohl der ausschlaggebende Faktor, an der
Vernachlässigung eines peripheren Raumes durch die Politik und
Wirtschaft schon in der Zeit des Osmanischen Reiches, die sich auch in der
Türkischen Republik nicht oder nur unwesentlich änderte.
Die bewußte politische und ökonomische Orientierung der
Türkei an Europa führte zu Desinteresse an den Grenzräumen zu den
»orientalischen« Nachbarn Syrien und Iraq, die als ehemalige Provinzen des
Osmanischen Reiches selbst unter erheblichen Entwicklungsproblemen und
andauernden Krisen in ihren politischen und sozialen Systemen zu leiden
haben. Daraus erklären sich die offensichtlichen Defizite in der
infrastrukturellen Ausstattung Südostanatoliens mit Straßen, Eisenbahnen
und Kommunikationswegen, und einer entsprechend zurückgebliebenen
Ausstattung mit Versorgungs- und Bildungseinrichtungen. Der Anteil der
Beschäftigten in den modernen Wirtschaftssektoren ist hier minimal, die
Arbeitslosenquote ist sehr hoch – ohne Berücksichtigung struktureller
Unterbeschäftigung und verdeckter Arbeitslosigkeit (weibliche Arbeitslose
und saisonal unbeschäftigte Landarbeiter treten in der Statistik überhaupt
nicht auf) über 30 % der Arbeitsbevölkerung –, so daß hier auch die
wichtigsten Herkunftgebiete der in der Türkei noch unvermindert anhaltenden
Landflucht zu finden sind.
Eingebettet in diese soziale und sozioökonomische
Krisensituation, die durch die feudalen Besitzverhältnisse des
Großgrundbesitzes in den Händen weniger Familien der Agas noch verstärkt und
konserviert wird – woran die politisch nur halbherzig durchgeführte
Bodenreform in den achtziger Jahren nichts Grundsätzliches ändern konnte
–, und noch mit zusätzlicher Brisanz versehen durch die aus Marginalität und
feudal-traditioneller Hierarchie der Gesellschaft herrührenden politischen
Partizipationsdefizite und Modernisierungsrückstände, liegt das
Minderheitenproblem der kurdischen Bevölkerung, das sich, um es hier schon
vorweg zu nehmen, erst im sich gegenseitig radikalisierenden bewaffneten
Konflikt zwischen PKK und türkischem Militär zunehmend ethnifiziert hat und
damit immer weiter von möglichen sozialen und politischen
Lösungsmöglichkeiten entfernt.
Unter dem Blick auf diese krisenhafte Entwicklung ist
es zulässig, dem Güneydogu Anadolu Projesi sogar Verspätung zuzuschreiben:
Es besteht durchaus die Gefahr, daß eine rein ökonomische und strukturelle
Verbesserung der Situation in Südostanatolien die aufgestauten und
emotionalisierten politischen Fronten nicht mehr auflösen und die kurdische
Bevölkerung nicht mehr in eine Modernisierungsentwicklung innerhalb des
türkischen Staates zu integrieren vermag. Dabei zeigen gerade andere
politische brisante politische Konflikte und die Ausdifferenzierung immer
kleinerer angeblich religiöser oder »ethnischer« Minderheiten – von
Nordirland über das Baskenland bis das ehemalige Jugoslawien, daß die
Konfliktgenese immer mit Peripherisierungsprozessen und Sozial- oder
Partizipationsdefiziten in der herrschenden Gesellschaftsordnung verbunden
ist.
Diese Einsicht betont die Bedeutung auch tiefgreifender
und technisch aufwendiger Strukturverbesserungsprogramme, die wie das
Güneydogu Anadolu Projesi die sozioökonomische Situation der Bevölkerung
verbessern, eine Modernisierung und Industrialisierung der regionalen
Wirtschaftsstruktur einleiten und Arbeitsplätze und neue städtische
Siedlungsräume schaffen soll. Eine genauere wirtschaftsgeographische
Bewertung Südostanatoliens zeigt dann auch, daß die übliche Betonung der
Problemfaktoren der Wirtschaftsressourcen innerhalb eines entsprechenden
Planungskonzeptes durchaus relativiert werden können. Schon die ältere
Geschichte zeigt, daß zumindest die Gebiete der Harran- und Sanliurfa-Ebene
am Fuße des Taurusgebirges, die die zusätzlichen landwirtschaftlichen
Nutzflächen und Bewässerungsgebiete aufnehmen sollen, nicht immer als
marginalisierte Räume zu gelten hatten, waren Sie doch traditionell Teil
des »Fruchtbaren Halbmondes« in dem sich im Altertum die erste
»landwirtschaftliche Revolution« vollzog und die ersten Hochkulturen
gebildet hatten. Während der Bauarbeiten zum Atatürk-Stausee wurden in einem
Seitental des Euphrat fanden Archäologen in einer Notgrabung die Überreste
der ältesten bisher bekannten städtischen Siedlung und die ältesten
Gebäudereste, die mit Großer Wahrscheinlichkeit als Tempel anzusprechen
sind.
Auch eine mittelfristige ökonomische Perspektive zeigt,
daß für Ostanatolien nicht nur die Hinwendung zu den europäischen Märkten
sinnvoll ist, sondern vielmehr die Möglichkeit, als Brückenregion die
Verbindung zu einem wahrscheinlich schon in naher Zukunft ökonomisch wieder
bedeutungsvoller werdenden nahöstlichen Wirtschaftsraum herstellen zu
können. Damit ist eine tendenzielle Aufwertung dieses Raumes durchaus nicht
auszuschließen. Voraussetzung ist jedoch, daß innerhalb der Türkei
ernsthaftere politische – und nicht nur militärische – Lösungen der
politischen Probleme Südostanatoliens durchgesetzt werden. Das macht es auch
notwendig, über die kurzfristigen Konfliktanlässe hinaus das Güneydogu
Anadolu Projesi in einem größeren regionalen und internationalen Kontext zu
sehen und zu beurteilen.
2. Internationale Wirkungen des GAP
Der Euphrat, dessen Wasser vom Atatürk-Staudamm
aufgestaut wird, entspringt wie der Tigris, dessen Einzugsbereich randlich
ebenfalls von Wasserregulierungsmaßnahmen des Güneydogu Anadolu Projesi
betroffen wird, im nördlichen Taurusgebirge, durchfließt dann Nordostsyrien,
wo er seit über zwanzig Jahren im Assad-Stausee aufgestaut und zur
Bewässerung etwa eines Fünftel des syrischen Ackerlandes genutzt wird, und
bildet zusammen mit dem Tigris die Lebensgrundlage des Zweistromlandes,
Mesopotamiens, dem heutigen Iraq, und fließt vereinigt mit dem Tigris im
Chatt-el-Arab bei Kuwait, in den Persischen Golf.
Das Wasser der großen Flüsse, neben Euphrat und Tigris
auch von Jordan und Nil, ist Lebensgrundlage nahezu aller Länder im Nahen
Osten, die bei wachsender Bevölkerung, kritischer werdender
Versorgungslage und höherem Ressourcenverbrauch durch die
Industrialisierung immer stärker unter Wasserknappheit zu leiden haben. Es
ist keine absurde Voraussage mehr, daß ein nächster Krieg im Nahen Osten
nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt würde.
Die
Flüsse dieses Raumes sind sogenannte Fremdlingsflüsse, die sich aus
Niederschlagen in randlichen Gebirgsbereichen speisen. Eine Vergrößerung
der Einheimischen Wasserreserven ist kaum möglich, da auch die
Grundwasservorräte in Syrien, Iraq oder Jordanien nahezu erschöpft sind und
Grundwasser aus fossilen Vorräten nicht kurzfristig regenerierbar ist.
Das gibt den Ländern in den Quell- und Oberlaufregionen
dieser Flüsse eine Schlüsselrolle für die Wasserversorgung der Wüsten- und
Steppenregionen an den Unterläufen, eine Schlüsselrolle auch für eine
friedliche Entwicklung dieser Region. Von den Anrainerstaaten wird diese
Macht aber auch als Erpressungs- und Beeinflussungspotential empfunden.
Umso größer ist der Ruf nach international verbindlichen Regelungen und
übernationaler Kontrolle der Wasserführung der großen Flüsse z.B. durch die
UNO.
Der Versuch, eine Kontigentierungsabkommen für das
Euphratwasser zu schließen, ist bislang gescheitert. Das liegt nicht an den
großen Schwierigkeiten, eine konsensfähige Quotierung zu verhandeln,
sondern an den politischen Konflikten zwischen der Türkei, Syrien und Iraq,
in die die Wasserproblematik eingebettet ist und die sich z.B. in den noch
nicht bereinigten Frontlinien des Zweiten Golfkrieges verdeutlichen lassen.
So hat zwar – sicher auch mit Blick auf die Präsenz der
UNO und auf die eigenen Verwundeten in Europa und den USA – die Türkei
einseitig verbindliche Zusagen abgegeben, die Wasserversorgung Syriens
nicht unzumutbar zu verringern und hart dabei auch Garantien für bestimmte
Mindestwasserabflüsse aus dem Atatürkstausee gegeben, die eine
kontinuierliche Füllung des Assad-Stausees gewährleisten, doch ist der
Verbindlichkeitsgrad dieser Erklärung nicht unumstritten und wird von Syrien
insbesondere deshalb angezweifelt, da die Türkei keinen Zweifel daran läßt,
daß sie ein Junktim mit ihrer Forderung an Syrien, die PKK (die »Kurdische
Arbeiterpartei«, die mit terroristischen Mitteln für die Unabhängigkeit
Kurdistans kämpft) nicht mehr zu unterstützen, sieht. Die FAZ vom 27.8.90
[2] formuliert die Bedenken Syriens sehr deutlich: „Was aber, wenn – wie
nach amerikanischen Voraussagen – im Jahre 2000 nicht Öl, sondern Wasser
die dominierende Frage im Nahen Osten sein wird? Niemand vermag
vorauszusagen, wie sich die Türkei verhalten wird, falls der Euphrat nicht
mehr genügend Wasser zur Stromerzeugung führen sollte und das kostbare (und
nach allen Investitionen teure) Naß lediglich zur Bewässerung türkischer
Felder ausreicht?“
Äußerlich beurteilt verstärkt das
Güneydogu Anadolu Projesi sowohl in ökonomische
wie in politischer Hinsicht die Stellung der Türkei gegenüber ihren
Nachbarländern, insbesondere gegenüber Syrien und Iraq. Die politischen
Machtpotentiale, die das Güneydogu Anadolu Projesi eröffnet, sind der
Türkei durchaus bewußt und werden, wie schon angedeutet, gerade im
Zusammenhang mit dem Kurdenkonflikt durchaus planmäßig vor allem gegen
Syrien und den Iraq ausgespielt. Die Rolle der Türkei als aktiver
Unterstützer der UNO und der USA im Zweiten Golfkrieg, wo Südostanatolien
das nördliche militärische Basislager für die Anti-Iraq-Koalition war,
wertete die politische Bedeutung der Region, durchaus im Sinne der Türkei,
durch das öffentliche Interesse und die militärische Bedeutung für die
Verbündeten der Türkei auf. Das Erschwert auch international jede
Unabhängigkeitsforderung, die mit einer möglichen politische und
militärischen Destabilisierung und mit der Gefahr eines
Auseinanderbrechens der Anti-Iraq-Koalition verbunden sein kann und stärkt
demgegenüber das politische Gewicht der Türkei.
Es ist daher kein Zufall, daß der Zweite Golfkrieg in
der Türkei mit einer Forcierung des Güneydogu Anadolu Projesi verbunden war
und die türkische Entwicklungsplanung für die Grenzregion zum Iraq einen
verstärkten Ausbau von Infrastruktur und Industrie im Rahmen des
Südostanatolien-Planes vorsieht, der auch eine militärische Stärkung sowohl
nach innen wie gegenüber den Nachbarn nach sich zieht.
So ist die Stärkung der Türkei mittelfristig doch mit
gewissen Risiken belastet, da sie eher kurzfristig und machtpolitisch
begründet und weniger auf eine integrierende Friedensregelung für den
ganzen nahöstlichen Krisenraum hin ausgerichtet ist. International wird
hier zu fragen sein, ob die Türkei nicht ihre politischen und ökonomischen
Potentiale immer wieder kurzsichtig einsetzt und die langfristige
Verantwortung für eine nahöstliche Friedensregelung nicht genügend
berücksichtigt.
Daß Wasser bei zunehmender Knappheit immer mehr auch
über die Flußverläufe hinaus zu einem interessanten Außenhandelsgut werden
kann und wohl auch werden wird, zeigen die Verhandlungen über
Wasserlieferungen in Tankern nach Israel [5] und mittelfristige Projekte für
eine Wasserpipeline über Syrien und Jordanien bis nach Saudi-Arabien. Die
ganzen politischen Risiken und ihre Einbeziehung in die nahöstliche
Konfliktsituation zeigt sich gerade bei einer eingehenderen Bewertung dieser
beiden Projekte. Im Kontext eines Strebens nach einer umfassenderen
nahöstlichen Friedensordnung kann, bei zumindest formaler Beteiligung der
UNO oder der Westmächte und multilateraler vertraglicher Absicherung gerade
diese Parallelität der Projekte einen stabilisierenden und
friedensfördernden Charakter zeigen oder gar als "Friedensdividende von den
beteiligten Staaten und Bevölkerungen akzeptiert werden – was das
politische Gewicht der Türkei international stärken und die Bestrebungen auf
Annäherung an Europa fördern würde –; werden diese Projekte jedoch politisch
gegeneinander ausgespielt oder gar als politisch-ökonomische Munition im
Kampf um Einfluß und Ressourcen genutzt, werden sie zu einem gefährlichen
Element der Destabilisierung des nahöstlichen Raumes. Daß dies schon im
Verhältnis zwischen Syrien und Iraq aus Anlaß des Baus des Assad-Stausees
Realität geworden ist, wird unter anderem in der Süddeutschen Zeitung vom
22.9.90 [3] deutlich gemacht: „Der Irak hat das Öl, aber Syrien kann wie die
Türkei dem Euphrat so viel Wasser entnehmen, daß für den Irak kaum etwas
übrig bleibt.“ Die Frage nach der Vorherrschaft in diesem Raum hat sich
seit diesem Artikel im Jahre 1990 jedoch vom Konflikt zwischen Syrien und
Iraq u.a. auch durch den Zweiten Golfkrieg verändert.
Als Résumé ist festzuhalten, daß der Türkei durch die
Realisierung des Güneydogu Anadolu Projesi eine Schlüsselrolle für die
Entwicklung des Nahen Osten und innerhalb einer zukünftigen Friedensordnung
zuwächst, daß die Möglichkeit, diese sinnvoll und den eigenen langfristigen
Interessen dienend umzusetzen weitgehend von der Fähigkeit abhängt, mit den
innenpolitischen politischen und sozioökonomischen Problemen fertig zu
werden und vor allem die bürgerkriegsähnliche Situation in Teilen
Südostanatoliens mit politischen Mitteln zu beenden, was allein mit den
ökonomischen Perspektiven aus dem Güneydogu Anadolu Projesi nicht mehr zu
erreichen sein wird. Ob das bisherige Primat militärischer
Konfliktbewältigungsversuche durch eine zivile Friedenspolitik der Türkei
abgelöst werden kann, hängt aber direkt und indirekt auch von der –
angenommenen – Bedrohungssituation durch die Nachbarländer Syrien und Iraq,
also auch von den Möglichkeiten, gegenüber Iraq vom Waffenstillstand zur
Friedensordnung zu gelangen, ab. Die Situation in Syrien und Iraq läßt
derzeit die Hoffnung auf eine zivile Friedensregelung eher skeptisch
beurteilen; zu sehr sind die benachbarten nahöstlichen Länder selbst mit
inneren politischen und sozioökonomischen Problemen beschäftigt, um als
aktive Friedenspartner in Erscheinung zu treten. So ist es sicher sinnvoll,
die Beurteilung der internationalen Risiken und Chancen des Güneydogu
Anadolu Projesi mit der Erörterung der Interessenlagen der benachbarten
nahöstlichen Staaten in den Gesamtkontext der differenzierten
Gegnerschafts- und Bündnisverhältnisse des Nahostkonflikts einzubeziehen.
3. Die politischen Interessenlagen der
Nachbarstaaten
Die ökonomischen und sozialen Probleme der nahöstlichen
Länder sind eingebunden in ein fast unentwirrbar erscheinendes Geflecht
internationaler Konflikte und Rivalitäten, die sich nur aus den Brüchen und
Ungereimtheiten der Zeitgeschichte heraus erklären lassen, die aber durch
einen hohen Grad von Emotionalisierung durch eine rationale, auf Ausgleich
hin orientierte Friedenspolitik nur schwer lösen lassen.
Die Türkei ist im politischen Bewußtsein der
Führungseliten der nahöstlichen Länder in einer zwiespältigen Situation. Da
alle arabischen Länder des Nahen Ostens über Jahrhunderte Teil des
Osmanischen Reiches gewesen waren - eine Zeit, die für sie zwar ihre
islamische Identität absicherte, andererseits aber meist ökonomischen
Niedergang und politische Entmündigung bedeutete -, setzen sich diese im
Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts unabhängig gewordenen Staaten politisch
deutlich von der Türkei ab, deren laizistisch-westliche Grundordnung ihrem
Staats- und Gesellschaftsverständnis ohnehin weitgehend fremd ist.
Andererseits hat die Zeit der massiven Einflußnahme der westlichen Länder,
vor allem Englands, Frankreichs und der USA, bis in die Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg und die mehr oder weniger deutliche Parteinahme dieser
Länder für Israel in den militärischen Nahostkonflikten neue Feindbilder
und Frontlinien vor allem gegenüber Großbritannien und den USA aufkommen
lassen, die alte Konflikte mit der Türkei zurückgedrängt haben. Dabei wird
wieder die Gemeinsamkeit mit der islamischen Türkei betont, auch in der
Hoffnung, zumindest mittel- bis langfristig in ihr eher einen Verbündeten
als einen Gegner sehen zu können.
Kritisch beobachtet werden jedoch alle Handlungen der
Türkei, die auf eine Verstärkung der Westorientierung, militärische
Integration in das westliche Bündnissystem oder auf einen Ausbau
ökonomischer oder politischer Dominanz gegenüber den nahöstlichen Ländern
hinweisen. Auch das – derzeit sehr gute – politische Verhältnis der Türkei
zu Israel, das sich z.B. in der Vielzahl israelischer Touristen in der
Südtürkei und auch in Plänen wie dem schon genannten Wasserexport nach
Israel äußert, wird zu einem Prüfstein für die Beziehungen zu den
arabischen Staaten und auch als zu bekämpfendes Indiz für erneuerte
Hegemonialbestrebungen der Türkei bewertet. Für Syrien und Iraq bleibt als
Antwort scheinbar nur der Versuch, die Türkei durch Unterstützung des
kurdischen Separatismus, den im eigenen Land zu dulden selbstverständlich
nicht vorgesehen ist. Die gegenseitigen Pressionen drehend sich daher
zunehmend um ein Aufrechnen der Gefährdungspotentiale durch die
Wasserpolitik und die Unterstützung des separatistischen Terrors. (Vgl.
Wochenpost Nr. 23, 27.5.92 [4].)
Das ist zwar aus der Sicht der türkischen Innen- und
Außenpolitik eher skeptisch zu beurteilen, da hier internationale
Einwirkungen eher gegenüber den turkmenischen Völkern Zentralasiens
interessant erscheinen, um hier eine Vermittlerfunktion gegenüber dem
europäischen Westen aufzubauen, der die Türkei auch für die EU wieder
interessant machen könnte, doch sind die objektiven Auswirkungen der Politik
der Türkei auf die Länder des Nahen Ostens doch noch stärker und
international interessanter, so daß die Reaktionen der Nachbarstaaten in
jeder Hinsicht genau beobachtet und bewertet werden müssen.
Die nahöstlichen Länder definieren ihre politische
Situation seit vierzig Jahren vornehmlich durch ihr Verhältnis zu Israel,
also durch die Fronten und Bündnisse im Nahostkonflikt. Daß dieser Konflikt
durchaus nicht so starr und monolithisch ist, wie er einem außenpolitischen
Beobachter zunächst erscheinen mag – hier das jüdische Israel, dort die
islamisch-arabische Welt – zeigen die vielfältigen innerarbischen Konflikte
ebenso wie der nach dem Zweiten Golfkrieg, der die Brüchigkeit arabischer
Solidarität vollends erwiesen hat, mit völlig neuen Impulsen eingeleitete
Nahost-Friedensprozeß, in den jetzt durch die Autonomieverhandlungen selbst
die PLO einbezogen werden konnte.
Daß der nahöstliche Konfliktbereich in Bewegung geraten
ist, wobei die Auswirkungen der weltpolitischen Veränderungen durch den
politischen Wandel in der Sowjetunion und ihren bisherigen Verbündeten, die
im Nahost-Friedensprozeß mit Sicherheit eine große Rolle spielen, im
Zusammenhang mit unserem Thema nicht eingehender erörtert werden können,
läßt viele Hoffnungen aufkeimen, birgt aber auch Risiken neuer
Destabilisierungen und neuer, auch militärischer Regionalkonflikte. In
diesem Rahmen ist auch die zwiespältige Beurteilung, die das Güneydogu
Anadolu Projesi durch die Euphrat-Anrainerstaaten und die übrigen arabischen
Länder erfährt, zu verstehen.
4. Mögliche politische Bewertungen des
Kurdenkonfliktes und der PKK.
Südostanatolien ist aus internationalem Blickwinkel
heute vor allem durch die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen um
den Status der kurdischen Bevölkerung gekennzeichnet. Schon in der ersten
Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Region Diyarbakir wegen Unruhen
der Einheimischen Bevölkerung unter Kriegsrecht gestellt. Doch war der
Charakter dieser Unruhen zunächst noch eher als sozial und ökonomisch
determiniert anzusprechen. Die Wandlung zu einem politisch motivierten
Minderheitenkonflikt, in dem die Partiya Karkeren Kurdistan (kurdische
Arbeiterpartei, PKK) als radikalste Fraktion den militärischen Kampf
forciert und, nach dem Muster der PLO, im internationalen Terror einen Weg
zur Durchsetzung ihrer separatistischen Ziele sieht, vollzog sich erst
schrittweise und teilweise sicher auch als Reaktion von Teilen der
kurdischen Bevölkerung auf die in keiner Weise dialogbereite, ausschließlich
auf die militärische »Befriedung« setzende Politik der türkischen Regierung
[4].
Um die Konfliktgenese richtig einordnen zu können und
auch um zu verstehen, daß die Südostanatolienpolitik in der Türkei, auch
wenn öffentliche Diskussionen darüber immer wieder unterdrückt wurden,
nicht unumstritten sind, sind einige Ausführungen zur Staatskonzeption der
Türkischen Republik und zur Bedeutung des Kemalismus notwendig. Bezogen auf
Südostanatolien ist folgender Zielkonflikt durchaus bezeichnend: Die zivile
Begründung des Güneydogu Anadolu Projesi („In Ankara erhofft man sich im
Südosten eine Entspannung im brisanten Kurdenkonflikt: wenn die
Bevölkerung erst die Segnungen des Wohlstandes kennengelernt habe, dann
würden die Seperatismus-Parolen der kurdischen Arbeiterpartei PKK kein Gehör
mehr finden, glaubt man.“, schreibt Gerd Höhler in der Frankfurter
Rundschau[1]) trifft die militärische Perspektive keinenfalls, die, wenn
sie überhaupt auf einen Nutzen des Güneydogu Anadolu Projesi setzt, eher
eine Turkisierung der Region und eine Verdrängung der einheimischen
Bevölkerung erwartet (noch einmal Gerd Höhler: „Heute leben in der
GAP-Region, die etwa 75000 Quadratkilometer umfaßt, rund fünf Millionen
Menschen. Ihre Zahl soll sich bis zum Jahre 2005 auf zehn Millionen
verdoppeln, vor allem durch Zuwanderung aus dem Westen des Landes. Ihnen,
aber vor allem der ansässigen Bevölkerung, die örtlich bis zu neunzig
Prozent kurdisch ist, verspricht die Regierung eine goldene Zukunft“).
Dieser Bevölkerungszuwachs ist nicht nur durch die hohe Geburtenrate der
kurdischen Bevölkerung vorauszusehen – wobei dieses generative Verhalten
bei einer Verbesserung der sozioökonomischen Lebensverhältnisse ebenfalls
Veränderungen unterworfen sein wird –, sondern auch durch Zuwanderung einer
türkischen Facharbeiterschaft und Mittelschicht des Dienstleistungssektors
und der Verwaltung.
Sinnvolle regionale Selbstverwaltungskonzepte unterhalb
der Stufe des Separatismus und Pläne für die politische Integration
kulturellen Pluralismus sind, so notwendig sie als Gegenkonzept zur
Unabhängigkeitsforderung der PKK, jedoch in der Türkei nicht entwickelt
worden. Es steht zu fragen, ob ein Konzept der kommunalen Selbstverwaltung
nach deutschem Muster nicht tieferreichende positive Wirkungen auf
Südostanatolien haben würde als die vage Hoffnung auf zukünftigen Wohlstand
durch das Güneydogu Anadolu Projesi, eine Hoffnung, die ohnehin von
vielerlei Imponderabilien, wie dem noch ausstehenden Erfolg der
Bodenreform, wie der zukünftigen Bedrohung durch den Terror der PKK oder
durch mögliche kriegerische Auseinandersetzungen mit den Nachbarländern, in
Frage gestellt werden kann. Zumindest kann heute allein durch die Vollendung
des Güneydogu Anadolu Projesi nicht mit einem Ende des Separatismus
mitsamt seines terroristischen Flügels in der PKK gerechnet werden. Die
politischen Versäumnisse der türkischen Regierung erklären sich jedoch aus
den Bedingungen, unter denen die Türkische Republik entstanden ist und durch
Kemal Atatürk aufgebaut wurde. Die zunächst zwangsläufig erscheinende
Zuspitzung dieses Konfliktes ist die Tragik der modernen Entwicklung der
Türkei. Es fehlt, um es etwas zu pointieren, in der Türkei eine dringend
notwendige von Stein'sche Verwaltungsreform!
Eine
Ethnifizierung politischer und sozialer Konflikte liegt nicht in der
türkischen Tradition. Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat, der
in seiner Blütezeit ein Gebiet vom Balkan und dem Karpartenbecken über
Anatolien, den Nahen Osten bis hin zum Maghreb umfaßte und als Herrscher
über die Arabische Halbinsel Hüter der heiligen Stätten in Mekka und Medina
und damit Schutzmacht des Islam und der Millionen Muslime in aller Welt
war. Wichtig ist es jedoch zu betonen, daß in der Machthierarchie des
Sultanats der traditionelle Anspruch, die umma muhamadja zu
repräsentieren, jegliche Einengung auf ein nationalistisches Türkentum
ausschloß, ja daß die Bezeichnung Türke dem universalistischen
Herrschaftsanspruch des Sultanats geradezu entgegen stand. Die
Völkermischung in der Elite des Sultanats und bei Hofe (bis hin in den
Harem des Sultans, in dem selten im modernen Sinne reine Türkinnen die
Mehrheit bildeten und in dem Mütter von späteren Sultanen durchaus
griechischer oder arabischer Abstammung sein konnten) machte die Frage
nach der Herkunft relativ unwichtig; die höfische Sprache des Osmanli war
mit arabischen und persischen Worten und Wendungen durchsetzt und der
Glaube forderte ohnehin arabische Sprachkenntnisse. Literatur und Kunst
waren weltoffen und in islamischer Tradition Einflüssen auch aus Europa
und aus der Christlichen Welt nicht verschlossen. Ein türkischer
Nationalismus oder gar die Idee des türkischen Nationalstaates waren der
feudalistischen Konzeption des Sultanats fremd. So sind auch die
Konflikte mit Minderheiten, die, wie am Beispiel der Armenier in der Zeit
der Jahrhundertwende zu erkennen ist, mit äußerster Härte und
Grausamkeit ausgetragen wurden, keine nationalen Konflikte europäischen
Musters oder gar ethnische Hegemonialkriege des Türkentums, sondern
Herrschaftskonflikte um verweigerte Loyalitäten und Tributpflichten und
Kampf gegen herrschaftsbedrohende Separatismen, die sich selbst
teilweise dem neuartigen Einfluß europäischen nationalstaatlichen
Denkens verdanken.
Mit
der Herrschaft zerfielen im 19. Jahrhundert Integrationswirkung des
islamischen Sultanats und nach und nach auch die territoriale Integrität.
Die wurde in der Türkei selbst zunächst von denjenigen zuerst wahrgenommen
und kritisiert, die professionell mit den daraus folgenden Konflikten
konfrontiert und über den Kontakt mit der modernen Technik auch mit den
nationalstaatlichen Ideen Westeuropas in Berührung gekommen waren: den
jüngeren Militärs. Sie wollten jetzt an die Stelle des ineffizienten,
weil seiner Integrationskraft beraubten und nationalstaatlich diffusen –
wie sie meinten: anachronistischen – Staatsparadigmas der islamischen
Einheit des mit dem Sultanat verbundenen Kalifats (eines Anspruches, der
ohnehin historisch wie theologisch auf sehr schwachen Füßen stand und
gerade von arabischen Erneuerern grundsätzlich in Frage gestellt wurde)
einen neuen türkischen Nationalismus setzen.
Die
Jungtürkische Revolution nahm dem Begriff Türke, der bislang im Sultanat
eher abschätzig für die einfache bäuerliche Bevölkerung Anatoliens
gebraucht worden war, seine bisherige Bedeutung und postulierte eine neue
nationalstaatlich-ethnische Semantik, die sich dem Geschichtsmythos des
Panturanismus verpflichtet wußte. Diese ethnisch-völkischen
Geschichtsbilder, die parallel im europäischen Panslawismus und
Pangermanismus zu verfolgen sind, weisen einmal auf die
Legitimationsprobleme der unter ganz konkreten historischen Bedingungen
entstandenen mitteleuropäischen Nationalstaatsbegriff hin, sobald dieser
zu einem universalen Gesellschafts- und Staatsparadigma erweitert werden
soll, weil sich hier, seiner konkreten machtpolitischen Inhalte beraubt,
seine staats- und gesellschaftsphilosophische Bedeutungsleere erweist, in
die vorrationale und ungeschichtliche Volkstumslegenden einbrechen
können. Gleichzeitig übernimmt der Panturanismus und die jungtürkische
Nationalstaatsidee ungewollt und unbewußt die antirationalen
Implikationen des Nationalismus, die in Europa aus dem gescheiterten
Versuch der französischen Revolution erwachsen sind, aus dem Geist des
Rationalismus und des Humanismus eine neue egalitäre
Gesellschaftsordnung zu finden.
Es ist
hier nicht der Ort für geschichtsphilosophische Reflexionen über die
tragische Verirrung der bürgerlichen Gesellschaft in der Zeit der
Restauration – die Folgen des hier entstandenen pathologischen
Nationalismus im Faschismus und Nationalsozialismus des zwanzigsten
Jahrhunderts sind hinlänglich bekannt –, es ist aber auf den engen
Zusammenhang der Ziele und Ideologien der jungtürkischen Revolution mit
dem gleichzeitigen Erstarken des europäischen Nationalismus zu
verweisen: Wurzel eines nationaltürkischen Republikanismus, dessen
demokratische Ausprägung und Entwicklung eher defizitär und brüchig
geblieben ist. Atatürk entstammt dieser jungtürkischen
Revolutionsbewegung und transportiert damit den türkischen Nationalismus
als revolutionäres Gegenmodell zum islamischen Integrationismus des
Sultanats in die neu zu gründende »kemalistische« Republik.
So stehen am Ende der Herrschaft des Sultanats mehrere
Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen politisch-ideologischer
Repräsentanz und sich auseinanderentwickelnden politischen Kulturen
gegenüber. Die politische Schwäche des kranken Mannes am Bosporus im
europäischen Konzert der Mächte spiegelt sich in der innenpolitischen
Ohnmacht und Konzeptionslosigkeit des Sultanats und dem Auseinanderbrechen
der Gesellschaft in Sozialgruppen und nach staatlicher Unabhängigkeit
strebenden Ethnien, die sich wie die Türken selbst oft an konstruierte
Geschichtsmythen klammern, um ihre separatistischen Ansprüche
international zu legitimieren.
Bis heute sind die politischen Folgen dieser ethnischen und nationalen
Konstrukte und Ideologien, die sich gerade wegen ihres künstlichen
Charakters rationalem Konfliktausgleich sperren, nach europäischem Vorbild
in den Konflikten im Nahen Osten nachzuvollziehen. Der zweite Golfkrieg
mit seinen historisch fragwürdigen Ansprüchen des Iraq auf Kuwait und die
historisch ebenso fragwürdigen Souveränitätsansprüche Kuwaits selbst
weist daher ideologisch auf eben diese Phase der Auflösung des Osmanischen
Reiches zurück und beweist zudem die ungebrochene
Funktionalisierbarkeit von Geschichts- und Volkstumsmythen im Interesse
auswärtiger Groß- (und Kolonial-)mächte und Interventionsstaaten. Das
Résumé liegt nahe, daß der im letzten Jahrhundert in Mittel- und Westeuropa
entstandene Nationalstaatsbegriff, abgelöst von seiner
gesellschaftlichen und politischen Verwurzelung in seinem konkreten
historischen Kontext, nicht geeignet ist als universales Ordnungsprinzip
heutiger gesellschaftlicher, politischer und sozialer Repräsentation und
Konflikte; er ist schlicht anachronistisch. Doch er ist unbestrittene
Grundlage des durch die UN globalisierten Völkerrechts (und hier
kurzfristig sicher nicht ersetzbar) und er ist in unserem konkreten Falle
die Grundlage des Kemalismus und der heutigen türkischen Republik, in der
sich alle Probleme, Widersprüche und Risiken des nationalstaatlichen
Zentralismus europäischer Prägung deutlich ablesen lassen.
5. Ein Vorbild für andere
regionale Großprojekte, marginalisierte Wirtschaftsräume zu entwickeln?
Unsere Ausführungen haben gezeigt, wie differenziert
die politischen und ökonomischen Voraussetzungen und Begründungen für das
Güneydogu Anadolu Projesi darzustellen sind. Obwohl wir schon Eingangs die
Parallelen zu anderen technischen Großprojekten in der »Dritten Welt« bzw.
den »Schwellenländern« im allgemeinen und zu großen Staudammprojekten im
Besonderen hervorgehoben haben, zeigt eine ins Einzelne gehende
Untersuchung, daß eine pauschale Übertragung der Konzeptionen wie auch der –
z.T. erst zu erwarteten – Folgen des Güneydogu Anadolu Projesi auf diese
anderen Projekte Folie nicht möglich sein wird, so sehr die angesprochene
Problemstellung einer kritischen Bearbeitung und Lösung auch bedarf.
Es kann hier in diesem eingeschränkten Zusammenhang nur
darum gehen, Konfliktfelder, die im Zusammenhang mit dem Güneydogu
Anadolu Projesi aufgetaucht sind, auf ihre allgemeine Bedeutung hin zu
untersuchen und mögliche Urteilskriterien daraus abzuleiten. Konfliktfelder,
die sich am Südostanatolienprojekt aufzeigen lassen liegen vor allem in
vier Bereichen:
1.
Der ökonomische Nutzen dieses Großprojektes hängt nicht nur von der
technischen Konzeption und den vorausgesetzten Zieldaten ab, sondern ist
abhängig von einer Vielzahl von Imponderabilien, von denen einige schon
genannt wurden und andere in der Unsicherheit der tatsächlichen Bewertung
der nutzbaren Geofaktoren liegen.
2.
Bei den sozialen Folgen sind die geplanten und erwarteten Verbesserungen der
materiellen Lebensverhältnisse zu relativieren durch soziale Risiken, die
sich z.B. in der Verdrängung der Einheimischen armen Bevölkerung durch
kapitalkräftigere Großgrundbesitzer oder auch durch gewerbliche Investoren
ausdrücken können, also durch das Scheitern von angemessenen Konzepten der
Boden- und Sozialreform.
3.
Im politischen Bereich erfordert das kapitalintensive Großprojekt zentrale
Verwaltung und zentrale Steuerung der Nutzung. Zusätzlich besteht ein –
militärischer – Sicherungsbedarf für das Projekt. Ohnehin schon vorhandene
regionale und lokale, aber auch sozialstrukturelle politische
Partizipationsdefizite werden tendenziell verschärft und die Basis für
separatistische Motivationen in der einheimischen Bevölkerung verstärkt.
4. Internationale Risiken ergeben sich aus der
Konkurrenz um die Wasserressourcen, die für die Staaten von existenzieller
Bedeutung sind. Dabei wird das Projekt hereingezogen in das internationale
Konfliktsystem des Nahen Osten ebenso wie in die Ansätze des
Friedensprozesses. Der langfristige Erfolg des Güneydogu Anadolu Projesi –
regionale und sozioökonomische Aufwertung und Integration Südostanatoliens –
wird damit zunehmend mehr abhängig von der allgemeinen politischen
Entwicklung im Nahen Osten.
Jeder der genannten Punkte hat sowohl eine spezifische,
auf die Situation der Türkei und Südostanatoliens bezogene Dimension als
auch darüber hinaus eine verallgemeinerungsfähige Bedeutung. So ist sicher
die Bewertung des Güneydogu Anadolu Projesi durch die arabischen
Nachbarländer in ihrer interessenmäßigen Zersplitterung und Fraktionierung,
die gegenseitige »Erpressungsversuche« mit der Wasserversorgung geradezu
herausfordert, ein typisches Element des nahöstlichen Krisenraumes und
damit höchstens noch auf die Beurteilung des Assad-Stausees in Syrien, der
ebenfalls das Euphratwasser nutzt, zu übertragen. Der Bruch zwischen Syrien
und Iraq, der auch von einem Bruch der in beiden Ländern herrschenden
Baath-Partei (»Partei der arabischen Wiedergeburt«) begleitet wurde, war
– unterhalb der Ebene der ideologischen Propaganda – motiviert vom Konflikt
um das Euphratwasser.
Für
die internationale Entwicklungspolitik folgt aus dem Punkt 4. jedoch, daß
die Nutzung natürlicher Ressourcen, bei denen die weltweit zunehmende
Wasserknappheit von ganz besonderer Brisanz ist und zunehmend wird, nicht
Sache der Nationalstaaten und ihrer souveränen Verfügung allein sein kann
und darf, sondern großregional und multilateral vertraglich abgesichert
werden muß. Dies gilt in gleicher Weise und wegen des schon jetzt höheren
Ressourcenverbrauchs sogar noch viel dringender auch für die Projekte in
den Industrieländern, auch wenn die internationale Öffentlichkeit wegen
meist fehlender unmittelbarer Nachbarschaftskonflikte ihnen derzeit noch
weniger Aufmerksamkeit widmet.
Die
Verallgemeinerung der Untersuchung des internationalen Konfliktrahmens führt
sehr schnell zu einem Paradigmenwechsel in der politischen Beurteilung, wenn
im Kern der politischen Konflikte das Motiv der zunehmenden
Ressourcenknappheit erkennbar wird und damit eine grundsätzliche
Umorientierung der Politik, d.h. vor allem auch der Wirtschafts- und
Technologiepolitik in Richtung auf eine ökologisch kompetente
Ressourcenschonung zunehmend dringlicher wird. Das bedeutet aber auch, daß
die Beurteilung von Großprojekten und ihrer möglichen negativen ökologischen
Folgen nicht mehr vornehmlich eine entwicklungspolitische Fragestellung in
Bezug auf die »Dritte Welt« bleibt, sondern zu einer Frage an die politische
und ökonomische Orientierung der Weltpolitik und damit vor allem der
Industrieländer wird.
Um zum Abschluß dieser Fragestellung in thesenhafter
Form die verallgemeinerungsfähigen Aspekte bei der Beurteilung des
technischen Großprojektes »Güneydoƒu Anadolu Projesi« aufzulisten, ist
eine Orientierung an den vier genannten Problemfeldern sinnvoll:
1. Ökonomische Prognosen sind seit langem und zunehmend
deutlicher unsicher geworden; die Volkswirtschaftslehre ist für die
Politikberatung nicht zuverlässige. Joan
Robinson sprach sogar von der
„Ratlosigkeit“ der Volkswirtschaftslehre gegenüber den vernetzten und
vermachteten Entwicklungen auf dem Weltmarkt. Vor allem ist aber der
fundamentale Gegensatz zwischen betriebs- und einzelwirtschaftlicher
Rationalität und gesamtwirtschaftlichem Nutzen immer krasser geworden. Eine
Bewertung der Planung von Großprojekten kann heute nur noch in oft
widersprüchlich verlaufenden Szenarien erfolgen, die eine sichere Prognose
nicht mehr ermöglichen. So stehen auch bezüglich des Güneydogu Anadolu
Projesi widersprüchliche Ertragsprognosen nebeneinander, wobei sich immer
mehr die Wahrscheinlichkeit des ungünstigeren Szenarios
herauskristallisiert. Dieses Problem gilt heute grundsätzlich für die
meisten Großprojekte, bei denen die – oft politisch motivierten – allzu
optimistischen Ertragsprognosen nicht zu realisieren sind.
2.
Von den „Sozialen Kosten der Marktwirtschaft“ sprach der amerikanische
Ökonom Krapp in seinem
gleichnamigen klassischen Werk schon vor fünfzig Jahren. Je größer ein
ökonomisch-technisches Projekt ist, desto größer sind auch die sozialen
Risiken und die sozioökonomischen Anpassungsschwierigkeiten, die sich einer
planmäßigen rationalen politischen Steuerung aus Gründen der Eigendynamik
der ökonomischen Prozesse – man kann hier mit
Kluge/Negt
vom „Eigensinn“ der kapitalistischen Gewinnorientierung sprechen –
verweigert. Notwendig stellt sich auch hier die Frage nach sozial
orientierten Alternativen zu und in der Marktwirtschaft, die sich notwendig
und interdependent mit der schon angesprochenen Frage nach ökologischen
Alternativen zu und in der ökonomischen Orientierung verbindet.
3.
Der nahezu unübersehbare Kapitalbedarf des technologischen Fortschritts –
auch wenn er durchaus human und sozial motiviert sein sollte – verlangt nach
zentralen Steuerungen und Absicherungen, ob sie nun durch den klassischen
zentralistischen Nationalstaat, wie im Beispiel der Türkei, oder durch
private Kapitaleigner und Großkonzerne wahrgenommen wird. Dabei setzt die
privatwirtschaftliche Lösung entweder einen verfügbaren
binnenwirtschaftlichen Kapitalmarkt voraus, der die Kapitalrisiken tragen
kann – was nur in Industrieländern oder bestenfalls begrenzt in sogenannten
»Schwellenländern« der Fall sein dürfte –, oder es tritt der internationale
Kapitalmarkt an seine Stelle, was unweigerlich zu einer Verminderung der
Steuerungs- und Kontrollfähigkeiten des betreffenden Landes führen wird.
Diese nationale oder gar internationale Zentralisierung verhindert die
gesellschaftspolitisch notwendigen Ansätze zur Regionalisierung der
politischen Willensbildung und der Chancen der Partizipation und
Selbstbestimmung der jeweiligen einheimischen Bevölkerung. So kann gerade in
Gesellschaften mit geringer Institutionalisierung und rechtlicher
Absicherung von Partizipation und politischer Willensbildung ein
großtechnisches Entwicklungsprojekt zur Verschärfung vorhandener und zur
Manifestation bisher latenter sozialer und politischer Konflikte und damit
zur gesellschaftlichen Destabilisierung beitragen.
4.
Die Risiken der internationalen Konkurrenz um Ressourcen und Einflußsphären
wurden schon angesprochen und diskutiert. Hier ist noch ergänzend darauf
hinzuweisen, daß die ungleiche politische und ökonomische Machtverteilung
zwischen der »führenden Industrieländern«, die ihre privilegierte Stellung
durch internationale Verträge und Regelwerke abgesichert haben (GATT,
Weltbank und IWF, Zoll- und Freihandelsabkommen u.a.) und der übrigen Welt
die politische Lösbarkeit regionaler Konflikte prinzipiell erschwert oder
nur die Option einer militärischen Lösung offen läßt. Das schon
angesprochene Problem der Universalisierung des europäischen
Nationalstaatsmodelles, außerhalb dessen kaum noch politische und
gesellschaftliche Autonomie und Partizipation denkbar ist, erleichtert auf
der einen Seite Planung und Finanzierung, gegebenenfalls, auch
internationale Absicherung von großtechnischen Entwicklungsprojekten,
verringert aber die Chance, mit dem ökonomischen Fortschritt gleichermaßen
soziale Konflikte zu lösen und föderale politische Entscheidungs- und
Kontrollstrukturen durchzusetzen.
Als Résumé unserer Überlegungen zum Güneydogu Anadolu
Projesi ist daher festzuhalten, daß die Planung eines landwirtschaftlichen
und ökonomischen Entwicklungsprogrammes mit Hilfe von Staudammbauten und
Bewässerungsvorhaben in der Logik und Rationalität traditioneller
nationalstaatlicher Fortschrittsvorstellungen liegt und als
Problemlösungskonzept für gravierenden und in eine gefährlichen
gewalttätige Eigendynamik driftenden sozialen und politischen Konflikte
Südostanatoliens sicherlich sinnvoller und mittelfristig
erfolgversprechender erscheint als ein rigides Verharren auf dem Konzept
der militärischen Befriedung; andererseits
offenbaren sich in der Analyse der mit dem Projekt verbundenen Risiken und
Imponderabilien Probleme, die heute politisch und ökonomisch noch weit vor
einer absehbaren Lösung entfernt sind und in ihrer Verallgemeinerbarkeit im
internationalen Vergleich weit über das in Frage stehende Projekt und die
innertürkische Situation hinausreichen.
Dabei wird vor allem auch deutlich, daß im Rahmen einer isolierten
Untersuchung des Güneydogu Anadolu Projesi die entscheidenden Fragen nach
der Abwägung und Wertung des Verhältnisses von angestrebten oder möglichem
Nutzen und drohenden Risiken nicht hinreichend sicher beantwortet werden
können, daß gerade auch das wissenschaftliche Instrumentarium der
Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften erkennbar unzureichend und in
einer Krise befindlich ist. Umso wichtiger ist es, Projekte wie das
Güneydogu Anadolu Projesi langfristig kritisch und differenziert zu
beobachten und erkennbare Fortschritte und Entwicklungen in den
internationalen Kontext zu setzen und mit den Fortschritten und
Entwicklungen anderer, besonders auch abweichend konzipierter
Entwicklungsvorhaben zu vergleichen.
Bezogene Texte:
-
Gerd Höhler [Athen]: Das Wasser soll
Anatolien den Wohlstand bringen. Riesiges Kraftwerk am Euphrat kommt auf
Touren. Nachbarn befürchten Nachteile. Aus: Frankfurter Rundschau vom
27.7.92
-
Wasser als Waffe. Aus: Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 27.08.1990
-
Öl und Wasser. Aus: Süddeutsche Zeitung vom
22.09.1990
-
Die PKK ist unerwünscht. Aus: Wochenpost Nr.
23 vom 27.05.l992
-
Türkisches Wasser für Israel. Aus: Die Welt
vom 17.05.1990
Dokument Information:
Veröffentlicht in
politik unterricht aktuell
Heft 1995/1 [ISSN 0945-1544]
"Wandlungen
der Politischen Bildung II"
Hannover, 1995. A 5, geheftet. [ISBN 3-9804023-2-0] vergriffen
Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Kontakt vgl. Impressum (vgl.
Seitennavigation)
eMail:
bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
Netzpublikation
auf pu-aktuell 06.11.02
- Letzte Überarbeitung: 28.06.2011 / 08.08.2011
auf DTA, letzte Revision: 25.12.2011
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