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Verband der Politiklehrenden Hannover politik unterricht aktuell / Heft 1-2/2000 Gerhard Voigt:
›Grenzen‹ und ›Blöcke‹:
Nationalstereotypen und
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1964, acht Jahre nach dem ‚Volksaufstand‘, war Ungarn noch nicht im Sinne der ‚Blockintegration‘ ausreichend konsolidiert, so daß die sowjetische Militärpräsenz den Alltag ebenso bestimmte wie kleinliche polizeistaatliche Regularien.[17]
1964 besuchte ich mit einer Studentengruppe des Geographischen Instituts der TU Hannover zum ersten Mal Ungarn. Auf dem Programm stand neben einem kurzen eher touristisch geprägten Besuch Budapests eine Begegnung mit den Geographen der Technischen Hochschule Miskolc.
Dies war im Vergleich zu anderen ‚Ostblockstaaten‘ etwas Besonderes, da fachlich motivierte (hier geographische) und auch persönliche Treffen zwischen Studentinnen und Studenten ohne offizielle politische (propagandistische) Begegnungsrhetorik üblicherweise von den offiziellen Stellen ebenso mißtrauisch beobachtet – und z.B. in der DDR in der Regel verhindert – wurden wie der fachliche und wissenschaftspublizistische Austausch zwischen den Universitätsinstituten. So deutete sich schon 1964 die offenere Politik Ungarns an.
Auf deutscher Seite war, wenn eine staatliche finanzielle Unterstützung erwartet wurde, die Situation auch nicht unproblematisch. Unser Dozent entschied sich für eine Zusammenarbeit mit der „Deutschen Jugend des Ostens (DJO)“, die als Jugendorganisation der Vertriebenenverbände eine entsprechende gerade im Ost-West-Verhältnis nicht unproblematische Position einnahm. Die Folge davon war, daß uns vor der Einreise nach Ungarn ein politisches Seminar im Europa-Haus in Wien angeboten wurde. Hier war es interessant zu sehen, daß unsere Referenten durchaus prominent und liberal waren und der Emigrant György Sebestyien als renommierter Journalist das Gegenteil eines Revanchisten war.
Dieses Seminar (ob das die DJO wußte?) indoktrinierte nun keineswegs, sondern belegte schon hier die Besonderheit des ungarischen Weges und der gegenüber dem gleichzeitigen deutsch-polnischen Verhältnisses weitgehend unproblematische Beziehungen Ungarns ‚Westen‘. Das ist aber doppeldeutig, beinhaltet es doch einerseits die Chance einer offenen politischen Entwicklung, die ja auch realisiert wurde, andererseits ist es aber auch Ausdruck eines inadäquaten ungarischen Separatismus, der historisch seine Wurzeln in der Großungarn-Ideologie vor dem Zweiten Weltkrieg hat.
In Ungarn selbst erlebten wir Widersprüchlichkeiten. Die Alltagskontakte auf universitärer Ebene waren offen, unkontrolliert und kritischem Austausch gegenüber positiv eingestellt. Die Freizügigkeit im Lande war jedoch stark eingeschränkt, ein für Industriegeographen interessanter Besuch des Stahlkombinats Miskolc war nicht möglich. Die Ausdehnung und Struktur des Werkes konnten wir eher subversiv von einem Waldweg am Berghang her anschauen und (verbotenerweise) photographieren. Daß dies aber ohne Kontrollen und in Anwesenheit ungarischer Dozenten und des Busfahrers möglich war, wäre z.B. in der DDR kaum denkbar gewesen.
Auf dem Rückweg fuhren wir durch die Puszta und die Donauniederung nach Dunaújváros (Donauneustadt), das als ‚sozialistische Stadt‘ mit einem großen Stahlkombinat in den fünfziger Jahren als ‚Sztálinváros‘ neu gegründet war. Die Querung der Donau auf der einzigen kombinierten Straßen- und Eisenbahnbrücke fand unter strikter Polizeiaufsicht und mit rigidem Photographierverbot statt. Auch hier konnten wir nicht in das Industrieviertel einfahren, sondern mußten uns mit der Donaufront und der kritischen Ansicht der Arbeiter-Plattensiedlungen am Rande des Stadtkernes begnügen.
Doch war es interessant, auch hier recht detaillierte Informationen zu unseren eher spärlichen direkten Eindrücken zu erhalten, die sich in späteren Jahrzehnten im freundschaftlichen Kontakt mit ungarischen Geographen als gute Basis für ein differenzierteres Verständnis der ökonomisch-industriellen Entwicklung Ungarns dem Zweiten Weltkrieg erwiesen.
Der grundlegende Eindruck war schon hier der einer offensichtlichen Doppelrealität zwischen kritisch-offenem persönlichen Verhalten und rigider öffentlicher Kontrolle. Wir wissen, daß sich in den folgenden Jahren, unter dem gesellschaftlichen ‚Minimalkonsens‘ der Regierung Kádár die offen-kritische Sonderrolle Ungarns durchgesetzt hat. War es nicht auch ein Protestverhalten der selbst ‚kujonierten‘, zu denen zeitgeschichtlich die Persönlichkeit Kádárs ebenso zu zählen ist wie ein großer Teil der ungarischen politischen Führung (vgl. Kopácsi 1979)?
Die Vielzahl der Reisen nach Ungarn birgt einen fast unüberschaubaren Schatz eigener Erfahrungen und Erlebnisse, die oft anekdotischen Charakter haben. Der Beginn der häufigen und regelmäßigen Kontakte und auch der Reisen mit Schülern liegt in der Zeit gegen Ende der siebziger Jahre. Der Rückblick verdeutlicht den tiefgreifenden Wandel, den Ungarn in dieser Zeit durchgemacht hat. Dominierte anfangs noch der aus anderen ‚Ostblockländern‘ bekannte Eindruck ‚sozialistischer Tristesse‘, so wurde der ungarische ‚Sonderweg‘ von Mal zu Mal deutlicher und bestimmte dann auch das äußere Erscheinungsbild der Hauptstadt. Doch sollen diese ‚Anmutungen‘ nur den Rahmen geben für einige Berichte von Gesprächen und Kontakten in Ungarn als Hinweis auf die vermittelte Stimmung, in der diese Begegnungen stattfanden und die damit für die eigentliche Erlebnisdimension von einiger Bedeutung sind.
Die privaten Ungarnreisen waren immer in einer Weise unspektakulär-angenehm, daß sie zum Thema unserer Überlegungen recht wenig beitragen. Wichtigere Einsichten vermittelten Studienreisen mit Schülern, bei denen systematische Kontakte und Besichtigungen konstituierend waren. Schülerreisen mußten, um erfolgreich durchgeführt werden zu können, durch zugelassene Reisebüros organisiert werden, sonst wäre Unterbringung und vor allem inhaltliches Programm nicht zu realisieren gewesen. Private Ungarnreisen konnten während der ganzen Zeit individuell ohne Reisebüro durchgeführt werden, Transitvisa wurden sogar direkt an der Grenze erteilt.[18]
Neben einer Reise mit einem deutschen Reisebüro organisierten wir die meisten Studienfahrten[19] über das Reisebüro ‚Expresz‘ in Budapest. Dieses Reisbüro gehörte der Jugendorganisation der ungarischen Arbeiterpartei, KISZ, und war bereit, auch sehr dezidierte Reise- und Gesprächswünsche zu realisieren. Die vermittelten Reiseleiter waren, im Gegensatz zur DDR, niemals ‚Aufpasser‘, sondern nahmen ihre Servicefunktion sehr ernst und waren recht gut qualifiziert aber eben nicht indoktriniert.
Nach der ‚politischen Wende‘[20] und dem Ende der Jugendorganisation haben wir die folgenden Studienfahrten weitgehend selbst organisiert und nahmen sehr dankbar die unermüdliche Hilfe unseres Freundes und Fachkollegen, Prof. Zoltan Antal, vom Wirtschaftsgeographischen Lehrstuhl der Éötvös-Lorand-Universität Budapest in Anspruch. Dieser sich über das Jahrzehnt hinaus ziehende Kontakt war für das Erkennen der ökonomischen und politischen Transformationsprobleme Ungarns[21] von ausschlaggebender Bedeutung und bildet nun die Basis der Reflexion früherer Erinnerungen und Eindrücke.
Schon in den siebziger und achtziger Jahren waren die im vorherigen Abschnitt geschilderten Kontakt- und Spionageängste in Ungarn überwunden und selbst belächelte Geschichte – ganz im Gegensatz zur DDR. Durch Vermittlung des genannten Jugendreisebüros – natürlich reagierend auf dezidierte Wünsche und Programmvorstellungen unsererseits, die aber sichtlich gern bearbeitet und erfüllt wurden, da sie von den üblichen touristischen Wünschen jugendlicher Reisegruppen deutlich abwichen – konnten wir wesentliche Einblicke in den ungarischen ‚sozialistischen‘ Alltag nehmen und erhielten interessante Gesprächspartner.
So besuchten von mir begleitete Schülergruppen verschiedene landwirtschaftliche Großbetriebe, wie die Cooperative Ungarisch-Sowjetische Freundschaft in Kecskemét und ein staatliches Weingut in den Sandgebieten der großen Ungarischen Tiefebene, dem Alföld. Später kamen noch in Begleitung von Prof. Antal Betriebe im Osten und Nordosten des Landes und in der Region Pécs in Südungarn dazu, bei denen vor allem die nachsozialistischen Transformationsprozesse studiert werden konnten.
Im industriellen Bereich konnten vor allem Betriebsbesichtigungen bei der Autobusfabrik Ikarus in Budapest wesentliche Einblicke vermitteln, aber auch ein Besuch der Bekleidungsmanufaktur Élegánt. In der ‚Nachwendezeit‘ kamen weitere Betriebe hinzu, so im schwerindustriellen Bereich privatisierte Nachfolgebetriebe des Stahlkombinats auf der Czepel-Insel in Budapest. In einer dankbar angenommenen Fachexkursion, die Prof. Antal leitete, konnte ich auch noch einiges über das Altindustriegebiet Nordungarn mit der Glasindustrie in Sálgotarjan und der absterbenden Eisenindustrie von Ózd an Ort und Stelle erfahren und in die Vorbereitung der nächsten Studienfahrten mit Schülerinnen und Schülern einfließen lassen.
Was fiel unseren Schülerinnen und Schüler zunächst bei Ikarus auf? Das Werk – in Budapest ist das Zweigwerk des Stammwerkes in Székesfehérvár [Stuhlweißenburg] –, damals beinahe noch der Monopolbetrieb für den ganzen RGW im Bereich der Herstellung von Stadt- und Regionalverkehrsbusse, machte auf den ersten Blick einen beinahe chaotischen, veralteten Eindruck, wie man sich eben einen ‚sozialistischen Staatsbetrieb‘ vorstellt. Arbeitsschutzvorschriften schienen grundsätzlich mißachtet zu werden – kein individueller Lärmschutz (obwohl entsprechende Schilder aufgehängt waren), nur wenige Arbeiterinnen und Arbeiter in den Produktionshallen, in denen schwebende Lasten durchaus an der Tagesordnung waren, trugen Schutzhelme, Sicherheitsstiefel schienen ebenso unbekannt gewesen zu sein, die Drehbänke und sonstigen Arbeitsplätze, an denen vor allem Frauen arbeiteten, waren heimelig mit Blumentöpfen geschmückt –, doch herrschte, wieder im Gegensatz zu Eindrücken in anderen RGW-Ländern, der Eindruck intensiver Geschäftigkeit und durchaus effektiven Arbeitens vor. Diese Eindrücke sind zwar zunächst subjektiv, stehen aber in einem kommunikativen Wahrnehmungsprozeß, in den beide einbezogen sind, und der damit auf beachtliche soziale Realitäten verweist und durchaus objektiven Unterschiede zwischen den ‚Ostblockländern‘ aufzeigt – das Thema unseres Aufsatzes.
Sehr schnell fiel unser Blick auch darauf, daß die Produktionspalette sehr differenziert war, wenn man sich erst einmal von dem überwältigenden Eindruck Hunderter immer gleicher Stadtbusse, wie man sie ja aus beinahe allen osteuropäischen Städten kennt, in der riesigen Produktionshalle lösen konnte. Daneben standen ‚superluxuriöse‘ Überlandbusse mit Schlafsitzen, Küche und in den Plätzen integrierten TV-Schirmen der Marke Volvo – wie? Ja doch, das kleine Produktionsschild an der Fahrertür sagte eindeutig: Made in Hungary. Ikarus Budapest. Zudem die Achsen und Getriebe: Marke Rábá, Györ, einem ungarischen Traditionsbetrieb mit Weltruf. Warum stand aber auf den völlig gleichen Achsen für die Exportfahrzeuge MAN? Auch das ist zu klären: Rábá war (und ist) Lizenznehmer und osteuropäischer Produktionspartner von MAN.
Was für den Beobachter vielleicht überraschend war, ist die schon Ende der siebziger Jahre auf betrieblicher Ebene in Ungarn mögliche und forcierte internationale Kooperation und Integration, die über die RGW-Rahmenbedingungen weit hinaus ging und marktwirtschaftlichen Strukturen folgte. Wichtig in weltpolitischer (blockpolitischer) Hinsicht war hierbei, daß diese Kooperationen nicht demonstrativ durch Staatsverträge publik gemacht, sondern aus jeweils gegebenem ökonomischen Bedürfnis heraus dezentral mit Billigung der staatlichen Außenhandelsorganisation vereinbart wurde.
So war es nur halb überraschend, in Istanbul fast ausschließlich, oft recht alte, Ikarus-Stadtbusse zu sehen, die in ihrer einfachen Technik den Bedürfnissen der Türkei gut angepaßt und vor allem finanzierbar waren. Doch ein zweiter Blick irritiert auch hier: Als Markenname firmieren diese Busse als MAN, ihre Produktion: OtoMAN, der türkischen Tochterfirma von MAN. Hier sieht man schon in den siebziger Jahren beginnend eine technisch-ökonomische Verflechtung, die weit über einzelne Lizenzverträge hinaus ging und heute eigentlich nahtlos in die aktuellen Globalisierungsprozesse überführt worden ist.
Für Ungarn ist diese früh angelegte internationale Kooperation heute ein ökonomischer Standortvorteil, sich durch technisch-ökonomische Innovation in der Globalisierung zu positionieren, um damit Startvorteile in der angestrebten EU-Mitgliedschaft zu gewinnen.
Zurück nach Budapest, in das Ikarus-Werk. Daß auch Prototypen von Standard-Stadtbussen nach westdeutscher Norm gefertigt wurden, versteht sich von selbst. Doch fanden sie nicht den Weg auf den westdeutschen Markt. Einerseits wird von massiver Einflußnahme von MAN und Mercedes bei der Ausschreibung kommunaler Aufträge berichtet (was in Zukunft nach EU-Richtlinien schwerer fallen wird aber weiterhin Praxis ist), andererseits denke ich, daß gerade die funktionierende internationale Kooperation von Ikarus mit westeuropäischen Automobilfirmen die ungarische Firma zu Zurückhaltung auf dem westdeutschen Markt veranlaßte.
Aber noch etwas war uns ganz konkret aufgefallen: In der selben Produktionslinie von Standard-Überlandbussen für den RGW-Markt waren Unterschiede in der Verarbeitungsqualität und -sorgfalt offensichtlich. In einigen Fahrzeugen wurden die Fußböden über den Kofferräumen sorgfältig geglättet und mit Abdeckplatten von unten sorgfältig befestigt, bei anderen Fahrzeugen wurden einfach ein paar lange Schrauben wie Nägel von oben durch das Blech gejagt und noch nicht einmal korrekt eingedreht, die dann zentimetertief in den Kofferraum hineinragten – eine Horrorvorstellung für Kofferbesitzer. Warum also dieser Pfusch? Sehr gerne wurde uns darauf sicherlich nicht geantwortet, aber schließlich konnte man doch erfahren: die sorgfältig gefertigten Fahrzeuge gingen an ungarische Besteller, z.B. Volán, der Pfusch wurde in die Sowjetunion geliefert... Soviel zur brüderlichen Freundschaft im ‚Ostblock‘.
Ja, und was hat es mit der Ungarisch-Sowjetischen Freundschaft in der Kooperative in Kecskemét auf sich? Diese Frage stellten Schülerinnen und Schüler sofort bei unserem ersten Besuch auf einem genossenschaftlichen Gut, das so groß war wie ein Landkreis in Deutschland. Die Antwort, noch Ende der siebziger Jahre, war zunächst einmal herzliches Lachen. Und dann kamen einige recht despektierliche Äußerungen, von denen die Aussage „hier ist noch kein Russe gewesen“, die harmloseste war. Antisowjetische und antirussische Affekte wurden nur allzu deutlich und bestätigen damit die Aussage, daß herkömmliche und zeitgeschichtlich verstärkte politische und Volkstums-Stereotypien stärker waren als jede ‚Blockpropaganda‘ oder gar ein nicht vorhandener sozialistischer Internationalismus.[22]
Daß demgegenüber ebenso realitätsfremde Positivstereotypien gegenüber Westeuropa und Westdeutschland gepflegt wurden, zeigt nur zu deutlich das Scheitern der kommunistischen Identitätsstiftung und Blocklegitimation, die offizieller Bestandteil der staatlichen Leitideologie waren.
Warum dann der Name der Kooperative? In der stalinistischen Zeit bei der erzwungenen Gründung der Genossenschaft übernahm die Massenorganisation ‚Gesellschaft für Ungarisch-Sowjetische Freundschaft‘ die Patenschaft über die Kooperative, was mit der bevorzugten Nutzung der genossenschaftlichen Infrastruktur des Betriebes für die Mitglieder der Massenorganisation verbunden sein sollte, praktisch aber dann kaum eine Rolle spielte.
Als Exkurs sollte hier auf die besondere institutionelle und ökonomische Struktur und Funktion der ungarischen Kooperativen hingewiesen werden, die sie deutlich von den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in der DDR wie auch von den Kolchosen der Sowjetunion abhoben. Das ungarische Modell war im Rahmen der sozialistischen Bedingungen und der RGW-Einbindung ein Erfolgsmodell, das vor allem auf eine größere ökonomische Unabhängigkeit und eine andere Rechtsstellung der Eigentümer zurückzuführen ist.
In der Kollektivierungsphase in Ungarn wurden einmal die adligen Großgrundbesitzer enteignet und expatriiert. Ihre Güter wurden zu Staatsgütern, ihr Streubesitz zum Kollektiveigentum der neuen Kooperativen. Ländlicher Kleinbesitz war in Ungarn zwar vorhanden, aber bildete keine sozial abzugrenzende Institution wie in Polen. So konnten bei der Kollektivierung für die ‚Kleinbauern‘, die in einer traditionsreichen konservativen politischen Partei doch ein politischer Machtfaktor waren, der, da die Kleinbauern als sozial deprivierte Schicht nicht als Klassenfeind zu definieren waren, ein privilegierter Status innerhalb der Kooperativen ausgestaltet werden, der mit dem formalen Behalt eines Eigentumstitels an Land und Gebäuden verbunden war.[23]
So entstand im genossenschaftlichen Sektor eine gemischte Besitzform, in der genossenschaftliche Arbeit auf den großen Flächeneinheiten neben privatbäuerlicher Feldwirtschaft eine recht lukrative Verbindung eingehen, der sich eine ökonomische Diversifizierung zuordnete, indem Infrastruktur, Reparatur, Service und technische Betriebsteile und Handel mit landwirtschaftlichen Produkten sich –man würde heute sagen: in dezentralen ‚profit centers‘ –verselbständigten. Die Einkommensverhältnisse waren über Jahrzehnte in Ungarn auf dem Lande besser als in den industriellen Agglomerationen, in denen nach und nach die gemischtwirtschaftlichen Produktionsformen der landwirtschaftlichen Kooperativen ebenso nachgeahmt wurden wie in den Staatsgütern, was die gesamtwirtschaftliche Produktion verbesserte und die internationale Verflechtung Ungarns förderte.
Das Selbstbild Ungarns von diesen politisch-ökonomischen Erfolgen sehr stark geprägt. Abwehrende und abgrenzende Stereotypen gegenüber den anderen RGW-Nachbarn, vor allem aber gegenüber der DDR waren an der Tagesordnung. In den achtziger Jahren konnten wir ein aufschlußreiches Gespräch mit einem Spitzenfunktionär der kommunistischen Jugendorganisation KISZ und Parlamentsabgeordneten führen, dessen Standardformulierung uns aus anderen Gesprächen schon vertraut war: „Wir sind doch hier nicht in der DDR!“
Sein Bild von der Jugendorganisation in Ungarn war lieber klein und fein (vielleicht sogar elitär) als groß und unbeweglich (vielleicht sogar nur dem sozialen Druck gedankt). Negativbild, von dem es sich anzusetzen galt, war eindeutig die FDJ der DDR, die als politisch völlig ungeeignet und letztlich schädlich für die Durchsetzung sozialistischer Überzeugungen eingeschätzt wurde, weil sie in der Bevölkerung nicht glaubwürdig war.
Auf der gleichen Reise wurde in einem Jugendlager des Jugendreisebüros Expresz am nördlichen Ufer des Balaton in der Nähe von Tihanyi die alltägliche Konsequenz dieser negativen Einschätzung (ungewollt) sichtbar gemacht. Unsere Schülergruppe kam in recht wohnlichen Vierbett-Blockhütten unter; das Essen im Strandpavillon war gut, ungarisch und reichhaltig, der Service hotelähnlich und überaus freundlich und zuvorkommend.
Beim Mittagessen hörten wir von einer anderen, sehr viel ungünstiger plazierten Gruppe in deutscher Sprache lautstarke Klagen über ‚schlechtes Essen, unbequeme Zelte, unmögliche Bedienung etc. etc.‘. Versuche, mit der Gruppenleiterin und den Jugendlichen in Kontakt zu treten, wurden brüsk zurückgewiesen. Die Gruppe kam erkennbar aus Sachsen und wurde von der FDJ betreut. Auf unsere Fragen bei unserem ungarischen Reisebegleiter Péter Rill, der ein Musterbeispiel an Kompetenz und Zuvorkommenheit war[24], wurde eine zweite Dimension des Konfliktes über die mentale Ebene hinaus deutlich: Zwischen KISZ und FDJ bestand ein Austauschvertrag, der von den deutschen Jugendlichen, die damit die einmalige Chance eines Auslandsaufenthalts bekamen, gerne in Anspruch genommen wurde, von den jungen Ungarn jedoch herzlich wenig, denn ein Interesse an der DDR bestand hier überhaupt nicht. So mußte die ungarische Seite ständig zuzahlen, wenn die Gäste aus der DDR kamen, denn eine finanzielle Verrechnung in Devisen gab es nicht.
So wurden die Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland sichtlich (gegen DM) bevorzugt und umsorgt, während man an den DDR-Gästen sparte. Das verstärkte aber negative Urteile in der DDR gegen Ungarn oder andere als ‚feindlich eingestellt‘ erlebte Ausländer, und erst recht gegenüber den ‚privilegierten Westlern‘. So war es sicherlich nicht nur politisch motiviert, daß eine Kontaktaufnahme mit unseren Schülerinnen und Schülern von der DDR-Gruppe, die ohnehin schon frustriert war, brüsk zurückgewiesen wurde. Interessant wird die Interpretation dieser Konflikte, die ja überdauernde Bewußtseinsspuren hinterlassen haben, durch die offensichtlichen sich gegenseitig verstärkenden Wechselwirkungen, die die verschiedenen Bedeutungsebenen untereinander aufweisen, wobei Prozesse der self-fulfilling prophecies ebenso eine Rolle spielen, wie zivilisationsgeschichtliche Wahrnehmungsdissonanzen.
Der Vergleich der Lebensverhältnisse und der Lebenswirklichkeiten in den Ländern, die offiziell einer Blockideologie des RGW und der WPO unter der Hegemonie der Sowjetunion untergeordnet waren, ist durch systemtheoretische Ansätze nicht hinreichend auszudifferenzieren.
Lebenswirklichkeiten werden vor allem durch Bewußseinsinhalte geprägt, wahrgenommen und bewertet, also vor allem durch die alltäglichen Symbolwelten. Daß diese zunächst immer stereotypen Charakter tragen, ist evident. Daher ist auch der traditionelle aufklärerisch-pädagogische Ansatz, vorurteilsfreie Realitätssichten herzustellen durch Ideologiekritik und Aufklärung über Vorurteile zwar ethisch nachvollziehbar, in der sozialen Realität aber zum Scheitern verurteilt.
Im Ansatz ist daher der marxistisch-kommunistische Ideologiebegriff, der mit der Möglichkeit einer von der sozialen Perspektive bestimmten gesellschaftlichen Realitätserfahrung gleich gesetzt wird, sozialphilosophisch sinnvoll, aber in seiner affirmativen Konsequenz, daß eben diese Realitätssicht, wenn sie den richtigen Interessen dient, damit schon eo ipso gut und richtig ist, nicht hinreichend.
Dieser normativ-kategoriale Realitätsbegriff ist zu ersetzen durch diskursive Realitätssichten. Grundlage eines didaktischen Diskurses kann auch hier der Rückgriff auf Erfahrungen, oral history und Alltagserzählungen sein, in denen gerade anekdotische Zuspitzungen viel über die kulturellen Selbstverständnisse aussagen. Kontrastive Ansätze ergeben sich, wenn diese Symbolwelten in verschiedenen Ländern verglichen werden.
In unserem Kontext bieten sich einige pointierte Erzählungen aus Ungarn und aus Polen an, die den Verfasser nachdenklich gemacht haben. Kann aus Anekdoten und Erzählungen etwas über ungarische historische Selbstbilder erfahren werden und können diese aufklärerisch und nicht Stereotypen verfestigend gelesen werden?
Ein ungarischer Emigrant kommt nach New York. Das einzige was er mitgebracht hatte, war ein Bündel ungarischer Forint. Auf Rat eines Leidensgenossen will er doch versuchen, sich neu einzukleiden, um bessere Chancen bei der Jobsuche zu haben und geht zu einem kleinen Schneiderladen, eher ein Trödler, der selbst Immigrant ist und den Ruf hat, dem Kunden angemessene Preise zu verlangen. „Was hast Du denn für Geld?“ fragt er den ungarischen Einwanderer. „Nur ein paar Forint. Es ist zwar ein ordentlicher Stapel, aber der Wert...“ – „Laß einmal sehen? Wer sind denn die Männer auf diesen Scheinen? Sind das eure Präsidenten, wie bei uns auf den Dollarnoten?“ – „Nein, sie sind viel mehr, es sind unsere Volkshelden!“ Die Augen des Ungarn leuchten vor Begeisterung. „Das ist Lajos Kossuth, der 1848 den Aufstand gegen die Habsburger anführte!“ – „Und er wurde nach dem Erfolg des Freiheitskampfes euer Präsident?“ – „Nein, leider nicht, der Aufstand hatte keinen Erfolg und Kossuth starb im Exil.“ – „Und wer ist dieser großartige Mann?“ – „Unser Nationaldichter Pétöfi!“ – „Und wo lebte er?“ – „Er wurde im Befreiungskampf erschossen und verscharrt. Sein Grab ist bis heute unbekannt.“ – Die nächsten Geldscheine. „Das ist Graf Széchenyi, der die Modernisierung und Industrialisierung Ungarns durchgeführt hat und die Kettenbrücke in Budapest bauen ließ...“ – „Und er ist dabei reich und glücklich geworden?“ – „Nein, er starb verarmt durch Selbstmord in einer österreichischen Irrenanstalt.“ – „Oh Gott! Welch ein Schicksal! Aber das hier ist doch ein gekrönter König?“ – „Na ja, das ist der Freiheitskämpfer György Dószá. Die Fürsten rösteten ihn auf einem glühenden Eisenthron und krönten ihn mit einer glühenden Eisenkrone. Seine Mitkämpfer mußten vor ihrer Hinrichtung sein Fleisch essen...“ – „Aber gibt es nicht hier zuletzt doch noch einen glückreichen Helden?“ – „Das ist der größte moderne Komponist Ungarns, Bélá Bartók; er starb völlig verarmt im Exil in New York nach dem Zweiten Weltkrieg...“ – „Und du kommst jetzt auch nach New York, mit diesem Geld, mit diesen Helden? Nein, dir kann ich für deinen Anzug kein Geld abnehmen, sei mein Gast...“
Die Interpretation dieser gut erfundenen Anekdote ändert sich, je nachdem Erzähler. Ich habe sie in Ungarn gehört und zwar voller Selbstironie. Doch dieser ironische Pessimismus ist durchaus ambivalent und kann sich auch über Selbstmitleid in Aggression umwandeln. Hier verbinden sich Opfermythos mit heroischen Selbstbildern, die weit in die Geschichte zurückreichen und ihre Wurzeln sicher schon in der Zeit der Landnahme und ihrer stereotypen Tradierung haben.
Erzählt es ein Nicht-Ungar –also in der Anekdote die ‚Schneiderperspektive‘ ‑, so changiert die affektive Komponente der Erzählung zwischen Mitleid und Überheblichkeit: Unser Bild vom Helden ist die des erfolgreichen Siegers. Zwei Heldentumskonzepte stoßen hier aufeinander und öffnen damit den Blick auf unterschiedliche kollektive Erfahrungen von Völkern und auf eine unterschiedliche Geschichtsrezeption. Die ungarische Perspektive ist hier die des ‚underdog‘, der in Konfliktsituationen zu selbstmörderischem Heldentum über sich hinaus wächst und zur kollektiven Symbolfigur wird. Für die Perspektive der Politischen Bildung ist es hier wichtig, daß diese Selbstbilder und kollektiven Identifikationsmuster Teil des Verhaltensrepertoires auch in Alltagssituationen wird und damit heutige Realitäten prägen kann.
Der Volksaufstand der Ungarn 1956 ist ein vergleichbares Ereignis: Aus eher banalem Anlaß von Sympathiedemonstrationen für die rebellischen Polen, die nach dem Tode des Stalinisten Bierut den blutig niedergeworfenen Posener Aufstand vom 28. Juni erlebten, dann aber eine schrittweise Entstalinisierung ihres Staates und die Einsetzung des Nationalkommunisten Gomulka durchsetzen konnten, eskalierte eine gewalttätige ‚heldenhafte‘ Fundamentalopposition, die erst durch das Eingreifen sowjetischer Truppen niedergeschlagen werden konnte.
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„Die Magyaren machten sich wie die anderen Stämme der Völkerwanderung auf den Weg, wenn auch mit einer kleinen Verspätung, um im sonnigen Italien zu siedeln und Rom zu erobern – dann merkten sie zu ihrer Überraschung, daß andere schon vor ihnen angekommen waren. Nun – dann blieben sie eben in Ungarn und gründeten statt dessen Buda. Aber erst später merkten sie, daß sie ihre Hauptstadt am Tor zur Hölle erbaut hatten“, erzählt uns ein ungarischer Historiker. Ist das „Tor zur Hölle“ nun der Ort der heißen Quellen und endlosen Höhlen im Kalkgestein – oder ist es der Ort der Belagerungen, Eroberungen, des Verrats und des Mordes? Die Ironie und Selbstironie ist ambivalent und damit typisch für ein auf den ersten Blick pessimistisches nationales Selbstbild.
In traditionellen Geschichtsbüchern wird das Bild der Ungarn als der Beschützer Europas vor der türkischen Gefahr beschworen oder zumindest aus zeitgenössischen Quellen zitiert [MacCartney, 1971; Dienes, 1977; Hanák, Hg., 1988]. Die wahren Helden Ungarns die Märtyrer, die sich in auswegloser Lage für Ungarn opfern, wie der ‚Held von Szigetvár‘, Miklós Zrinyi, oder die Verteidiger von Eger gegen die Osmanen. Heutige Historiker [Lázár, 1990] stehen dieser Geschichtsdeutung skeptisch gegenüber.
Für wen opfern sich diese ‚Helden‘? Die ungarische Nation bezeichnete damals ausschließlich eine kleine Schicht hoher Adliger und Magnaten, deren feudale Kohäsion keinerlei Identifikation mit einem Volk oder gar der unfreien Bauernschaft implizierte. Dieses Heldentum ist so feudal wie der ritterliche Ehrenkodex im westeuropäischen Mittelalter.
Wer kämpfte gegen die ‚Türken‘? Archäologische Untersuchungen der Schlachtfelder und kritische Quellenanalysen ergeben, daß die adligen Kriegsherren von Söldnertruppen unterschiedlichster Herkunft umgeben waren und daß sich die Heere der ‚christlichen Ungarn‘ von denen der ‚islamischen Osmanen‘ in keinerlei Hinsicht unterschieden [Lázár, 1990].[25]
Welches Europa wurde vom ‚Bollwerk Ungarn‘ beschützt? Ein zutiefst von Fehden und Kriegen zerrissener Kontinent, der den Ungarn nur dann zu Hilfe kam, wenn es eigenen Herrschaftsinteressen nützte. Sogar in Ungarn selbst war die gesellschaftliche und feudale Unterstützung der ‚Helden‘ eher die Ausnahmen – aber war für den Frieden und eine nachhaltigere Entwicklung des Raumes nicht die auf Kompromisse abzielende Haltung des ungarischen Königs, der, in Buda regierend, den Osmanen tributpflichtig blieb, wie auch der auf eigene Interessen bedachte Haltung Siebenbürgens nachhaltiger als die Heldentaten der ungarischen Volkshelden?
Warum beschäftigen wir uns mit diesen nationalen Selbstbildern, warum üben sie bis heute eine große Faszination aus? Weil sie im gesellschaftlichen Alltag Wert- und Verhaltensoptionen bereit stellen und damit Realitäten verändern und prägen. Für uns ist die Beschäftigung mit dieser Realitätsdimension im Rahmen der Politischen Bildung heute wichtig, weil wir offensichtlich im Rahmen der Globalisierungs- und Universalisierungsprozesse an einer Schnittstelle zwischen alten und noch undeutlichen neuen Verhaltens- und Wertrepertoires stehen, deren Trennlinien unübersichtlich sowohl in regionalen, sozialer und intergenerationeller Hinsicht verlaufen. Sicherheit, daß traditionelle stereotype Verhaltensoptionen nicht jederzeit wieder funktionalisierbar und verfügbar sind, besteht nicht, wie die Renationalisierung und Reethnifizierung von gesellschaftlich-politischen Konflikten sowohl in den Transformationsländern als auch in den semiperipheren Regionen erweisen.
Politische Bildung muß daher mehrere funktionale, zeitliche und wertbesetzte Realitätsebenen gleichzeitig im Auge behalten und deren Interdependenzen ergründen. So stellt sich historisch-sozialwissenschaftlich die Frage nach Herkunft und Funktion stereotyper Selbstbilder. Schlüssige Erklärungsmodelle sind hier noch selten (vgl. dazu Smolicz, 1983), so daß hier nur einige begründete Thesen mit einer gewissen historischen Wahrscheinlichkeit aufgestellt werden können, um Diskurse der Politischen Bildung zu diesem Thema anzustoßen.
Ungarn, darauf rekurriert die stereotype Aktualisierbarkeit des Landnahmemythos, der die viel komplexere tatsächliche Herausbildung eines magyarischen Herrschaftsraumes auf wenige ideologische Grundmuster reduziert[26], folgt im 10. bis 11. Jahrhundert dem Migrationsmuster einer kriegerischen Überschichtung einheimischer Bevölkerungen durch ein asiatisches Reitervolk mit dessen gesellschaftlicher Strukturierung in Gentes und Klientele (die elf Stämme der Magyaren in der Überlieferung). Die Zahl der Migranten dürfte klein und dennoch nicht einmal homogen gewesen sein. Die ökonomische Existenzbasis waren Raub und Eroberung und Beherrschung einer in die Unfreiheit gedrängten einheimischen bzw. aus früheren Migrationswellen stammenden landwirtschaftlichen Bevölkerung.[27]
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Auf den ersten Blick weisen die Heldenmythen der Ungarn viele Parallelen zu polnischen Selbstbildern auf. Doch bei genauerer Analyse fallen doch grundlegende historische und bedeutungs-funktionale Divergenzen auf.
Gerade seit den Polnischen Teilungen in der Neuzeit kultiviert Polen ein ausgesprochenes Opferbewußtsein, das durch die objektive neuzeitliche Geschichte auch immer wieder bestätigt wird. Polnische Teilungen, Nazi-Okkupation im Zweiten Weltkrieg, Westverschiebung und stalinistischer Oktroy bestärken einerseits die Opfermythologie und andererseits das Bewußtsein, im Staat den aufgezwungenen Herrscher zu erfahren. Soweit eine Parallele zum ungarischen Selbstverständnis. Auch ihre ins Irreale zielende Überhöhung im 19. Jahrhundert im Sendungsbewußtsein des Messianismus[28] und im elitären Eskapismus des Sarmatismus eines Teils des Magnatentums findet Parallelen in der ungarischen Geschichte und ist Kennzeichen für die Modernisierungswiderstände und sozioökonomischen Entwicklungsrückstände in beiden Ländern.
Wenn diese Parallele jedoch der Nationalstereotypen weiter verfolgt wird, trifft man sehr häufig auf die polnischen „Helden“ des Weltkrieges, die als Kavallerie anrückende Panzerformationen angegriffen haben sollen. Doch ist hier, auch wenn sich die Parallele zum ungarischen heldenhaften Märtyrertod aufdrängt, Vorsicht angebracht. Dieser Mythos dürfte unabhängig von jeder realen Kriegsbegebenheit[29], eine pejorative Fremdstereotype sein, um Polen als rückständig und dumm zu diffamieren, wobei das „Heldenetikett“ die gleiche bösartige Absicht verfolgt wie die tödliche Krönung von György Dószá durch seine fürstlichen Feinde. Auf der gleichen Ebene liegt das Fremdbild von der Polnischen Wirtschaft, das zwar historisch-ökonomischer Beweise nicht mangelt, aber gar nicht darauf abzielt, eine tatsächliche Realität zu verstehen, sondern einen Fremden aggressiv negativ zu etikettieren.
So kommen wir zu einigen historisch aufzudeckenden Unterscheidungen im Stereotyp- und Mythologierepertoire dieser beiden Länder. Polnische Stereotypien in der heute vorzugsweise vorzufindenden Ausgestaltung sind historisch jüngeren Ursprungs und reflektieren vor allem die Geschichte seit den Polnischen Teilungen. Sie sind zudem weitaus stärker von Fremdstereotypen oft in sehr aggressiver, feindlicher Form überlagert, als es in Ungarn der Fall war und ist. Das hängt auch damit zusammen, daß für die Nachbarn zwar sowohl Polen wie Ungarn Konfliktgegner und Objekte von Eroberungen gewesen sind, Ungarn aber für diese Hegemonialmächte keineswegs existenzbedrohlich, sondern eher Aufmarschgebiet und Glacis zwischen verfeindeten Großmächten gewesen ist. Polen selbst, im Mittelalter eine große europäische Macht, war politisch und gesellschaftlich für seine Nachbarn gefährlich. Polnische Entwicklungen und politische Selbstverständnisse wurden von Rußland, Preußen wie vom Habsburgerreich als bedrohlich, existentiell destabilisierend wahrgenommen. So kam es schließlich zu den Polnischen Teilungen, in Ungarn aber letztlich zum Ausgleich und zur k.u.k.-Doppelmonarchie.
Nachdem wir versucht haben, ungarische Nationalstereotype auf gesellschaftliche Erfahrungen in früheren geschichtlichen Phasen zurückzuführen, sei dies exkursorisch auch für Polen angedeutet. Hier werden dann wichtige Unterschiede deutlich.
Die westslawische Einwanderung entsprach nicht dem Überschichtungsmuster der kriegerischen Reitervölker, denen wir unsere Aufmerksamkeit gewidmet hatten. Das langsame Vordringen der Slawen in diesem Raum war landwirtschaftlich fundiert. Es entwickelte sich spätestens im Frühmittelalter eine freie bäuerliche Kultur, die in ökonomischer Fundierung wie im Selbstverständnis sehr deutlich zu unterscheiden ist von der gleichzeitigen fränkisch-germanischen Herrschaftsnahme in der Zeit der Völkerwanderung in Mittel- und Westeuropa, die dem Muster der Überschichtung durch eine Kriegerkaste entsprach.[30]
Zu den stereotypen Folgen und Alltagsüberzeugungen, die aus dieser frühen Prädisposition folgern, gehört ein spezifisches, bodengebundenes Freiheitsgefühl, das sich Herrschaftsansprüchen grundsätzlich sperrt. Da Völkerwanderung und Mittelalter diesem westslawischen Siedlungsbereich eine dauerhafte Integration in kriegerische Herrschafts- und Überschichtungssysteme ersparten, konnte sich eine auf dem freien Bauerntum basierende Freiheitsideologie in Polen entwickeln. Die Freiheit der ‚Polonitas‘ als Vorläufer einer polnischen Nation war zunächst eine rurale Volksfreiheit, die sich nur teilweise ökonomisch-machtstrukturell im Laufe des Mittelalters und der frühen Neuzeit ausdifferenzierte in privilegierte Magnaten, eine im europäischen Vergleich sehr große Adelsschicht, der Szlachta, die in der frühen Neuzeit noch bis zu einem Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte und legitimer sozialer Nachfolger des freien Bauerntums war, und schließlich der in die ‚Polonitas‘ nicht integrierten ländlichen Unterschichten und Unfreien und aller, ‚die arbeiten mußten‘, wo sich die im Mittelalter in ganz Europa herrschende Geringschätzung der Arbeit perpetuierte.
Die ungarische Freiheitsideologie war demgegenüber eine Freiheit der adligen Oberschicht, die für sich die ungarische Nation in Anspruch nahmen. So ist es zu verstehen, daß sich in beiden Ländern die sozio-ökonomische Modernisierung durch das neuzeitliche Bürgertum, nach dem Vorbild von Frankreich oder Großbritannien, nur gegen große Schwierigkeiten entwickeln konnte. In Polen war der soziale Träger der Modernisierung ein städtisches Bürgertum, das einen hohen Anteil westeuropäischer Einwanderer enthielt, und das sich emanzipierende Judentum. Letzteres spielte auch in Ungarn eine große Rolle. Daneben entstand eine bürgerliche Reformbewegung in Ungarn aber eher im Kontakt mit bestimmen adligen Kreisen wie den Grafen Széchenyi (Vater und Sohn), die motiviert durch den Kampf gegen die Habsburger Herrschaft eine Öffnung der privilegierten ungarischen Adelsschicht hin zu einer neuen Intelligenzschicht und der wachsenden städtischen Bevölkerung vor allem in Budapest betrieben. Die rurale Gesellschaft blieb aber bis zur Gründung der Volksrepublik weitgehend in alten feudalen Abhängigkeiten befangen. Dies erklärt den eklatanten Unterschied des ökonomischen Erfolges und der gesellschaftlichen Akzeptanz der sozialistischen Kollektivierung von Grund und Boden, der in Polen im nicht überbrückbaren Widerspruch zur traditionellen ruralen Freiheit und Bodenideologie stand und daher letztlich nicht durchsetzbar war, in Ungarn aber einen deutlichen sozio-ökonomischen Fortschritt bedeutete und daher bessere Ergebnisse brachte als in allen anderen RGW-Ländern.
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Es ist angemessen, nun auch für Polen abschließend noch einmal die anekdotische und die erlebnisorientierte Berichtsform einzuführen. Ganz allgemein wird Polen in der Geschichte mit Freiheit identifiziert, wobei Fremd- und Selbstbild tendenziell zur Deckung kommen, die Bewertung aber grundlegend unterschiedlich ist. Polnische Freiheit wurde in den Nachbarländern immer als bedrohlich und destabilisierend empfunden und als revolutionäres Chaos diffamiert. Polnische Freiheitskämpfer waren als Kombattanden in allen europäischen Revolutionen und Freiheitskämpfen zu finden, Monte Cassino ist zu einem polnischen Nationalmythos geworden: „Wir kämpfen für die Freiheit der Welt um für die Freiheit Polens zu kämpfen.“
Daß in der polnischen Geschichte ein Bogen von der ruralen Freiheitsideologie zur Ambivalenz im Alltag zwischen prinzipieller Insubordination und hochritualisiertem Alltags- und Sprachverhalten und letztlich zum topos des ‚liberum veto‘ der Adelsrepublik zu schlagen ist, würde eine eigene grundlegende historische Abhandlung verlangen, die hier nicht zu erbringen ist.[31]
Versuchen wir in unseren Überlegungen einen anderen Bogen zu spannen, den Bogen zu der Inakzeptanz der Blockideologie und des sowjetisch-stalinistischen Hegemonialoktroys, von deren Problematik wir ausgegangen sind. Daher zunächst einige Erzählungen und Beobachtungen aus der Zeit der Volksrepublik, die ihr Nichtfunktionieren deutlich machen und die ein auch symbolisch zu verstehendes Alltagsverhalten aufdecken, das in unseren historischen Kontext eingebunden werden kann. Daß diese Erzählungen anekdotischen Charakter haben, macht sie als Symptom von Alltagsüberzeugungen wertvoll, ohne daß ihr realer Hintergrund hier kritisch zu überprüfen wäre.
Gdynia, 70er Jahre: Mitten in einem neuen Wohngebiet, monotone Plattenbauten natürlich, steht die Betonfabrik, die diese Platten herstellt. Große Sattelschlepper fahren mit den Betonteilen Tag für Tag im Zentimeterabstand an den Balkonen der Wohnhäuser vorbei. Falls auf den Straßen einmal Asphalt gewesen ist, sieht man davon nichts mehr. Lärm, Staub, die Kinder können nicht vor die Tür gelassen werden... Nun soll die Fabrik in ein neues Baugebiet verlegt werden. Die Umzugsanordnung der staatlichen Planungsbehörde ist längst eingetroffen, das Geld für den Umzug wurde überwiesen. Nichts geschieht. Der Direktor der Firma ist leitender Funktionär der PVAP. Nichts geschieht. Wo ist das Geld geblieben? Nichts geschieht. Vage Ausflüchte, der Umzug dauert zu lange, die Produktion müßte unterbrochen werden... Nichts geschieht. Eine Pointe der Geschichte fehlt...
Nur einige Stichpunkte und Fragen zur Interpretation: In diesem anekdotischen Beispiel wird der Grundwiderspruch zwischen ‚sozialistischer Ethik‘ und polnischem Alltagsverhalten deutlich, ausgedrückt in nicht kontrollierter und nicht kontrollierbarer Machtverfügung bzw. Entscheidungskompetenz. Der aktive Betriebsleiter ist Teil der kommunistischen Staatshierarchie, konterkariert diese aber durch traditionelles polnisches Klientelverhalten, das in modernen Gesellschaften als korrupt gesehen und interpretiert wird. Noch deutlicher wird die Dominanz dieses traditionalen Alltagsverhaltens, das eine Orientierung an einem nur abstrakt zu bestimmenden Gemeinwohl oder einer Staatsraison nicht kennt, wenn man die Stellung und das Verhalten der katholischen Kirche im Polen der Volksrepublik mit berücksichtigt: gegen das Veto eines Klerikers konnten staatliche Maßnahmen selten durchgesetzt werden. Uns erscheint die jeweilige Lösung eines solchen Konfliktes als ausgekungelt, im katholischen Sinne als subsidär geregelt. Ein weiteres Fallbeispiel mit anekdotischem Charakter aus dem gleichen Ort, etwas pointiert erzählt, das ebenso den an vormodernen gesellschaftlichen Mustern orientierten Verhaltenskodex exemplifiziert:
Gdynia, 70er Jahre: Die Stadt, zwischen den Weltkriegen von Polen als polnische Hafen- und Werftstadt in Konkurrenz zur ‚Freien Stadt Danzig‘ ausgebaut, liegt recht ungünstig auf einem schmalen Küstenstreifen, der landeinwärts von einem steilen Moränenhügelzug beengt wird. Nur ein breites Tal zieht sich relativ sanft von der Hochfläche hinunter zur Danziger Bucht und ist der einzige Raum, der für notwendig gewordenen Hafenerweiterungen noch zur Verfügung stand. Die Stadtverwaltung hat dies frühzeitig erkannt und die Flächen von Bebauung frei gehalten. Zwei große Brücken für die Eisenbahn und die Autobahn überspannten schon den zukünftigen Hafenbereich. Als nun mit den Ausschachtungs- und Bauarbeiten begonnen werden sollte, stellten die Firmen fest, daß das gesamte Gebiet dicht mit Eigenheimen besetzt war. Natürlich illegal gebaut. Auf den Stadtplänen war das Gebiet nicht existent, die Stadtverwaltung hatte angeblich zwanzig Jahre lang nichts von der illegalen Siedlungstätigkeit mitbekommen, obwohl die kommunale Infrastruktur, d.h. Straßen, Strom- und Wasserversorgung, Postzustellung etc. reibungslos (was eben in der Volksrepublik Polen reibungslos genannt wurde) funktionierte. In anderen Ländern hätte man nun die Planierraupen anrücken lassen. Hier wurden in mühsamen Verhandlungen individuelle finanzielle und Umsiedlungslösungen ausgekungelt. Nach etwa zehn Jahren konnte dann die Hafenerweiterung tatsächlich gebaut werden...
Auch hier Stichpunkte zur Interpretation: Staatsloyalität wird nicht als Wert akzeptiert, Individual- und Gruppenrechte sind grundsätzlich höherrangig als das abstrakte Gemeinwohl (das man ohnehin nicht direkt erfahren kann). Staatsferne und Alltagsanarchie verlangen nach Lösungen zwischen den unmittelbar Beteiligten, was einerseits Parallelen zur modernen Diskussion um den Kommunitarismus aufscheinen läßt, andrerseits aber ein Leben von Provisorium zu Provisorium notwendig macht, das modernen Vorstellungen von Effizienz und shareholder value dimetral entgegengesetzt ist.
Welchen Problemen Polen auf dem Weg in die relativ zentralistisch denkende und auf allgemeine Regelungen und Harmonisierungen abhebende EU ausgesetzt ist, wird deutlich. Ebenso läßt sich aber gerade im Rahmen der Politischen Bildung auch die gegenläufige Argumentation verfolgen, in wie weit Basisnähe, Subsidarität und das Prinzip des fallweisen Aushandelns von Konflikten prinzipielle demokratische Vorzüge gegenüber staatlichem Zentralismus und staatsgesellschaftlicher Homogenisierung birgt. Die Frage scheint mir nicht abschließen geklärt zu sein, vor allem, wenn im Prozeß des interkulturellen Kontaktes und Austauschs, der durch die herrschenden Globalisierungsbedingungen unabwendbar ist, zunehmend semiperiphere Regionen gleichberechtigt und ökonomisch erfolgreich in die Weltgesellschaft einbezogen werden, die den staatsgesellschaftlichen Zivilisationsprozeß nach mittel- und westeuropäischem Muster nicht vollzogen und seine gesellschaftlichen Konsequenzen nicht in die eigenen Alltagsverhaltensrepertoires integriert haben. Eine EU-Integration Polens kann somit gerade für Westeuropa zum hilfreichen Testfall werden, mit nicht staatsgesellschaftlich fixierten Staaten Lösungen auszuhandeln.
Daß in Polen auch deutliche Änderungen stattfinden, liegt unter anderem auch an einem Generationenwechsel. Seit der politischen Wende, setzt sich zunehmend eine kritische Haltung gegenüber den jetzt als dysfunktional erlebten alten polnischen Verhaltensweisen durch, eine Orientierung an ökonomisierten Welt- und Verhaltensmustern ist erkennbar.[32]
Nehmen wir als vertiefenden Interpretationsanlaß[33] noch ein Beispiel aus dem Wohnungsbau in Danzig.
Im Danziger Vorort Oliwa
befindet sich eine der größten Plattenbau-Wohnanlagen Nordpolens, in der vor
allem Werftarbeiter der Danziger Werft,
ehemals Lenin-Werft, untergebracht sind. Auch Lech Walesa lebte hier mit seiner Familie jahrelang. Dieses
Neubauviertel mit durchaus unterschiedlichen Wohneinheiten galt zunächst
– ähnlich wie das Märkische Viertel in Westberlin oder Bijlmermeer bei
Amsterdam – als besonders fortschrittliches architektonisches Konzept des
sozialen Wohnungsbau und einer neuen, preiswerten Wohnkultur. Daß sich hier,
auch in Oliwa, seither die Beurteilungen, Maßstäbe und Wertungen geändert
haben, ist allgemein bekannt. Doch nicht das ist unser Thema. Verwunderlich
erscheint es dem fachlich interessierten Besucher, daß in den Bauplänen einige
Hausblöcke an anderer Stelle gezeichnet und geplant wurden, als sie tatsächlich
gebaut worden sind, und daß genau bei diesen Blocks die Straßenverkehrsführung
einige umständliche Umwege aufweist. Nun wäre es zu einfach, das Schlagwort der
„polnischen Wirtschaft“ hier anzuwenden. Die Gründe liegen woanders: In der
ursprünglichen Planung gab es Probleme mit dem Anschluß der Fernheizung; einige
Heißwassertrassen waren einfach zu lang bzw. in ungünstiger Lage, so daß große
Wärmeverluste zu erwarten waren. Auf der Baustelle wurde dann diese Planung
unmittelbar vor Ort korrigiert; die befürchteten Mängel konnten durch eine
veränderte Anordnung der Wohnblocks vermieden werden; doch der Straßenbau wurde
bei dieser Korrektur nicht hinreichend informiert, so daß in einer späteren
Ausbauphase in der Trassenführung improvisiert werden mußte.
Für die Interpretation ist es wichtig, sich klar zu machen, daß es sich hier nicht um typische Fehler der Planwirtschaft handelt, sondern um Charakteristiken einer Ökonomie der Semiperipherien, die wir in vergleichbarer Form z.B. in der Türkei auffinden können.
Wo liegt jetzt aber das der Politischen Kultur entsprechende „typisch Polnische“ in diesem Beispiel? Sicher nicht in den erkannten Planungsmängeln und auch nicht in dem Versuch, diese möglichst sinnvoll zu korrigieren. Typisch und von üblichen Lösungen in Deutschland abweichend war es jedoch, daß die zentrale Planungsbehörde, die Genehmigungsbehörde – also der Staat –, nicht informiert und in die Korrektur nicht mit einbezogen wurde. Ich interpretiere dies mit dem, meist durchaus berechtigten Mißtrauen der fachlich kompetenten Bauleiter vor Ort, ob die Veränderungsvorschläge in der Planungsbürokratie überhaupt verstanden, sinnvoll umgesetzt und jemals rechtzeitig an die Baustellen zurück gegeben worden wären. Kennzeichen des polnischen Verhaltens: Mut zur eigenen Initiative, Improvisationstalent und Ablehnung bürokratischer Genehmigungsverfahren. Problem dieses Vorgehens: nicht beteiligte Interessen, wie der Straßenbau, die durchaus auch Aspekte des Gemeinwohls repräsentieren, werden nicht beteiligt und in der nächsten Handlungsrunde selbst wieder zur Improvisation gezwungen. Das Endergebnis wirtschaftlichen und planerischen Vorgehens ist in Polen, verallgemeinert man dieses Beispiel, weitaus weniger vorhersehbar als in Deutschland; merkwürdigerweise funktioniert es aber doch, oft besser als Großprojekte bei uns.
Nun könnte – sicher zu recht – eingewendet werden, daß es sich hier um drei Beispiele aus der Zeit der Volksrepublik Polen handelt, folglich um Beispiele „sozialistischer Korruption und Planwirtschaft“. Dies trifft aber nicht den Kern des Sachverhaltes. Einerseits sind bei genauem Hinschauen die repräsentierten Verhaltensformen durchaus nicht typisch für die Fehlentwicklungen des ehedem „real existierenden“ Sozialismus (vielleicht bis auf das zweite Beispiel aus Kreisen der „Nomenklatura“), sondern sie zeigen gerade das Gegenteil: individuelle Zivilcourage und Staatsferne; und sie zeigen, daß der polnische Staat – gezwungenermaßen? oder aus eigener Überzeugung? – diese Verhaltensformen einnahm und als selbstverständlich akzeptierte. Andererseits finden sich in Polen vergleichbare Verhaltensweisen in der Zeit der polnischen Teilungen oder im existenzbedrohten politischen Untergrund in der Okkupationszeit ebenfalls. Die Beispiele zeigen daher nicht in Polen aktuell entwickelte Verhaltensweisen gegenüber der ungeliebten Volksrepublik, sondern historisch verwurzelte Verhaltensweisen gegenüber dem Staat als solchem. Und das unterscheidet die polnische politische Alltagskultur deutlich von den etatistisch vergesellschafteten mitteleuropäischen Staatsnationen.
Unsere Erlebnisse in Polen sollen noch mit einer persönlichen Erinnerung abgerundet werden, die mich in ambivalenter Weise sehr berührt hat. Zeit des ‚Kriegszustandes‘ Anfang der achtziger Jahre unter Staatspräsident General Wojciech Jaruzelski. Gründonnerstag in Warschau. Wir erfahren von Freunden von einem Trauergottesdienst für Pater Popieluszko in seiner ehemaligen Pfarrkirche und beschließen, an dem Gottesdienst teilzunehmen. Pater Popieluszko war als Mitglied und propagandistischer Vorkämpfer der unabhängigen und zu diesem Zeitpunkt verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc während einer Autofahrt von polnischen Geheimdienstlern ermordet worden. Dies hatte großes Aufsehen und Empörung in Polen wie auch international hervorgerufen. Beteiligte an diesem Mord – Geheimdienstbeamte – sind später gerichtlich zur Verantwortung gezogen worden, doch blieben die politischen Hintergründe recht unklar. Die Person von Pater Popieluszko war auch in der katholischen Kirche nicht unumstritten, so extrem, undiplomatisch und aggressiv war sein politisches Wirken gewesen. Doch zurück zum Gründonnerstag. Wir erfuhren, daß der Gottesdienst eigentlich staatlicherseits als politische Demonstration verboten war. Als wir zur Kirche kamen, war der gesamte Platz bis in die Nebenstraßen hinein von Zehntausenden von Menschen gefüllt. Die Straßen waren für den Verkehr gesperrt und Warschauer Polizisten regelten den Verkehr. In den Seitenstraßen parkten hunderte von Reise- und Linienbussen aus allen Teilen des Landes, mit denen staatliche Busunternehmen die Teilnehmer einer verbotenen staatsfeindlichen Demonstration herangebracht hatten. Die Kirche war über und über geschmückt mit Fahnen der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc – wie wir später sahen auch der Innenraum und sogar der Altarraum! – und der Gottesdienst wurde mit Lautsprechern nach draußen übertragen. Wir waren mitten in der Menge eingekeilt. Der Gottesdienst dauerte mehrere Stunden und gegen Ende sang die gesamte Menge mit zum V-Zeichen ausgestreckten Händen das Lied von Maria, der Königin von Polen – mit allen Strophen. Der Eindruck war überwältigend und in seiner kollektiven Emotionalität auch beängstigend. Anschließend wurden über Lautsprecher aus der Kirche heraus Grußadressen von hunderten von Betrieben verlesen und dann begann das Defilée der Zehntausend durch den Kirchenraum, am Altar vorbei (Kreuzschlagen und andächtige Kniebeuge eingeschlossen) zum Kirchhof, wo unter einem Blumenberg das Grab von Pater Popieluszko nur Sekunden des Totengedenkens ermöglichte. Alles ging ruhig und geordnet unter der Leitung von hunderten von Ordnern, die sich durch Solidarnosc-Armbinden und Foto-Namenschilder der Solidarnosc legitimierten. Der Staat trat nicht auf, das Verbot war unwirksam gewesen – und wenig später folgte dann die politische Wende in Polen...
Kehren wir zurück zu unserer Ausgangsthematik, der Blockideologie. Wir konnten, gestützt auf die Interpretation von Erfahrungen und Erlebnissen, feststellen, daß das Blockdenken ein Ideologem war, das die gesellschaftlichen und politischen Realitäten nicht adäquat repräsentieren konnte und zu grundlegenden Widersprüchlichkeiten in der politischen Realität führten mußte.
Das Blockdenken war auf östlicher Seite der gescheiterte Versuch einer gesellschaftlichen Homogenisierung[34] auf der Basis des ideologischen Konstrukts des proletarischen Internationalismus, auf der westlichen Seite der erfolgreichere Versuch, eine westeuropäische Nachkriegsordnung unter der Hegemonie der USA zu schaffen, in der das negative Erbe des Nationalsozialismus nicht aufgearbeitet worden ist[35]. Die Grundlage des größeren Stabilität des westeuropäischen Blockdenkens war zu kennzeichnen durch folgende Fakten:
höherer Grad der Übereinstimmung des gesellschaftlich-ökonomischen Entwicklungsstandes,
weitgehende Durchsetzung staatsgesellschaftlicher Strukturen vor Beginn der Blockintegration in Westeuropa und den USA,[36]
maßgebliche Kontinuität älterer und neuerer politischer und gesellschaftlicher Eliten ohne große Veränderungen ihrer ökonomischen Basis,
Restauration des traditionellen Staatensystems und seiner immanenten Legitimität,
Zurücktreten ideologischer Legitimierungsansprüche des Herrschaftssystems gegenüber materiellen Identifikationsangeboten, was sich in einer größeren inneren Systemflexibilität und geringeren Dissonanzen zwischen Ansprüchen und Wirklichkeiten äußerte.
Da sich im „Westen“ außer einer Verschiebung des Hegemonialschwerpunktes hin zur USA bei Auflösung der traditionellen weltpolitischen Zentren der Kolonialreiche von Großbritannien und Frankreich als Folge des Zweiten Weltkrieges wenig gegenüber der Vorkriegszeit änderte, waren die psychischen Anforderungen an die Bevölkerung, der im Osten dominierende Veränderungsstreß, relativ gering; die Kräfte konnten in der Aufarbeitung der materiellen Kriegsfolgen absorbiert werden. Ein großer Teil des Erfolges des „westlichen Modells“ liegt darin, daß gesellschaftliche Struktur- und Legitimationsprobleme nicht als gesellschaftlich und historisch bedingt zu definiert werden brauchten, sondern als materielle Kriegsfolgen zu begreifen waren. Diese materiellen Folgen wurden schnell beseitigt und das Erlebnis des „Wirtschaftswunders“, daß in allen Staaten des „Westens“ früher oder später dominierend wurde, wurde zur Legitimationsgrundlage des politischen und gesellschaftlichen Systems.
Diese Legitimierung blieb dem „Ostblock“ verschlossen. Eine Reihe von grundlegenden Strukturproblemen und inneren regionalen wie gesellschaftlichen Disparitäten konnten nicht real bewältigt werden, im Gegenteil, sie verschärften sich bis hin zu unlösbaren gesellschaftlichen Fragmentierungen, die reale auch ökonomische Entwicklungshindernisse darstellten. Die in den stalinistischen Schauprozessen aufscheinenden psychotischen Ängste vor der innerparteilichen „Fraktionierung“ spiegelt einen symbolischen Umgang mit der realen Segmentierung der gesellschaftlichen Realität, die im Widerspruch zur eigenen sozialistischen Realitätsdefinition stand. Wir haben schon angeführt, in welch politisch hilfloser und dysfunktionaler Form diesen Segmentierungen durch Rückgriff auf (quasi‑)traditionelle Volkstraditionen und Volkskulturen aufgegriffen und neutralisiert werden sollte, wenn der unmittelbare Terror, der vor allem auf die Eliten zielte, als Basis einer Homogenisierung des „Blocks“ nicht ausreichte.
Je weniger eine Bewältigung der politischen und gesellschaftlichen Krisen in den von der Sowjetunion dominierten Ländern gelang, je weniger der „Blockideologie“ eine tatsächliche Blockloyalität oder die Akzeptanz einer gemeinsamen sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber stand, desto mehr zog sich die Politik auf die Durchsetzung von Herrschaftssymbolen und die Durchsetzung symbolischen Alltagsverhaltens zurück, mit der Folge, daß in der Bevölkerung diese Symbolik immer weniger ernst genommen wurde und sich ein „kommunistisches Doppelbewußtsein“, eine Duplizität der alltäglichen Realitätsdefinitionen durchsetzte. Für Polen und Ungarn war das relativ leicht, da ihre Geschichte, wie wir schon auseinandergesetzt haben, ein Repertoire der Widerständigkeit, der Staatsferne, des Alltagsanarchismus[37] und der Doppelrealität, in der die Parallelmacht der katholischen Kirche eine bedeutende Rolle spielte, bereit hielt. In der staatsgesellschaftlich geprägten, im gesellschaftlichen Kern staats-protestantischen DDR war die Gewöhnung an die stalinistischen Realitäten schwieriger und forderte grundsätzlichere Einstellungsentscheidungen heraus.[38]
Die DDR war zudem unmittelbar in den Systemvergleich und die Systemkonkurrenz mit der Bundesrepublik Deutschland zwangsläufig einbezogen. So mußte sie das deutsche nationalstaatliche Symbolrepertoir auch für sich reklamieren und sich als die bessere deutsche Nation profilieren. Das geschah in zuweilen irreal zwanghaftem Symbolverhalten, das zwar in der Bundesrepublik Deutschland auch noch vorhanden, aber mit der Zeit an Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Bedeutung herabgestuft war. Die Modernisierungsphase in der Bundesrepublik Deutschland in den siebziger Jahren ließ letztlich die unmittelbare Staatssymbolik aus dem Alltag verschwinden. Der Staat wurde zunehmend funktional als Dienstleistungsunternehmen für die Bürgerinnen und Bürger verstanden und seine Qualität an der Qualität seiner unmittelbar erfahrbaren Dienste im Alltag gemessen. Militarismus, Staatssymbolik und Staatsrituale wurden zunehmend als anachronistisch und damit als lächerlich empfunden. Ist es mehr als Nostalgie, wenn heute Teile der Bevölkerung wieder nach einer stärkeren Ritualisierung der Gesellschaft verlangen?[39]
Die DDR hat diesen Prozeß der Alltagsumgestaltung und Entritualisierung nicht mitgemacht. Im Gegenteil, je stärker ihr politisches System sich innergesellschaftlich wie international als Anachronismus präsentierte, desto mehr war ihre Machtdurchsetzung auf symbolische Akte konzentriert und reduziert. Die Bedeutung dieser Alltagssymbolik für das Leben in der DDR zu erinnern und zu interpretieren ist für die Politische Bildung genauso wichtig, wie die Inanspruchnahme des Ritualrepertoires in der Systemkonkurrenz im Weltbild des Blockdenkens kritisch zu durchleuchten. Diejenigen, die den Verkehr zwischen DDR und Bundesrepublik Deutschland noch bewußt miterlebt haben, wissen, daß zu dieser Zeit unabhängig von den eigenen politischen Optionen eine kritische und objektive Distanz zu der Konfrontation mit staatlichem Symbolverhalten nicht möglich war: Symbolische Rituale sind unabhängig von der Intentionalität politisch und psychisch wirkungsmächtig. Dies zu erkennen und kritischer Distanz für die Politische Bildung zu erschließen soll ein abschließendes Erlebnis an der DDR-Grenze zu Beginn der achtziger Jahre dienen.
Das Alltagsverhalten der DDR-Grenzorgane und der Volkspolizisten war bewußt distanziert und autoritär, auf staatsfixierte Einschüchterung gerade gegenüber uns Ausländern gerichtet. Daß dieses durchaus bewußt eintrainierte Verhalten mehrschichtige Gründe hatte und wie jedes symbolisch überhöhte Autoritätsverhalten kompensatorischen Charakter, Schwächen und ungeklärte bzw. strittige Realitätsdefinitionen zu überdecken, trug, wurde uns ‚Westreisenden‘ kaum bewußt, da die unmittelbare psychische Reaktion, Angst, Beklommenheit, verhaltene Wut und Wunsch, diese als Aggression empfundene Behandlung in irgend einer Weise heimzuzahlen, dominierte und wenig Raum für distanzierende Reflexion ließ.
Gerade daher sind solche Überlegungen aus der Erinnerung und der zeitlichen Distanz heraus heute nicht nur möglich, sondern auch notwendig, um das eigene auch affektiv geladene Verhältnis zur erlebten Zeitgeschichte zu klären.
Besonders hart traf diese Reaktion natürlich diejenigen, die beruflich immer wieder mit den DDR-Grenzern und VoPos zu tun hatten, wie Berufskraftfahrer oder besonders auch Reisebusfahrer, die in einem Beobachtungsverhältnis von zwei Seiten her, dem der Grenzorgane und der Reisegruppe standen.
Wie bei diesem ‚Kleinkrieg‘ auf den Transitstrecken Autoritäten unterminiert und Symbolverhalten sehr zur Freude der Busreisenden demontiert werden konnten, zeigt ein Beispiel, das den Beteiligten in der Erinnerung geblieben ist, das aber ebenso gut in soziologischer und politischer Perspektive zu interpretieren und auszuwerten ist.
Anfang der achtziger Jahre, als einerseits durch die Entspannungspolitik ‚Ostreisen‘ nach Polen oder auch in die DDR für Westdeutsche eine neue Normalität erhielten, damit aber auch die Forderung nach einer ‚normalen Behandlung‘ auf den Transitstrecken und eine ‚normale Grenzabfertigung‘ nach westeuropäischem Vorbild bei den Reisenden und den Berufskraftfahrern nicht mehr als so ‚absurd‘ wie in den Zeiten des sehr unmittelbar empfundenen und erlebten ‚Kalten Krieges‘[40] wurde, fanden die ersten Polenreisen mit Schülerinnen und Schülern und Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule Hannover statt, die dann in eine lange stabil gebliebene Schulpartnerschaft mit Poznan mündete.
Bei meiner ersten solchen Fahrt nach Südpolen, Warszawa und Poznan hatten wir das Glück, daß unser Busfahrer ein ‚alter Hase‘ in Osteuropa, mit der norddeutsche Pionier für Fahrten nach Polen war. Es war eine seiner letzten Fahrten, die er als Chef seines Busunternehmens noch selbst gefahren ist. Auf der Rückfahrt, als nach der Fahrt über den für den internationalen Transit ausgeschilderten Berliner Ring eine Ruhepause fällig wurde und wir uns schon auf der Autobahn Berlin-Hannover befanden, sagte er zu uns Mitreisenden: „Wir fahren jetzt auf diesen ‚normalen‘ Parkplatz, der für den Berlin-Transit nicht genehmigt ist. Paßt auf, in weniger als drei Minuten ist die Autobahnpolizei hier. Seid ruhig und bleibt auf euren Plätzen, dann könnt ihr was erleben!“
Keine zwei Minuten später kam ein Wagen der Volkspolizei auf den Autobahnparkplatz und hielt schräg links vor uns. Die beiden Polizisten stiegen aus, was bei dem regnerischen und kühl-stürmischen Wetter und dem matschigen Parkplatz gerade kein Vergnügen war und ihre Laune sicher nicht gehoben hat.
Ohne weitere Kommentare gingen sie um den Bus herum, photographierten ihn von hinten so, daß das Kennzeichen und der Wagentyp ebenso erkennbar war wie der Ort auf dem Parkplatz: ein sicheres Beweismittel. Ein Protokoll wurde geschrieben... alles in allem mindestens sechs bis acht Minuten im immer stärker werdenden Regen. Völlig verbiestert, mit steinern-autoritärem Gesicht trat der höherrangige VoPo an die Fahrerseite und klopfte an das Fenster.
Wir alle hatten ruhig und gespannt der Vorführung zugesehen. Unser Busfahrer öffnete wortlos das Fenster. Darauf der Amtsträger: „Ich muß Sie darüber belehren, daß Sie einen Verstoß gegen das Transitabkommen begangen haben. Sie werden hiermit belehrt und gebührenpflichtig verwarnt. Geben Sie uns Ihren Paß, Führerschein und die Wagenpapiere.“
Der Busfahrer, indem er die schon bereit liegenden Papiere herausgab: „Wieso denn? Können Sie das begründen?“
Nach mehreren Minuten schweigender Durchsicht der Papiere, also auch des Reisepasses mit dem Transitvisum der DDR für die Durchreise in die Volksrepublik Polen (ohne daß ihn das stutzig gemacht hätte), noch mehr genervt und unhöflich: „Sie wissen als Busfahrer genau, daß Sie auf der Transitautobahn nur die dafür gekennzeichneten Rastplätze anfahren dürfen. Dieser Parkplatz ist ausschließlich für Bürger der DDR.“
„Das stimmt so nicht. Im internationalen Transit dürfen die speziellen Rastplätze nach dem Transitabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik nicht benutzt werden.“
„Woher wissen Sie das? Die Rastplätze sind für alle Transitreisenden.“
„Ich habe mich nach einer Auseinandersetzung mit einem Ihrer Kollegen bei der ständigen Vertretung der DDR in Bonn erkundigt und habe eine schriftliche Bestätigung mit einer Entschuldigung für den Ärger, den ich bei meinem Polentransit mit Ihrem Kollegen hatte, erhalten. Wollen Sie das Schreiben sehen?“
„Nein. Ich erteile Ihnen hiermit die schriftliche Verwarnung und fordere Sie auf, den Betrag in DM zu zahlen.“
„Das werde ich nicht tun. Erkundigen Sie sich bei Ihren Vorgesetzten.“
Wütend gingen die beiden Polizisten zu einer Diensttelefon-Säule am Rande des Parkplatzes – wiederum ohne jeden Regenschutz – und tätigten den Anruf bei ihrer Dienststelle. Es war interessant zu beobachten und bezeichnend, wie die Gesichter immer länger und bedrückter wurden. Die ganze Körperhaltung deutete eine ‚Hab-acht‘-Stellung an und das Ende war ein mimisches Salutieren. Schnellen Schrittes trat der Rangniedere an das Busfahrerfenster und knurrte mit eisigem Gesicht: „Gute Weiterreise“ (daß er innerlich genau das Gegenteil wünschte, war seinem Gesicht nur zu gut anzusehen).
Beide sprangen in ihren Wagen und beschleunigten mit quietschenden und durchdrehenden Räder in einer Wolke aufgeschleudertem nassen Schlamm und Kies zur Parkplatzausfahrt.
Wo die eine Seite nur zu deutlich ihre Niederlage als Autoritätsverlust registrierte und Wut und Demütigung empfand, erfuhren die formal ‚machtschwächeren‘ eine ‚Siegeseuphorie‘, welche die vorher deutliche emotionale Beklemmung in einem befreienden Gelächter auflöste.
Soweit decken sich diese Erlebnisse mit denen vieler anderer Reisenden: der Transit wurde nach den herrschenden Realitätsbildern und ihrer alltäglichen Symbolisierung als eine Art „Krieg“ wahrgenommen, der Sieger und Besiegte kennt und letztlich auch zur Sicherung der Realitätsdefinitionen fordert. Es war das Gegenteil einer funktionalen und sachgemäßen Regelung von Reiseverkehr und im weiteren Sinne Straßenverkehr, die nun sicherlich völlig emotionslos Regelungen und deren Überwachung erforderlich machen. Die Realität zwischen Ost und West war eine andere und im Sinne des Alltagspragmatismus geradezu dysfunktional. Gerade das ist im Hinblick auf seine zivilisatorische und habituelle Dimension und Brisanz zu untersuchen und kann heute aus größerer zeitlicher wie persönlicher Distanz aufgearbeitet werden.
Abschließend scheint es sinnvoll zu sein, der unmittelbaren, wenn auch distanziert-kritischen Erlebnisperspektive einige fachlich Reflexionen zur Auswertung der eigenen Erfahrungen folgen zu lassen. Es geht dabei nicht um eine wiederholte Analyse der ökonomischen, gesellschaftlichen und systemischen Umbrüche im Zusammenhang mit dem Prozeß der deutschen Einheit und der (Selbst‑) Auflösung des „Ostblocks“. Das Thema ‚Transformationsländer‘ gehört mittlerweile vor allem im Problemkreis der Osterweiterung der Europäischen Union zu den Pflichtstoffen der Schulfächer Geographie und Politik.
Für eine distanzierte Untersuchung ergibt sich ein erkenntnistheoretisches Problem, daß diese Betrachtungsweise scheinbar eine objektive Dimension für das Verständnis der Umgestaltungen in Europa bereit stellt –vielleicht noch eingebunden in die Prozesse der Globalisierung und Universalisierung ‑, daß aber wesentliche Ebenen des Verständnisses ausgespart bleiben.
Es geht nicht nur um ein mögliches Fehlen der subjektiven Perspektive, der Wertungen und der offensichtlichen Normenkonflikte und das durchaus vorhandene offensichtliche „Unbehagen an der Einheit“ sondern um die anspruchsvollere Option, diskursiv zu Mehrebenenmodellen der Realität vorzustoßen. Auf erlebnisorientierte Berichte über den Vereinigungsprozeß und die unterschiedlichen Lebenswelten in Ost und West, mehr oder weniger seriös oder auch nur anekdotisch oder biographisch, kann jeder Autor, angereichert durch seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen, leicht zurückgreifen. Diese tragen jedoch zur Erhellung der figurativen und mentalitätsgeschichtlichen Unter- und Gegenströmungen der Systemtransformation nur wenig bei und verstärken potentiell oft irrationale, undistanzierte und reduktive Vorurteile und Antihaltungen.
Diese subjektive Perspektive muß als diskursiv zu erschließendes Erlebnis und darauf aufbauend als gesellschaftlich relevante (kollektive) Erfahrung mit sozialem Eigensinn verstanden werden. Das bedeutet die Einführung einer ethnologischen Perspektive zur Beschreibung und Beurteilung der Transformationsproblematik, die in der Lage ist, Symbolverhalten und Rituale zu erkennen und in ihrer geschichtlichen Tiefe auszuloten, und zum anderen über die enge Fixierung der analytischen Aufmerksamkeit auf die beiden Teile Deutschlands hinaus die europäische Dimension mit einzubeziehen. Der Vergleich der Erfahrungen in und mit der DDR mit denen in der Volksrepublik Polen oder Ungarns, die dem Argumentationskonzept der bisherigen Ausführungen entspricht, soll allgemeingültigere Aufschlüsse über gesellschaftliche und zivilisatorische Veränderungen und Fundierungen zu gewinnen, die auch für den heutigen Vergleich der Transitionsgesellschaften fruchtbar gemacht werden können.
Diese Einbeziehung verschiedener Distanzebenen, die gleichwohl vor einer kritischen aber unmittelbaren Einbeziehung sehr persönlicher Erlebnisse und die Reflexion über die eigenen Reaktionen auf eben diese Erlebnisse nicht zurückschrecken darf[42], ermöglicht einen diskursiven Distanzaufbau, der in seinem Wesen didaktischer Natur ist.
Die differenzierten Berichte über Erfahrungen in Ungarn, Polen und der DDR, über Erfahrungen an den Grenzen zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘, zeigen verschiedene Bedeutungs- und Reflexionsebenen:
Die persönliche, gefühlsmäßige Reaktion auf die Konfrontation mit der Staatsmacht der DDR oder der Volksrepublik Polen in allen ihren Unterschieden, wie sie der Reisende aus der Bundesrepublik Deutschland bei Besuchen oder der Transitreise bis 1990 erfahren hat, bedarf nicht nur der eigenen individualpsychologischen Verarbeitung, sondern schuf eine eigensinnige gesellschaftliche Realität, die auch heute noch politisch und pädagogisch aufzuarbeiten ist.
Die staatliche Existenz der beiden deutschen Staaten bis 1990 repräsentierte nicht nur real-politische Konflikte und Systemkonkurrenzen, sondern evozierte damit auch konkurrierende Zivilisierungsprozesse, die bis in den existentiellen Kern hinein von symbolischem Verhalten konstituiert waren.
Das Auftreten der Staatsgewalt z.B. in den militärischen Feindbildern oder an den diversen Grenzübergängen war weder nur Ausdruck des Gewaltmonopols des modernen Nationalstaates noch legitime Reaktion auf tatsächliche oder geglaubte Bedrohungen, sondern vielmehr hochritualisiertes Verhalten darstellte, das die Ambivalenz zum Ausdruck brachte
zwischen der Unsicherheit der neuen Nachkriegs-Machteliten, adäquate gesellschaftliche Situationsdefinitionen und Verhaltensstandards zu finden, da die Selbstverständlichkeit der intergenerationellen Traditionsvermittlung abgerissen war[43],
und der angestrebten Sinngebung von Herrschaft, die sich ebensowenig auf tradierte und allgemein akzeptierte Selbstverständlichkeiten stützen konnte und die mit der Krise des Nationalstaates, ausgedrückt im Vorwurf des Staatsversagens, zunehmend zum grundlegenden Problem wurde[44], das in Westdeutschland durch die Generationenaufgabe der europäischen Integration und die Abgabe von staatlichen Souveränitätsrechten weniger evident war als in den osteuropäischen Staaten.
In der Nachkriegszeit fand in Mitteleuropa sowohl im Westen wie im Osten erstmalig in der Gesellschaftsgeschichte eine grundlegende Entkoppelung von Alltagsverhalten und tradierter Selbstverständlichkeit statt, die zu neuen Formen von Zivilisierungsprozessen führen mußte und die grundlegenden gesellschaftlichen Figurationen gravierend veränderte.
Die Transformations- und Einheitsproblematik ist damit weder vom theoretischen Konzept her noch von der Erklärungsmächtigkeit sozialwissenschaftlicher Empirik adäquat deduktiv zu erschließen, sondern, den pädagogischen Implikationen des Themas folgend, induktiv-erfahrungsorientiert zu strukturieren, wobei der diskursive Anspruch die sachlich wie didaktisch notwendige Distanzebene schaffen soll.
Diese Überlegungen verstehen sich als ein erster und weitere Reflexionen anstoßender Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Transformationsprozesse, die vor allem Grenzerfahrungen fokussiert.
Besondere Bedeutung haben die realen Erfahrungen an den Staatsgrenzen[45], die auch sozial-psychologisch Grenzbereiche konstituieren. Im symbolischen Kontext sind diese Erfahrungen jedoch einer philosophisch tiefer gründenden Grenzerfahrung zuzuordnen, die erst Bewußtsein bedingt[46].
Für eine Ethnographie Mitteleuropas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird der leitende topos sicherlich der der Grenze und ihrer Bewältigung oder Überwindung in psychologischer, kultureller und politischer Hinsicht sein. Und diese Ethnographie wäre notwendig im Kern einer diskursive, pädagogischen Ethnologie verpflichtet.
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[1] Die kritische Friedensforschung geht hier noch weiter, indem sie die zur Begründung des Rüstungswettlaufes konzipierten gegenseitigen Feindbilder als immanente Konstrukte der jeweils eigenen Seite versteht, die viel mit der Struktur der Stereotypen und historisch bedingten Ängste der eigenen Gesellschaft, sehr wenig aber nur mit den Realitäten und tatsächlichen Motiven und Gefährdungspotentialen der Gegenseite zu tun haben, in der gegensätzlichen Bezüglichkeit jedoch Prozesse der self-fulfilling prophecies in Gang setzen konnten. Die politisch ökonomischen Voraussetzungen des Rüstungswettlaufes zwischen den Militärblöcken zwischen 1945 und 1990 und die Funktion eines ‚militärisch-ökonomischen Komplexes‘ ist in diesem Zusammenhang, da schon ausführlich in der Literatur dargestellt, nicht weiter zu thematisieren. Für die didaktische Umsetzung dieses Themas geeignete Materialien z.B. in Gronemeyer, 1982.
[2] Engler, 1992, 1993.
[3] Dieser Etatismus des Marxismus (vgl. Marx/Engels: Forderung der Kommunistischen Partei in Deutschland. [vgl. MEW Bd. 5, S. 3]) – sieht man von der utopischen Langzeitperspektive des ‚Absterben des Staates‘ einmal ab („Marx und ich haben, seit 1845, die Ansicht gehabt, daß eine der schließlichen Folgen der künftigen proletarischen Revolution sein wird die allmähliche Auflösung der mit dem Namen Staat bezeichneten politischen Organisation.“ Engels: Zum Tode von Karl Marx, S. 11. [vgl. MEW Bd. 19, S. 344]; „Um eine radikale Revolution zu machen, muß man also den Angriff gegen die zugrunde liegenden Verhältnisse und Dinge richten, man muß das Eigentum und den Staat vernichten, dann hat man nicht mehr nötig, Menschen zu vernichten und sich selbst zu der unfehlbaren und unvermeidlichen Reaktion zu verurteilen, welche in jeder Gesellschaft stets als die Folge des Menschenmordes eingetreten ist und stets als solche eintreten wird.“ Marx/Engels: Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation, S. 254. [vgl. MEW Bd. 18, S. 464]) – tritt im Marxismus-Leninismus völlig in den Vordergrund und konterkariert damit die gesellschaftlich-revolutionären und ökonomischen Perspektiven und Potentiale der kommunistischen (sozialistischen) Revolution.
[4] Vgl. Becker / Zöller, 2000
[5] So wurde dies z.B. betont in einem Gespräch, das Marc Ferro im Mai 2001 in der Sendung „Die Welt vor 50 Jahren“ im Sender Arte führte und mit zeitgenössischen Bilddokumenten belegte (vgl. www.arte-tv.com).
[6] Z.B. in der ‚Stachanowiten-Bewegung‘, mit ihrer typischen Ausrichtung auf quantitative Produktionssteigerung ohne Berücksichtigung der Qualitätssteigerung und des ökonomischen Einsatzes der Mittel: eigentlich eine Wirtschaftshaltung der Frühphase der Industrialisierung, wie wir sie häufig in semiperipheren Regionen beobachten und die eine noch nicht spezialisierte und qualifizierte Arbeitnehmerschaft voraussetzt; dies war in Teilen Rußlands die Ausgangsbedingung der durchgesetzten Industrialisierung nach der Oktoberrevolution. Sicher auch war dies aber, abgesehen von ländlichen Peripherien, nicht die sozio-ökonomische Voraussetzung der Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen, der CSSR oder in Ungarn. Zugleich wurde die Stachanow-Bewegung wie auch ihre Nachahmung in der DDR (‚Hennecke-Aktivisten‘) und den anderen ‚Ostblock-Staaten‘ Symbol für das Leben in einer ‚kommunistischen Diktatuir‘. Die südosteuropäischen Länder haben wiederum eigene Voraussetzungen als ehemalige Peripherien größerer Herrschaftsverbände wie dem Habsburgerreich oder dem Osmanischen Reich, was zu sehr frühen zentrifugalen Bewegungen führte, die bei bestimmten geopolitischen Voraussetzungen und personellen Prädispositionen wie im Titoismus Jugoslawiens bis hin zum Abspalten von der geforderten Blockintegration führte. Zur Absurdität dieses sowjetischen Arbeitsmodells in seiner Übertragung auf die Volksrepublik Polen in der Zeit von Bierut vgl. den klassischen Film von Wajda: Der Mann aus Marmor (z.T. über die Landesbildstellen für Schulen ausleihbar).
[7] Vgl. die Verfolgungsgeschichte von Wladimir Majakowski bis Pasternak in der Literatur, die Deformierung des filmischen Werkes von Eisenstein und die Emigration bildender Künstler wie Jawlenski oder Kandinsky, die in Deutschland z.B. über das Bauhaus zentrale künstlerische Impulse verursachen konnten.
[8] Daß im westeuropäischen Konservativismus und erst recht im Faschismus diese kulturelle Avantgarde abgelehnt und in ihrer revolutionären Kraft durchaus zu Recht gefürchtet wurde (belegt z.B. durch die Bücherverbrennung und den Kampf gegen die ‚Entartete Kunst‘ im Nationalsozialismus in Deutschland), widerlegt nicht die grundsätzliche Aussage über die kulturelle Bedeutung der künstlerischen Avantgarde, die deutliche internationalistische Impulse vermittelte; sie macht aber die zunehmende kulturelle Polarisierung der herrschenden Stilvorstellungen und die Sprachlosigkeit zwischen kultureller Elite und großen Teilen der Bevölkerung verständlich. Daß sich hier, zunehmend durch die elektronischen Medien vermittelt und universalisiert, eine neue, im Stil amerikanisierte populär-oberflächliche (Nicht-)Ästhetik etabliert, weiß jeder, der mit etwas kritischem Gespür die Masse der heutigen Internet-Seiten durchblättert, aber auch jeder, der einmal US-amerikanische Geldscheine und Dokumente unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet.
[9] Diese waren oft eine fiktive folkloristische Tradition mit politisch-propagandistischen ‚Intarsien‘; nur wenige Künstler wie der ungarische Komponist Béla Bartók machten sich an die systematische und wissenschaftlich sorgfältige Sammlung der tatsächlichen Volkskultur bzw. Volksmusik. Daß diese Sammlung wie zu erwarten die postulierten nationalen und ethnischen Sichtverengungen durchbrach – Bartóks und Kodálys Volksmusiksammlung reicht von der europäischen Türkei über Rumänien, Ungarn bis Weißrußland/Ruthenien –, machte sie für die kommunistische Inwertsetzung unbrauchbar. Der Komponist starb nach dem Zweiten Weltkrieg im Exil in New York.
[10] In Westeuropa waren Jahrhunderte früher die Modernisierungs- und Homogenisierungsschübe mindesten ebenso gewaltsam durchgesetzt worden; von der Rconquista und Inquisation in Spanien bis zur Französischen Revolution zeigte die gewaltsame Modernisierung, ob sie sich selbst nun als restaurativ oder revolutionär verstand, systematisch-terroristische Züge, die den Stalinismus in seine historische Kontinuität stellen.
[11] Vgl. Anm. 4.
[12] Von diesem ‚Befreiungsbewußtsein‘ war natürlich die SBZ/DDR ausgenommen, was die Legitimierungsgrundlagen des Systems im sogenannten ‚Ostblock‘ noch weiter auseinanderdifferenzierte und ‚Blocksolidarität‘ kaum aufkommen ließ.
[13] Die Funktionsweise der Gewaltherrschaft und die Bedingungen ihrer Akzeptanz hat Heinrich Popitz, 1968, einleuchtend und auch für den Einsatz in der Schule brauchbar dargestellt. Hier sind auch Verweise auf die sozialpsychologische Diskussion über die Erzeugung von ‚Fügsamkeit‘, wie sie auch Max Weber erörtert hat, zu finden.
[14] Dabei wurde in Verdrängung des restaurativ-ideologischen Gehalts des Volksbegriffes das ‚Volk‘ mit der ‚(proletarischen) Bevölkerung‘ gleichgesetzt, d.h., die ‚Masse‘ wurde als Träger einer proletarischen oder ruralen Volkstradition und -kultur angesehen, die eo ipso als ‚revolutionär‘ zu definieren sei. Die philosophische marxistische Diskussion von Lukacz oder Canetti wurde nicht einmal in Ansätzen zur Kenntnis genommen. So kommt es zu inadäquaten Realitätsdeutungen, die die politisch-gesellschaftlichen Konfliktlösungspotentiale gravierend einschränken. Vgl. Voigt, 2001.
[15] Diese moralisch definierte ethnische Unterscheidung zwischen ‚guten‘ slawischen Traditionen und ‚schlechten germanischen‘ war einerseits eine platte Umkehrung des nazistischen germanozentrischen Rassismus (und von gleicher Unsinnigkeit), andererseits aber eine erwünschte zusätzliche moralische Legitimierung des Hegemonial- und Überlegenheitsanspruches der (russisch dominierten) Sowjetunion, deren gesellschaftlich-ökonomische Überlegenheit nicht so leicht zu beweisen war. Die Kuriosität mancher Geschichtsdarstellungen in der DDR hat hier ihren ideologische Ursprung und war Voraussetzung der z.T. nach der nationalsozialistischen Deformierung des Geschichtsbewußtseins sicherlich zeitgeschichtlich notwendigen, in der Praxis aber affirmativ-herrschaftsbezogenen Neuinterpretation der mitteleuropäischen Geschichte.
[16] Fukuyama, Francis, 1992. Vgl. auch Besançon, A., 1989: [Erwiderung auf Fukuyama].
[17] Zur historischen Kontroverse um den Volksaufstand und die politisch-gesellschaftlichen Folgen aber auch zur allgemeinen Einschätzung des ‚ungarischen Sonderweges‘ vgl. u.a. die älteren Darstellungen Silagi, 1964, Kopácsi, 1979, Vasari, 1981, Knabe, 1987, Lendvai, 1986. Systemkritische Perspektiven aus dem Westen finden sich bei Offenborn, Hg., 1982 und 1986, die ‚offizielle Perspektive‘ wird erkennbar bei Door, 1981, Horn, 1986, Hanák, Hg., 1988. Die Transformation des ungarischen politisch-ökonomischen Systems wird dargestellt u.a. bei Sitzler, 1989, Tolles, 1990, Szabó, 1992 und Lázár, 1990.
[18] Der Verfasser nahm dies auf der Rückfahrt von einer Iranreise mit dem PKW schon 1970 in Anspruch und erlebte Ungarn dabei als erstes ‚westeuropäisches‘ Land mit deutlichem ökonomischen, physiognomischen und zivilisatorischem Modernitätsunterschied zu den übrigen südosteuropäischen Ländern und von Türkei und Iran. Daß im Zeichen der heutigen Globalisierungsprozesse sich diese ‚Erlebnisgrenzen‘ in die Binnenländer hinein verschieben und die regionale Homogenität sich auflöst, macht diese erinnerte Erfahrung umso wichtiger. In der physiognomischen und stimmungsmäßigen Dimension entstanden auch schon kontradiktorische Eindrücke zu den ansonsten noch ökonomisch weiter entwickelten RGW-Nachbarn DDR und Polen. Die Widersprüchlichkeit der einzelnen Erfahrungs- und Realitätsdimensionen ist ein wichtiger und auch theoretisch verallgemeinerungsbedürftiger Interpretationsansatz.
[19] Mit Oberstufen-Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule Hannover. Vgl. dazu u.a. die Reiseberichte Voigt, 1995a, und Voigt, 1997a.
[20] Vgl zu diesem Topos die „Thesen zur ‚Wende‘“ von Nettelmann / Voigt, 2001.
[21] Antal publizierte neben industriegeographischen Arbeiten vor allem sehr detaillierte Aufsätze über die Probleme der Privatisierung und Reprivatisierung in der ungarischen Landwirtschaft. – Unser Kontakt zu Prof. Antal wurde schon in den achtziger Jahren vermittelt durch den seit einiger Zeit emeritierten Wirtschaftsgeographen Prof. Bronisaw Kortus von der Jagiellonen-Universität Kraków, dem wir für unsere wissenschaftliche und didaktische Arbeit und für die Unterstützung von Studienfahrten mit Schülerinnen und Schüler gleichermaßen zu Dank verpflichtet sind. Antal und Kortus blicken auf eine lange Zeit der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zurück, die nie durch ideologische oder nationale ‚Scheuklappen‘ beeinträchtigt war. Vielleicht sind das zukunftsweisende Ansätze einer neuen ‚Gelehrtenrepublik‘, die den ohnehin dominierenden Globalisierungs- und Universalisierungsprozessen geistige und kritisch-intellektuelle Dimensionen hinzufügt (vgl. dazu Voigt, 2001, Einleitungsaufsatz).
[22] Aus der zeitgeschichtlichen Perspektive heraus läßt sich der immer wieder hervorbrechende ungarische Antisowjetismus noch deutlicher begründen. Ungarn nahm im Ersten Weltkrieg als Teil der k.u.k.-Habsburgermonarchie wie im Zweiten Weltkrieg an der Seite Hitler-Deutschlands – vor allem in der Hoffnung einer Revision des Vertrages von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg – an den Kämpfen gegen Rußland bzw. die Sowjetunion teil. Ungarische Kriegsteilnehmer fielen in Stalingrad. Nach dem Zweiten Weltkrieg in der Volksrepublik Ungarn wurden ungarische Kriegsgefangene diskreditiert und erhielten keine Entschädigungen und Renten. Dies verfestigte und bestätigte in der Bevölkerung ohnehin vorhandene antirussische Stereotype.
[23] Daß in stalinistischer Zeit die Erwartung herrschte, daß der Kollektivierungsvorgang diese Rechtstitel schließlich obsolet machen würde und daß es sich letztlich um ein taktisches Manöver handelte, ist offensichtlich. Daß diese Erwartung ein Irrtum war, zeigt die Tatsache, daß vierzig Jahre später in der Privatisierungspolitik der ‚bürgerlichen‘ Regierung nach 1989 genau diese Rechtstitel zur gesetzlichen und faktischen Grundlage der Abwicklung und Privatisierung der Kooperativen gemacht werden konnten. Daß diese Auflösung der letztlich ökonomisch erfolgreichen Kooperativen eher ideologisch bedingt als durch wirtschaftlichen Sachverstand geleitet wurde, zeigt die Krise der landwirtschaftlichen Produktion in den achtziger Jahren. Einzelheiten zur Privatisierungspolitik finden sich u.a. bei Antal, 1995, und Deiters / Middelberg, 1995.
[24] Er war der KISZ-Mitarbeiter, der uns auch das schon erwähnte Gespräch in seiner Organisation, zu der auch das Reisebüro gehörte, vermittelt hatte.
[25] Hier nimmt die historische ‚Mythenproduktion‘ ihren Ausgang. Das gleiche Problem ist aufzuzeigen in Bezug auf die Schlacht auf dem Amselfeld (Kossovo Polje) vor 600 Jahren, bei der auf beiden Seiten u.a. slawisch sprechende Söldner kämpften, die in heutiger Diktion als ‚Serben‘ angesprochen werden könnten. Daß es sich um eine Kampf von ‚Serben‘ gegen ‚Türken‘ gehandelt hätte, ist ein später aufgesetzter historisch-nationalistischer Mythos. Die spätere Elitetruppe des Osmanischen Reiches, die Janitscharen (yeniçeri, die ‚neuen Truppen‘), bestand typischerweise vor allem aus slawisch sprechenden Soldaten aus den Osmanischen Balkanländern, die durch die ‚Knabenlese‘ zwangsweise eingezogen worden waren, aber sozial oft bewssere Lebens- und Aufstiegschancen hatten als ihre zurückgebliebenen Familienangehörigen. – Eine Aktualisierung ist im Sinne der Kategorien, auf die die Politische Bildung zurückgreift, hier besonders interessant: Wir finden ähnliche gesellschaftliche und kriegerische Organisationsstrukturen heute in peripheren und semiperipheren Regionen, in denen der übliche ‚staatliche Zustand‘ der permanente kriegerische Machtkampf von ‚Warlords‘ und Söldnerführern ist. Auch die ‚nationale Legitimation‘, die sich diese ‚Bürgerkriegsparteien‘ z.B. im Nahen Osten, in Ost- oder Westafrika, oder in den jugoslawischen Erbfolgekriegen selbst zuschreiben, funktionalisiert vorhandene oder konstruierte religiöse und kulturell-sprachliche Stereotypen, ohne daß eine staatsgesellschaftliche Integration erreicht oder auch nur erstrebt wird. Loyalitäten sind Klientelloyalitäten nach feudalem Muster. Wie diese intern feudalen Strukturen andererseits heute in globale Kontexte mit einbezogen werden, stellt in aufschlußreicher Weise Mary Kaldor (2000) in ihrer Studie Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung dar.
[26] Die Konzentration auf die Person von Fürst Árpád folgt einer frühen dynastischen Legitimierung. Dennoch bildete sich keine langfristig stabile ungarische Herrschaft heraus. Die Herkunftsmythen, die im Prozeß des nation building im 19. Jahrhundert eine große und kontroverse Rolle spielten, sind pure historische Fiktion. Vgl. dazu die bei Bogyay, Hg., 1976, gesammelten Stephanslegenden, das Werk über den Mythos der Stephanskrone Benda / Füged, 1988, und die Geschichtswerke von Kalicz, 1980; Pohl, 1988; Dienes, 1972.
[27] Diese Überschichtungs- und Raubmigration kennzeichnet mehrere altweltliche Völkerwanderungsperioden, angefangen von der Indogermanischen Wanderung, wo gerade die Einwanderung der Hellenen (vor allem der Proto-Dorer) und der iranischen Völker (Perser und Meder) in den altorientalischen Kulturkreis diesem Muster entsprechen, über die frühmittelalterlichen Eroberungszüge aus Zentralasien – Hunnen, Magyaren – bis hin zur großen Ausbreitungsbewegung der Turkvölker – Türken (in einer Vielzahl einzelner Gruppenwanderungen nach Westen und Südwesten), Mongolen (Dschingis Khan) und Timuriden (Timur Leng aus Samarkand). Die entstehenden Reiche werden immer dominiert von einer herrschenden Kriegerkaste, deren Machtbasis Krieg und Eroberung ist. Im Osmanischen Reich hält sich in anachronistischer Form dieser Militärfeudalismus bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein und ist eine ideologische Hypothek für die heutige Türkische Republik, von der sie sich im Hinblick auf eine notwendige gesellschaftliche Modernisierung nur schwer zu befreien vermag.
[28] Der Messianismus war durchaus keine alleinig polnische Spezialität, sondern war als vor allem literarischer topos der Geiselnahme des Volkes durch die Welt und ihre stellvertretende Errettung durch Aufopferung in romantischen Ideologien in Frankreich und Deutschland ebenso anzutreffen. Ein historisches Problem ist dabei die Affinität des Messianismus zu rassistisch-aggressiven Weltbildern, die in Polen in einem historischen Kontext zum verbreiteten Antisemitismus zu sehen sind. Im Ungarn des 19. Jahrhunderts sind ähnliche Erscheinungen zu beobachten und verbinden sich mit der schon angesprochenen ethnisch motivierten Herkunftsmythologie der Magyaren.
[29] Es handelte sich um eine von der deutschen Kriegspropaganda kolportierte Darstellung einer eher banalen Situation, als polnische Ulanen, die als Aufklärer eingesetzt waren, auf gepanzerte deutsche Vorauseinheiten stießen und nach Beschuß wendeten. Die feindliche Propaganda knüpfte an den Heldenmythos an und stellt die Polen damit als ‚blöd‘ dar.
[30] Vgl. Krippendorff, 1985. Auch hier ist historisch ein differenzierender Zugang notwendig, um diese Thematik zu vertiefen und plausibel zu machen. Zu den Eroberungen der turkmenischen Reitervölker besteht im weiteren Verlauf der Herrschaftskonsolidierung vor allem der Unterschied darin, daß das fränkische Reich Institutionen und Selbstverständnisse, Symbole und Legitimationsmuster des römischen Imperiums assimiliert und sich an der imperialen Binnenstruktur der katholischen Kirche zu messen hat. Damit ist das Heilige Römische Reich Deutscher Nation immer in strukturellen Ambivalenzen und Dichothomien gefangen, die im Spätmittelalter die Grundlage der Neuzeit und der Entwicklung der Staatsgesellschaft ermöglichen und begründen.
[31] Vgl. Nettelmann / Voigt, 1986. Auch Voigt, 1997b.
[32] Diese ökonomisierten Staatsvorstellungen sind andererseits aber gerade in Mittel- und Westeuropa Anlaß für eine kritische Revision der eigenen gesellschaftlichen Entwicklung, so daß wieder ein jetzt auf anderer Ebene angesiedelter Prozeß des ‚Wandels durch Annäherung‘ oder der ‚Annäherung durch Wandel‘ zu beobachten ist.
[33] Dieses Fallbeispiel und seine Interpretation folgt der Darstellung in: Voigt, 1997a.
[34] Dieser Homogenisierungsschub war zwar einerseits rein machtpolitisch motiviert, wie unsere Anmerkungen zur Funktion des Terrors im Stalinismus gezeigt haben, andererseits aber auch in den z.T. noch semiperipher strukturierten Gebieten der Sowjetunion sicherlich als Modernisierungsschub im Zivilisationsprozeß zu interpretieren, in den nach dem Zweiten Weltkrieg einbezogenen Staaten Ost-Mitteleuropas aber als regressiver Anachronismus wirksam werdend.
[35] Eine solche historisch notwendige Aufarbeitung des Nationalsozialismus hätte eine grundsätzlich kritische Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Ökonomie verlangt. Das Blockdenken anathematisierte alternative oder sozialistische gesellschaftliche und politische Modelle unter dem Ideologem des Antikommunismus, der die Bindewirkung der „freien Welt“ ausmachte. Die gesellschaftliche Restauration und Stagnation in dem Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen gründet auf dieser Homogenisierungswirkung des Blockdenkens. Erst seit den siebziger Jahren erfolgen notwendige, z.T. aber auch sich krisenhaft zuspitzende Modernisierungsschübe in den Ländern des „Westens“ – früher und nachhaltiger als im „Osten“ – und ermöglichen so die „politische Wende“ zu Beginn der neunziger Jahre, die den Blick wendet von überkommenen Blockperspektiven hin zu den Zukunftsproblemen die z.B. durch die Stichworte Globalisierung und Universalisierung angerissen werden [vgl. Loch / Heitmeyer, Hrsg., 2001, darin insbes. Dörre, 2001: 63-90. Auch: Walther, 1998; Giddens, 2001] aber auch durch neue Konfliktformen und -brennpunkte [Kaldor, 2000; Smajlovics, 1995].
[36] Für die USA gilt dies bis heute nur für die politisch führenden Schichten, die als WASPs charakterisiert werden, d.h. also für ein ökonomisch dominierendes großstädtisches Bürgertum, das mit der politischen Elite zum Teil identisch ist. In der Gesamtbevölkerung und den ländlichen Flächenstaaten ist die zivilgesellschaftliche und staatsgesellschaftliche Homogenisierung weit weniger durchgesetzt als in Europa, was einerseits immer wieder zu schweren innergesellschaftlichen Konflikten führt und andererseits die Ambivalenz der Beziehungen der USA zur „Weltgesellschaft“ (z.B. zur UNO oder zu den europäischen „Verbündeten“) prägt (z.B. in Menschenrechtsfragen wie der Todesstrafe und der Durchsetzung des Gewaltmonopols, Anerkennung und Umsetzung völkerrechtlicher Normen etc.; hier zeigen die USA weit eher Verhaltens- und Wertparallelen zu semiperipheren Staaten wie der Türkei).
[37] Alltagsanarchismus entwickelt sich in diesen Regionen aus Traditionsbeständen semiperipheren Klientelverhaltens. Hier sollte der historische Verweis erlaubt sein, daß in Deutschland bzw. Preußen der wesentliche Schritt zur Überwindung dieses Traditionalverhaltens erst durch die Stein-Hardenbergschen Reformen über den Staat erfolgte, in der grundsätzlich Klientelverhalten als Korruption umdefiniert und ein in abstrakter, rechtlicher Bindung staats-loyales Beamtentum eingeführt wurde.
[38] Daß der Wechsel vom Nationalsozialismus zur DDR für viele nationalistisch und nationalsozialistisch geformte Menschen schwer war und durch die Situationsdefinition als Schuldige und Besiegte psychische Deformationen hinterließ, unterscheidet Deutschland zwar von den übrigen ‚Ostblock-Staaten‘, die sich mehr oder weniger auf der Seite der ‚Sieger‘ wiederfanden; doch eine Auseinandersetzung mit Faschismus und Kollaboration, mit autochthonem Antisemitismus und völkischem Rassismus bleibt eigentlich keiner europäischen Nation erspart, da diese Tendenzen als nuclei im Prozeß des europäischen nationalstaatlichen Prozesses des nation building angelegt sind. Daher ist global die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Faschismus auch heute noch aktuell und notwendig.
[39] Das wäre nun ein völlig neues Thema, das mit den psychischen Folgen und Problemen des Individualisierungsprozesses in der postmodernen Massengesellschaft zu tun hat. Sicher ist diese ‚Ritualsehnsucht‘ nicht fixiert auf eine tatsächliche Rückkehr in den bürgerlichen autoritären Nationalstaat. Zu dieser Thematik reicht hier der Verweis auf folgende anregende Aufsätze, die auch die Brücke zur Diskussion der Bedeutung von Zivilisationsprozessen in der Gegenwart schlagen: Breuer, 1993; Engler, 1993; Kuhlmann, 1993; Wouters, 1994; Vargas Llosa, 2000.
[40] Dieser Begriff bezeichnet hier die erlebte Situation und klammert damit die sozialwissenschaftliche Problematik der Ideologisierung dieser Kategorie bewußt aus.
[41] Dieser Abschlußabschnitt orientiert sich mit frdl. Genehmigung des Verfassers eng an einem entsprechenden Kapitel in dem noch unveröffentlichten Aufsatz von Lothar Nettelmann: Zwischen den Grenzen. Zur gesellschaftlichen und pädagogischen Bewältigung divergenter Habitualisierungen im Prozess europäischer Transformation (erscheint 2001). Die z.T. im Wortlaut übernommenen Passagen repräsentieren einen intensiven gemeinsamen Diskussionsprozeß, der zu einem inhaltlichen gemeinsamen Ergebnis gelangt ist, und sind für diesen Aufsatz dem eigenen sprachlich-argumentativen Duktus angepaßt worden.
[42] Beispiele für diese Dialektik von erlebnisorientierter Unmittelbarkeit und Schaffen von kritischen Distanzebenen und die Reflexion über die damit verbundenen Erkenntnis- und Methodenprobleme finden sich in den klassischen Werken der kritischen Ethnographie z.B. bei Mead, Lévi-Strauss oder Michel Leiris. Ihre Wendung auf die industriestaatlichen Gesellschaften und damit die Grenzüberschreitung zur empirischen Sozialforschung gelingt Elliot Liebow. Der Diskurs über ethnologische Zugänge zur Sozial- und Politikgeschichte, auch geschult durch die Rezeption der Zivilisationstheorie in der Nachfolge von Norbert Elias, wird zunehmend wieder aktuell. Vgl. dazu die Notiz von Mergel, 2001.
[43] Die Parallelen zur pädagogischen Problematik, die diesen Aufsatz motivieren, sind evident. Auch innerhalb Schülerschaft sowie der Schülerinnen und Schüler gegenüber Schule und Gesellschaft ist diese Selbstverständlichkeit der intergenerationellen Traditionsvermittlung abgerissen; doch erfolgt dies in deutlicher unterschiedenen Generationsphasen, deren letzter Umbruch gekennzeichnet ist durch die existentielle biographische Verunsicherung einer steigenden Zahl von Migranten gerade aus den in Frage stehenden Transformationsländern aber auch aus Ostdeutschland. Dieser Komplex ist damit integraler Bestandteil einer Reflexion über die eigene biographische wie pädagogische Erfahrung mit den Umbrüchen in Europa. In vielen Façetten ist diese Problematik aufgearbeitet in den Aufsätzen in Claußen u.a., 2001.
[44] Vgl. dazu die kritischen Anmerkungen zum Krisenbegriff bei Nettelmann/Voigt, 1996: 19-38.
[45] Grenzübertritte zwischen Staatsgebieten mit der damit verbundenen staatlichen Symbolik und Machtdemonstration sind neuzeitliche Erscheinungen, die an die Stelle der Kontrollen am Stadttor oder durch Zollstellen im engeren Herrschaftsgebiet getreten sind und den Übergang von personaler zu staatlich-territorialer Herrschaft im Prozeß des nation building getreten sind. Je unsicherer sich die Herrschaft empfindet, umso mehr überwiegen symbolische und ritualisierte Herrschaftsakte gegenüber dem Reisenden diese Grenzerlebnisse. Dies ist, wie noch auszuführen sein wird, ein Charakteristikum des Auftretens der Grenztruppen der DDR wie noch heute der Grenzsicherung in den semiperipheren Ländern, wie z.B. Ägypten, Algerien, Iran – was mit konkreten Erfahrungen belegt werden kann -, soweit nicht der Wunsch nach „guten Beziehungen“ zu den europäischen Zentralmächten im Einflußbereich der EU für eine etwas weniger strapaziöse Behandlung für Bürger eben dieser Staaten nach sich zieht wie in der Türkei, Marokko oder Tunesien: auch das wiederum ein Ausdruck von Symbolverhalten zur Ordnung einer Realitätserfahrung.
[46] Vgl. den Einleitungsessay zu Voigt, Hrsg., 2001: 7 ff.
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